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s L i b e r a l e T a g e b u c h
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Sammlung
Originaldokumente aus „Das Liberale
Tagebuch“, http://www.dr-trier.de |
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Berlin, den 19. Mai 2005 268/05 Rede des
SPD-Parteivorsitzenden Franz Müntefering 4. Programmforum der SPD "Im Mittelpunkt: Der Mensch" - Es gilt das gesprochene Wort - Diese Rede enthält viele Aussagen
die – sicher nachvollziehbar – aus liberaler Sicht nicht geteilt werden
können; aber auch Aussagen, die aus liberaler Sicht kaum besser formuliert
sein können. Mit den populistisch-demagogischen Aussagen befasst sich diese
Analyse nicht. Im folgenden Text sind lediglich
die zahllosen Aussagen mit „rot“ gekennzeichnet, die zur „Freiheit des
Einzelnen“ einen Bezug haben; hierbei werden die in vielen Sätzen unmittelbar
folgenden Relativierungen bewusst, als ob sie nicht vorhanden wären, ausgeblendet.
Selbstverständlich weiß jeder Liberale, dass „Freiheit des Einzelnen“ in der
arbeitsteiligen Gesellschaft von heute nicht grenzenlos sein darf. Dies ist
schon dadurch belegt, dass Liberale programmatisch sehr wohl von der Existens
der Gesellschaft ausgehen. Im Liberalen Tagebuch ist
formuliert: „Die Freiheit des Einzelnen muss mit der Freiheit des Anderen
kompatibel sein“. Die reale Politik der SPD unserer Tage handelt konkret wie
folgt: ·
Dias Referendum zur EU-Verfassung hat die SPD kategorisch
abgelehnt ·
Die „Politik“ der Gewerkschaften (Zwang zum Flächentarif) aber
auch die Bildungspolitik (Einheitsschule) der SPD wirken seit 1945 klar
antiemanzipatorisch ·
Das Gleiche gilt für die Sozialpolitik nach dem
Objektprinzip (ÖPNV, Bildung, Sozialversicherung). Weil die SPD staatlichen
Institutionen die Aufgabe der „Versorgung“ zuweist, verlieren Millionen
aufgrund entsprechend hoher Steuern signifikant an Autonomie. ·
Besonders schlimm, der Autonomie-Verlust aufgrund der
Finanzierung der Sozialversicherung. Dem Einzelnen wird die Autonmie genommen
seine Angelegenheiten nach eigenen Einsichten und Wünschen zu regeln. ·
Aus Sicht der Versicherten wirkt die Gesundheitsverogung
wie ein schwarzes Loch für Milliarden €. Die SPD verweigert nachhaltig die
Transparenz in der Gesundheitsversicherung. ·
Krass antiemanzipatorisch ist die gesetzliche Bestimmung
die Arbeitgeberanteile zur Sozialversicherung nicht in den Lohnabrechnungen auszuweisen.
·
Das Ladenschlussgesetz Ist es eine
Selbstverständlichkeit, dass der Betrieb der staatlichen Institutionen nach
Leistungsvermögen zu finanzieren ist, so widersprechen die o.a. „Politiken“
klar dem von der SPD postulierten „Freiheit“ bzw. Autonomie des Einzelnen,
zumal es technisch machbar ist anders im Sinne von mehr Freiheit /
Selbstverantwortung ohne das Prinzip „niemand geht unter“ zu verletzen. Eine weitere „Auffälligkeit“
im Programm der SPD: Vermutlich liegt der grundlegende Denkfehler im Postulat
der „Sozialer Rechte“. Siehe dazu die fettgesetzte Passage.
Statt Rechten müssten (selbstverständliche) Pflichten postuliert werden, weil
„Rechte“ sozial degenerativ wirken. Welches Individuum kann kein Interesse
haben, über „Rechtsansprüche“ an „die Gesellschaft“ zu verfügen? Bedürftigkeit
ist aber ein objektiv zu beurteilender Umstand mit hoher Treffsicherheit. Die Diskussion um die Fortschreibung unseres
Grundsatzprogramms kommt bald in eine entscheidende Phase. Im Juni soll der
erste Entwurf vom Parteivorstand öffentlich gemacht und an die Partei gegeben
werden zu einer intensiven Debatte bis zum Parteitag im November in
Karlsruhe. Heute und hier geht es in der vierten und letzten der
öffentlichen Anhörungen um den Menschen im Mittelpunkt politischen Handelns um den Mittelpunkt der Politik. "Wohlstand und Arbeit dauerhaft" - das war das
Thema am 23. Februar hier. Die Geschichte vom Aufbruch und der sozialen
Marktwirtschaft. Von Leistungsfähigkeit und Leistungswilligkeit. Von
Wettbewerb und Gerechtigkeit. Von Sicherheit im und Sicherheit durch Wandel.
Da hieß es: "Wirtschaft ist für den Menschen da, nicht umgekehrt. Viele
Unternehmer halten sich auch im Zeitalter der Globalisierung daran, leider
nicht alle. Eigentum verpflichtet - das gilt aber nicht nur für
Unternehmer und für unternehmerisches Vermögen. Das gilt auch für die
Fähigkeit und die Talente jeden Bürgers und jeder Bürgerin." Und: "Wir streben eine gerechte Wirtschaftsordnung
an. Leicht ist das nicht, die Interessen sind vielfältig und auch
gegenläufig. Wir müssen Politik globalisieren, damit sie den weltweiten
Märkten hinterher wächst. Dazu benötigen wir mehr europäische und globale
Kooperation. Der Gestaltungsprimat der Politik muss festgestellt und
durchgesetzt werden." Im März war das Thema: "Deutschlands Rolle in Europa
und der Welt." Der Internationalismus der Arbeiterbewegung ist eine gute
Tradition, an die wir anknüpfen wollen. Als internationale Sozialdemokratie stehen wir vor der
Aufgabe, unsere inhaltlichen Ziele global durchsetzungsfähig zu machen. Der
Gestaltungs-Anspruch der deutschen Sozialdemokratie ist nicht auf den
Nationalstaat begrenzt: Globalisierung der sozialen Demokratie - das ist ein Ziel
sozialdemokratischer Politik im 21. Jahrhundert. Nicht weil wir
größenwahnsinnig wären, sondern weil wir wissen, dass sich die
menschengerechte Gestaltung von Demokratie und Wirtschaft im nationalen
Rahmen allein nicht bewältigen lässt. Und weil wir unsere internationale
Mitverantwortung bejahen." Am 13.04. dann die Diskussion zur Demokratie, zur
Teilhabe, zu den Zukunftschancen. Darüber ist inzwischen viel gesprochen
worden. Manchen empfehle ich, die Rede einmal im Zusammenhang zu lesen. Die
hat eher einen diplomatischen Tonfall, was nicht heißt, das sie nicht ernst
gemeint wäre. Am 13.06. werden wir uns hier im Hause zu einer Diskussion
treffen über die "Soziale Marktwirtschaft". Über ihre Bedingungen
und ihre Perspektiven. Das Thema bleibt spannend. So kontrovers wie wichtig. Heute also Teil vier der öffentlichen Debatte, der in den
Mittelpunkt politischen Handels führen soll. Anrede, Politik ist kein Selbstzweck. Partei schon gar nicht. Wir machen Politik, wir sind Partei, weil wir etwas
bewirken wollen. Ich meine das nicht nur im Sinne harter Pflichterfüllung.
Für die, die sich nicht auskennen: Politik machen, macht auch Freude. Partei
auch. Aber die Organisation von Partei, vor 142 Jahren am 23.
Mai in Leipzig mit der Gründung des ADAV begonnen, war nicht Selbstzweck.
Zwei Maxime schwangen mit, damals und immer wieder danach und auch heute
noch: 1. Wenn du willst, dass etwas besser wird, im Großen und
im Kleinen, warte nicht ab, das ein anderer das tut,
sondern mach dich selbst auf den Weg und an die Arbeit. 2. Und wenn du willst, dass es besser wird, denke daran,
dass es gemeinsam leichter gelingt. Gründe einen Verein, wir würden heute
sagen, geh in die Partei. Das ist das Credo sozialdemokratischer Arbeit seitdem:
Gemeinsam es besser machen wollen. Aber was ist besser? Woran misst sich das
Besser? Anrede, "Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu
achten und zu schützen, ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt." Mit diesen Worten beginnt unser Grundgesetz. Das ist eine
klare Botschaft: Nicht Staat und auch nicht Wirtschaft stehen im Mittelpunkt
der Politik, sondern der Mensch und seine unveräußerliche Würde.
Eigenverantwortlich und frei. Die umfassenden und verbindlichen individuellen
Grundrechte unseres Grundgesetzes sind auch Sozialdemokratischer Politik
vorangestellt. Wir blicken voller Respekt auf dieses Grundgesetz und sind
froh, dass viel davon sich auch im europäischen Verfassungsvertrag wieder
findet; Grundrechte und Menschenrechte als Ausgangspunkt aller anderen Regeln
der Politik. Von Hanna Arendt stammt das Wort, dass
"Politik praktische Liebe zum Leben" ist. Darin steckt die Liebe
zum Leben als eine emotionale, mentale, philosophische Kategorie; und der
Wille von Politik, zum Gelingen dieser Art von Leben praktisch beizutragen.
Darin schwingt auch mit das Recht auf Glück, das wir
nicht ausdrücklich in unserer Verfassung haben, das aber gleichwohl
Triebfeder menschlichen Handelns ist. "Die Gedanken sind frei", ist
eine große liberale Idee. Aber sie reicht uns nicht. Es muss mehr Freiheit
sein als die in Gedanken! Freiheit ist sehr praktisch. Und ich will noch Willy Brandt einführen mit seiner
Sentenz, dass ihm
"Politik gestohlen sein könne", wenn sie den Menschen nicht konkret
nutze. Den Menschen zu dienen, ihnen nützlich zu sein, darum geht es. Karl Schütte, einer von diesen ungewöhnlichen Alten, die
es in unserer Partei gibt, damals 97 Jahre alt, antwortete mir auf die Frage,
was das Ziel seines über 80jährigen großen Engagements in der SPD sei:
"Dass es den Arbeitern besser geht." Manchen mag das zu simpel
klingen. Aber die Wahrheit ist einfach. Besser kann man es nicht beschreiben. Diese drei Gedanken werden eine Rolle spielen, wenn wir
daran gehen, den Mittelpunkt unserer Politik in unserem Grundsatzprogramm zu
fixieren, zu messen, wie man es besser machen kann im Großen wie im Kleinen: - die Grundrechte und Menschenrechte generell und die
jedes einzelnen Menschen. - die praktische Liebe zum Leben. - dass Politik den Menschen nützlich sein muss. Anrede, Im Berliner Programm haben wir unser Bild vom Menschen
beschrieben. Da stehen starke Worte und ich vermute, sie werden Bestand
haben und sie bleiben gültig auch in diesem Jahrhundert und finden sich
wieder in dem Programm, an dem wir jetzt arbeiten. "Gemeinsam", heißt es dort, "verstehen wir
den Menschen als Vernunft- und Naturwesen, als Individual- und
Gesellschaftswesen. Als Teil der Natur kann er nur in und mit der Natur
leben. Seine Individualität entfaltet er nur in Gemeinschaft mit seinen
Mitmenschen." Und weiter: "Der Mensch, weder zum Guten noch zum Bösen
festgelegt, ist lernfähig und vernunftfähig. Daher ist Demokratie möglich. Er
ist fehlbar, kann irren und in Unmenschlichkeit fallen. Darum ist Demokratie
nötig. Weil der Mensch offen ist und verschiedene Möglichkeiten in sich
trägt, kommt es darauf an, in welchen Verhältnissen er lebt." Beim Menschen fängt alles an. Erst recht die Politik. Vom Menschen über die Gesellschaft zum
Staat, das ist die politische Richtung einer freiheitlichen Politik, zu der
wir uns bekennen. Es ist blanker Unsinn, wenn Konservative wie Margaret
Thatcher behaupten, dass es so etwas wie Gesellschaft gar nicht gebe. Und es
ist gefährlich, wenn sich immer mehr Menschen diesen Gedanken anschließen und
ihr Heil in Individualisierung suchen. Das Ergebnis ist nicht ein größeres
Maß an Freiheit, sondern mehr Entfremdung, mehr Vereinsamung und Verlust von
Sinn. Der Mensch entfaltet seine Freiheit nicht nur für sich alleine. Er lebt
in Gesellschaft. Und er braucht Gesellschaft. Eigenverantwortung ist ohne
Sozialverantwortung nicht zu haben. Anrede, Der Kerngedanke der sozialdemokratischen Bewegung war und
bleibt die Emanzipation
des Einzelnen. Die
Befreiung der Köpfe zuerst; die Befähigung des Einzelnen zur Freiheit. Dabei gab es lange Zeit eine Diskrepanz zwischen dem
programmatischen und dem praktischen Teil sozialdemokratischen Wirkens. Die
einen erstrebten das Paradies auf Erden irgendwann, die anderen stritten für
Kaffeepausen jetzt. Heute - mindestens seit Godesberg 1959 - wissen wir es
besser: Freiheit ist
nicht Ziel einer freien Gesellschaft irgendwann, eine Utopie einer fernen
Zukunft. Freiheit ist Weg und Ziel gleicherweise. Und zwar in jedem Menschen
und zwar jetzt. Wir wollen die Freiheit, die durch soziale Gerechtigkeit
ermöglicht wird und die in Solidarität mündet. Freiheit ist dabei - nicht zufällig - unser Grundwert
Nummer 1. Noch einmal Willy Brandt: "Wenn ihr mich fragt, was
das Wichtigste ist, sage ich euch: Neben dem Frieden die Freiheit." Anrede, "Die Sozialisten streben eine Gesellschaft an, in der jeder Mensch seine Persönlichkeit in
Freiheit entfalten und
als dienendes Glied der Gemeinschaft verantwortlich am politischen,
gesellschaftlichen und kulturellen Leben der Menschen mitwirken kann." So beginnt das Godesberger Programm. "In Freiheit entfalten." Und "Verantwortlich mitwirken
können." So ist es. Kann man es besser sagen? Freiheit als unbedingter Respekt vor dem Individuum, vor
jedem einzelnen Menschen. Ein Respekt, der sich wiederum verbindet mit der
Verantwortung jedes Einzelnen zu handeln. Das Bescheidwissen, das
Wählenkönnen, das Sichnichtversteckenwollen, das Betroffensein, das
Bessermachenwollen, das Sichnichtabfinden, - alles Dinge, um die es geht,
wenn wir Freiheit und Verantwortung sagen. Freiheit wird so zur
Selbstgewissheit in den Unsicherheiten des Lebens und der Welt. Freiheit ist
spannend, aber nicht leicht. Auch nicht triefend vor Bedeutungsschwere. Sie
ist aufrechten Ganges, voll Zuversicht und nicht laut. Wer sich in diesem Lande alles frei nennt oder gar einen
Protagonisten oder Parteigänger der Freiheit, - das spricht nicht für unsere
gesellschaftliche und politische Kultur. Anders: Man hat sich angewöhnt, mit
der Freiheit locker umzugehen, feuilletonistisch gewissermaßen, als dem
Goldrand am Teller, in den wir Suppe für den Alltag füllen wollen. Freiheit ist aber kein Luxus, der im Zweifelsfall auch
entbehrlich ist.
Freiheit ist nicht das Sahnehäubchen auf der sozialen Gerechtigkeit, sondern
ihre Basis und ihr Kitt. Die Maxime "Wenn jeder für sich sorgt, ist für
alle gesorgt" hat mit Freiheit, die wir meinen, herzlich wenig zu tun. Es ist nicht lange her, dass in Deutschland eine Mauer und
damit eine Grenze fiel und eine Diktatur zerrann und Freiheit ganz real
wurde. Es ist länger her, dass in Deutschland öffentliche Schulen,
Sozialsysteme, Gleichstellung von Mann und Frau, Schutz von Minderheiten,
unabhängige Justiz Wirklichkeit wurden - das Maß an Freiheit sich erweiterte
über das hinaus, was es vorher je gab in diesem Land. "Eine Gesellschaft, in der jeder Mensch seine Persönlichkeit in Freiheit
entfalten kann."? Stimmt das schon? Freiheit denken wir vom Individuum her und so muss es sein. Menschen, denen von außen Freiheit verweigert wird, können
nicht frei sein. Menschen,
die Freiheit nicht suchen, werden unfrei bleiben - unter welchen Umständen
sie auch immer leben. Freiheit braucht äußere Bedingungen, die sie
ermöglichen. Unfreiheit aber ist unter allen äußeren Bedingungen möglich. Ich habe nie Vorbilder in der Partei oder in der Politik
allgemein gesucht. Aber ich habe in dieser Sozialdemokratie Frauen und Männer
erlebt, die ich Freie nenne, und die ich vorbildlich finde und fand. Ich
spreche hier nicht von den großen Namen. Zumindest nicht vorrangig. Überraschend
und überzeugend waren oft Genossinnen und Genossen, die mir in den
Jahrzehnten vor Ort begegnet sind. In Ortsvereinen, auf Konferenzen, geprägt
oft in härteren Zeiten. Einfache Menschen, wie man so sagt. Menschen mit
klarer Sprache ohne große Worte, stolz aber nicht arrogant, gerecht aber
nicht sentimental, friedlich aber nicht unterwürfig, klug aber nicht schlau,
wertebezogen aber nicht ideologisch, solidarisch aber nicht anspruchslos,
tolerant aber nicht prinzipienlos, Sozialdemokraten und Sozialdemokratinnen
mit Leib und Seele - frei und verantwortungsbewusst. Ich idealisiere nicht,
und komplett waren die Tugenden selten und Macken gab es immer auch. Aber
großartige Menschen sind das. Ich habe so manches Mal gedacht: Eine
Gemeinschaft, eine Partei, in der so etwas wächst, so tolle Typen, die muss
Substanz haben. Da ist was. Und das meine ich immer noch. Was das mit unserem Thema zu tun hat? Freiheit braucht starke Individuen. Und die fangen an mit der Geburt,
spätestens. Wie werden die Kleinen zu freien, verantwortungsbewussten
Menschen? Keine Angst, ich fordere hier kein sozialdemokratisches
Erziehungsministerium. Aber ich frage: Wie werden die Kleinen zwischen uns
Großen erwachsen? Mit welchen Werten? Wer gibt ihnen Orientierung im
Zeitalter der ungebremsten Informationsflut? Wie lernen sie von wem, was
wichtig ist und was nicht? Was Freiheit heißt und was Verantwortung. Erziehung geht zu
aller erst die Eltern an, Mütter und Väter. Politik ist da nicht der
prädestinierte Ratgeber. Aber wer meint, Politik solle dazu den Mund halten, der
irrt auch. Erziehungsfragen sind gesellschaftspolitische Fragen. Verschweigen
hilft nicht. Darüber reden ist hilfreich, für Eltern, für Schulen, für die
Gesellschaft insgesamt. Deshalb ist Bildung so wichtig, sind Bildungschancen so
wichtig. Nicht nur, weil wir 2030 sonst fast keine qualifizierten
Facharbeiter mehr haben in Deutschland. Das ist auch wichtig. Aber wichtiger ist die Frage, was das für Menschen werden,
die da heranwachsen, wie selbstbewusst und frei sie sein werden in einer sich
rasch verändernden Welt. Man muss es, glaube ich, eigentlich nicht mehr besonders
betonen: Diese Freiheit
die wir meinen, hat mit Individualität zu tun und mit Selbstbewusstsein, aber nicht mit Egoismus und Egozentrik.
Diese Freiheit ist solidarisch. Diese Freiheit muss Markenzeichen der
Sozialdemokratie sein, dann ist mir nicht bange um das Land und nicht um
unsere Partei. Wir wollen die Menschen einladen, mit zu gehen, die Jungen
besonders, und Verantwortung zu übernehmen. Anrede, Verantwortung sehe ich nicht als Grundwert, aber als
tragendes Handlungsprinzip, das Freiheit glaubwürdig macht und nicht
entbehrlich ist, wenn wir es ernst meinen mit der Freiheit. Zu erst bin ich
für mich verantwortlich, Eigenverantwortung vorne an. Das ist nicht neu für
die Arbeiterbewegung, Trittbrettfahrer waren nie gut angesehen. Aber Menschen
sind auf Menschen bezogen und auf Mitmenschlichkeit angewiesen, das ist
unsere Natur und es ist nur konsequent, darauf den Gesellschaftsvertrag
aufzubauen. Der Staat, der Sozialstaat auch, ist die freiwillige Vereinbarung
auf Gegenseitigkeit. Jeder hat die Pflicht, seine eigene Kraft und Fähigkeit
zu nutzen und für die Gemeinschaft einzusetzen und jeder hat das Recht, die
Gemeinschaft in Anspruch zu nehmen, wenn er darauf angewiesen ist. Nach
ihren Regeln. Sozialstaat und soziale Sicherungssysteme sind aber generell
keine Notfallstation, sondern ökonomisch sinnvolle Risikostrukturausgleiche.
Sie zu schwächen, ist töricht. Denn: "Gemeinsam sind wir stark", -
das ist auch eine ökonomische Wahrheit, nicht nur eine mitmenschliche. Als Sozialdemokraten haben wir Verantwortung für dieses
Land, für die nach uns, für uns als Partei, für uns selbst. Diese
Verantwortung haben andere auch, auch andere Parteien. Wir haben besondere
Verantwortung, weil wir zudem - demokratisch legitimiert - Macht haben auf
Zeit. Weniger Macht, als wir möchten - siehe Bundesrat -, aber doch eine
menge Macht und immer noch mehr als manche sich wünschen. Um diese demokratische Macht werden wir kämpfen. Manche
stöhnen manchmal, wie schwer die Macht drückt unter den gegebenen Umständen.
Wie schwer es ist, den Herausforderungen gerecht zu werden. Trotzdem gilt:
Besser unvollkommen regieren, als vollkommen sein in der Opposition. Für das
Land ist es allemal besser. Agenda 2010 - der Versuch zur Erneuerung des Landes - ist
so ein Stück Verantwortungshandeln. Zu dem die Konservativen nicht den Mut hatten, die sich
feige in die Furche drücken, wenn z.B. bei der Heranziehung von
Sozialhilfeempfängern in die Arbeitsvermittlung die statistische Zahl der
Arbeitslosigkeit steigt. Eine wenig mutige und manchmal verlogene
Gesellschaft, mit der wir es da zu tun haben. Wir gehen den Kurs der Erneuerung und des Zusammenhalts
weiter. Lernend, korrigierend, nachdrücklich und nachhaltig. Nicht ohne
Stolpern und manchmal suchend, aber doch kraftvoll in der Gewissheit über die
Ziele des Projekts und deren Identifizierung mit unseren sozialdemokratischen
Grundwerten. Der Weg, den wir gehen, ist richtig. Eines hoffe ich, schaffen wir noch klarer und
überzeugender als bisher: Den sozialen Fortschritt als Grundimpuls unseres
politischenHandelns erkennbarer zu machen. Ob es Fortschritt überhaupt gibt,
darüber streiten sich die Philosophen. Deren Arbeit kann ich nicht. Und dass
Sisyphus, der mir besonders gefällt, für Fortschritt stünde, lässt sich nicht
oder nur mit rabulistischer Raffinesse behaupten. Vielleicht ist die Idee vom
Fortschritt im Ergebnis nicht viel mehr als das Bemühen, Rückschritt nicht
zuzulassen. Man ist ja bescheiden. Trotzdem: Fortschritt ist eine
sozialdemokratische Idee und das hat vor allem etwas mit der Verantwortung zu
tun, die wir haben. Mit politischer Macht verantwortlich umgehen heißt,
Fortschritt zu suchen. Dieses Suchen, hoffe ich, wird unser Grundsatzprogramm
prägen. Was machen wir als SPD mit all dem in der praktischen
Politik? In der Bildungspolitik. In der Familienpolitik. In der Migrationspolitik. In der Sozialpolitik. In der Gesellschaftspolitik schlechthin. Der Markt ist unschlagbar, wenn es darum geht, Güter zu
gewährleisten, die sich mit Geld berechnen und bezahlen lassen. Aber das sind
ja bei weitem nicht alle Güter, die eine Gesellschaft ausmachen. Es gibt
Güter - wie die Gesundheit, die Kultur, die menschliche Nähe - die sich nicht
oder nicht zureichend in Geld bemessen lassen. Diese sozialen, diese
öffentlichen Güter sind zu gewährleisten - manchmal auch gegen den Markt. Der
Einzelne, die Gesellschaft, der Staat, sind da in ihrer jeweiligen
Verantwortung. Wir wollen die öffentliche, die gesellschaftliche Debatte
über die guten Gründe für die Art und Weise unseres Zusammenlebens. Soziale
Belange werden im öffentlichen Gespräch und im gesellschaftlichen Alltag
geregelt, nicht im marktwirtschaftlichen Verkehr. Aber wir sind keine Idealisten, die sich auf das Gute im
Menschen und im Allgemeinen verlassen. Wir wissen, dass Staat die
Voraussetzung ist für Demokratie und Demokratie die Voraussetzung für
Freiheit. Dass Staat handlungsfähig sein muss im Sinne der öffentlichen
Daseinsfürsorge, - präventiv und aktivierend und integrativ und investiv. Da
wird die Sache der Freiheit ganz konkret. Und dabei vergessen wir keineswegs
Einstein, wie er jetzt am Bundeskanzleramt prangt: "Der Staat ist für die Menschen, nicht
die Menschen für den Staat." Ich freue mich auf eine anregende Diskussion über den Menschen im Mittelpunkt
der Politik und die
Frage, was das für gesellschaftliches und vor allem politisches Handeln
bedeutet. Besonders für die deutsche Sozialdemokratie. |