D a s L i b e r a l e T a g e b u c h |
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Sammlung
Originaldokumente aus Das Liberale Tagebuch, (http://www.dr-trier.de) |
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Ulla Schmidt, Bundesministerin für
Gesundheit und soziale Sicherung am 15. November 2002 vor dem Bundestag: Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und
Kollegen! Bei den vorliegenden Gesetzentwürfen geht es um eine gerechte und
faire Aufteilung von Lasten in schwierigen Zeiten. Es geht darum, Ausgaben zu
begrenzen, Beiträge bezahlbar zu halten, die Lohnnebenkosten zu stabilisieren,
und letztlich auch darum, wieder mehr Menschen in Arbeit zu bringen. Die Bürgerinnen
und Bürger wissen, dass in schwierigen Zeiten alle an einem Strang ziehen müssen,
damit es wieder aufwärts geht,
und vor allem, dass alle am selben Ende ziehen müssen. Deshalb fordern wir
von allen einen Solidarbeitrag ein, ohne den Einzelnen dabei zu überfordern:
in der Rentenversicherung von den Jungen und den Alten, im Gesundheitswesen
von den Versicherten, den Pharmaunternehmen, den Apotheken, dem Großhandel
und auch den Ärztinnen und Ärzten. An dieser Stelle möchte ich deutlich sagen:
Den Ärztinnen und Ärzten wird kein Geld weggenommen. Sie werden im kommenden
Jahr lediglich auf einen Honoraranstieg von durchschnittlich 160 Euro pro Monat
verzichten müssen. Dadurch wird niemand in seiner Existenz gefährdet - kein Arbeitsplatz
wird gefährdet - und die Patientenversorgung bleibt gewährleistet. Erstmalig erschließen
wir Sparpotenziale, ohne medizinische Leistungen zu kürzen und die Zuzahlungen
für die Kranken weiter zu erhöhen. Wir sorgen
mit den Einsparungen dafür, dass die Beitragssätze im Jahr 2003 so niedrig
wie möglich bleiben können und Beitragssatzanhebungen auf zwingend
erforderliche Ausnahmen beschränkt bleiben. Zu dieser einmaligen
"Erste-Hilfe-Maßnahme" gibt es momentan keine Alternative; das haben
die Spitzenverbände der gesetzlichen Krankenkassen in der Anhörung bestätigt.
Ich verstehe die besorgten Stimmen der Kolleginnen und Kollegen aus den neuen
Ländern. Sie haben im Hinblick auf die flächendeckende Versorgung größere Herausforderungen
zu bewältigen als wir in Westdeutschland. Darauf haben wir bereits in der
letzten Legislaturperiode mit der Einführung des Wohnortprinzips und der Sicherung
und Weiterentwicklung der Gesundheitszentren reagiert. Ich sage es ganz deutlich:
Wenn die Möglichkeit besteht, die Vergütung der Ärztinnen und Ärzte im niedergelassenen
und stationären Bereich im Osten rascher voranzubringen und damit die Angleichung
von Ost an West, die bis 2007 vorgesehen ist, zu beschleunigen, werden wir
sie ergreifen. Wir sehen die Probleme, die sich unter anderem aus einer
verstärkten Abwanderung von Ärztinnen und Ärzten aus den neuen Bundesländern
ergeben würden. (Beifall bei der SPD sowie bei
Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN - Detlef Parr [FDP]: Ihre vier
Jahre waren schlechter als die 16 Jahre!) - Im Gegensatz zu Ihnen haben wir in unserer Regierungszeit
gehandelt. Das ist einer der Gründe, warum wir zeitgleich zu diesem
Sparprogramm eine Strukturreform auf den
Weg bringen, die sich vorrangig mit der Ausgabenseite der
gesetzlichen Krankenversicherung befassen wird. Wir werden Effizienzreserven erschließen, damit die
Ausgaben sinken und die Qualität der Versorgung steigt. Liebe Kolleginnen und
Kollegen, die ständige Debatte über Geld lässt manchmal vergessen, dass die
Hauptprobleme unseres Gesundheitswesens mangelnde
Qualität, mangelnde Transparenz und mangelnde Prävention sind. Uns
fehlt zurzeit etwa 1 Prozent der Einnahmen,
die wir brauchen. Nach Angaben des Sachverständigenrates fehlen 25 Prozent
der Qualität, die wir eigentlich haben sollten. Da liegt das wahre Defizit in
der Gesundheitsversorgung. Wir können es uns nicht länger erlauben, dass
Untersuchungen parallel und mehrfach durchgeführt werden und dass teure
Medikamente ohne therapeutischen Zusatznutzen verordnet werden; denn das geht nicht nur zulasten der Patienten
und Patientinnen, sondern es ist ineffizient. Es gibt viele Beispiele für
solche Ineffizienzen in unserem
Gesundheitssystem: Jede dritte Röntgenuntersuchung ist medizinisch nicht
notwendig; 50 Prozent der Röntgenuntersuchungen sind technisch unzureichend;
140 000 Menschen sterben jedes Jahr an Medikationsfehlern und aufgrund von
unerwünschten Arzneimittelwirkungen. Wir haben nicht hingenommen, dass bei
Frauen pro Jahr zwischen 2 Millionen und 4 Millionen Mammographien ohne
Qualitätssicherung durchgeführt werden, dass fälschlicherweise rund 200 000
positive Befunde gestellt werden und dass 100 000 Frauen unnötig operiert
werden. Deshalb haben wir eine
Qualitätsoffensive eingeleitet, deshalb haben wir die Programme
zur besseren Versorgung chronisch kranker Menschen auf den Weg gebracht und
deshalb sind wir fest entschlossen, dafür zu sorgen, dass schwere Krankheiten
gemäß medizinischer Behandlungsleitlinien behandelt werden. Wir werden das Tempo, mit dem wir vorgehen,
beschleunigen. Dazu werden wir ein Deutsches Zentrum für Qualität in der Medizin einrichten,
das einen wichtigen Beitrag dazu leisten soll. Wir stärken den Wettbewerb. Die Qualität wird steigen. Der Wettbewerb wird organisiert. Wir werden
dafür sorgen, dass gute Qualität gut bezahlt wird. Das geht nur, wenn gleichzeitig schlechte Qualität
aus der Versorgung verschwindet. Wir werden dafür sorgen, dass sich
Leistung und regelmäßige Fortbildung wieder lohnen. Deshalb müssen Ärzte und
Krankenkassen über gute Qualität informieren dürfen, deshalb müssen Krankenkassen
Direktverträge schließen können, deshalb werden wir das Vertragsrecht
flexibilisieren und deshalb werden wir die Rolle
der Hausärzte stärken. Weil gute Qualität und Wirtschaftlichkeit
zusammengehören, liberalisieren und modernisieren
wir die Arzneimittelversorgung. Wir werden dafür sorgen, dass die Rabatte, die in diesen Systemen fließen, endlich
den Versicherten zugute kommen, damit die Beiträge gesenkt werden können.
Ziel
unserer Reformen ist die Gesundheit der Menschen. Wir stellen die Patienten
in den Mittelpunkt. Wir stärken ihre Rechte. Aber wir fordern auch Eigenverantwortung
ein. Dazu werden wir die Prävention zur
vierten Säule im Gesundheitswesen ausbauen. Jede Krankheit, die nicht
entsteht, ist die beste Entlastung für die gesetzliche Krankenversicherung.
Dass Krankheiten vermieden werden, ist aber auch für jeden Einzelnen von uns
das Beste. Eines ist klar: Jeder und jede von uns hat nur ein Leben; deshalb werden wir dafür
sorgen, dass die Menschen so lange wie möglich gesund bleiben. Dabei nehmen wir uns ein Beispiel an
anderen Ländern. Die Finnen haben ein Programm auf den Weg gebracht, mit dem
Herzkrankheiten besser vorgebeugt werden kann. Durch dieses Programm wurde
die Häufigkeit des Auftretens von Herzkrankheiten halbiert. Etwas Ähnliches
in Deutschland zu schaffen, ist unser gesundheitspolitisches Ziel. Die
Keimzelle für solche Programme ist das Deutsche Forum Prävention und Gesundheitsförderung.
Es hat seine Arbeit bereits aufgenommen und wir werden diese Arbeit weiterhin
fördern. Damit die Menschen erkennen können, was das System für sie leistet,
setzen wir auf Transparenz. Wir werden die elektronische Gesundheitskarte und
die Patientenquittung einführen. Liebe Kolleginnen und Kollegen, unsere Gesundheitspolitik hat ein klares Konzept:
Qualität, Transparenz und Prävention statt Zweiklassenmedizin und Resignation
vor den Widerständen der Lobbygruppen, die demonstrieren und den Untergang
der Welt beschwören. Wir werden deshalb diese Reformpolitik fortsetzen. Wir setzen auf eine Qualitätsreform. Sie wird kommen
und ist der wichtigste Beitrag dafür, dass gute Gesundheitsversorgung für
alle bezahlbar bleibt. Wir werden uns auch mit der langfristigen
Sicherung der Einnahmesituation aller sozialen Sicherungssysteme befassen.
Wir werden eine Kommission einberufen, die
Vorschläge zur nachhaltigen Finanzierung und Weiterentwicklung der
sozialen Sicherungssysteme machen soll. Diese Vorschläge bauen auf der
Rentenreform auf, die wir in der letzten Legislaturperiode gemacht haben und
die sich dadurch auszeichnet, dass sie für die jetzt junge Generation die
Einkünfte im Alter und jetzt den Lebensstandard der älteren Generation
sichert. Darauf wird auch die Gesundheitsreform aufbauen. Die Koalition von SPD und Grünen im Deutschen
Bundestag wird dafür sorgen, dass unsere sozialen Sicherungssysteme modernisiert
und zukunftsfähig gemacht werden und nach dem Prinzip der Generationengerechtigkeit
funktionieren. Danke. |