D a s L i b e r a l e T a g e b u c h |
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Sammlung
Originaldokumente aus „Das Liberale
Tagebuch“, http://www.dr-trier.de |
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Das
Liberale Tagebuch: Privat vor Staat Westerwelle-Interview in DIE WELT
vom 22. Juli 2004 Von
Andreas Middel: Frage:
In Berlin beginnt die politische Sommerpause. Wie entspannt der Chef der FDP
während der Politik-Ferien? WESTERWELLE:
Entspannung beginnt für mich, wenn ich nicht in einen viertelstündigen
Termintakt gezwungen bin. Ich pendele zwischen Berlin und Bonn, meiner
Heimatstadt, um zu arbeiten und Familie und Freunde zu treffen. Zehn Tage
werde ich am Meer verbringen, mit Lesen, mit Schreiben, mit sehr viel Sport.
Ab 30 soll man Sport machen, ab 40 muss man. Ich merke, dass das stimmt. Frage:
Im Urlaub ist die ganze Reformdebatte für sie ganz weit weg? WESTERWELLE:
Nein, ich nutze die Zeit zu intensiver Lektüre von Büchern, die zum Teil auch
mit Politik zu tun haben, etwa das neueste Buch von Professor SINN. Und
nebenher schreibe ich an meinem Buch. Das sollte eigentlich schon längst
erscheinen. Frage:
Mit welchem Titel? WESTERWELLE:
Wird noch nicht verraten. Ich muss erst einmal schauen, dass es fertig wird.
Vor der nächsten Bundestagswahl sollte es soweit sein. Wenn es allerdings
vorgezogene Neuwahlen gibt, für die ich sehr arbeite, dann kann es sich noch
einmal verzögern. Frage:
Wenn Sie den Titel nicht verraten wollen, dann sagen Sie vielleicht etwas zum
Inhalt. WESTERWELLE:
Wir stehen vor einer neuen Gründerzeit. Deutschland verabschiedet sich gerade
von dem, was GERHARD SCHRÖDER und JOSEPH FISCHER einmal die rot-grüne Epoche
genannt haben. Das Buch wird den Abschied von der postmateriellen Welt der
Alt-68er behandeln. Die Abwahl von Rot-Grün wird auch ein Abgesang sein auf
deren saturierte Mentalität, die auf Verteilen mehr Wert legt als auf
Erwirtschaften. Zeit ihres Lebens haben die Alt-68er die Tugenden Fleiß,
Disziplin und Leistungsbereitschaft als spießig verspottet. Das ist von
gestern. Deutschland steht vor einem Mentalitätswechsel. Die Freiheit kommt
wieder vor der Gleichheit. Frage:
Das klingt nicht nach Abschalten. WESTERWELLE:
Die derzeitige Situation in Deutschland lädt ja auch nicht zum Abschalten
ein. Wir haben eine Bundesregierung, die nicht deshalb schlecht dasteht, weil
sie Reformen macht, sondern weil sie sie dilettantisch macht, ohne Ziel. Sie
springt hin und her wie ein Hase auf der Flucht. Ein Kurs ist nicht zu
erkennen. Eine deutliche Mehrheit der Deutschen aber will einen Entwurf der
Zukunftsgestaltung. Sie sind bereit, diesen Weg mitzugehen, wenn er gerecht,
verlässlich und planbar ist. Die Menschen verlangen nach mehr sozialer
Marktwirtschaft und weniger bürokratischer Staatswirtschaft. Die Wenigsten
wollen vom Staat von der Wiege bis zu Bahre umsorgt und betreut werden. Der
Staat muss verlässliche und faire Rahmenbedingungen schaffen und ansonsten
den Bürger in Ruhe lassen. Frage:
Sie fordern ein Zurückdrängen des Staates auf seine Kernbereiche. Wie schnell
ist so etwas möglich? WESTERWELLE:
Verglichen mit dem notwendigen Umbau unseres Sozialstaates sind die jetzigen
Reformen der Agenda 2010 Stückwerk. Damit wird das Land nicht zukunftsfest
gemacht. Frage:
Gibt es so etwas wie die ideale Staatsquote? WESTERWELLE:
Etwa ein Drittel. Heute zweigt unser Wohlfahrtsstaat jeden zweiten Euro für
sich ab. Die Staatsquote bewegt sich auf 56 Prozent zu. Das vernichtet
Arbeitplätze, macht den Bürger unfrei. Mit einer Staatsquote von einem
Drittel könnte der Staat für Infrastruktur, die innere und äußere Sicherheit,
kulturelle Vielfalt, Bildung und soziale Gerechtigkeit sorgen. Mehr braucht
es nicht. Und nur so kann das Grundgesetz sozialer Marktwirtschaft eingehalten
werden, dass Leistung sich lohnt, und dass derjenige, der arbeitet, mehr
haben muss, als derjenige, der nicht arbeitet. Frage:
Wie soll dies angesichts der Verkrustungen in Deutschland gelingen? WESTERWELLE:
Das wird für eine neue Regierung eine Herkules-Aufgabe. Das Geholper von
Rot-Grün hat den Reformbegriff und die Reformbereitschaft beschädigt. Eine
neue Regierung muss schleunigst grundlegende Reformen durchführen. Wir
brauchen ein vollkommen neues Steuersystem, wir brauchen die Kapitaldeckung
in den sozialen Sicherungssystemen, die Treffsicherheit bei
Fürsorgeleistungen des Sozialstaates muss erhöht werden. Der Abbau von
Bürokratie auf dem Arbeitsmarkt, die schrittweise Aufhebung von
Steuervergünstigungen und Subventionen – das alles muss im ersten Jahr der
neuen Regierung entschieden werden. Frage:
Die Union macht derzeit nicht den Eindruck, als habe sie es sehr eilig mit
Reformen? WESTERWELLE:
Ich setze da sehr stark auf ANGELA MERKEL. Es gibt in der Union, bei CDU und
CSU, sehr unterschiedliche Töne, die endlich zu einem stimmigen Chor geformt
werden müssen. Auch in der CSU gibt es ja zunehmend Kritik am
sozialdemokratischen Kurs des Partei-Vize HORST SEEHOFER. Wenn er die
Zwangskasse im Gesundheitswesen – also die Bürgerversicherung – fordert, dann
zeigt das, dass es in der Union nach wie vor starke sozialdemokratische
Abteilungen gibt. Sie haben die Herausforderungen der Zeit noch nicht
erkannt. Diese Leute dürfen nicht den Kurs bestimmen. Frage:
In der Union geht aber die Angst um, bei zu starken Einschnitten in den
Sozialstaat ein ähnliches Schicksal zu erleiden wie derzeit die SPD und sich
zu marginalisieren. WESTERWELLE:
Die Parteichefs von CDU, CSU und FDP haben im vergangenen Herbst zur Vorbereitung
des Vermittlungsausschusses ein sehr detailliertes Papier zum Umbau des
Sozialstaates beschlossen. Das war sehr konkret. Das zeigt, dass es geht.
Derzeit bleibt die Union viel zu sehr in der Deckung, weil sie glaubt, sie
hätte bis 2006 Zeit, um sich programmatisch aufzustellen. Aber die Opposition
muss jederzeit in der Lage sein, die Regierungsverantwortung zu übernehmen.
Da hat die Union noch einiges vor sich. Frage:
Als Alternative zur FDP gibt es für die Union ja immer noch die große
Koalition, wie bei der Klausurtagung der CSU deutlich wurde. WESTERWELLE:
Ich sehe nicht, dass es in der Union eine Mehrheit für eine Koalition mit der
SPD gibt. Die Diskussion ist ja von ANGELA MERKEL und EDMUND STOIBER umgehend
beendet worden. Sie hilft auch nur Rot-Grün. Frage:
Bei allen Dissonanzen speziell zwischen CSU und FDP, bei der Frage eines
deutschen Referendums zur EU-Verfassung gibt es große Übereinstimmung. Wie
stehen die Chancen für einen Volksentscheid? WESTERWELLE:
Wenn die Abgeordneten ohne Fraktionsdisziplin über eine Verfassungsänderung
entscheiden könnten, ist die notwendige Zweidrittelmehrheit für einen
Volksentscheid realistisch. In allen Parteien nimmt die Zahl der Befürworter
zu. Der Meinungswandel von EDMUND STOIBER hin zum Referendums-Befürworter hat
Bewegung in die Diskussion gebracht. Bundestagspräsident WOLFGANG THIERSE
wirbt für den Volksentscheid, anscheinend hat nur noch Außenminister JOSEPH
FISCHER Angst vor dem Volk. Frage:
Sollte es zu einem Referendum kommen, wird die FDP dann für die EU-Verfassung
stimmen? WESTERWELLE:
Wir stehen für die weitere Integration Europas, also auch für die Europäische
Verfassung. Auch wenn mir manches an Überregulierung und Dirigismus in der
Verfassung nicht gefällt, trete ich für sie ein. Europa ist schließlich
zuerst eine Garantie für Frieden, Freiheit und auch Wohlstand. Frage:
Rechnen Sie mit einem Ja der Deutschen zur EU-Verfassung? WESTERWELLE:
Die Verfassung wird nicht scheitern. Wenn sich 95 Prozent der deutschen
Abgeordneten hinter die Verfassung stellen, sollten sie sich zutrauen, auch
eine Mehrheit der Bevölkerung hinter sich zu bringen. Eine Volksabstimmung
befriedet auch eine Gesellschaft. Frage:
Und wenn die Verfassung scheitert? WESTERWELLE:
Das wird nicht passieren. Aber: Das Volk ist der Souverän. Er hat das letzte
Wort. Frage:
Gestatten Sie eine letzte Frage. Bislang haben Sie ihr Privatleben vor der
Öffentlichkeit abgeschirmt. Ist der gemeinsame öffentliche Auftritt mit ihrem
Lebensgefährten ein neuer Politikstil des GUIDO WESTERWELLE? WESTERWELLE:
Ich lebe mein Leben. Aber ich gebe zu meinem Privatleben keine Interviews. |