D a s L i b e r a l e T a g e b u c h |
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Sammlung
Originaldokumente aus Das Liberale Tagebuch, (http://www.dr-trier.de) |
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"Deutschland
auf der Intensivstation" FDP-Chef Guido Westerwelle fordert Neugründung der
sozialen Sicherungssysteme DIE WELT: Herr Westerwelle, Sie duzen sich seit
kurzem mit Angela Merkel. Abgesehen von der persönlichen Annäherung an die
CDU-Chefin. Was ist 2003 noch gut gelaufen für Sie? Westerwelle: Die Wahlergebnisse sind bis auf Bayern
zum Teil grandios gewesen. In Hessen und in Niedersachsen haben wir das beste
Ergebnis seit Jahrzehnten. Wir haben der Debatte um Steuerreform und Reform
der sozialen Sicherungssysteme unseren Stempel aufgedrückt. Ich verschweige
aber nicht, dass die menschliche Tragödie um Jürgen Möllemann und die damit
verbundene Aufarbeitung der Finanzaffäre die Partei und mich sehr betroffen
gemacht haben. Andere Parteien wären an solchen Krisen zerrissen. DIE WELT: Im abgelaufenen Jahr haben
wirtschaftsliberale Ideen endlich die politische Konkurrenz überzeugt. Wieso
kann die FDP davon nicht profitieren? Westerwelle: Dass andere Parteien gezwungen und
getrieben von der wirtschaftspolitischen Katastrophe nach fünf Jahren
rot-grün zögernd und unzureichend eine Standortdebatte beginnen, macht doch aus
diesen Parteien keine Liberalen. Was ist denn übrig geblieben von der Agenda
2010? Das soll Liberalismus in der deutschen Politik sein? Eine
großkoalitionäre Gesundheitsreform, die uns noch tiefer in
planwirtschaftliche Bürokratie bringt. Eine SPD, die eine
Ausbildungsplatzabgabe als bürokratisches Monstrum beschließt und die
Erbschaftssteuer erhöhen will. Eine grüne Partei, die mit der
Wiedereinführung der Vermögenssteuer noch eins drauf setzt in der
Neiddiskussion. Eine Union, die sich schwer tut mit den Thesen von Friedrich
Merz zur Steuerreform. Eine CSU deren Vize für eine Zwangskasse, genannt
Bürgerversicherung, wirbt. Ich verstehe unter liberaler Politik mehr Freiheit
zur Verantwortung. Davon sind alle anderen Parteien meilenweit entfernt. DIE WELT: Vielen in der Partei reicht Ihr
Strategiepapier "Für eine freie und faire Gesellschaft" nicht aus,
um die Partei neu zu orientieren. Mehr als ein Ansatz sei es nicht. Westerwelle: Damit bin ich einverstanden, da ich es
genau so auch vorgestellt habe. Die Thesen, die ich aufgestellt habe, sind
eine sehr kontroverse Diskussion wert. In den vergangenen zwölf Monaten hat
in Deutschland zum ersten Mal in dieser Breite eine - wenn auch noch
unzureichende - Standort-Debatte stattgefunden. Das Jahr 2004 muss das Jahr
der Wertedebatte sein. Wer anstoßen will, muss anstößig sein. Wir brauchen
mehr Anerkennungskultur- statt Neidgesellschaft. Wir brauchen ein Bekenntnis
zu Eliten. Nur so ist ein Land zu Spitzenleistung fähig. Diskutiert werden
muss das Phänomen, dass die Mehrheit der Bevölkerung die Gleichheit
inzwischen wichtiger findet als die Freiheit. Freiheit aber ist wichtiger als
Gleichheit. DIE WELT: Das hat SPD-Fraktionschef Franz
Müntefering auch gesagt. Westerwelle: Herr Müntefering hat in diesem Jahr schon
alles mehrfach gesagt und auch das genaue Gegenteil. Die Gedankenwelt von
Franz Müntefering besteht aus sozialdemokratischen Barbie-Puppen, von denen
er morgens eine aus dem Regal holt, und wenn sie nicht gefällt, dann holt er
eine andere. Wenn die Sozialdemokraten merken, dass dies in der Bevölkerung
nicht ankommt, dann greifen sie in die Mottenkiste Marx und Murks. Doch das
hilft Deutschland nicht. Das Land befindet sich noch auf der Intensivstation. DIE WELT:
Wie wollen Sie den Patienten da herausholen? Westerwelle: Wir werden als FDP schon Anfang des
Jahres die große Steuerstrukturreform als Gesetzentwurf in den Bundestag
einbringen. Deutschland braucht die marktwirtschaftliche Erneuerung. Wir
stehen vor einer Neugründung unserer sozialen Sicherungssysteme. Die
Sozialstaatsklempnerei funktioniert nicht mehr. In der Gesundheitspolitik
brauchen wir keine Bürgerversicherung, auch keine Kopfpauschale. Wir wollen
die Abschaffung der gesetzlichen Zwangskassen. Die Bürger sollen sich bei
verschiedenen Anbietern maßgeschneidert Angebote und Tarife aussuchen. Keine
Pflichtversicherung, sondern Pflicht zur Versicherung. Die Zwangkassen sind
kostspielige Dinosaurier, die nur noch mit Milliarden am Leben erhalten
werden. Neu gegründet werden muss auch das System der Altersvorsorge. Die
eine Säule des Rentensystems wird eine beitragsfinanzierte Grundsicherung
sein, die andere Hälfte, zur Deckung des besseren Lebensstandards, muss durch
private oder betriebliche Altersvorsorge gesichert werden. DIE WELT: Wie sollen die Bürger das schultern? Westerwelle: Die Neugründung der sozialen
Sicherungssysteme ist nicht zu trennen von einer Steuerstrukturreform. Wer
den Bürgern mehr Eigenverantwortung abverlangt, muss ihnen gleichzeitig durch
Steuerentlastung und -Vereinfachung den nötigen Spielraum schaffen. DIE WELT: Woher soll die Rückendeckung für ein
solches Reformvorhaben kommen. Schon jetzt ist die Begeisterung über die
kleinen Reformen in der Bevölkerung nicht gerade groß? Westerwelle: Aus Furcht und Hoffnung. Die Furcht ist
groß, dass dieses Land noch schneller und rapider abstürzt. 25 oder 30
Prozent der Bevölkerung, die dies spüren und erkennen, werden die treibende
Kraft der Erneuerung sein. Schon das vergangene Jahr hat gezeigt, dass die
Stigmatisierung liberaler Politik vorüber ist. DIE WELT: Stattdessen wird Ihnen heute ein
Glaubwürdigkeitsproblem vorgeworfen. Sie fordern mehr Markt und weniger Staat
- und betreiben Klientelpolitik. Westerwelle: Da die Stigmatisierung der Liberalen
nicht mehr funktioniert, sucht sich der politische Gegner eine neue
Schublade. DIE WELT: Sie fordern mehr Wettbewerb im
Gesundheitswesen - und sperren sich dann gegen die Internetapotheken? Westerwelle: Im Gegenteil, wir sind für Internetapotheken.
Wenn aber der Staat von den Apothekern verlangt, ein flächendeckendes
Notfallsystem aufrecht zu erhalten, so darf das nicht unberücksichtigt
bleiben. DIE WELT: Wie ist Ihre Forderung nach radikalem
Subventionsabbau zu vereinbaren mit ihrer Weigerung, die Eigenheimzulage
anzutasten? Westerwelle: Wir wollen die Abschaffung aller
Steuervergünstigungen. Aber wir sind nicht bereit, damit Haushaltslöcher von
Finanzminister Hans Eichel zu stopfen. Der Abbau muss genutzt werden, damit
durch die Steuerstrukturreform eine echte Nettoentlastung übrig bleibt. DIE WELT: Wie passt mehr Marktwirtschaft mit der
Beibehaltung der mittelalterlichen Handwerksordnung zusammen? Westerwelle:
Wir haben die Liberalisierung und Modernisierung der Handwerksordnung geprägt.
Wir sind nur dagegen, dass die Handwerkskultur faktisch abgeschafft wird.
Nirgendwo wird soviel ausgebildet wie im Handwerk. Ich möchte nicht in einem
Land leben, in dem Wirtschaft nur noch aus Ich-AGs und subventionierten
Großindustrien besteht. DIE WELT: Bei der ersten Wahl im nächsten Jahr, in
Hamburg, droht Ihrer Partei ein Dämpfer. Würden Sie heute noch einmal mit der
Schill-Partei koalieren? Westerwelle: In Hamburg zählt am Schluss, dass nur
eine bürgerliche Mehrheit aus CDU und FDP Rot-Grün verhindern kann. Die
Schill-Partei wird sich atomisieren. Das sind verlorene Stimmen. Die CDU ist
in Hamburg von der absoluten Mehrheit genauso weit entfernt wie wir dort von
18 Prozent. Gemeinsam haben wir eine Chance. DIE WELT: 14 Wahlen stehen im kommenden Jahr an.
Droht Deutschland nun die politische Lähmung? Westerwelle: Ich begrüße, dass der Bundespräsident
die Problematik der vielen Wahlen angesprochen hat. Ansprechen aber ist noch
keine Lösung. Wir benötigen nur noch einen Wahltermin pro Jahr. Die Bündelung
der Wahltermine und die Synchronisierung der Länge der Wahlperioden im Bund
und in den Ländern, das ist eine vernünftige Lösung. Wir werden entsprechende
Initiativen ergreifen. Das Gespräch führten Peter Dausend und Andreas
Middel Artikel erschienen am 31. Dez 2003 |