D a s   L i b e r a l e   T a g e b u c h

Sammlung Originaldokumente aus Das Liberale Tagebuch, (http://www.dr-trier.de)

 

 

Deutschlandfunk: Interview der Woche

 

Interview vom: So. 15.12.2002 • 11:05

 

Otto Schily, Bundesinnenminister (SPD)  Das Gespräch führte Stephan Detjen

 

01- Detjen: Herr Minister, wenn Sie in den letzten Wochen und Tagen das Erscheinungsbild der SPD betrachtet haben, gab es da einmal einen Moment, in dem Sie Ihren Parteiwechsel von 1989 bereut und sich heimlich danach gesehnt haben, heute mit den Grünen der – wie die es sagen – der ‚Reformmotor‘ in der Koalition zu sein.

 

Schily: Nein, die Überlegung ist auch nicht im Entferntesten bei mir aufgetaucht. Ich glaube, dass die Grünen auch einen gewaltigen Fehler machen, sich zu überschätzen. Die Grünen haben in den ersten Wochen der Regierungsarbeit leider für viel Verwirrung gesorgt. Es ist ja schon ein bemerkenswerter Punkt, wenn man wegen 0,2 Prozent Rentenversicherungsbeitragserhöhung schon eine Koalitionskrise ausruft. Ich glaube, das war eine Torheit bei manchen – ja, nicht bei allen Grünen, sondern bei einem Teil der Grünen. Aber das ist ja inzwischen überwunden, und insofern . . .

 

02 - Detjen: . . . die Partei hat ja auch hinreichend eigene Probleme gehabt. Sie kennen die Partei ja gut. Gerade aus Ihrer intimen eigenen Kenntnis der Grünen gefragt: Wie haben Sie sich eigentlich am letzten Wochenende diese Selbstenthauptung erklärt, die wir da auf der Bundesdelegiertenkonferenz erlebt haben?

 

Schily: Na gut, ich kenne die Grünen ganz gut, aber mit den internen Verhältnissen bin ich inzwischen nicht mehr so vertraut, um das sachgerecht beurteilen zu können. Die Grünen haben bestimmte Grundsätze, an denen sie hängen. Und das führt dann zu solchen Situationen, und das lässt sich bei den Grünen auch dann nicht mit der Brechstange lösen.

 

03 - Detjen: Wie beheimatet, wenn man das so sagen kann, fühlen Sie sich denn überhaupt in der Parteipolitik? Ich habe mal einen angeblich von Ihrem Bruder überlieferten Satz gelesen, der gesagt haben soll: Otto ist nicht einer, der sagt: ‚Das ist mein Club‘. Ist das ein Satz, der vielleicht im Augenblick ganz besonders seine Geltung hat?

 

Schily: Ich bin nicht der geborene Parteipolitiker, das ist sicherlich richtig. Ich versuche, meine Aufgabe innerhalb der Regierung gut zu lösen und glaube auch, eine Reihe von Erfolgen aufweisen zu können. Aber selbstverständlich bin ich mit der SPD stark verbunden und bin da auch in diese Partei hineingewachsen. Und ich nehme auch die Parteien vor einem voreiligen negativen Werturteil in Schutz. Ohne Beteiligung der politischen Parteien könnte die Demokratie nicht funktionieren. Und manche machen es sich sehr leicht mit ihren abfälligen und hämischen Urteilen. Es liegt einige Zeit zurück, da hat Peter Glotz mal einen sehr schönen Aufsatz über die zum größeren Teil ehrenamtlichen Parteimitglieder geschrieben. Der hat mich sehr beeindruckt damals. Dieses hochfahrende Urteil, was ich doch auch häufig jetzt in den Medien lese, hat mit der Wirklichkeit gar nichts zu tun. Meist ist das ja auch nicht verkoppelt mit besonders intelligenten programmatischen Vorstellungen und Vorschlägen, sondern hat zum Teil schon Züge des Antidemokratischen. Und das macht mir wirklich Sorge auch in diesen Wochen. Wenn ich erleben muss, wie eine demokratische Wahlentscheidung in Frage gestellt wird von einer massiven Kampagne, ich in einer Zeitung sogar lese, das Volk habe seine Macht missbraucht, weil es die falsche Regierung gewählt hat nach der Vorstellung dieses Kommentators – das muss man ja mal reflektieren. Ein Machtmissbrauch des Volkes! Wer das schreibt, hat Demokratie überhaupt nicht verstanden, der wendet sich aber frontal gegen die Demokratie. Ich bin der Verfassungsminister, und ich werde mit aller Kraft das parlamentarische demokratische Wahlverfahren verteidigen. Da muss auch die Opposition allmählich mal erkennen, was sie tut eigentlich.

 

04 - Detjen: Aber ist da vielleicht nicht doch manchmal ein bisschen viel Empfindlichkeit im Moment bei einer Regierung zu sehen – angesichts der Kritik, die sie jetzt im Augenblick abbekommt –, einer Regierung, deren führende Repräsentanten, auch Sie ja selber, aus einer Generation kommt, die sich mal als Protestgeneration definiert hat, die den Begriff bürgerlicher Protestkultur auch mal geprägt hat?

 

Schily: Ja, gegen Protest ist überhaupt nichts einzuwenden, auch gegen Kritik ist nichts einzuwenden. Aber wenn es in Häme und in Verächtlichmachen umschlägt oder wenn es Kampagnencharakter annimmt mit einer Medienmacht, die nicht von Pappe ist und . . .

 

05 - Detjen: . . . das sind die freien Medien!

 

Schily: . . . ja, die freien Medien. Aber von Paul Sethe gibt es ja mal den schönen Satz: ‚Die Pressefreiheit besteht darin, dass 20 vermögende Leute die Möglichkeit haben, ihre Meinung zu veröffentlichen‘. So ist es natürlich nicht, damit Sie das nicht missverstehen. Aber es ist eine Überspitzung, eine polemische Überspitzung. Wir müssen schon auf der Hut sein, dass der demokratische Dialog wieder argumentativ geführt wird. Ich bemühe mich jedenfalls darum. Ich kann nur noch einmal das Beispiel erneuern: Wer schreibt, es sei ein Machtmissbrauch des Volkes, wenn es eine Wahlentscheidung trifft, die dem Kommentator nicht gefällt oder die er für falsch hält, dann ist das die Verabschiedung von den Grundprinzipien unserer parlamentarischen Demokratie. Oder wenn einige unter Verleugnung aller Intelligenz und unter Verleugnung jeglichen historischen Wahrnehmungsvermögens nun die Weimarer Zeit heraufbeschwören, dann muss ich sagen: Da sind einige Entgleisungen, bis hin jetzt zu der jüngsten Äußerung von Roland Koch, die mir Sorge machen.

 

06 - Detjen: Aber ist es nicht doch so, dass die Kritik im Augenblick gerade doch deshalb so besonders schmerzhaft trifft, weil der Kanzler weitgehend allein da steht? Den Eindruck hat er ja auch sehr gezielt vermittelt in dem Fernsehauftritt in der ARD am Mittwoch; das hat ja nochmal an den Wahlkämpfer Schröder erinnert, der damals wirklich im Alleingang die SPD aus dem Stimmungstief herausgezogen hat.

 

Schily: Nein, der Kanzler steht nicht allein da. Ich zum Beispiel teile seine Auffassung zur Vermögenssteuer . . .

 

07 - Detjen: . . . da gibt es aber immer noch andere aus den eigenen Reihen . . .

 

Schily: Ja gut, da gibt es andere Meinungen, das muss man auch ertragen. In einer demokratischen Partei können unterschiedliche Auffassungen selbstverständlich artikuliert werden, es darf nur nicht sich zu einem Stimmengewirr entwickeln. Und es wäre besser, wenn wir, wenn es dann um eine solche Frage geht, uns nicht so sehr damit beschäftigen: Hat nun der Herr Müntefering oder hat Herr Gabriel oder wer immer auch was anderes gesagt, sondern wer hat eigentlich die besseren Argumente. Der Kanzler hat für seine Auffassung die besseren Argumente, und ich finde, das – Sie meinen ja dieses Interview, was der Kanzler gegeben hat in der ARD. das fand ich hervorragend. Ich habe es auch noch einmal im Text nachgelesen. Sehen Sie, und auch dort . . .

 

08 - Detjen: . . . ich habe mich aber, wenn ich das einfügen darf, an einen Satz erinnert eines Wahlkampfberaters im Sommer, der gesagt hat: Wenn der Schröder mit dem Rücken zur Wand steht, ist er am besten.

 

Schily: Ja, wissen Sie, das sind auch wieder solche Klischees, die man da bemüht. Ich finde, es ist der beste Kanzler, den wir haben können in dieser Zeit. Und das, was er in diesem Interview formuliert hat – auch in seinen Zielsetzungen –, ich glaube, da kann man auch erkennen, dass entgegen allen Vorurteilen, die versucht werden, zu mobilisieren, er eine sehr klare Zielsetzung hat, was er erreichen will. Und dann gibt es ja manchmal die Einschätzung: Wenn eine Korrektur vorgenommen wird, das sei beanstandenswert. Aber ich finde, jemand der immer seinen Kurs auch justiert nach dem, wie er die Dinge beurteilt, das ist vollkommen richtig. Ich fände, einer, der stur an einen bestimmten Kurs festhält ohne zu gucken: Ist da irgendwo ein Hindernis oder muss ich da mal vielleicht auch das neu justieren – der wäre für mich für eine solche Führungsaufgabe ungeeignet.

 

09 - Detjen: Herr Minister, lassen Sie uns das Thema wechseln. Die kommende Woche – die letzte Woche vor Weihnachten – wird politisch auch für Sie nochmal richtig anstrengend. Am Mittwoch werden die Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst fortgesetzt; vielleicht können wir da am Ende unseres Gesprächs darauf noch einmal zurückkommen. Am Mittwoch bekommen Sie ebenfalls die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts über das Schicksal des Zuwanderungsgesetzes. Da hat es ja im Vorfeld schon Spekulationen gegeben. Manche haben gesagt, das Gericht wird das Zuwanderungsgesetz kippen. Sie werden sich ja wahrscheinlich schon mal Gedanken darüber gemacht haben, was passiert, wenn das Gesetz den Karlsruher Prüfstand nicht besteht?

 

Schily: Sie haben sicher bemerkt, dass ich mich an irgendwelchen Spekulationen über den Ausgang des Verfahrens nicht beteiligt habe. Ich habe meinen Standpunkt in der Verhandlung vor dem Bundesverfassungsgericht formuliert und bleibe auch dabei, dass das Gesetz ordnungsgemäß zustande gekommen ist, zumal ich es eigentlich auch als ziemlich provokativ empfinde, wenn der Innenminister eines Bundeslandes sich sozusagen noch rühmt, dass er in der Bundesratssitzung sich so verhalten hat, wie es mit der Verfassung gar nicht vereinbar ist. Aber . . .

 

10 - Detjen: . . . das ist der Streit, den wird das Bundesverfassungsgericht entscheiden . . .

 

Schily: . . . gut, das wird das Bundesverfassungsgericht entscheiden, und deshalb werde ich mich jetzt nicht . . .

 

11- Detjen: . . . aber die andere Seite hat auch gute Argumente . . .

 

Schily: Die andere Seite hat gute Argumente? Da bin ich nicht der Meinung. Aber das ist eine andere Frage. Das Verfassungsgericht muss es entscheiden, und das warten wir jetzt mit allem gebotenen Respekt ab. Und dann werden wir uns auf die neue Situation – wenn es denn eine neue sein sollte – einzustellen haben. Aber ich hoffe, dass natürlich das Gegenteil eintritt und vielleicht . . .

 

12 - Detjen: . . . gehen wir mal davon aus, das Urteil geht zu Ihren Gunsten aus, das Verfassungsgericht bestätigt das Zustandekommen des Gesetzes: Dann sind ja noch nicht alle Probleme aus dem Weg, damit das Gesetz zum 1.1. planmäßig in Kraft treten kann. Sie müssen in dieser Woche noch zwei wichtige Verordnungen durch den Bundesrat bringen, da muss die Unionsmehrheit zustimmen. Es geht da um die technische Umsetzung, es geht um die Integrationskurse, und die Umsetzung liegt ja bei den Ländern. Schaffen die das überhaupt in der kurzen Zeit?

 

Schily: Ja, richtig. Sehen Sie, da kann es am Anfang vielleicht ein paar Schwierigkeiten geben, die sind aber überwindbar. Wir sind uns bei diesen Rechtsverordnungen mit den Ländern weitgehend einig geworden. Da gibt es noch einige Probleme bei den Integrationsmaßnahmen, die sind aber auch überwindbar, die Hindernisse, die dort bestehen.

 

13 - Detjen: Trotzdem: Auch der Deutsche Städtetag hat noch vor kurzem gesagt, die Ausländerbehörden der Kommunen seien gar nicht in der Lage, das Gesetz zum 1.1. ordnungsgemäß umzusetzen.

 

Schily: Das glaube ich nicht, das ist schlicht falsch. Und manchmal gibt es ja eine Übergangssituation, in der vielleicht die eine oder andere Unsicherheit besteht über die neuen Vorschriften. Die Behörden werden sich erst da noch damit vertraut machen müssen, aber nach Überwindung einiger Anlaufschwierigkeiten wird sich das einspielen. Davon bin ich überzeugt.

 

14 - Detjen: Noch einmal ein Themenwechsel. Gestern vor einem Jahr hat der Bundestag Ihr zweites sogenanntes Sicherheitspaket verabschiedet. Sie haben immer darauf hingewiesen, dass diese Gesetze keine absolute Sicherheit garantieren können. Haben wir seit dem einfach Glück gehabt, dass es in Deutschland noch nicht zu brutalen Anschlägen gekommen ist?

 

Schily: Eine absolute Sicherheit gibt es nicht. Das gilt schon deshalb, weil sich die schrecklichen Anschläge von Al Kaida in den zurückliegenden Monaten, angefangen vom 11. September über Bali, über Djerba, Mombasa und anderen Orten in der Mehrzahl gegen sogenannte ‚weiche‘ Ziele gerichtet haben, also Einrichtungen, die es auf der Welt in großer Zahl gibt und die man selbstverständlich nicht mit Polizei schützen kann. Das ist völlig unmöglich. Deshalb ist die Vorstellung, man könnte an der Stelle für einen hundertprozentigen Schutz sorgen, irreführend. Sondern für die Sicherheitspolitik kommt es darauf an, die Aktivitäten solcher terroristischen Gruppen und Gruppierungen zum frühestmöglichen Zeitpunkt aufzudecken. Das ist unsere Aufgabe, und dafür haben wir uns besser gerüstet mit den Anti-Terror-Gesetzen. Und wir haben auch eine Rehe von Erfolgen aufzuweisen. Wir haben inzwischen über 130 Ermittlungsverfahren in Gang gesetzt, ein Großteil davon wird von dem Bundeskriminalamt betreut. Wir haben Verdächtige festgenommen, wir haben Wohnungen durchsucht, wir haben eine ganze Reihe von Dingen auch sichergestellt, die uns weiterführen. Ich glaube also, dass wir da schon uns gut aufgestellt haben. Gleichwohl sage ich in Übereinstimmung mit dem CIA-Chef Tennet, den ich vor kurzem in Washington besucht habe: Wir haben nach wie vor eine sehr ernstzunehmende Gefahrensituation. Uns macht Sorge, dass in den Verlautbarungen von Al Kaida, auch in dem Tonband, das bin Laden zugeschrieben wird, Deutschland ausdrücklich als Ziel für mögliche terroristische Anschläge erwähnt wird. Deshalb kann ich nur immer wiederholen, was ich bei mehrfacher Gelegenheit gesagt habe: Es ist höchste Wachsamkeit geboten, ohne dass wir uns aber in Panik hineintreiben lassen. Dann hätten sozusagen die Terroristen schon gewonnen. Deshalb müssen diese beiden Dinge immer im selben Atemzug genannt werden.

 

15 - Detjen: Sie sagen ‚kein Grund zur Panik‘, aber auch ganz persönlich gefragt: Haben Sie Angst vor Anschlägen?

 

Schily: Nein.

 

16 - Detjen: Ist Angst psychologisch gesehen nicht auch eine notwendige Voraussetzung für die erforderliche Wachsamkeit?

 

Schily: Nein. Angst führt zu gar nichts. Angst führt nur zu falschen und unbedachten Reaktionen, sondern Wachsamkeit ist was ganz anderes. Da muss auch die Kaltblütigkeit bewahrt werden, und wir sollten uns auch nicht die Freude am Leben verderben lassen mit solchen . . .

 

17 - Detjen: . . . aber nun werden sich viele Menschen, viele Bürger sicherlich zumindest besorgt fragen, wie sie sich überhaupt bewegen können. Manche werden sich auch daran erinnern, dass vor zwei Jahren in dieser Winterzeit islamische Terrorgruppen einen Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Straßburg geplant haben. Sie stehen . . .

 

Schily: . . . ja, dann erinnern die Menschen sich hoffentlich auch, dass wir diese Personen festgenommen haben und dass die inzwischen vor Gericht stehen. Also da sehen Sie auch, dass unsere Ermittlungsbehörden gute Arbeit leisten. Das heißt ja nicht, dass wir etwa bei einem bestimmten Stand sehen bleiben, sondern dass wir immer darauf bedacht sind, unsere Maßnahmen noch weiter zu verfeinern und zu vervollkommnen, und zwar sowohl in der Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern, das haben wir auch verabredet jetzt noch einmal in der Innenministerkonferenz der Länder in Bremen vor wenigen Tagen. Aber ich suche ja selbstverständlich auch eine enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen unseren engsten Verbündeten, zu aller erst mit den Vereinigten Staaten von Amerika. Das Gleiche gilt für Frankreich. Also Sie sehen daran, dass wir auf verschiedenen Gebieten uns sehr aktiv einsetzen für die Verbesserung der inneren Sicherheit. Dazu gehören auch Initiativen in der Europäischen Union, dazu gehören insbesondere Initiativen, um alle technischen Möglichkeiten auszuschöpfen, um mögliche Verdächtige frühzeitig zu identifizieren – und daraus dann anknüpfend die notwendigen Sicherungsmaßnahmen in die Wege zu leiten.

 

18 - Detjen: Sie haben gerade die technischen Möglichkeiten zur Aufklärung, zur vorbeugenden Aufklärung von Anschlägen angesprochen. Die sind durch die Sicherheitsgesetze erweitert worden. Das war auch ein Anlass für kritische Bemerkungen. Im Frühjahr hat etwa die ehemalige Präsidentin des Bundesverfassungsgericht Jutta Limbach vor der ‚Gefräßigkeit der Geheimdienste, der Sicherheitsdienste‘ gewarnt. Hat Sie das damals nachdenklich gestimmt?

 

Schily: Nein, ich habe nicht verstanden, was Frau Limbach da geäußert hat. Sie hat ja auch eine sehr bedenkliche These vertreten, dass nämlich durch Rasterfahndungsmaßnahmen erst die Terroristen sozusagen produziert würden, die man dann später verfolgt. Das – glaube ich – ist wirklich eine etwas verquere Sichtweise, das muss ich schon kritisch anmerken.

 

19 - Detjen: Sie steht damit nicht alleine . . .

 

Schily: . . . ich wüsste nicht, wer solche törichten Ansichten vertritt . . .

 

20 - Detjen: . . . es war ja auch eine Frage von Jutta Limbach. Jutta Limbach hat damals gefragt, sie würde gerne wissen, ob mit den neuen Instrumenten denn nennenswerte Erfolge erzielt worden seien. Und genau diese Frage hat jetzt in der jüngsten Ausgabe der ‚Zeitschrift für Rechtspolitik‘, eine juristische Fachzeitschrift, der noch amtierende Bundesverfassungsrichter Wolfgang Hoffmann-Riem wiederholt. Er sagte – wenn ich das zitieren darf –: Wo bleibt die Rechenschaft in Form aggregierter Daten, insbesondere eine differenzierte Analyse der Eignung der Maßnahmen und ihre Angemessenheit - auch angesichts der großen Zahl der Betroffenen. Das sagt er mit Blick auf die Abhörbefugnisse, die durch die Sicherheitsgesetze erweitert wurden. Können Sie dem Verfassungsrichter eine Antwort geben?

 

Schily: Also, ich stehe Herrn Hoffmann-Riem gern auch zu einem Gespräch zur Verfügung, wenn er meint, dass ihm bestimmte Fragen unbeantwortet geblieben sind. Bevor man solche Fragen öffentlich aufwirft, sollte man sich vielleicht mal bekanntmachen, was die Ergebnisse sind. Darüber öffentlich allerdings an der einen oder anderen Stelle zu reden, verbietet sich ja auch, wenn man Sicherheitsmaßnahmen nicht gefährden will. Die Rasterfahndung zeichnet sich im übrigen dadurch aus, dass ja nur bestimmte Profile ausgebildet werden und am Schluss ja auch die Überprüfungen wieder ausgekämmt werden bei Personen, die für eine weitere Überprüfung nicht in Frage kommen. Ich verstehe nur nicht, was die Kritiker eigentlich so sehr befürchten. Letzten Endes ist jede Ermittlungsmaßnahme auch mit einer gewissen Rastermaßnahme verbunden. Wenn Sie heute ein Phantombild, weil sie den oder die Täter nicht kennen, veröffentlichen – nach der Beschreibung von Zeugen –, dann kann es sein, dass die Ähnlichkeiten zu diesem Phantombild auch verschiedene Personen erfassen, die gar nichts mit dem Vorgang zu tun haben. Also ich glaube, da sind sehr viele Übertreibungen im Gange, und auch ein Bundesverfassungsrichter lebt davon, dass wir seine Sicherheit gewährleisten. Und ich vertrete die Auffassung, dass man Sicherheit nicht als Widerspruch und Gegensatz zur Freiheit definieren soll. Das ist ein Irrtum. Freiheit ist nur dort garantiert, wo auch die Sicherheit gewährleistet ist. Und das müssen vielleicht manche noch erst lernen.

 

21 - Detjen: Herr Schily, wir haben es am Anfang angesprochen. In der kommenden Woche, an dem Tag, an dem das Bundesverfassungsgericht das Zuwanderungsurteil verkünden wird, werden Sie die Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst fortsetzen. Wie weit reicht denn angesichts der Lohn- und Gehaltsforderung von drei Prozent, angesichts massiver Proteste auch aus der Beamtenschaft, da Ihre Verhandlungsbereitschaft?

 

Schily: Ja, die Beamtenschaft ist ja zunächst mal nicht betroffen, sondern wir führen Tarifverhandlungen mit den Gewerkschaften, das heißt über die Lohnforderungen für die Tarifbeschäftigten. Und ich muss vorweg sagen: Ich habe selbstverständlich Verständnis dafür, dass Menschen auch an Lohnsteigerungen teilnehmen wollen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes leisten gute Arbeit und haben auch das Anrecht auf eine angemessene Vergütung. Das sage ich mal vor der Klammer. Aber das, was an Lohnforderungen realisiert werden kann, hängt nun einmal von der Finanzsituation der öffentlichen Arbeitgeber ab. Und Bund, Länder und Kommunen sind nun in einer nicht besonders günstigen Finanzsituation, wie jedermann weiß. Und dann braucht man nur in etwa die minimalen Kenntnisse der Mathematik zu beherrschen, um zu wissen, dass wir einen begrenzten Handlungsspielraum haben. Wir können bekanntlich Steuern nicht erhöhen, um diese Lohnforderung zu erfüllen, wir können die Schulden nicht erhöhen, wir sind an Grenzen angekommen, die wir nicht überschreiten können. Sie kennen den Stabilitätspakt, Sie kennen die Haushalte der Länder, des Bundes, die alle in der Gefahr sind, die verfassungsrechtlich gezogenen Grenzen zu überschreiten. So, dann wäre die einzige Gegenfinanzierungsmöglichkeit für Lohnforderungen, die ja Ausgabensteigerungen sind, andere Ausgaben zu kürzen. Das hieße in der Konsequenz, dass wir Entlassungen vornehmen müssten in verstärktem Maße - über das Maß hinaus, das ohnehin stattfinden muss. Auch das kann doch nicht ernsthaft die Politik der Gewerkschaften sein. Deshalb hoffe ich, dass alle ihre Möglichkeiten der Vernunft ausschöpfen und wir zu einem vernünftigen Kompromiss kommen in den Verhandlungen, die uns bevorstehen. Die Drohung mit Streik ist dabei nicht sehr sinnvoll, denn Streik kann die wirtschaftliche Lage nur weiter verschlechtern – in der Konsequenz wiederum, dass die Steuereinnahmen sinken und damit auch die Grundlage für Lohnforderungen weiter einengen.

 

22 - Detjen: Herr Schily, unsere Sendezeit neigt sich dem Ende zu. Noch eine Frage: Wenn Sie die nächste Woche überstanden haben, dann kommen ja hoffentlich auch für Sie ein paar ruhige Tage. Die letzte Frage: Was liest der Innenminister, wenn er jetzt in den Weihnachtstagen und zum Jahreswechsel Zeit dazu hat?

 

Schily: Nun, vielleicht lese ich gar nicht so furchtbar viel. Mal sehen. Ich glaube, ich brauche mehr Bewegung im Moment, körperliche Bewegung.

 

23 - Detjen: Das wünschen wir Ihnen. Vielen Dank für das Gespräch.