D a s L i b e r a l e T a g e b u c h |
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Sammlung
Originaldokumente aus Das Liberale Tagebuch, (http://www.dr-trier.de) |
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DIE WELT am SONNTAG vom 28. Dezember 2003 Plötzlich
steht sie ganz oben Wer will ihr jetzt die
Kanzlerkandidatur noch streitig machen? Mit ihrem entschlossenen Reformkurs
weist CDU-Chefin Angela Merkel ihre Kontrahenten Stoiber und Koch in die
Schranken. Zur Jahreswende ist die Frau aus dem Osten unangefochten von Hugo Müller-Vogg Wenn das keine positive Bilanz ist: Eine historische
Zweidrittelmehrheit bei der bayerischen Landtagswahl und damit noch
erfolgreicher als Franz Josef Strauß selig, in der CSU unumstritten und in
der Rangliste der wichtigsten deutschen Politiker auf Platz drei. Edmund
Stoiber hat also allen Grund, zufrieden auf das Jahr 2003 zurückzuschauen. Nicht anders ergeht es Roland Koch: Eine absolute
CDU-Mehrheit im "roten Hessen", vom amerikanischen Präsidenten
durch eine persönliche Begegnung außenpolitisch geadelt, zusammen mit dem
SPD-Kollegen Steinbrück als Subventions-Abbauer erfolgreich, als einziger
Landespolitiker neben Stoiber unter den zehn wichtigsten Politikern
etabliert. Hätte Koch dies alles als seine Ziele für 2003 genannt, er wäre
mitleidig belächelt worden. Doch rundum zufrieden werden weder der CSU-Chef noch
der hessische CDU-Vorsitzende unterm Tannenbaum gesessen haben. Was nützen
die eigenen Erfolge, wenn Angela Merkel noch besser abgeschnitten hat? Die
Frau, die aus dem Osten kam, hat ihr erfolgreichstes Jahr hinter sich. Dass
im Herbst nächsten Jahres bei der Neuwahl des CDU-Vorstandes jemand mit
Aussicht auf Erfolg gegen sie antreten könnte - unvorstellbar. Dass Stoiber
oder Koch ihr die Kanzlerkandidatur 2006 streitig machen könnten - aus
heutiger Sicht unwahrscheinlich. 2003, das war Merkels Jahr. Obwohl: Ihre Auftritte
im Bundestag entsprachen dem, was man von einem Oppositionsführer erwartet;
brillant waren sie nicht. Und die Trennung von dem in kruden völkischen
Kategorien denkenden Martin Hohmann geriet zu holperig, um ein Lob für
perfektes Krisen-Management zu verdienen. Dennoch hat die Frau mit dem so harmlos
erscheinenden Auftreten und mädchenhaft-schüchternen Lächeln ihre
Machtposition systematisch ausgebaut. Waren für "Kohls Mädchen"
einst Ehrgeiz und Fleiß ebenso charakteristisch wie eine gewisse inhaltliche
Unbestimmtheit, so hat die zur machtbewussten "Maggie Merkel"
mutierte Powerfrau in den vergangenen Monaten brutalstmögliche Position
bezogen. Aus dem Fragezeichen ist ein Ausrufezeichen geworden. Da war die uneingeschränkte Unterstützung der
amerikanischen Irakpolitik. Der bayerische Kanzlerkandidat hatte 2002 den
Amerikanern als auch den deutschen Gutmenschen gefallen wollen. Die ehemalige
DDR-Bürgerin aber, die nicht vergessen hat, wem ihre Landsleute neben Kohl
die Einheit zu verdanken haben, ging ihren eigenen deutschen Weg: Im
Zweifelsfall für die Vereinigten Staaten und in jedem Fall gegen eine
Spaltung Europas durch die Achse Paris-Berlin-Moskau. Noch wirkungsvoller war Merkels
wirtschaftspolitische Profilierung. Die von ihr berufene Herzog-Kommission
präsentierte das ambitionierteste Konzept zur Sanierung der Sozialsysteme.
Dass Merkel sehr wohl wusste, in welche Richtung der Altpräsident die
Kommission lenken würde, darf man getrost unterstellen. So übernahm sie seine
Vorschläge und brachte die Partei auf sieben Regionalkonferenzen dazu,
ebenfalls mit der altbundesrepublikanischen Vollkasko-Tradition zu brechen. Dasselbe gilt für die Steuerpolitik. Merkel hatte
keine Skrupel, den einst von ihr eiskalt abservierten Friedrich Merz ein
radikales Steuerkonzept ausarbeiten zu lassen. Dass Merz manche heilige Kuh
des lenkenden und umverteilenden Steuerstaates schlachten würde, war ihr nur
recht. Denn Merkel, schon als junge Naturwissenschaftlerin in der DDR vom
marktwirtschaftlichen Konzept überzeugt, wollte die CDU programmatisch wieder
zurückführen zu Ludwig Erhard. Was sie dann auch tat. Dass ehemalige Parteigrößen nunmehr beklagen, diese
CDU sei nicht mehr ihre Welt, lässt ihre Vorsitzende kalt. "Wat mutt,
dat mutt", lautet ihr Credo. Ohnehin führt die "Physikerin der
Macht" (Gertrud Höhler) diese Volkspartei viel geschäftsmäßiger und
unsentimentaler als etwa Kohl. Die Quereinsteigerin ohne Seilschaften aus
gemeinsamen Zeiten in der Jungen Union appelliert mehr an den Verstand als an
die Seele der Partei. Mutter der Kompanie zu werden, versucht sie erst gar
nicht. Die Partei respektiert ihre starke Frau an der
Spitze, aber sie liebt sie nicht so wie einst Kohl. Wie sollte das einfache
Parteimitglied auch eine emotionale Bindung an die ostdeutsche
Pfarrerstochter entwickeln, die ihr Privatleben fast so sorgfältig abschirmt
wie die ehemalige DDR ihre militärischen Einrichtungen. Wer mit ihr zu tun
hat, erlebt zwei Angela Merkels: einerseits den stets kontrollierten, latent
misstrauisch erscheinenden Polit-Profi und andererseits eine Frau mit einem
trockenen, hintergründigen Humor, einem spitzbübischen Lächeln und einem
beträchtlichen Charme-Potenzial. An ein Foto aus dem Familienalbum zu kommen
ist für Journalisten ungleich schwieriger als bei jedem anderen
Spitzenpolitiker. Es scheint, als habe sie jenes Grundmisstrauen, das im
Stasi-Staat überlebensnotwendig war, bis heute nicht abgelegt. So ist die
vielfach öffentlich sezierte Angela Merkel den Menschen bis heute doch
irgendwie fremd geblieben. Zu Merkels Stärken gehört neben ihren analytischen
Fähigkeiten ihr untrügliches Gespür, wann sich ihr eine Chance eröffnet. So
hat sie mehrfach mit beiden Händen zugegriffen: bei ihrem Wechsel in die
Politik nach der Wende, als Kohls jüngste Ministerin, als die CDU nach der
Spendenaffäre einen neuen Vorsitzenden brauchte. Auch kurz vor Weihnachten hat sie den Agenda-Poker
im Vermittlungsausschuss als Chance genutzt. Die Union hätte die Gesetze
blockieren und Schröder vielleicht in den Rücktritt treiben können, wie der
in gnadenlosen Grabenkämpfen politisch sozialisierte Hesse Koch das wollte.
Oder die Union hätte Rot-Grün in einer Art Kohabitation weit entgegenkommen
können, wozu Stoiber zeitweise bereit war. Anders als bei der Steuerreform 2000, wo mächtige
Männer "die Angie" austricksten, ging jetzt nichts ohne die
Vorsitzende. So kam es zu einem Kompromiss, den Schröder nicht als Sieg
verkaufen und der der CDU nicht als parteipolitische Blockade vorgehalten werden
kann. Ob diese Gesetze dem Land viel helfen oder nicht, Merkel haben sie auf
jeden Fall gestärkt. Die CDU-Vorsitzende hat 2003 vieles richtig gemacht
und ganz schwere Fehler vermieden. Die Frau profitierte zudem von den
Handikaps ihrer beiden Konkurrenten. Stoibers weichgespülter Wahlkampf 2002
hat in der CDU viele seiner Fans enttäuscht, seine mit zunehmender Entfernung
von weiß-blauen Gefilden abnehmende Anziehungskraft ist belegt. So darf der
62 Jahre alte Stoiber nicht auf seine zweite Chance hoffen. Koch wiederum, dessen 49 Prozent in Hessen
sicherlich schwerer zu erreichen waren als Stoibers Ergebnis, schleppt
ebenfalls schweren Ballast mit sich herum. Seit der Unterschriftenkampagne
1999 hängt ihm außerhalb Hessens der Ruf eines "Ausländerfeindes"
an, seit der Spendenaffäre der Vorwurf des "Lügners". Zudem hat er
das Problem, das ein großer Teil der Medien jede seiner Äußerungen mit Blick
auf die eigenen Kanzlerambitionen interpretiert. Würde Koch heute Merkel als
"Frau des Jahres" loben und sie als Kanzlerkandidatin vorschlagen,
es würde von der Öffentlichkeit als besonders perfider Vorstoß in eigener
Sache interpretiert. Ist die Kandidatenfrage 2006 damit entschieden? Aus
heutiger Sicht, ja. Aber was heißt das schon? Falls die Konjunktur anzieht
und die Beschäftigung steigt, könnten die Sozialdemokraten durchaus aus ihrem
demoskopischen Tief herausklettern. Zumal es der Wahlkalender so will, dass
sich die CDU an ihren außerordentlich guten Wahlergebnissen des rot-grünen
Krisenjahres 1999 messen lassen muss. Die SPD hingegen könnte schon mit
relativ kleinen Zugewinnen Hamburg zurückerobern und die absoluten
CDU-Mehrheiten in Thüringen und Sachsen brechen. Zudem wartet auf Merkel noch eine Herausforderung
der besonderen Art, die Wahl des Bundespräsidenten. Die CDU muss sich mit FDP
und CSU auf einen gemeinsamen Kandidaten einigen - und ihn mit ihrer knappen
Mehrheit auch durchsetzen. Merkels Meisterstück wäre es freilich, wenn es ihr
gelänge, Stoiber den "last exit Berlin" als Krönung seiner Laufbahn
schmackhaft zu machen. Dann hätte sie sich die CSU für 2006 verpflichtet und
jede weitere Spekulation über die K-Frage wäre erledigt. Doch es gibt keine Chance ohne Risiko: Fiele ein von
CDU/CSU unterstützter Kandidat in der Bundesversammlung durch, endete der
Höhenflug der Merkel-Aktie am 31. Mai 2004 wie der Boom am Neuen Markt - mit
einem tiefen Sturz. Denn in der Politik kann man Erfolge nicht auf die hohe
Kante legen und von den Zinsen leben. Die zielbewusste, gleichwohl stets
zurückhaltend agierende Angela Merkel drückt das so aus: "Von 2004 bis
2006 ist eine sehr lange Zeit." WamS-Kolumnist Hugo Müller-Vogg hat neun intensive
Gespräche mit der CDU-Vorsitzenden geführt - über private Hintergründe und
politische Grundsätze. Das Buch "Mein Weg. Angela Merkel im Gespräch mit
Hugo Müller-Vogg." erscheint am 2. Januar bei Hoffmann und Campe Artikel erschienen am 28. Dez 2003 |