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s L i b e r a l e T a g e b u c h
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Sammlung
Originaldokumente aus „Das Liberale
Tagebuch“, http://www.dr-trier.de |
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Guido Westerwelle: Thewalt: Vor drei Jahren hat schon einmal Hochwasser die Wende im
Wahlkampf gebracht. Werden da beim Blick nach Bayern jetzt bei Ihnen Ängste
wach? Westerwelle: Wenn ich nach Bayern blicke, denke ich
vor allem an die betroffenen Menschen, aber nicht an den Wahlkampf. Thewalt: Der Wechselgipfel von FDP und Union ist aber gestern fast
buchstäblich ins Wasser gefallen. Was hatten sie denn mit
Unions-Kanzlerkandidatin Angela Merkel und CSU-Chef Edmund Stoiber bereden
wollen? Westerwelle: Wir haben als Parteivorsitzende am
Dienstag verabredet, mit Blick auf die Katastrophenlage in Teilen Bayerns den
Wechselgipfel auf den 1. September zu verschieben. Wir werden dann
demonstrativ zeigen, daß wir gemeinsam Rot-Grün ablösen und eine linke
Mehrheit im Bundestag verhindern wollen. Bei allen Unterschiedlichkeiten, die
es naturgemäß zwischen Liberalen und Konservativen immer gab und geben wird,
ist die Summe der Gemeinsamkeiten weit größer und groß genug, um selbst mit
knapper Mehrheit für Schwarz-Gelb eine gute Regierung ins Amt zu bringen. Thewalt: Der FDP-Wahlkampf steckt bisher voller Attacken gegen die
Union. Bekämpfen Sie da nicht den falschen Gegner? Westerwelle: Wir machen keinen Wahlkampf gegen
andere, sondern für unser Programm, das wir sachlich, aber mit Ausdauer
vertreten. In Zeiten von Massenarbeitslosigkeit ist die dringendste Aufgabe,
ein international wettbewerbsfähiges Steuersystem zu schaffen. Das ist die Mutter aller Reformen und das beste
Beschäftigungsprogramm. Thewalt: Sie bejubeln die Berufung von Prof. Paul Kirchhof ins
Kompetenzteam der Union. Müßten Sie eher nicht trauern, weil er sich in den
Dienst einer Konkurrenzpartei stellt? Westerwelle: Wenn dem Kompetenzteam der Union jetzt
ein starker Verbündeter für unseren Kurs der Neugründung des deutschen
Steuersystems angehört, ist das der FDP mehr als willkommen. Die FDP hat den
Solms-Tarif vorgelegt mit Steuersätzen von 15, 25 und 35 Prozent. Unser
Steuermodell ist zudem das familienfreundlichste Konzept, das derzeit diskutiert
wird. Hermann Otto Solms und Prof. Kirchhof wären in der Lage, innerhalb
weniger Wochen ein völlig neues Steuerrecht zu vereinbaren, das endlich
wieder unsere internationale Wettbewerbsfähigkeit herstellt und auch die
Kaufkraft beflügelt. Thewalt: Kirchhof trägt inzwischen die geplante
Mehrwertsteuererhöhung der Union mit. Und Sie? Westerwelle: Wir sind gegen eine
Mehrwertsteuererhöhung, weil wir den neuen Schwung nach einer Neuwahl mit
einer neuen Regierung nicht durch Steuererhöhungen, also weniger Kaufkraft
und mehr Schwarzarbeit hemmen wollen. In Koalitionsverhandlungen werden wir
deshalb mit unserem Konzept gehen, das ausdrücklich keine Steuererhöhungen
vorsieht. Thewalt: 2002 führte die FDP einen Spaßwahlkampf und war permanent
in aller Munde. Jetzt führen sie anders Wahlkampf. Reduziert das nicht
deutlich die Wahrnehmbarkeit der Liberalen? Westerwelle: Das sind Klischees, die uns
entgegengehalten werden, aber mit der Sache und unserem Programm nichts zu
tun haben. Wir teilen nicht die Kritikasterhaltung, die Trübsinn mit Tiefsinn
verwechselt. Wir setzen auch in diesem Wahlkampf auf Optimismus und
lebensbejahende Ansprache. Thewalt: Das heißt konkret was? Westerwelle: Wenn es etwa darum geht, bisherige
Nichtwähler und junge Menschen zu gewinnen, die sich noch nicht richtig für
Politik interessieren, gehe ich gern auch unkonventionelle Wege. Ich war ja
nicht zufällig diese Woche bei Stefan Raab in seiner Sendung "TV
total". Ich weiß, daß man dort viele Menschen erreichen und für Politik
interessieren kann, die sonst bei den klassischen Politik-Talkshows sofort
umschalten. Ich bin jetzt seit vier Jahren Parteivorsitzender, stehe nicht
nur für die Inhalte der FDP, sondern auch für die Art und Weise der
Vermittlung. Da wir in den vergangenen vier Jahren die besten Wahlergebnisse
für die FDP seit der deutschen Einheit hatten, kann das, was wir machen, so
falsch nicht sein. Thewalt: 2002 hatten Sie ihr Projekt 18, das Wahlziel 18 Prozent.
Wieviel Prozent peilen Sie diesmal an? Westerwelle: Wir sind 2002 ohne Koalitionsaussage in
die Wahl gegangen, weil die Lage anders war. Jetzt gehen wir mit einer
Koalitionsaussage in die Wahl und setzen klar darauf, Rot-Grün abzulösen und
eine linke Mehrheit im Bundestag zu verhindern. Deshalb heißt unser erstes
und wichtigstes Wahlziel: Mehrheit für Schwarz-Gelb mit einer möglichst
starken FDP. Thewalt: Und wenn es für Schwarz-Gelb nicht reicht. Westerwelle: ...geht die FDP ohne Wenn und Aber in
die Opposition. Wir stehen für eine Ampelkoalition oder sonstige Hampeleien definitiv
nicht zur Verfügung. Die Vorstellung, daß Jürgen Trittin von den Grünen und
ich gemeinsam in einem Kabinett sitzen, ist eine virtuelle Albernheit, hat
aber mit realer Politik nichts zu tun. |