D a s   L i b e r a l e   T a g e b u c h

Sammlung Originaldokumente aus Das Liberale Tagebuch, (http://www.dr-trier.de)

 

 

4. Dezember 1997

Rede von Gerhard Schröder
Niedersächsischer Ministerpräsident, Mitglied des Parteivorstands
auf dem Parteitag der SPD

 

Sprung nach Bürokratie

 

Innovationen für Deutschland

 

Es gilt das gesprochene Wort!

Liebe Genossinnen und Genossen,

Die Ära Kohl war keine gute Zeit für Deutschland. Nichts ist besser, vieles ist schlechter geworden. Wir wissen es, und die Deutschen erleiden es.

Aber nicht durch die Schwäche der anderen werden wir überzeugen, sondern durch die Kraft unserer eigenen Ideen.

Kurt Schumacher hat 1946 auf dem ersten Parteitag nach dem Krieg in den Hanomag-Werken unsere Partei gemahnt:

"Man muß die Lehren aus dem Leben nehmen.

Man kann einen sittlichen, einen wissenschaftlich fundierten Wunsch haben. Aber man muß sich stets mit den Realitäten auseinandersetzen.”

Diese Mahnung, hier in Hannover ausgesprochen, ist auch heute richtig.

In diesem Sinne waren die letzten Tage geeignet, Hoffnungen zu wecken, die guten Erwartungen zu festigen. Dafür danke ich Euch allen.

Die Konservativen irren im Niemandsland zwischen ihren Flügeln.

Zwischen Yuppie-Typen und Herz-Jesu-Marxisten. Alles wende sich zum Guten, wenn nur der Staatseinfluß auf Null gedreht würde, predigen die einen. Die anderen konservieren alte Systeme so lange, bis sie morsch werden und zusammenbrechen.

Die Welt verändert sich auch ohne Politik. Die Veränderung wartet nicht auf Beschlüsse. Nicht einmal die notwendige Anpassung haben die Konservativen geschafft. Gestalten und steuern wollen sie schon längst nicht mehr.

Im Übergang von der alten zur neuen Ordnung gibt es immer Unruhe.

Aber in Bonn herrscht das Chaos.

Die Finanzlöcher werden bodenloser. Ein Finanzminister, der von seinem Apparat nicht einmal auf die Auswirkungen seiner eigenen Gesetze hingewiesen wird, der wird zum Gejagten jeder neuen Steuerschätzung.

Die Union versucht es mit einem Trick:

Sie läßt verbreiten, die Zeiten seien schlecht,

der Standort sei schlecht,

es mangele an Anpassungsbereitschaft der Menschen.

Sie will so tun, als sei ihre Krise die Krise des Systems.

Sie will so tun, als sei die Krise der Koalition die Krise aller Parteien.

Mein Vorwurf: Vor allem mißbraucht sie die Globalisierungsdebatte als Lernvermeidungs-Strategie.

Es gibt nicht den geringsten statistischen Beleg dafür, daß die Globalisierung zu Arbeitsplatzverlusten führen muß. So hat auf dem Höhepunkt der Globalisierung die USA ihre Arbeitslosigkeit von 10 auf 6% gesenkt, und hat Holland sie fast halbiert.

Wir können selbst entscheiden, ob wir im Prozeß der Globalisierung Hammer oder Amboß sind.

Die Konservativen wollen überdies so tun, als sei die Schizophrenie des deutschen Konservativismus und als sei ihre Unfähigkeit zur Führung die Perspektivlosigkeit der Politik schlechthin.

Sie stellen das ganze parlamentarische System als handlungsunfähig dar.

Und sie weigern sich, Verantwortung zu übernehmen, die sich aber auf sich nehmen müssen.

Ich will, daß wir die großen Chancen bei der Globalisierung betonen und nutzen und uns nicht durch ständiges Lamento lähmen. In Deutschland wird zuviel Politik mit der Angst gemacht.

Die Abiturienten und Lehrlinge von heute, auch diejenigen, die ohne Ausbildungsplatz dastehen, kennen nur einen Bundeskanzler: Helmut Kohl.

Wer trägt denn Verantwortung, wenn nicht er?

”Verantwortungsträger” zu sein, ist nicht nur ein Ehrentitel, wie Herr Schäuble meint. Er trägt besondere Verantwortung für das Versagen der Bonner Regierungskoalition. Herr Schäuble will so tun, als ginge mit ihm die Wende erst richtig los. Aber der Union gebührt keine zweite Chance.

In Deutschland schlägt nicht das Schicksal zu. Hier wirkt eine verbrauchte Regierung mit falschen Rezepten. Dieser entsetzliche Stillstand der Politik, die Finanzkrise, die alles Dagewesene in den Schatten stellt, diese eigentümlich gleichgültige, resignierte Haltung gegenüber jedem neuen monatlichen Arbeitslosenrekord!

Als Präsident Clinton seine erste Antrittsrede zu halten hatte, verwies er nicht weniger als fünf Mal auf das Modell Deutschland. Fünf Mal die Vorzüge unseres Modells, unseres Gesundheits- und Sozialsystems. Das ist gerade fünf Jahre her. Bei seiner Wiederwahl gab er nur noch einen Hinweis: die USA sollten sich vor der Deutschen Krankheit, ”German Desease”, hüten.

Wir importieren heute, nach 15 Jahren konservativ-liberaler Regierung, mehr Ingenieurleistungen, als wir exportieren. Die USA verdienen in jedem Jahr 37 Milliarden Mark mit dem Export von Lizenzen und Patenten ins Ausland - während wir sie importieren.

Die besten OECD-Länder brauchen nur 0,6 Prozent Wachstum, damit es beschäftigungswirksam wird.

Wir dagegen brauchen 2,3 Prozent Wachstum, damit der erste neue Arbeitsplatz entsteht. In Deutschland ist der Selbständigenanteil auf 7 Prozent gefallen. Es waren einmal 17 Prozent.

Kein Grund zum Schwarzmalen. Aber ein Grund zum Kämpfen! Zum Wahlkämpfen, zum Ablösen.

Dabei gilt: Deutschland hat gute Chancen! Deutschland kann eine gute Zukunft haben. Die Menschen sind motiviert, sie wollen anpacken. Die Wirtschaft hat ein breites, ausbaufähiges Fundament.

Noch haben wir Spitzen-Wissenschaftler im Lande.

Der sinkende Einfluß Deutschlands in Europa und der Welt ist hausgemacht. Tatsächlich wird eine konstruktive Rolle Deutschlands im internationalen Konzert eher eingefordert als gehemmt.

Unser Land wird mit bräsiger Selbstzufriedenheit unter Niveau regiert. Allen graut vor dem Kassensturz - die Erblast wird schrecklich sein. Die Ungleichheit wächst. Wachstum und Arbeitsmarkt haben sich voneinander abgekoppelt. Für Krisengemälde finden sich genug Motive. Aber unser Innovationsantrag ist keine Klagemauer. Er versteht Probleme als Herausforderungen, er zeigt Lösungen auf.

Die kaputtgesparten Hochschulen müssen wieder zum Impulsgeber für den Fortschritt werden.

Wir brauchen Wissenschaftler nicht als Gutachter für die Veto-Gruppen, sondern als Motoren der Moderne.

Innovationspolitik wie ich sie verstehe ist eine Querschnittsaufgabe.

Wir brauchen Innovationsallianzen aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik.

1995 ist Deutschland bei der Zahl der Patentanmeldungen beim europäischen Patentamt von Platz 1 auf Platz 3 abgerutscht.

An amerikanischen Hochschulen gehört es zum guten Ton, daß man Patente anmeldet und sich aus der Hochschule heraus selbständig macht. Das kann an deutschen Hochschulen auch so gehen.

Im Bereich der Biotechnologie kam die breiteste Grundlagenforschung von deutschen Hochschulen. Aber die Umsetzung in Produkte bis hin zur Großtechnologie wurde nicht in Deutschland, sondern in den USA ein Milliarden-Markt, mit Millionen Arbeitsplätzen.

Handwerker, Selbständige und Existenzgründer müssen von unnötigen Fesseln befreit werden.

Ein Handwerksgeselle muß heute fünf Stunden arbeiten, um sich eine einzige seiner eigenen Arbeitsstunden leisten zu können.

Lohnnebenkosten sind auch hier mitentscheidend. Da müssen wir 'ran!

Als Oskar vorgestern unsere Bereitschaft wiederholt hat, die weitere Erhöhung der Rentenbeiträge zu stoppen, verzeichnete das Protokoll lebhaften Beifall. Ich bin froh darüber.

In Niedersachsen haben wir erfolgreich damit begonnen, Verwaltungsvorschriften massiv abzubauen. Andere Länder tun das auch. Der Bund tut das Gegenteil. Als der sich daran machte, die Post zu privatisieren, gab es drei neue Gesetze, 800 neue Verordnungen und über 2.300 neue Verwaltungsvorschriften.

Jedes kleine Unternehmen, jeder Handwerker muß heute neben den einschlägigen Gesetzen 8.000 Verordnungen und Vorschriften, und das allein im Umweltschutz, beachten.

Natürlich sind Abfallgesetze, Lärmschutzgesetze, Emissionsschutzgesetze, Verpackungsverordnungen, Lebensmittelrecht wichtig.

Auch das Baurecht, die Arbeitsstättenverordnung, das Verkehrsrecht - ich beende meine Aufzählung nur aus Zeitgründen - haben große Bedeutung. Aber das juristische Schriftwerk alleine zum deutschen Baurecht braucht nach Auskunft von Kennern drei mal soviel Platz im Regal, wie das amerikanische.

Da wir gerade bei Quantität statt Qualität sind, noch diese Information: 95 Prozent der weltweit gedruckten Steuer-Fachliteratur erscheinen in deutscher Sprache.

Das deutsche Insolvenzrecht läßt kaum mehr jemanden auf die Beine kommen, der mal gescheitert ist.

Damit ist klar, wieviel Raum es für wirtschaftsfördernde Politik gibt, die schnell wirksam ist und eben kein Geld kostet.

Die Bereitschaft, mit Kapital Risiken einzugehen, ist völlig fehlgeleitet. Spekulationen in Warentermingeschäften, in Schweinehälften und anderes werden begünstigt.

Nur 5 Prozent des weltweiten Devisenhandels sind noch durch realwirtschaftliche Tauschgeschäfte unterlegt, der Rest ist bloße Transaktion - oder wie man auch sagen könnte: Spekulation.

Bei Warentermingeschäften, Währungsspekulationen und mit Derivaten wurden in Deutschland 1994 Verluste in Höhe von 35 Milliarden Mark hingenommen. Gleichzeitig wird jedoch zu wenig Kapital mobilisiert für Investitionen mit hohem Innovations- und Wachstumspotential.

Fehlendes Risikokapital ist - im Wortsinne - eine Marktlücke in Deutschland, sogar Marktversagen. Jede zweite geplante Unternehmensgründung scheitert heute am fehlenden Geld.

Wenigstens das wollen wir sofort ändern.

In Niedersachsen und in Nordrhein-Westfalen und auch in anderen Ländern haben wir damit schon begonnen.

Unser Antrag zeigt ein ganzes Bündel von Konzepten und Ideen, wie wir schneller neue Produkte und neue Märkte erschließen können.

Nur so können wir zum Kostenwettlauf eine Alternative entwickeln. Nur wenn wir Produkte haben, in denen sich der Wissensvorsprung unserer Techniker und Ingenieure widerspiegelt, ist das möglich.

Produkte, die theoretisch an jedem Ort der Welt hergestellt werden können, werden der Produktivitätspeitsche nicht entkommen.

Nur Arbeit auf hohem Niveau sichert Löhne auf hohem Niveau - die Kostenkonkurrenz schafft das nicht.

Wir werden und wollen Industriestandort bleiben.

Aber die sozialverträgliche Gestaltung des Strukturwandels ist nicht das einzige, was wir leisten müssen.

Die Hälfte aller wichtigen Innovationen bis zum Jahr 2020 werden in der chemischen Industrie erwartet. Da müssen wir dabeisein und mithalten.

Unser Antrag zeigt konkret, wie wir Tradition und Neuanfang sinnvoll zusammenbringen. Die privaten Investitionen, die wir durch Förderpolitik freisetzen können, übersteigen bei weitem die Möglichkeiten des Staates. Selbst wenn er in die eigene Tasche griffe, wäre soviel gewiß nicht drin.

Ohne Innovationen werden sich Ökonomie und Arbeitsmarkt in Deutschland weiter spalten.

Andere Volkswirtschaften würden produzieren, was die Zukunft braucht.

Nur wenn unsere Produkte und Dienstleistungen höchsten Anforderungen genügen, können wir aus der Verwaltung des Mangels ausbrechen, weil wieder verteilt werden könnte, was neu erarbeitet wird.

Innovationen werden von Menschen gemacht.

Sie setzen sich nur da durch, wo Erfindergeist, technische Intelligenz, technische Realisierbarkeit und gesellschaftliche Nachfrage zusammentreffen.

Die ist da in Deutschland. Wir haben - anders als oft beklagt - keine pauschale Technikfeindlichkeit.

75 Prozent der Deutschen unterschreiben des Satz: "Technischer Fortschritt macht unser Leben sicherer, gesünder und einfacher.”

Die Mehrheit möchte die Entscheidungen aber nicht der Wissenschaft überlassen, sondern fordert eine Abwägung der Chancen und Grenzen durch die Politik. Problemlösende Technik - sei es im Umweltschutz,

in der Medizin, der Telekommunikation oder im Transportwesen - ist längst noch nicht an ihre Grenzen gestoßen.

Und es geht nicht nur um technische Innovationen. Es geht auch um soziale und mentale Innovationen. Wir sind weit davon entfernt, unseren Staat optimal organisiert zu haben. Die Menschen wollen den Staat nicht vor der Nase haben, sie wollen ihn an ihrer Seite wissen.

Viele unserer Vorstellungen sind international erprobt. Sie schaffen wirklich Arbeitsplätze. Wim Kok, den wir gestern gehört haben, hat viel geschafft. Auch die Schweden haben viel geschafft. Die Dänen und die Briten sehe ich auf einem Erfolgsweg.

Wer sich dem Modell Holland nach der Volkswirtschaftslehre nähert, bekommt ernste Verständnisprobleme. Nach den Lehrsätzen dürfte es nicht funktionieren: Ein im europäischen Maßstab niedriges Pro-Kopf-Einkommen, die niedrigste Arbeitszeit pro Kopf und die geringste Lohnspreizung.

Sie haben trotzdem die Staatsverschuldung abgebaut und Arbeitsplätze geschaffen. Sozial abgesicherte Teilzeitarbeit und intelligente Betriebsorganisation.

Sie können mit einem geringeren Pro-Kopf-Einkommen auch deshalb gut leben, weil sie extrem geringe Wohnkosten haben und die meisten Familien im eigenen Haus leben. Das zeigt: Man muß die Dinge, die zusammengehören, auch zusammen denken.

Das Modell Holland habe ich gründlich studiert. Vieles von dem, was dort gemacht wurde, ist für uns als Idee nicht neu. Wir haben es vor 10 oder 15 Jahren diskutiert.

Aber: das ist es eben! Wir in Deutschland diskutieren noch immer, während in Holland gehandelt wurde. Im Konsens zwischen Staat, Gewerkschaften, Unternehmen.

Wir dürfen nicht zulassen, daß den Menschen aufgequatscht wird, die blockierte Gesellschaft sei ein Gemeinschaftswerk aller Parteien.

Die blockierte Gesellschaft ist eine schlimme Hinterlassenschaften der konservativen Regierungsära.

Sie hat sogar inzwischen ihr eigenes Erbe verspielt.

Nichts mehr vom sozialen Ausgleich, von den Teilhabe-Ideen eines Ludwig Erhard. Ich jedenfalls sehe kaum eine Spur vom sozialpolitischen Ethos, das im Christlichen wurzelt.

Andere haben mit dem Umbau schon erste Erfolge. Deutschland tritt auf der Stelle.

Die Menschen warten auf eine SPD, die wieder Mut macht.

Rudolf hat gestern den Professor Hondrich zitiert. Im gleichen Aufsatz wurde uns auch ein Kassandra-Komplex vorgeworfen.

Wer immer nur klagt und warnt, der erweckt kein Vertrauen.

Für mich ist die größte Leistung, daß dieser Parteitag Hoffnungszeichen setzt, Aufbruchstimmung erzeugt.

Liebe Genossinnen und Genossen,

ich spüre deutlich: Es gibt ganz neue Allianzen. Unternehmer, Angestellte und Arbeiter, die durch ihre Leistung ihr Auskommen sichern und dem Ganzen dienen, verbindet durchaus ein Zusammengehörigkeitsgefühl.

Was sie gemeinsam ärgert, sind: unnötige Hemmnisse, die sie an der Arbeit hindern, und die Rosinenpicker, die sich ohne eigene Leistung durchzumogeln versuchen.

Wenn diese Gruppe dem Satz zustimmt: ”Leistung muß sich lohnen”, dann distanziert sie sich von den Salonlöwen, den Privilegierten ohne eigene Leistung.

Um deren Zustimmung werbe ich nicht.

  • Aber die Individualisten mit Gemeinsinn,
  • die Pragmatiker mit Visionen.
  • Diejenigen, die anpacken;
  • die Unternehmer, die es nicht modern finden, Land und Leute nicht mehr zu kennen, sondern die Verantwortung spüren;
  • die Arbeiter und Handwerker, die stolz sind auf ihre Leistung.

Die will ich alle bei uns wissen.

Ich kenne die harten Seiten des Lebens. Ich weiß, wie wichtig es ist, in einer Gesellschaft zu leben, in der es Chancengleichheit gibt.

Aber für mich ist es selbstverständlich, daß man das seine tut, damit es vorangeht. Man darf von der Gesellschaft nicht nur nehmen, man muß ihr auch geben. Alles andere ist ein falsches Verständnis von Solidarität.

Liebe Genossinnen, liebe Genossen,

unser Antrag hat schon in der Entwurfsfassung viel Zustimmung bekommen. Seine Botschaft hat gesessen. Eine SPD, die Tradition und Moderne verbindet.

Die Menschen hoffen jetzt, daß wirtschaftliche Dynamik freigesetzt wird, und sie wollen ihren gerechten Anteil daran haben.

Sie wollen nicht in ständiger Angst vor dem Verlust ihres Arbeitsplatzes leben.

Sie haben die Nase voll von taktischer Politik, die nur über die Runden kommen will.

Sie wollen, daß unsere Angebote an ihre Realität anknüpfen.

Sie haben ein gutes Gespür dafür, was zukunftsfähig ist.

Sie wissen längst, daß Politik nicht alle Lebensrisiken beseitigen kann. Aber sie suchen doch Sicherheit und etwas mehr Geborgenheit, Haltepunkte und Leuchttürme, wie sie hier rechts und links von der Bühne gemalt sind.

Die jungen Leute wollen ihre faire und gerechte Chance zum Einstieg in das Berufsleben, und auch zum Aufstieg. Sie sollen sie bekommen und sich nicht an den Gedanken gewöhnen müssen, daß das, was ihre Eltern hatten, für sie unerreichbar sein soll.

Ihr wißt, daß ich hier in Niedersachsen um jeden Ausbildungsplatz ringe. Nicht ohne Erfolg.

Daß ich die Sache mit der Ausbildungsplatzabgabe deshalb etwas anders sehe, ist kein Geheimnis. Aber ich weiß, daß das, was in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen möglich ist, anderswo nicht immer so geht. Deshalb kann ich leben mit dem, was die Antragskommission empfohlen hat.

Liebe Genossinnen und Genossen,

Die Frauen wollen endlich auf ganz normale Weise und ganz selbstverständlich gleiche und gerechte Chancen haben. Der Kampf für mehr und bessere Ausbildung war und bleibt der entscheidende Schritt zur Gleichberechtigung. Das Ausbildungsniveau der jungen Frauen ist in einigen Bereichen heute schon höher als das der jungen Männer. Jede vierte Existenzgründung im Handwerk ist heute schon eine durch Frauen. So toll ist das deutsche Top-Management wirklich nicht, daß es auf Frauen in Führungspositionen verzichten könnte.

Liebe Genossinnen und Genossen,

da gibt es viele, die wollen endlich die Republik durchlüften. Sie wollen einen kulturellen Aufbruch wagen. Weltoffen und dialogbereit zwischen den Kulturen und Religionen. Sie wollen nicht zulassen, daß sich dieses Land im Mief einmauert.

Sie ahnen die Falle, daß nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes ein neuer Nord-Süd-Konflikt als Kultur- und Religionskonflikt aufgebaut werden soll. Sie wollen keine Neuausrichtung von Raketensprengköpfen, sondern Brücken bauen.

Diejenigen, die an den Rand gedrängt wurden, und die, die nicht wollen, daß wir in einer Gesellschaft leben, bei der so viele an den Rand gedrängt werden, warten auf das Signal von uns.

Bei ihnen hat sich längst die Erkenntnis durchgesetzt, daß die Ökonomie, daß Wirtschaftskompetenz die Basis für eine erfolgreiche Ausgestaltung des Sozialstaats ist. Der Sozialstaat muß finanziert werden, weil es human geboten und auch ökonomisch richtig ist.

Ökonomisches Denken ist die Überlebensstrategie für das nächste Jahrhundert. Das ist nicht der ”Terror der Ökonomie”. Ökonomie ist gewiß nicht alles, aber ohne wirtschaftlichen Erfolg ist vieles andere nichts.

Was Oskar in seiner Rede uns allen aufgegeben hat, dafür müssen wir hart arbeiten, wenn es Realität werden soll.

Die Marktwirtschaft ist ohne Alternative, wenn individuelle und kollektive Kreativität und Leistungsbereitschaft gedeihen sollen.

Aber der Markt ist nicht Selbstzweck.

Er behauptet nicht einmal von sich selbst, zu moralischen Zwecken entwickelt zu sein.

Der Markt ist ein Instrument.

Eines, das wir wollen. Eines, das wir pflegen. Eines, das wir aber nur begrenzt gestalten können.

Aber er ist ein Instrument.

Dem Markt müssen Ziele gesetzt, ihm muß Moral und Richtung gegeben werden. In ihm müssen Interessen gegeneinander abgewogen werden. Der Staat muß Gerechtigkeit einfordern und durchsetzen.

Übrigens: Kluge Ökonomen wissen, das ist kein Markthemmnis. Sondern es sichert auf Dauer seine gesellschaftliche Akzeptanz und sein Überleben.

Die Gewerkschaften können auf uns bauen. Und auch die Unternehmer können sicher sein, daß wir miteinander und nicht gegeneinander dem Land dienen wollen.

Wir nehmen alle Vorschläge ernst, die tatsächlich zu mehr Arbeitsplätzen führen. Alle Vorschläge wie - ohne Abstriche bei Standards - schneller auf Chancen am Markt und Wünsche der Kunden reagiert werden kann.

Wir brauchen wieder einen Konsens in Deutschland, nicht das Geschwafel. Konsens war ein konstitutives Element unserer Demokratie.

Nach dem Krieg war er Bedingung für den Wiederaufbau. Wenn es ernst wird, stehen wir zusammen:

die Unternehmer, die Gewerkschaften, die Politik und

die Fachleute. Nur eine gemeinsame Anstrengung kann aus dem Schlamassel führen.

Ein faires Abwägen zwischen Geben und Nehmen. Ludwig Erhard hatte dafür seine Worte. Karl Schiller nannte es ”Konzertierte Aktion”. In der internationalen Literatur gibt es dafür das Wort vom ”Rheinischen Kapitalismus”. Man kann es auch ”Bündnis für Arbeit” nennen.

Die jetzige Regierung hat das verspielt. Keiner von denen wird mehr als ausgleichender Moderator akzeptiert.

Wir wollen das gemeinsam als richtig Erkannte tatsächlich durchsetzen - der gemeinsame Fundus zwischen Gewerkschaften und Unternehmensvorständen ist größer als mancher glaubt.

Verantwortung übernehme jeder an seinem Platz; dafür brauchen wir den Konsens.

Liebe Genossinnen, liebe Genossen,

die ökonomische Wirklichkeit läßt sich am besten im Betrieb studieren. Seitdem ich Ministerpräsident bin, besuche ich mindestens einen Betrieb pro Woche. Viele ahnen nicht, was die Arbeitnehmer auf sich nehmen, um ihre Arbeitsplätze zu retten. Die Pläne für die Verlagerung eines Chemiebetriebs waren längst fertig. Betriebsrat und Gewerkschaft haben gegengesteuert. Höchstmögliche Flexibilisierung gegen Arbeitsplatzsicherheit. Das Ergebnis kann keinen von uns zufriedenstellen, aber das ist die Realität in einem nicht unwichtigen deutschen Betrieb:

  • Unbezahlte Mehrarbeit bis zu zweieinhalb Stunden pro Woche bei Auftragsspitzen
  • Bei Auftragsflauten: Verzicht auf Sondergratifikationen, zum Beispiel aufs Weihnachtsgeld
  • In Krisenzeiten befristete zehnprozentige Lohnkürzung im sogenannten Entgeltkorridor
  • Die Arbeitszeit wurde flexibilisiert: Übers Jahr gilt die 37,5-Stunden-Woche. Die Jahresarbeitszeitkonten erlauben je nach Auftragslage deutlich höhere - oder geringere - Wochenarbeitszeiten. Das wird in weniger hektischen Zeiten durch Freizeit ausgeglichen.

Ich sagte schon, keinen kann das zufrieden stellen, aber dieser Betrieb der Continental AG hat die Krise hinter sich.

Die Belegschaft hat das möglich gemacht.

Es ist abgemacht, daß die Belegschaft dieses Unternehmens künftig mehr als bisher am Gewinn beteiligt wird.

Das ist eine der ersten vertraglichen Vereinbarungen dieser Art. Flexibilität, ja Verzicht nur gegen Arbeitsplatzsicherheit.

Und wenn es besser geht, sollen die Arbeitnehmer für ihre freiwilligen Vorleistungen entschädigt und honoriert werden. Ich finde, das ist das Mindeste was zu erwarten ist, das muß eine blanke Selbstverständlichkeit sein.

Liebe Genossinnen, liebe Genossen,

Herr Kohl will mit uns über Modernisierungspolitik nicht diskutieren. Er will nicht um Inhalte streiten. Diese Wahlkampfmaschine will wegtauchen ins Allgemeine und Grobe. Einen Richtungswahlkampf will er uns aufzwingen. Dabei will er selbst durch die Mitte und nebenbei rechts absahnen. Wir sollen bitteschön links abbiegen und ihm die Mittelspur freimachen.

Wenn es schon ein Richtungswahlkampf sein soll, dann aber einer, bei dem WIR den Kurs bestimmen. Unser Kurs ist klar: Wir gehen nach vorn.

Der Antrag ist eine gute Basis dafür.

Innovationspolitik ist kein moderner Dirigismus. Keine neuen Ziele mit alten Instrumenten. Routine ist das nicht. Es ist ein Prozeß, für den die Rahmenbedingungen stimmen müssen. Der aktivierende Staat kann das nicht verordnen; er setzt Anreize zur Innovation und baut Hemmnisse ab.

Moderne Wirtschaftspolitik ist die Erneuerung des Modells Deutschland. Es geht um eine neue Synthese - einen neuen Gesellschaftsvertrag - zwischen Ökonomie und Arbeitsmarkt. Selbst Herr Lambsdorff hat sich in seinem Abschiedsinterview aus dem Bundestag zu dem Satz hinreißen lassen: Jede Wirtschafts- und Finanzpolitik muß sich an ihrem Ergebnis auf dem Arbeitsmarkt messen lassen. Eine späte Erkenntnis. Zu spät für ihn. Aber ich sage: Wo der Mann Recht hat, hat er Recht.

Arbeitsplätze werden vernichtet und neue geschaffen, nur meist nicht zur gleichen Zeit und am gleichen Ort und für die gleichen Menschen. Da fordert unser Antrag unsere Kraft und unseren Gestaltungswillen.

Für die sozialen Brennpunkte in den Großstädten könnte das heißen: mit den dort lebenden Menschen Stadtteilmodernisierung entwickeln, Eigeninitiative fördern, und die Arbeit bezahlen, statt Arbeitslosigkeit. Ich bin überzeugt, wenn wir in solchen Stadtteilen den Menschen neue Hoffnung gäben, würden ihre Stadtteile wieder lebenswerter und auch sicherer.

Es würde ihr Selbstwertgefühl und ihre Würde stärken, wenn sie etwas für sich selbst und ihr Lebensumfeld tun könnten.

Es ist hoffentlich deutlich geworden, daß Wirtschaftspolitik mehr ist als die Summe betriebswirtschaftlicher Einzelentscheidungen oder das Studieren von Aktienkursen.

Der wirtschaftliche Erfolg einer Gesellschaft läßt sich natürlich nicht an der Zahl ihrer Einkommens- oder Vermögensmillionäre ablesen.

Jeder muß seinen gerechten Anteil am gemeinsam erwirtschafteten Vermögen haben.

Von uns wird selbstverständlich ein Gesellschaftsentwurf erwartet. Nicht weniger als die Antwort auf die Frage: Wie wollen wir morgen leben?

Aber drängend ist auch die Frage: Wie erreicht ihr das, und wie bezahlt ihr das?

Der Satz: ”Wenn Ihr regieren würdet, könntet Ihr es auch nicht besser!” - das ist der Hauptgegner.

Der muß weggearbeitet werden in den vor uns liegenden Monaten.

Unser größter Feind ist das, was sich schon in das Bewußtsein zu Vieler geschlichen hat:

Die Alternativlosigkeit.

Die Menschen sollen genau wissen, was sie davon haben, wenn wir regieren. Wo ihr Leben leichter, besser und hoffnungsfroher wird, auch reicher und sicherer. Lebensnahe, konkrete Antworten - für die taugt unser Antrag. Und gleichzeitig für so wichtige Dinge wie:

Orientierung geben, Hoffnung machen, Brücken bauen.

Viele erinnern sich noch: Zum Ende der sozialliberalen Koalition standen wir vor einem scheinbar unlösbaren Problem. Die Partei war polarisiert. Eine neue Partei wurde daraus gezeugt.

Da stand auf der einen Seite die Ökonomie, und auf der anderen die Ökologie.

Unversöhnlich, in getrennten Lagern. Was für ein Quatsch, aus heutiger Sicht!

Wir haben das zusammengebracht, wir haben klar gemacht, daß Ökologie und Ökonomie einander bedingen.

Ihr habt diese Argumente nach draußen getragen, und ihr habt es Realität werden lassen, da wo ihr Verantwortung tragt.

Wir haben bemerkenswerte Fortschritte im Umweltschutz. Wir haben sie mit Hilfe von Technik, Wissenschaft, Ingenieurleistung, von Standards, gesellschaftlicher Akzeptanz und hohem Investitionsaufwand - also mit Hilfe der Ökonomie erbracht!

Richtig ist, daß die deutsche Umweltschutztechnologie jetzt ein Exportschlager ist.

Wir können innovative Kompetenz bei der Lösung von Umweltproblemen gut verkaufen an die, die sie dringend brauchen, weil sie ihren Aufstieg mit dem Raubbau an Wasser, Luft und Boden erkauft haben.

Noch besser ist es, wir helfen mit unserer Umwelttechnik, solche Schäden zu vermeiden.

Das ehrgeizige Energieprogramm Chinas baut auf Kohleverstromung. Noch ist nicht entschieden, mit welcher Kraftwerkstechnologie. Wenn es die herkömmliche ist, wird der CO2-Ausstoß zur neuen extremen Klimabelastung. Schon wenn dort unsere neueste Technologie mit höheren Wirkungsgraden zum Einsatz käme, würde viel weniger Kohle eingesetzt werden müssen, um die gleiche Energiemenge zu erzeugen. Das würde genausoviel CO2 vermeiden, wie zur Zeit die gesamte Weltproduktion von Energie aus Windkraft.

Der weltweite Erfolg unserer Umweltschutztechnologie könnte noch größer sein, wenn unsere Forschungsförderung gezielter wäre.

Wenn eine Exportförderung vorhanden wäre, die den Namen verdient.

Wenn Politik es verstünde, nationale wirtschaftliche Aktivitäten zu bündeln, damit sie in den großen Märkten gemeinsam besser bestehen können.

Es reicht meist nicht mehr, nur den Anlagenbau anzubieten, wenn andere Anbieter Finanzierungsvorschläge und das Betreiber-Know-how gleich mitliefern - und das mit großer Unterstützung ihrer Staaten.

Heute versteht kaum mehr einer den Konflikt, der uns Anfang der 80er Jahre erschütterte. Heute müssen wir sogar aufpassen, daß nicht der restriktive Bürokrat ökologische Ziele mißbraucht, nach dem Motto:

”Das-haben-wir-ja-noch-nie-gemacht” oder ”Wenn-da-jeder-käme”.

Etwa um Langsamkeit und Blockadementalität an die Stelle von Dynamik zu setzen. Schon jetzt müssen wir aufpassen, daß das Aufbruchthema von gestern nicht das Stichwort für neue Beharrung und neuen Konservativismus wird.

Da darf kein neuer Gegensatz entstehen, weil wir nun das eine mehr als das andere betonen.

Es geht ums Gleichgewicht, wie so oft.

Ich bin froh, daß für die moderne Wirtschaftspolitik die ökologische Komponente selbstverständlich ist. Daß ihre Chancen erkannt wurden. Daß die moderne Ökonomie die Fehlerfreundlichkeit von Systemen und die Möglichkeit zur Rückholbarkeit vernünftig findet.

Heute geht es um eine ähnliche historische Dimension. Es gilt, die notwendigen Innovationen, den Aufbruch, den Umbau, den Fortschritt, in Einklang zu bringen mit Gerechtigkeit, mit Solidarität, mit Chancengleichheit, mit der Teilhabe eines jeden am Wohlstand.

Teilhabe-Gesellschaft statt Ellenbogenmentalität, das ist ein wirklich modernes Konzept.

Die Älteren erinnern sich: 1969 stand die deutsche Sozialdemokratie schon einmal bereit, den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Unsere Parole hieß damals: ”Wir schaffen das moderne Deutschland”. Willy Brandt sprach damals vom ”Modell Deutschland” - die Welt tat es auch. Es stand sogar auf den Plakaten.

Das Wort ”Reform” hatte noch einen guten Klang.

Liebe Genossinnen und Genossen,

In diesem Sinne knüpft unser Antrag an 1969 an. Er ist inhaltlich eine Erneuerung des Modells Deutschland, und es stünde ihm gut, wenn sein Titel wäre - anknüpfend an Willy Brandt:

”Wir schaffen das moderne Deutschland”.

Das Schöne daran ist: Es wäre eine Brücke zwischen Tradition und Neuanfang. Es würde deutlich zeigen:

Wir sind wieder voll da, die Alternative ist klar, wir sind zum Aufbruch fähig.

Wir haben eine große Chance, den Wechsel in Bonn zu schaffen. Aber eines sage ich in allem Ernst und beziehe mich mit ein:

Wenn wir es diesmal nicht schaffen, dann sind wir selber schuld.

Dieses Wissen eint uns.

Wir kennen unsere Verantwortung.

Wir nehmen sie wahr.

Wir werden ein tolles Mannschaftsspiel liefern.

Wir setzen auf Sieg!