D a s   L i b e r a l e   T a g e b u c h

Sammlung Originaldokumente aus „Das Liberale Tagebuch“, http://www.dr-trier.de

 

 

 

Die Stimmen des Volkes

 

Internet-Radios und private Web-Tagebücher setzten etablierte US-Medien unter Druck

 

von Gerti Schön

 

Gleich gegenüber vom Madison Square Garden gibt's Freibier. Masseure sind jeder buchbar, Friseure und Schuhputzer stehen bereit. Die Journalisten, die offiziell beim Wahlparteitag der Republikaner in New York akkreditiert sind, sollen es richtig gut haben.

 

50 Blocks entfernt vom Ort des Geschehens ein anderes Bild. Rund 30 jugendliche Medienmacher hängen an Telefonen und Walkie-Talkies im Medienzentrum in Lower Manhattan. Sie hören die Telefon-Berichte der Demonstranten mit, die in einer Auseinandersetzung mit der Polizei feststecken, und geben einige davon live auf Sendung. Während im Nebenzimmer die TV-Bilder von CNN und Fox News weiterhin Interviews vom Parteitag senden, dröhnt verzerrtes Geschrei über die Lautsprecher von A-Radio. "Lächerlich" sei diese "Medienspektakel im Mainstream-Fernsehen", schimpft Chris Anderson, einer der Organisatoren. "Bei uns hört man Live-Berichte von der Straße, wie Polizisten auf die Leute einschlagen." Na gut, auch die anderen Medien, hätten zu Beginn des Parteitags über die Proteste berichtet, räumt er ein. Aber dann?

 

Wenn Chris Anderson nicht den Protest organisiert, studiert der 28-Jährige Journalistik an der Columbia-Universität. Denn eigentlich ist das Medienzentrum der "New York Grassroots Media Coalition" auch nicht für Medienprofis gedacht, sondern für Bürger, die die Stimmen von Gleichgesinnten hören wollen. Über 600 Freiwillige wurden seit Februar zusammengetrommelt, um während des gestern beendeten Republic National Convention im Internet einen 24-Stunden-Radiokanal und ein täglich einstündiges "Free Speech TV" zu produzieren. Die Stimmen des Volkes.

 

Im wahlkampfpolarisierten Amerika entladen sich die Emotionen zunehmend im Internet. Das Projekt ist eines der vielen Beispiele dafür, ein anderes sind die so genannten Blogs - von Usern geführte Web-Tagebücher (Web log), an denen mittlerweile nicht mehr nur die Generation der Teens und Twens mitschreibt, sondern auch Professoren und Hausfrauen. Auf dem Parteitag der Demokraten Ende Juli waren solche "Blogger" erstmals offiziell akkreditiert, und eine Studie des Software Herstellers Perseus Development kommt zu dem Ergebnis, dass diese Art des Do-it-yourself-Journalismus eine ganz neue Art von Medien-Nutzer schafft: Den "Pro-sumer", Konsument und Produzent in einer Person. Längst generieren diese Angebote nicht nur Meinung, sondern auch Nachrichten. Und sie sind mitnichten exklusive Veranstaltung der amerikanischen Linken. Auf ihrer Webseite sammelten beispielsweise auch die Blogger Jason Clarke und David T. Hardy konservative Stimmen und Informationen über den Film-Provokateur Michael Moore, um daraus den Buch-Beseller "Michael Moore ist ein dicker, fetter dummer weißer Mann" zusammenzustellen.

 

Im Faltblatt "Wie werde ich Streetcaster" sagen die Organisatoren von A-Radio, was sie von ihren Internet-Journalisten erwarten: "Die Hörer sollten sich ein klaren Bild davon machen können, was los ist. Es hängt von dir ab, das Bild mit eigenen Worten zu malen." Weil all diese neuen Schnellschuss-Reporter die etablierten Medien und Institutionen unter Druck setzten, versuchen diese den Trend zu vereinnahmen. Abseits der geschätzten vier Millionen privaten Web-Tagebücher unterhält mittlerweile selbst die "New York Times" einen offiziellen "blogspace" im Netz, die Agentur Associated Press hatte für den Demokraten-Parteitag sogar den Pulitzer-Preisträger Walter Mears zum Bloggen abgestellt. Auch auf den offiziellen Seiten von George Bush und seinem Herausforderer John Kerry finden sich entsprechende Angebote.

 

 

Das mit Leidenschaft entfachte politische Interesse der Amerikaner beschert auch den unabhängigen - meist linken - Medienmacher erhöhte Aufmerksamkeit. "Bush bashing" als Business betreiben Magazine wie "The Nation" oder "Mother Jones", die früher am Subventionstropf linksliberaler Spender hingen. Seit Antritt der Regierung Bush haben sie ihre Auflagen um 71 bzw. 80 Prozent gesteigert, und Verleger Victor Navasky wird gern mit dem Witz zitiert, was schlecht für die Nation sei, sei gut für "The Nation". Kein Wunder: Der Anzeigenpreis in seinem Heft hat sich versiebenfacht.

 

Vor allem Buchverleger profitieren von der Politik: An Nummer eins der Amazon-Bestseller Liste für Nonfiction steht ausgerechnet der 500 Seiten starke Bericht der Kommission zur Untersuchung des 11. September 2001, Platz drei ist "Bushworld", eine satirische Beobachtung der Administration von "New York Times"-Kolumnistin Maureen Dowd, gefolgt von "Imperial Hubris" eines Ex-CIA-Mannes. Auf der anderen Seite geht auch "A Matter of Character", ein Loblied auf das Weiße Haus, weg wie warme Semmeln, und die Generalanklage der nunmehr berühmten "Swiftboat Veterans for Truth" gegen John Kerry, "Unfit for Command", liegt sogar auf Platz eins der "New York Times"-Bestsellerliste.

 

"Es sorgt mich, wenn meine Kritiker sagen, ich tue nicht genug für die Wirtschaft", meinte George Bush vor kurzem. "Schaut doch, was ich für das Buchbusiness tue."

 

DIE WELT, Artikel erschienen am Sa, 4. September 2004