D a s L i b e r a l e T a g e b u c h |
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Sammlung
Originaldokumente aus Das Liberale Tagebuch, (http://www.dr-trier.de) |
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Interview von GUIDO WESTERWELLE mit der „Rheinischen Post“, veröffentlicht am 17. Juli 2003. Die Fragen stellte STEFAN REKER: Frage: Gerhard Schröder und Hans Eichel haben
Eckpunkte für das Vorziehen der Steuerreform vorgelegt. Kämpft die FDP nun
mit der SPD für die Verwirklichung? WESTERWELLE: Was Hans Eichel da vorgetragen hat, ist
eine Mischung aus Täuschung und Enttäuschung. Täuschung deshalb, weil neue
Schulden zumal in dieser Größenordnung kein Vertrauen für den Aufschwung schaffen.
Und Enttäuschung, weil der nötige Mut zu einem deutlichen Subventionsabbau
fehlt. Aber wir sind auch weiterhin gesprächsbereit, denn die Verhandlungen
stehen ja erst am Anfang, und Steuersenkung hat Deutschland im Interesse
neuer Arbeitsplätze dringend nötig. Wir brauchen eine verbindliche
Kabinettsentscheidung. Noch diese Woche muss das Bundeskabinett
zusammentreten und erklären, ob dies die Haltung der Bundesregierung ist.
Dann wollen und können wir verhandeln. Am besten wäre es, der Kanzler würde
schon in der nächsten Woche eine Klausurtagung der Fraktions- und
Parteivorsitzenden zusammenrufen. Wir können und sollten diese Steuersenkung
ohne höhere Neuverschuldung erreichen. Es fehlt lediglich am Mut, beim Subventionsabbau
oder der Privatisierung mehr zu erreichen.! Aber wir sind - anders als die
Union - zu konstruktiver Zusammenarbeit bereit. Natürlich mit klaren eigenen
Vorstellungen. Frage: Tappt die Opposition so nicht in die
Konsensfalle: Schröder mimt den Weihnachtsmann, aber Union und FDP sollen
helfen, die guten Gaben zu finanzieren? WESTERWELLE: Man darf nicht hinter allem eine Falle
vermuten, weil man sonst politikunfähig wird. Genau dieses Denken ist das
Problem der Union. Die taktischen Manöver der Regierung gelingen nur, wenn man
sich darauf einlässt. Wenn Verhandlungen ein vernünftiges Ergebnis bringen,
kann ich mir nicht vorstellen, dass die mit absoluter CDU-Mehrheit
regierenden Ministerpräsidenten von Sachsen und Thüringen bei ihren
Landtagswahlen 2004 die Verantwortung dafür übernehmen wollen, dass sie die
Steuersenkung verhindert hätten. Frage: Und weshalb kann sich der ebenfalls mit
absoluter Mehrheit regierende Ministerpräsident von Hessen dies sehr wohl
vorstellen? WESTERWELLE: Ich glaube, dass Roland Kochs Einlassungen
nicht der Sache geschuldet sind, sondern einem innerparteilichen Machtkampf. Frage: Sie verlangen in der Debatte um den
Subventionsabbau von anderen mehr Mut. Trauen Sie sich denn, hier und jetzt
konkret zu sagen, wo Sie Einschnitte wollen? WESTERWELLE: Die FDP hat für jedermann nachlesbar
vorgerechnet, wie man 30 Milliarden Euro kürzen kann. Wir nehmen nichts aus.
Wir sagen: 20 Prozent pauschaler Subventionsabbau. Unser Vorschlag hat noch einen Vorteil:
Er ist so kompakt, dass wir nicht wieder Monate mit Detaildiskussionen von
Interessengruppen verlieren. Nur so gelingt der Ausweg aus der
Subventionitis. Wir geben für Subventionen mehr aus als für Bildung und
Forschung. Das darf ja wohl nicht sein. Frage. Was glauben Sie: Wie geht es denn jetzt
weiter? WESTERWELLE: Mit Steuersenkungen könnten wir
wenigstens erste ermutigende Zeichen schaffen. In diesem Sommer könnte der
Beginn einer echten Kurskorrektur gelingen - weg von der bürokratischen
Staatswirtschaft, hin zur sozialen Marktwirtschaft. In der Gesundheitspolitik,
darauf setze ich, gibt es mehr Eigenverantwortlichkeit. Wir verabschieden uns
von patientenfeindlicher Planwirtschaft. Durch den Finanzdruck verursacht,
werden wir beim Subventionsabbau hoffentlich weiter kommen. Dadurch, dass die
Gewerkschaftsfunktionäre mittlerweile von ihren Mitgliedern entmachtet
werden, bekommen wir beim Arbeitsmarkt Chancen auf mehr betriebsnahe
Vereinbarungen. Frage: Es wird also alles gut? WESTERWELLE: Manche tun so, als gehe es nur darum,
die Konjunktur anzukurbeln. Doch damit würden wir viel zu kurz springen.
Deutschland hat nicht nur Konjunkturprobleme, sondern vor allem
Strukturprobleme. Eherne Gesetze der Marktwirtschaft wurden außer Kraft
gesetzt. Wer arbeitet, muss mehr haben als der, der nicht arbeitet. Unser Sozialsystem
neigt aber dazu, den Faulen zu belohnen und den Fleißigen zu bestrafen. Faulheit
lohnt sich in Deutschland. Wer als Sozialhilfeempfänger Arbeit annimmt wird
bestraft, weil ihm mehr abgezogen wird als vernünftig ist. Wer hart arbeitet
wird bestraft, weil er oft weniger in der Tasche hat als jemand, der zu Hause
bleibt und von Sozialleistungen lebt. Wenn wir nicht begreifen, dass unser
Wohlstand nur mit mehr Fleiß zu sichern ist, werden in Zeiten der
Globalisierung unsere wunderschönen Städte bald eine Art Opernkulisse mit
pittoreskem Charme sein - und mit südamerikanischen Verhältnissen. Frage: Mit der „Agenda 2010“ wird es also
nicht getan sein. Was muss noch kommen? WESTERWELLE: Ich bin optimistisch, dass es uns in
diesen Monaten gelingen wird, die Kurve zu kriegen. Bei der Regierung zwar
nicht aus innerer Überzeugung, sondern aus dem Problemdruck geboren. Aber die
Menschen spüren, dass sich das Land grundlegend erneuern muss. Mit Drehen an
ein paar Stellschrauben ist es da nicht getan. Wenn die ersten Reformen erste
Erfolge zeigen, wird es auch die Regierenden beflügeln, diesen Weg weiter zu
gehen. Frage: Muss dieses Land nicht angesichts der
demographischen Überalterung in einen permanenten Reformzustand versetzt
werden? WESTERWELLE: Das Land muss ein lernendes System werden. Die Reformen, die andere EU-Länder längst angegangen haben, wurden hier verzögert. So müssen wir das durchschnittliche Renteneintrittsalter der gesetzlichen Altersgrenze von 65 Jahren annähern. Und unsere Studenten sollen nicht erst im Schnitt mit 29 Jahren in den Beruf eintreten, sondern schon mit 23 oder 24. Mit jedem Jahr mehr Lebensarbeitszeit könnte auf diese Weise der Rentenbeitrag um jeweils ein Prozent gesenkt werden. Frage: Wenn der Kanzler jetzt auch eine
parteiübergreifende Konsensrunde zur Rentenreform anpeilt, kann er also auf
die FDP zählen? WESTERWELLE: Als ernst zu nehmende politische Kraft
verschließt man sich niemals Gesprächen mit der Regierung. Es ist nicht mehr die Zeit, in der sich Parteien in ihren Schützengräben vergraben dürfen. Wir sind in der vermutlich härtesten Wirtschafts- und Strukturkrise seit Gründung der Bundesrepublik. Wenn die Parteien hier an sich selber scheitern, wird es nicht mehr lange dauern, bis die Menschen sich auch von unserem System abwenden. Dann, fürchte ich, besteht die ernste Gefahr, dass sich unsere Gesellschaft politisch radikalisiert. Es ist dann durchaus möglich, dass wir eine ähnlich Entwicklung der Parteien bekommen wie in Italien. |