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Stand: 14. Dezember 2008, 06:00 / 08.01.08 / 25.01.07 / 18.01.06 / 21.10 + 25.09.05 / 28.07.05 /
11.12. + 30.11.04 / 24.10.04 / 09.07.04 / 06.03.04 / 12.11.03 / 23.+16.09.03 / 30.07.03 /
19.+18.01.03 / 10.01.02 / 19.06.01

(letzte Änderungen kursiv gesetzt)

SPAIN


Die Unbestimmtheit sog. sozialwissenschaftlicher Theorien
hat Konsequenzen für
liberale Werte- und Prozesspolitik

Sozial-Klempner, soziale Bastelei, sozialfriemeln, Sozialingenieure sind gängige Wörter, die im Zuge der antisozialistischen, d.h., proliberalen Polemik erfunden wurden. Der ernste Hintergrund: Noch so gut gemeinte Ideen und Maßnahmen zum Bekämpfen, Überwinden oder Abstellen von Umständen, die als unerwünscht gefunden bzw. definiert sind, haben letzten Endes das Ziel nicht erreicht. Hierzu zählen insbesondere die Versuche, Menschenbilder so zu entwerfen (gestalten), dass die zuvor gefundene Theorie dazu passt. Die Komplexität von Gesellschaft und Mensch ist nur untergeordnet der Grund dafür, dass Sozialwissenschaften etwa das Prädikat “exakte Wissenschaften” nicht erteilt wird. Die tiefere Ursache für diesen Umstand wird im folgenden beschrieben:


Definition für Sozialwissenschaftliche Unbestimmtheit:
:

Die
Gesellschaft (G) kann die Gesellschaft (G)
nicht erkennen, nicht verstehen. Die umfassende Selbsterkenntnis des Menschen ist nicht möglich.
.



Der gedankliche und begriffliche Pate dieser Idee ist das Prinzip der quantenme- chanischen Unbestimmtheitsrelation, meist bekannt als die
Heisenbergschen Unschärferelation (1927). Von weiteren, möglicherweise noch unentdeckten Analogien zwischen dem Prinzip der sozialwissenschaftlichen Unbestimmtheit und der quantenmechanischen Unbestimmtheit abgesehen, sind die beiden fol- genden von Bedeutung:

  1. Beobachtung und gedankliches Experiment, beeinflussen und verändern genau dadurch das Objekt (Gesellschaft).
  2. Dies bedingt die prinzipielle Grenze der Aussagequalität jeglicher Ge- sellschaftslehre. (1)

Wird nämlich eine Theorie (A) der Gesellschaft (G) „gefunden“, veröffentlicht und damit von der Gesellschaft gelernt (Beobachtung, Experiment, s.o.) ist die Theorie (A) im Sinne ihrer Anwendbarkeit in keinem Fall länger gültig; die Theorie (A) wird durch Lernen ungültig - wobei (A) als Wissen selbstverständlich erhalten bleibt. Da das in den Menschen gespeicherte Wissen konstitutiver Be- standteil der Gesellschaft ist, verändert (ebenfalls selbstverständlich) Wissen über die Gesellschaft, der gleichen Gesellschaft also hinzugefügt (Lernen), diese Gesellschaft - mal mehr, mal weniger. Dieses neu gewonnene Wissen ist damit Wissen über eine frühere, nicht mehr existente Gesellschaft.

Wissen diffundiert in der Gesellschaft (G); die Individuen lernen. Die Individuen reagieren erwartungs- bzw. prognosebedingt potenzielle Probleme abwehrend und potenzielle Vorteile anstrebend. Es akzeptieren die Individuen (G) etwa die mit Hilfe der Theorie (A) prognostizierten unerwünschten (künftigen!) Zustände nicht. Betroffene oder interessierte Individuen (G) entwickeln Anti-Theorie-(A)- Strategien/Verhaltensweisen mit der Konsequenz, dass die Theorie (A) hinfällig wird. (2)

Die gedankliche Kette zum Prinzip der sozialwissenschaftlichen Unbestimmtheit beginnt mit dem “ich weiß, dass ich nichts weiß” über die Forderung der Falsi- fikation (Popper), dem Antikonstruktivismus (von Hajek) und dem “Schiffbruch der Systemtheorie” (“logisch intraktabel, dass Systemkenntnis Teil des Systems ist”, Niklas Luhmann). (3)

Möglicherweise ist, bezogen auf die Menschheit, schon einmal formuliert worden:

Das Sein entrückt dem Wissen und der Erkenntnis (*)
                     
  (Hinweis: Definition von Gesellschaft beachten.)

Die vorstehenden Aussagen lassen sich anders und verallgemeinernd wie folgt formulieren:

Verallgemeinerung 1: Lernt Gesellschaft (G) “ihre” Theorie (A), werden die Individuen (G), wie in jedem anderen Fall von Lernen, bedingt durch das neue Wissen sich entsprechend anders verhalten; die Menge der theoretisch erwarteten, Theorie-(A)-bedingten Prozessergebnisse kann gar nicht eintreten; denn die Theorie (A) wird ungültig geworden sein; es wird an Ihre Stelle (bis auf weiteres unerkannt) die Theorie (B) getreten sein; (B) kann im Grenzfall die Leermenge sein.

Verallgemeinerung 2: Lernt Gesellschaft (G) ihre Theorie (A), verändert sich das Bewusstsein der Gesellschaft (G). Die Gesellschaft (G1) existiert nicht
mehr, sie hat sich in die Gesellschaft (G2) verwandelt. In mengentheoretischer Symbolik ausgedrückt

G2 = G1 + A

Beweisskizze: Wenn A (neues Wissen) mehr als die Leermenge ist und in A1 nicht enthalten war , dann ist G2 > G1 (d.h., G2 nicht gleich G1). Also kann A für G2 nicht gültig sein.

Verallgemeinerung 3: Aus (1) und (2) folgt, dass die Gesellschaft (G) dem er- schlossenen Wissensraum, wie oben (*) ausgedrückt, stets enteilt. Wir, die ein- zelnen Individuen, werden den potenziellen Wissensraum nie vollständig erschlie- ßen können; auch gemeinschaftlich, als Gesellschaft (G) können wir den poten- ziellen Wissensraum nie erschließen. Real und praktisch ist der potenzielle Wis- sensraum prinzipiell unbegrenzt. Dies alles gilt unabhängig davon, dass außer- dem die Grenzen zum Mikro- und Makrokosmos offen sind, daher (fast sicher) nicht einmal gedanklich überwunden werden können.

Verallgemeinerung 4: Eine (eventuell richtige) Theorie (A) zur Gesellschaft (G) könnte nur dann bestehen, wenn G keine Kenntnis über A erhält; das System G darf durch die Information A nicht beeinflusst, damit nicht verändert sein.

Verallgemeinerung 5: Da das lernende Individuum G(i) stets Mitglied der Gesellschaft (G) ist, gibt es keine nachhaltig gültige Theorie (A) über die Gesellschaft (G). Kurz: Es gibt keine Theorie offener Gesellschaften.

eine unmittelbar “politische wirksame” Verallgemeinerung 6: Sozialismus ist der (nachvollziehbar verständliche) Versuch, die sozialwissenschaftliche Un- bestimmtheit durch Postulate (z.B. historischer Materialismus) zu überwinden. Während Hegel Ungewissheit durch Prinzipien-Erkenntnis zu überwinden sucht, provoziert Marx im Lichte der gesellschaftlichen Realität seiner Zeit den Purzel- baum der Aufklärung - die fällt dabei auf das Genick. Spätere (prosozialistische) Wirkung von Postulaten und auch Dogmen: Beschränkung von gedanklichen Freiheitsgraden, d.h., Grenzsetzung im potenziellen Wissensraum.

__________________________________________________________________

Im Zuge des “täglichen Lebensgefechtes” wird die sozialwissenschaftliche Unbestimmtheit, im menschlichen Instinkt durchaus verankert, aus folgenden Gründen kaum wahrgenommen, häufig verdrängt:

  1. Der Prozess des Lernens ist nicht spontan, sondern verbraucht Zeit:

    (a) Der Lernvorgang beginnt für die Individuen G(
    l) nicht zu gleichen
       Zeitpunkten.

    (b) Bezogen auf ein Individuum ist der Übergang vom Zustand Nicht-Wis-
       sen in den Zustand Wissen fließend. Die Dauer des Überganges ist für
       jedes Individuum unterschiedlich.

    (c) Eine Gesellschaft hat ggf. auch dann gelernt, wenn nicht alle Individu-
       en, d.h., lediglich eine Teilmenge G(
    l) der Individuen, etwa der maß-
       gebliche Verkehrskreis, ein bestimmtes Wissen erlangt hat.

    (d) Der Zeitpunkt, zu dem eine Gesellschaft also insgesamt gelernt hat,
       ist unter Umständen erst im Nachhinein und wenn überhaupt nur
       ungenau feststellbar.
     
  2. Praktisch relevant ist die sozialwissenschaftliche Unbestimmtheit ohnehin nur bezogen auf künftiges Geschehen. Das Prinzip ist also auch irrelevant (i.S. von “findet keine Anwendung”), wenn der Prognosezeitraum, t -> 0, gegen Null geht. Die die Gesellschaft bestimmenden Parameter ändern sich normalerweise nur allmählich; die früheren Werte sind eine Zeit lang noch (genau genug) gültig.
     
  3. Die unter 1. und 2. beschriebenen Wirkungen addieren sich: Jetzt-Reali- tät wird erst später gelernt (bewusst). Dies ist ein wichtiger Grund für das Scheitern von Planwirtschaft.
     
  4. Das Prinzip der sozialwissenschaftlichen Unbestimmtheit gilt auch für den Einzelnen bezüglich der Fähigkeit sich selbst zu erkennen. Die unerbittli- che Rationalität des Prinzips haben die Menschen, seit Geschichte ge- schrieben wird, durch Religion (wobei Religion noch mehr “bietet”) über- wunden. In Rationalität und Psyche wird erläutert, warum der areligiöse Einzelne auf Grund des inhärenten Überlebensinstinktes am Prinzip der sozialwissenschaftlichen Unbestimmtheit in keiner Weise “verzweifeln” (was ist der Sinn des Lebens?) muss.

Diese Ausführungen erklären sozialistisches Regelungsverhalten: Regelung ist (auch !!!) die Abwehr von Veränderungen, die Realität dynamisieren. Die frühere Bildung (s. Hajek: Konstruktivismus) ist nur dann in der Praxis stabil, wenn die (früheren) Prämissen noch gültig sind. Deswegen hat es übrigens so lange ge- dauert, bis die sozialistischen Regime des 20. Jahrhunderts überwunden wurden. Wie Recht hatte KH Flach mit den Ausführungen zum Wissen und den Konse- quenzen dieser Einsichten in seinem “kleinen liberalen Katechismus” .

    Flach benutzt rhetorisch den Begriff der politischen Relativitätstheorie. Gedankenspiele im Hinblick auf Analogien zwischen den vorstehenden Überlegungen zur sozialwissenschaft- lichen Unbestimmtheit und der Relativitätstheorie von Einstein einerseits so wie der Quan- tenmechanik von Planck andererseits, kommen im Rahmen des (politischen) Liberalen Tagebuches erst, wenn Ausführungen zu deren politischer Relevanz erkennbar werden. Klar aber ist, dass in den geisteswissenschaftlichen Seminaren und Fakultäten der ganzen Welt die Unruhe eines Bienenstocks ausbricht, sobald die erste Dissertation oder Habilitation mit dem stringenten Beweis “zum Thema” vorliegt ... Eine letzte Prognose: Studiert Psycholo- gie/Psychiatrie, es wird in dem Beruf (zumindest vorübergehend) Engpässe geben, denn Sozialisten werden einsehen müssen, dass sie nur arme Sozeles sein können ... 

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(1) Exkurs: Die Sinnhaftigkeit, den Wissensraum für “Gesellschaftstheorie” im Hinblick darauf, Gesellschaft als Ganzes (besser) zu verstehen, immer weiter auszudehnen, ist allenfalls für “Herrscher” (etwa der Rat einer Zentralbank) gege- ben. Dennoch ist es vielfach “hilfreich” (nützlich), Teilaspekte gesellschaftlichen Seins mit einer wie umfassend auch immer definierten Gesellschaftslehre zu “er- klären”. In beiden Fällen gilt die sozialwissenschaftliche Unbestimmtheit jedoch unerbittlich.

(2) Exkurs für eine Vermutung: Das im vorangehenden Absatz dargelegte Jahrtausende alte Erfahrungswissen ist der tiefere Grund dafür, dass politische Regime (d.h., Herrschafts-, positiv Führungssysteme) zwecks Legitimation so häufig auf Dogmen (nicht überprüfbare Aussagen) zurückgegriffen haben. Und übrigens deswegen hochgradig totalitär agierten.

(3) Exkurs in eine Expansion zu Sokrates’ “ich weiß, dass ich nichts weiß”:

Ich weiß (noch) nicht (einmal), ‘was’ ich weiß.

Diese Aussage zu akzeptieren, ist Teil intellektueller Demut und damit Voraus- setzung, zumindest Hilfe zu
Toleranz.

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Mit diesen Ausführungen ist es nicht getan. Diese Darlegung erfolgte nicht ihrer selbst wegen, sondern weil es zwingende Konsequenzen gibt, etwa reale Herr- schaft; auch Gesellschaftsverträge sind reale Erscheinungen (Von Hajek: “Bildungen”). Die mathematische Methode bietet Sprachwerkzeuge, die Analyse und Beschreibung sozialer Phänomene erleichtern. Die Unbestimmbarkeit der kausalen Zusammenhänge bleibt erhalten; es gibt sogar Gründe, die “das Problem” weitergehend als wegen die sozialwissenschaftliche Unbestimmtheit noch verschärfen. Also zum Abrunden lesen:

 Wissensraum wird stets ex Wissen erobert. Sowi Unbestimmtheit gilt unerbittlich.

 Deswegen wird die sowi Unbestimmheit noch vreschärft

 1+1=2, aber nur in der physikalischen Technik

 Empirisch ist manchmal feststellbar, dass Variablen von einnander abhängen.

 Eine philosophische Kontroverse die Kohorten für die Katz’ mobilisierte

 Der Herr Sokrates hat Recht bis heute

 Die formulierte Antitheorie-Theorie hat politische Konsequenzen. Tag ein, Tag aus

 ist das Chamäleon aus Theorie und Praxis. Widerruf der so-wi Unbestimmtheit?

.

Wissen durch Logik
Multivariable Gebilde
Verteilte Merkmale
Korrelationen
Determinismus
Unwissenheit
Konsequenzen
Herrschaft