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s L i b e r a l e T a g e b u c h
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Sammlung
Originaldokumente aus „Das Liberale
Tagebuch“, http://www.dr-trier.de |
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Die Flughoheit der Neidgesellschaft-Protagonisten
Guido Westerwelle im Interview mit "Capital" vom
21. Juli 2005 Fragen von Rainer Hübner und Henning Baethge Frage: Herr Westerwelle, der Historiker Arnulf Baring, ein
überzeugter Verfechter des Liberalismus, nennt die FDP "eine
Tragödie": Die Partei habe so viel Wichtiges gesagt, finde aber so wenig
Widerhall. Warum schöpfen Sie ihr Wählerpotential, das auf gut 20 Prozent
geschätzt wird, bei weitem nicht aus? Westerwelle:
Weil wir die unbequemste Botschaft aller Parteien vertreten, nämlich:
nicht Freiheit des Einzelnen von Verantwortung, sondern Freiheit zur Verantwortung - auch für den Nächsten.
Und diese Botschaft ist eben für viele, auch Konservative, die lieber vom
Staat gelenkt und dabei oft genug unbemerkt gegängelt werden, eine harte Nuß. Frage: Barings Kernvorwurf lautet, die FDP werde nicht so ernst
wie früher genommen. Muß Sie das nicht beunruhigen? Westerwelle: Also ich halte mal fest: Die FDP hat in
den vergangenen vier Jahren deutlich an Substanz und Boden gewonnen. Als ich
2001 Parteivorsitzender wurde, wurde FDP oft genug als "fast drei
Prozent" verspottet. Seitdem haben wir bei Wahlen bis zu 13 Prozent
erzielt und sind nicht nur wieder in elf Landtagen, sondern auch wieder im Europaparlament
vertreten. Wir regieren in fünf Bundesländern mit. In aller Bescheidenheit: So gut aufgestellt
wie diesmal ist die FDP seit der deutschen Vereinigung in keinen Wahlkampf
gezogen. Frage: Aber die Öffentlichkeit nimmt von Ihrer Partei fast nur
das Thema Steuersenkung wahr. Wie wollen Sie so das Image der
Schmalspurpartei für Besserverdiener loswerden? Westerwelle: Das ist doch das falsche Etikett der
Protagonisten einer Neidgesellschaft.
Wir kämpfen für eine Anerkennungsgesellschaft, in der nicht nur
sportliche und künstlerische Spitzenleistungen die Menschen begeistern,
sondern auch wirtschaftliche. Und wenn man uns in Steuerfragen große
Kompetenz zubilligt, dann liegt das wohl daran, daß wir als einzige Partei
überhaupt eine Entlastung der Bürger anstreben. Und zwar nicht, weil wir das
Portmonee einiger Weniger füllen wollten, sondern weil wir aus unseren
Nachbarstaaten wissen, daß durch Steuerentlastung die Kaufkraft wächst,
Investitionen im Land bleiben und Arbeitsplätze entstehen. Frage: Nun hat schon
Rot-Grün die Einkommensteuern deutlich gesenkt - etwa die Sätze am oberen
Ende von 53 auf 42 Prozent. Die Arbeitslosigkeit ist trotzdem gestiegen. Westerwelle: Die jetzige Bundesregierung hat jeden
Entlastungsschritt mit neuen Belastungen konterkariert. Sie erhöhte die
Bürokratiekosten und die Energiesteuern ... Frage: ...im Gegenzug wurden die Rentenbeiträge gesenkt. Westerwelle: Es nützt aber nichts, wenn manches
Instrument die richtige Melodie spielt, solange das ganze Orchester nicht
harmoniert. Die Zerrissenheit und Wankelmütigkeit von Rot-Grün haben Bürger
und Unternehmen total verunsichert. Wir dagegen haben nur eine Melodie - mehr
soziale Marktwirtschaft. So wie Ludwig Erhard sie verstand: Daß sich Leistung
lohnt für diejenigen, die Leistung bringen können. Damit auch das
erwirtschaftet werden kann, was diejenigen brauchen, die weniger Glück im
Leben haben. Frage: Harmonisch klingt das schwarz-gelbe Orchester aber auch
nicht. Die Union hält Ihren Steuertarif
für unfinanzierbar, die FDP lehnt die geplante Mehrwertsteuererhöhung
ab. Sachsens CDU-Regierungschef Georg Milbradt verspottet die Liberalen daher
als "Traumtänzer, die plus und
minus verwechseln". Westerwelle: Wer unseren über die Parteigrenzen
anerkannten Finanzexperten Hermann-Otto Solms zum Mathematikversager
stempelt, disqualifiziert sich selbst. Nein, wenn man mutiger auch als die
Union die Sozialsysteme reformiert, mutiger Subventionen streicht, mutiger an
der Struktur der Bundesagentur für Arbeit spart - dann kann man sehr gut ohne
höhere Mehrwertsteuer zu niedrigeren Einkommensteuern kommen. Nach unseren
soliden Berechnungen haben wir für eine Entlastung von 16 Milliarden Euro fast
36 Milliarden Euro zur Gegenfinanzierung. Frage: Wer auch immer richtig gerechnet hat - der Steuerstreit
droht jedenfalls den Start einer schwarz-gelben Regierung zu verhageln. Wie
soll eine Koalition Aufbruchstimmung im Land erzeugen, die sich jetzt schon
in den Haaren liegt? Westerwelle: Wir haben weit mehr Gemeinsamkeiten als
Meinungsunterschiede. Ich will, daß Schwarz-Gelb das Land regiert und Angela
Merkel Kanzlerin wird. Die Union weiß aber genau wie wir, daß man aus
Koalitionsverhandlungen anders herauskommt, als man hineingeht. Je mehr der
Wähler die FDP stärkt, desto mehr werden wir beim Partner durchsetzen können.
Schließlich sind es kleine Stöckchen, die den großen Elefanten antreiben. Frage: Gibt es Punkte,
die für Sie nicht verhandelbar sind? Westerwelle: Ich schwöre zwar keinen Eid auf jeden
Prozentsatz unseres Stufentarifs. Aber am Ende müssen niedrigere, einfachere
und gerechtere Steuern stehen. Außerdem bestehen wir auf der
Wiederherstellung des Bankgeheimnisses. Daß die Verwaltungen ohne
Richtervorbehalt oder Staatsanwalt auf die Stammdaten von jedem deutschen
Konto zugreifen dürfen, hat nichts mit der Bekämpfung von Terrorismus oder
von Steuerhinterziehung zu tun. Frage: Bis wann soll diese Reform denn umgesetzt sein? Westerwelle:
Es wäre sinnvoll, die Wiedereinführung des Bankgeheimnisses schnell zu
beschließen und die Reform der Kapitalbesteuerung folgen zu lassen.
Realistischerweise werden wir einige Änderungen erst nach dem 1. Januar 2006
schaffen - da will ich mich nicht auf den Monat festlegen. Frage: Und was geschieht
mit der Mehrwertsteuer? Westerwelle: Wir werden keine Hürden aufbauen, die so
hoch sind, daß die Union nur mit Gesichtsverlust darüber springen kann.
Natürlich werden wir eigenständige und klare Positionen einbringen - aber
auch gelassen und diplomatisch genug sein, um ein gutes Ergebnis, nämlich
Steuersenkung statt Steuererhöhung, zu erreichen. Frage: Wieviel ist denn von der Einigkeit und dem Schwung übrig,
den Sie und Angela Merkel vermittelten, als Sie Horst Köhler zum Kandidaten
für das Bundespräsidentenamt kürten? Westerwelle: Das war ja kein Zufall, sondern Ergebnis
strategischer Zusammenarbeit. Ausdrücklich auch mit Edmund Stoiber. Mein
Verhältnis zu Angela Merkel ist gut. Und wenn der Kollege Stoiber mal das ein
oder andere Wort verliert, das nicht nur schmeichelhaft ist für mich und
Angela Merkel, dann sei´s drum. Frage: Sie meinen das
Wort von den zwei Leichtmatrosen. Westerwelle: Das hat er so nicht gesagt; er hat wohl
von der Protestantin aus dem Osten und dem Junggesellen aus Bonn gesprochen.
Wir haben ein anderes Gesellschaftsbild, aber wir können trotzdem gut
zusammenarbeiten. Frage: In den Umfragen
rückt das linke Lager allerdings immer dichter an Schwarz-Gelb heran. Befürchten
Sie, wie vor drei Jahren, erneut kurz
vorm Ziel abgefangen zu werden? Westerwelle: Noch ist nichts gewonnen, aber die
Chance sehr gut. Nur Union und FDP werden die Marktwirtschaft erneuern und
die übertriebene Macht der Gewerkschaftsfunktionäre brechen. In einer großen
Koalition oder in einem Linksbündnis von SPD, Grünen und der Lafontaine-PDS
wird Deutschland den Anschluß an die Welt vollends verlieren. Frage: Wäre auch eine
Koalition von CDU, FDP und Grünen möglich, um die geschilderten Alternativen
zu verhindern? Westerwelle: Gegenfrage: Können Sie sich vorstellen,
daß ich mit Jürgen Trittin an einem Kabinettstisch sitze? Absurd. Wir werden
definitiv nicht mit dieser Dosenpfandpartei zusammenarbeiten. Entweder gibt
es Schwarz-Gelb - oder wir bleiben in der Opposition. Frage: Was machen Sie bei einem Wahlsieg? Gehen Sie ins
Kabinett, oder werden Sie FDP-Fraktionsvorsitzender? Westerwelle: Meine Entscheidung treffe ich nach der
Wahl, weil es jetzt erst einmal um Inhalte geht. Frage: Und falls es auch Schwarz-Gelb nicht gelingt, das
Hauptübel Nummer eins, die Arbeitslosigkeit, zu bekämpfen? Westerwelle: Deswegen wollen wir den großen Wurf.
Wenn Schwarz-Gelb so scheiterte, wie Rot-Grün gescheitert ist, wäre das
dramatisch. Dann droht das Land politisch instabil zu werden. Es sind ja
nicht nur die sieben Millionen offiziellen und inoffiziellen Arbeitslosen,
die um ihre Existenz bangen, sondern auch deren Angehörige und noch mal so
viele, die um ihren Job fürchten. Das große Glück der Menschheit besteht aus
dem kleinen Glück der Menschen. Und wenn das in Gefahr gerät, werden wir
schwere Verwerfungen erleben. |