D a s L i b e r a l e T a g e b u c h |
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Sammlung
Originaldokumente aus „Das Liberale
Tagebuch“, http://www.dr-trier.de |
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"Gerhard
Schröder ist gescheitert"
Verdi-Chef Frank Bsirske bricht mit
dem Bundeskanzler. Ein Gespräch über die Fehler des ehemaligen
Hoffnungsträgers und Alternativen zu seiner Politik von
Günther Lachmann, Romanus Otte und Christoph Keese Von
seinem Büro im 10. Stock blickt Verdi-Chef Frank Bsirske über den Potsdamer
Platz in Berlins neuer Mitte. Gegenüber die Hauptverwaltung der Deutschen
Bahn, links teure Läden und Einkaufspassagen, rechts die Luxushotels
"Ritz" und "Marriott". Lange kann Bsirske den Blick nicht
mehr genießen. Seine Zentrale zieht bald in einen Neubau nahe dem Ostbahnhof
um. Billiger ist es dort, weniger glamourös, passender für eine Dienstleistungsgewerkschaft. Bsirske
ist braun gebrannt, ein strahlender Sommertag hat seinen Urlaubsteint
aufgefrischt. Mit seinem dunkelblauen Anzug, der Seidenkrawatte und den
Manschettenknöpfen wirkt Bsirske wie ein modisch Verbündeter Gerhard
Schröders. Doch da hören die Gemeinsamkeiten schon auf. Was Bsirske an diesem
Morgen im Gespräch mit der WELT am SONNTAG zu sagen hat, ist eine offene
Kriegserklärung an die Adresse des Kanzlersamts. Im Ton ruhig, in der Sache
aber unerbittlich rechnet Bsirske mit der Arbeit Gerhard Schröders ab. Punkt
für Punkt begründet er, warum Schröder nach dessen eigenen Maßstäben am Ende
ist. "Gemessen
an seinem eigenen Anspruch, Beschäftigung zu schaffen, die Arbeitslosigkeit
zu senken und die Konjunktur in Schwung zu bringen, ist Gerhard Schröder
bisher gescheitert", sagt Bsirske. "Gemessen an dem Ziel, die
eigene Wählerschaft zu überzeugen und darüber hinaus Zustimmung zu gewinnen,
ebenfalls." Die
Agenda-Politik habe zu dramatischen Verlusten bei der eigenen
Stammwählerschaft geführt. "Quer durch die Republik wählen Arbeiterinnen
und Arbeiter nicht mehr mehrheitlich die SPD." Für die Verdi-Spitze ist
klar Gerhard Schröder für diesen Einbruch verantwortlich. "Die
Verantwortung trägt die Regierung selbst, die eine Politik macht, bei der die
SPD ihre Identität verliert", sagt Bsirske. Soziale
Gerechtigkeit, verbunden mit dem Streben nach Innovationen, sei immer das
Profil der SPD gewesen. Das sei jetzt nicht mehr zu erkennen. "Die
Regierung macht eine Politik, die sich gegen ihre Stammwählerschaft
richtet." Eine Gewerkschaft wie Verdi könne ein "Verarmungsprogramm
für Arbeitslose" nicht hinnehmen. Die
Senkung der Arbeitslosenhilfe auf Sozialhilfeniveau, kombiniert mit den neuen
Zumutbarkeitsregeln für die Jobaufnahme, führt aus Bsirskes Sicht direkt in
die Massenverarmung: "Jede Arbeit muss zu jedem Lohn angenommen werden,
solange dieser nicht sittenwidrig ist. Und sittenwidrig sind Löhne nur dann,
wenn sie mehr als 30 Prozent unter dem ortsüblichen Lohnniveau liegen." Sein
Argument untermauert Bsirske mit einem Beispiel aus Thüringen. Dort lägen die
Löhne im Bewachungsgewerbe bei 4,35 Euro pro Stunde. Nach den neuen
Zumutbarkeitsregeln könnten sich Unternehmen Langzeitarbeitslose zuweisen
lassen und ihnen noch einmal 30 Prozent weniger bezahlen: "Davon kann
doch kein Mensch leben. Darum rede ich von einem Verarmungsprogramm. Und vor
diesem Hintergrund werden die Proteste sicher verständlich." Kritik
haben Spitzengewerkschafter schon oft an Schröder geübt. Neu ist aber die
Endgültigkeit, die Bsirskes Einschätzungen prägt. Von Schröder, das ist
deutlich zu spüren, erhofft sich Verdi nichts mehr, weder für die
Volkswirtschaft noch für die eigene Klientel. Deswegen kappt Bsirske jetzt
die politische Leitung zu Schröder und signalisiert, dass andere Sozialdemokraten
wie zum Beispiel der SPD-Vorsitzende Franz Müntefering kommen müssen, um die
Partnerschaft zu den Gewerkschaften wieder aufzubauen. Vorsichtig
formuliert Bsirske: "Franz Müntefering wird versuchen, eine Strategie zu
entwerfen, wie er die Identität sichern und die Partei neu orientieren
kann." Hinter diesen diplomatischen Worten ist zu erkennen, dass Bsirske
eher Müntefering als Schröder die Führung der Geschäfte zutraut. Allerdings
bemängelt Bsirske auch, wie dünn die SPD mit guten Leuten besetzt ist. Außer
Müntefering nennt er kein Talent, auf das er Hoffnung setzen würde. Ob
Ex-Vorsitzender Oskar Lafontaine die SPD retten könnte? Bsirske:
"Inhaltlich würde der SPD weniger Schröder und dafür mehr Lafontaine gut
tun. Dass Lafontaine die Persönlichkeit ist, die die SPD-Probleme aktuell
lösen könnte, sehe ich allerdings nicht." Doch
egal, wie die SPD ihre Spitze besetzt und wen sie als Kanzlerkandidat ins
Rennen schickt - es muss jemand anderes sein als Gerhard Schröder, wenn er
die Gewerkschaften an seiner Seite wissen will. "Zurzeit nur schwer
vorstellbar" antwortet Bsirske auf die Frage, ob die Gewerkschaften
Schröder 2006 helfen sollten. Seinem Gesicht ist anzusehen, dass er sich das
gar nicht vorstellen will. Erst
nach einem Wechsel des Spitzenkandidaten kann die SPD im Bundestagswahlkampf
2006 wohl wieder mit der wichtigen Unterstützung der Gewerkschaften rechnen.
Bis dahin setzt Bsirske auf Öffentlichkeitsarbeit und Lobbyismus, um Schröder
unter Druck zu setzen. Mit einem "heißen Herbst" droht er ausdrücklich
nicht: "Es hat keinen Sinn, im Quartalsrhythmus zu nationalen
Demonstrationen aufzurufen. Wir tragen die Proteste in die Betriebe, Städte
und Gemeinden und organisieren dort Diskussionen, Unterschriftenaktionen und
Aktionstage." Im
schlechten SPD-Ergebnis bei den jüngsten Wahlen mag der Verdi-Chef keinen
persönlichen Erfolg für seine Anti-Schröder-Kampagne sehen. Aber mit
demonstrativ düsterem Blick schaut er schon auf die wichtige Landtagswahl in
Nordrhein-Westfalen im nächsten Jahr: "Alles, was ich aus der SPD höre,
deutet darauf hin, dass große Verunsicherung herrscht. In NRW wird sowohl auf
Landesebene als auch in den Kommunen an Wahlerfolgen gezweifelt. Und diese
Stimmung hat inzwischen auch einige in der Parteiführung erfasst."
Verdi, daran lässt Bsirske keinen Zweifel, wird alles tun, um den Keil
zwischen Schröder und seiner Basis noch tiefer zu treiben. Was
würde Bsirske besser machen, wenn Verdi mehr Einfluss auf die Regierung
hätte? "Zunächst einmal hat die Regierung durch die Reform der
Körperschaftsteuer 40 Milliarden Euro bewusst verschenkt. Da muss man sich
über Haushaltslöcher nicht wundern." Andererseits seien die Finanznöte
auch Folge der schwachen Binnennachfrage, die trotz der neuen Exportrekorde
nicht belebt worden sei. Bsirske: "Schuld daran ist die restriktive
Haushalts- und Finanzpolitik. Die Bundesregierung ist nicht bereit,
antizyklisch gegenzusteuern." Man
müsse bereit sein, höhere Schulden zu machen, als der europäische
Stabilitätspakt erlaubt. "Die Regierung müsste offensiv für eine
Änderung des Paktes kämpfen." Drei Sofortmaßnahmen empfiehlt Bsirske der
Bundesregierung: Erstens die Rücknahme der Zumutbarkeitsregeln für die
Jobaufnahme. Zweitens einen gesetzlichen Mindestlohn zwischen 1200 und 1300 Euro
wie bei einigen europäischen Nachbarstaaten. Drittens mehr
"Steuergerechtigkeit" durch stärkere Belastung der Reichen und
Entlastung der Armen. Ideen wie diese klingen nach einem Programm, wie es
auch eine neue Linkspartei vertreten könnte. Was
hält Frank Bsirske von einer Neugründung links der SPD, über die derzeit viel
gesprochen wird? "Es überrascht nicht, dass sich da, wo die SPD ein
Vakuum lässt, Initiativen entwickeln und Enttäuschte nach einer neuen
politischen Heimat suchen. Aber das ist kein Thema für uns als Gewerkschaft
und auch kein Thema für mich", sagt der Gewerkschaftschef. Im nächsten
Satz behauptet er, "nicht allzu viele aus meiner Organisation zu
kennen", die eine Linkspartei vorantreiben. Dabei besteht die Bewegung
in weiten Teilen aus Mitgliedern von IG Metall und Verdi. Dem
Chef selber aber nimmt man die Zurückhaltung ab. Er hat seine politische
Heimat bei den Grünen und versteht wie viele Realos die Mechanismen der
Marktwirtschaft. Dass der Staat kein Geld hat, begreift Bsirske. Was er als
Gegenmodell zu Schröder formuliert, ist eine Renaissance der
Nachfragepolitik: Die Regierung sollte Geld in die Kassen der Haushalte
spülen, um die Nachfrage anzukurbeln. Dass diese Methode außer Mode ist,
schwant Bsirske allerdings schon: "Die Union will noch stärker die
soziale Entsicherung der Arbeitnehmer. Das alles macht uns große Sorge."
DIE WELT, Artikel erschienen am 27. Juni 2004 |