D a s   L i b e r a l e   T a g e b u c h

Sammlung Originaldokumente aus „Das Liberale Tagebuch“, http://www.dr-trier.de

 

 

Diktion und Aussage des Beitrages frösteln. Die Ursachen: Eliteversagen, Maßlosigkeit, das systematische strukturelle Defizite der Demokratie – alles in der Kultur von Bequemlichkeit und Selbstgefälligkeit in 50 Jahren gewachsen. Der Alptraum PISA ist eine Beschönigung der Lage.

 

 

Ein Volk von Arbeitsignoranten

Geht es um ihren Job, sind Deutsche erstaunlich wenig veränderungsbereit

 

von Klaus Schöppner

 

Berlin -  Nirgendwo bestechen die Deutschen so sehr durch Ignoranz, wie bei der Frage nach dem richtigen Rezept gegen Arbeitslosigkeit. Trotz Rekordarbeitslosigkeit, trotz dreijährigen depressiven Wirtschaftsklimas und trotz einer Rekordangst, selbst arbeitslos zu werden: Nach Meinung von 62 Prozent der Deutschen entstehen neue Jobs durch kürzere Arbeitszeiten. Nur für 29 Prozent durch Mehrarbeit und der damit verbundenen Produktivitätssteigerung. Arbeit ist keine Frage der Marktwirtschaft, heißt dieses Credo, Arbeit kann verordnet werden.

 

Wenn Union, FDP, Wirtschaftsverbände und aktuell selbst große Teile der SPD längere Arbeitszeiten fordern, dann treffen sie mehrheitlich auf verständnislose, ignorante, vielleicht sogar arrogante Deutsche. Deren Veränderungsbereitschaft ist geringer als in sämtlichen Ländern der alten EU. Zwar hält eine Mehrheit von 51 Prozent die Einführung der 40-Stunden-Woche für ein probates Mittel gegen Arbeitslosigkeit. Nirgendwo in Europa ist jedoch die Lücke zwischen Einsicht und Absicht größer als bei uns.

 

Immer sind es Mehrheiten, die sich gegen jede Mehrarbeit ohne Gegenleistung aussprechen: Drei Viertel der Deutschen sind gegen die Kürzung von Urlaubstagen, und nur jeder Fünfte akzeptierte die Abschaffung der Zuschläge auf Samstagsarbeit. Zwei Drittel lehnen das Streichen eines Feiertages ab.

 

Zu häufig haben sich die "Das sehe ich gar nicht ein"-Deutschen auf hehre Worte der Wirtschaft verlassen und sind zu oft durch weitere Entlassungen enttäuscht worden, und zwar so tief, dass sie zu Konzessionen ohne Gegenleistung nun nicht mehr bereit sind: Nur im Junktim Mehrarbeit gegen Arbeitsplatzsicherheit oder neue Jobs würden sie sich bewegen. Nur so wären immerhin 58 Prozent bereit, bei gleichem Lohn die Wochenarbeitszeit zu verlängern. Würden Betriebsvereinbarungen Arbeitsplätze garantieren, läge die Bereitschaft sogar bei knapp 90 Prozent. Konzessionsbereit wären wir lediglich durch Mehrarbeit bei gleichem, nicht durch gleiche Arbeit bei geringerem Lohn. 62 Prozent würden im Notfall eine verlängerte Arbeitszeit akzeptieren. Nur 30 Prozent dagegen Lohnkürzungen.

 

Während beim Lohn wenig geht, scheint der Verhandlungsspielraum beim Thema Arbeitsflexibilisierung ungleich größer: Gleich 83 Prozent wären persönlich bereit, ihre Arbeitszeit deutlich flexibler, nämlich entsprechend ihres Arbeitsaufkommens zu gestalten - ein Schlag gegen die Neinsager von den Gewerkschaften. Deren Rückhalt in der Bevölkerung schwindet umso mehr, je rigider sie ihre Positionen vertreten: Für zwei Drittel sind die Gewerkschaften mit ihrer Schutzwallpolitik nicht zeitgemäß. Aktuell sind nur noch 39 Prozent mit ihrer Arbeit zufrieden.

 

Doch gewaltige Angst müssen die Gewerkschaften nicht haben, und zwar ungefähr so wenig wie die Bürger Hoffnung auf Veränderung: Noch trauen 69 Prozent dem Bundeskanzler einen langfristigen Antigewerkschaftskurs trotz der augenblicklichen Notlage nicht zu.

 

Klaus-Peter Schöppner ist Chef des Meinungsforschungsinstituts TNS Emnid und schreibt alle 14 Tage an dieser Stelle

 

DIE WELT, Artikel erschienen am 3. Juli 2004