D a s L i b e r a l e T a g e b u c h |
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Sammlung
Originaldokumente aus „Das Liberale
Tagebuch“, http://www.dr-trier.de |
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06. Januar 2004 Der SPD-Parteivorstand hat auf seiner heutigen
Klausurtagung die folgenden „Weimarer Leitlinien“ beschlossen: Weimarer Leitlinien „Innovation“
·
Mehr
Bildungsgerechtigkeit schafft gleiche Lebenschancen ·
Jeder
muss eine Chance auf Ausbildung bekommen ·
Wir
wollen eine Zukunft mit mehr Kindern ·
Innovationsfähigkeit
ist keine Altersfrage ·
Alle
vorhandene Arbeit muss mobilisiert und getan werden ·
Die
langfristige Sicherung der Sozialsysteme und die Konsolidierung der
Staatsfinanzen bleiben auf der Tagesordnung ·
Unsere
Hochschulen müssen flexibler und attraktiver werden ·
Wir
wollen eine Allianz für Innovationen schmieden ·
Wir
werden unsere Anstrengungen auf die Märkte der Zukunft konzentrieren ·
Wir
brauchen den öffentlichen Diskurs über Chancen und Risiken neuer Technologien
·
Der
Staat muss Innovationen fördern und selbst Vorreiter für Innovationen sein ·
Wir
wollen in und mit Europa die Kräfte bündeln ·
Wir
wollen den Wettbewerb um die besten Ideen gewinnen Unser Land
nimmt Fahrt auf. Mit der Agenda 2010 und den Entscheidungen des Jahres 2003
haben wir einen grundlegenden und notwendigen Erneuerungsprozess Deutschlands
eingeleitet. Wir haben die
Substanz der sozialen Sicherungssysteme stabilisiert und den Arbeitsmarkt
beweglicher gemacht. Damit verbessern sich die Voraussetzungen für Wachstum
und Be-schäftigung. Deutschland bleibt im globalen Wettbewerb ein attraktiver
Standort für Investiti-onen. Wir dürfen
aber in unseren Anstrengungen, Deutschland zu erneuern, nicht nachlassen. Die
Fähigkeit zu Innovationen ist der Schlüssel für eine gute Zukunft. Sie entscheidet,
ob wir in Deutschland auch in Zukunft wirtschaftlichen Wohlstand und soziale
Gerechtigkeit auf ho-hem Niveau erhalten können. Der Wettbewerb
hoch entwickelter Volkswirtschaften vollzieht sich über Innovationen.
Be-schäftigung können wir nur sichern und neu schaffen, wenn wir
Zukunftsmärkte gezielt und schnell erschließen. Darin liegen große Chancen
gerade auch für strukturschwache Regio-nen z. B. in Ostdeutschland. Deshalb
wollen wir, dass Ostdeutschland Innovationsregion in Deutschland wird. Innovationen
dürfen sich aber nicht auf die Entwicklung neuer Technologien, neuer Produkte
und die Erschließung neuer Märkte beschränken. Im Mittelpunkt steht für uns
das Ziel, durch eine Modernisierung von Gesellschaft und Staat mehr Chancen
auf ein gutes Leben für mög-lichst viele Menschen zu erreichen.
Wirtschaftliches Wachstum ist für uns kein Selbstzweck. Es muss
gesellschaftspolitischen Zielen dienen und (ökologisch) nachhaltig sein. Wir sind stolz
auf unsere Tradition als ein Land, von dem wichtige technologische aber auch
gesellschaftspolitische Neuerungen ausgegangen sind. Von der Erfindung des
Buchdrucks über die Automobilindustrie, die Luftfahrt, Funk und Fernsehen,
die Informationstechnologie haben viele Basisinnovationen für Zukunftsmärkte
den Ursprung in Leistungen deutscher Forscher und Pioniere. Zu den Leistungen
unseres Landes, die für andere Vorbild waren, gehören auch gesellschaftliche
Innovationen wie z.B. die Entwicklung des Sozialstaates, die Mitbestimmung
oder das System der dualen Berufsausbildung. Wirtschaftlicher Erfolg und
soziale Gerechtigkeit gehören in Deutschland und Europa zusammen. Wir wollen,
dass „Made in Germany“ ein Markenzeichen bleibt. Deshalb müssen wir auf den
Wachstumsmärkten von morgen präsent sein, modern und aufgeschlossen für Neues
blei-ben. Wir wollen deshalb Spitzentechnologie stärker als bisher fördern.
Bildung, Wissenschaft und Forschung müssen ein Anliegen der gesamten
Gesellschaft werden. Wir wollen die Grundlagen für einen neuen Fortschritt
schaffen. Wir wollen,
dass unser Land als soziales, wirtschaftlich leistungsfähiges und
demokratisches Land in der Mitte Europas verankert ist. Das wird das Gesicht
des Kontinents dauerhaft posi-tiv mitprägen. Nur ein
innovationsfreudiges Deutschland kann die Weichen für eine bessere
Gesellschaft stellen, in der die Teilhabe jedes Einzelnen gesichert ist.
Innovationsbereitschaft, Neugierde und Risikobereitschaft setzen Sicherheit
voraus: Die Sicherheit, dass man von der Gesell-schaft aufgefangen wird und
immer wieder eine Chance erhält. Diese Weimarer
Leitlinien „Innovation“ sind Teil der Agenda 2010. Die Regierung Schröder und
die SPD- Bundestagsfraktion werden in den kommenden Wochen und Monaten die
notwendigen Initiativen zur Umsetzung ergreifen. Mehr Bildungsgerechtigkeit
schafft gleiche Lebenschancen
Innovation beginnt mit Bildung.
Möglichst viele umfassend und gut ausgebildete Menschen sind das Grundkapital
für eine innovationsfähige Gesellschaft. Bildung ist aber auch ein
ei-genständiger Wert. Gleiche Bildungschancen für alle bleiben das Ziel
sozialdemokratischer Bildungspolitik. Bildung muss Neugier, die Lust auf
Wissen, und die Freude am Lernen we-cken. Wir wollen ein Bildungssystem, das
von Anfang an eine gerechte Teilhabe am gesell-schaftlichen, wirtschaftlichen,
kulturellen und politischen Leben ermöglicht. Die Ergebnisse der Pisa-Studien
haben gezeigt, dass wir von diesem Ziel weiter entfernt sind als viele
ande-re hoch entwickelte Länder. In keinem vergleichbaren Land entscheidet
die soziale Herkunft der Schülerinnen und Schüler so sehr über den
schulischen Werdegang und den Bildungser-folg. Jedes Kind in unserem Land soll
die Chance bekommen, seine Begabungen zu entfalten. Dies ist ein Gebot
sozialer Gerechtigkeit, aber es ist auch notwendig, wenn unsere Gesell-schaft
innovationsfähig bleiben soll. Bildung beginnt nicht erst in
der Schule. Über Bildungs- und Lebenschancen wird bereits im Vorschulalter
entschieden. Deshalb wollen wir die Möglichkeiten erweitern, bereits im
Vor-schulalter Benachteiligungen durch die soziale Herkunft auszugleichen.
Dazu sind Qualitäts- und Bildungsstandards für diesen Bereich ebenso wichtig
wie die sprachliche Förderung, insbesondere für Kinder von Migrantinnen und
Migranten. Auch im Schulalter braucht gute
Bildung mehr Zeit für individuelle Förderung, mehr Zeit für Kreativität und
mehr Zeit für eine höhere Qualität des Unterrichts. Dieses Ziel verfolgen wir
mit dem Ganztagsschulprogramm, dem größten bundesweiten
Schulentwicklungsprogramm, das es in Deutschland je gab. Unsere Schulen
müssen mehr als bisher Eigenverantwortung , Selbstorganisation und soziale
Kompetenz als Schlüsselqualifikationen stärken, Kenntnisse und praktische
Fertigkeiten im Rahmen der naturwissenschaftlichen und technischen
Ausbil-dung intensiver entwickeln und Sprachfähigkeit fördern. Die Einführung
bundesweiter Bil-dungsstandards sowie die regelmäßige Überprüfung der
Leistungsfähigkeit unserer Bil-dungseinrichtungen ebenso wie die
Vergleichbarkeit der erzielten Bildungsabschlüsse sind dafür wichtige Voraussetzungen.
Wir können es uns nicht leisten,
dass fast 10 % der Jugendlichen, die die Schule verlassen, keinen Abschluss
haben. Wir wollen diese Quote bis 2010 mindestens halbieren. Jeder muss
jederzeit den Hauptschulabschluss nachholen können. Jeder und jede muss eine Chance
auf Ausbildung bekommen
Wir wollen das duale
Berufsausbildungssystem erhalten und weiter entwickeln. Ausbildung lohnt
sich. Eine gute Berufsausbildung wird auch in der Zukunft Voraussetzung für
innovati-onsfähige, , verantwortlich und kooperativ handelnde Belegschaften
sein. Ausbildung ver-bessert die Berufschancen deutlich. Deshalb muss jeder
ausbildungswillige und ausbildungs-fähige Jugendliche einen Ausbildungsplatz
erhalten. Soweit dies durch freiwillige, zwischen den Tarifpartnern
vereinbarte Regelungen nicht erreicht werden kann, wird eine gesetzliche
Regelung für das kommende Ausbildungsjahr wirksam werden. Wir wollen eine
Zukunft mit mehr Kindern Eine bessere Vereinbarkeit von
Beruf und Familie zu erreichen ist die wichtigste gesell-schaftspolitische
Innovation für dieses Jahrzehnt. In Deutschland ist die Frauenerwerbsquote im
internationalen Vergleich zu gering. Während bei uns nur gut 60 % der Frauen
etätig sind, sind es in den skandinavischen Ländern und in den USA mehr als
drei viertel alFrauen im erwerbsfähigen Alter. Mehr Möglichkeiten der
Ganztagsbetreuung für Kinder aller Altersstufen sind die wichtigste
Voraussetzung für eine höhere Frauenerwerso können Eltern ihre Wünsche
realisieren, Kinder zu haben und gleichzeitig berufstätig zu sein. Eine
Erhöhung der Geburtenrate in Deutschland wirkt zudem der Alterung der
Gesell-schaft entgegen . Wir streben daher gemeinsam mit den Ländern einen
bedarfsgerechten Ausbau von Kinderbetreuungseinrichtungen bis zum Jahr 2010
an. Die Unternehmen müs-sen daran mitwirken und ihrer Verpflichtung
nachkommen, familienfreundliche Arbhältnisse und Arbeitszeitmodelle zu
fördern. Bis 2010 wollen wir Deutschland zu einem derkinderfreundlichsten
Länder in Europa machen. Innovationsfähigkeit ist keine
Altersfrage
Immer mehr Unternehmen erkennen,
dass es kurzsichtig ist, auf das Erfahrungswissen älte-rer Arbeitnehmerinnen
und Arbeitnehmer zu verzichten. Oft sind Ältere räumlich und zeitlich
flexibler als Eltern schulpflichtiger Kinder. Arbeitnehmerinnen und
Arbeitnehmer sollen bis zum gesetzlichen Renteneintrittsalter vollwertig in
den Arbeitsmarkt eingebunden sein. Un-ternehmen und Tarifparteien müssen auch
durch neue Formen der Arbeitszeitgestaltung die Voraussetzungen dafür
schaffen, dass die Beschäftigten sich neues Wissen aneignen und neue
Qualifikationen während ihres gesamten Arbeitslebens erwerben können. Wir
unter-stützen die Tarifparteien dabei, die Voraussetzungen für die Umsetzung
des Prinzips des lebensbegleitenden Lernens zu verbessern. In einer
Gesellschaft, in der die Geschwindigkeit von Veränderungen zunimmt und die
Zeiträume, in denen sich unser Wissen erneuert und erweitert immer kürzer
werden, kann Lernen weniger denn je mit dem Abschluss der Be-rufsausbildung
enden. Innovative Arbeitszeitmodelle können einen wichtigen Beitrag zur
Lö-sung dieses Problems leisten. Arbeitszeitkonten als Lernzeitkonten sind
ein wichtiges In-strument lebensbegleitendes Lernen praktisch zu ermöglichen.
Bisher ist diese Möglichkeit erst für 1 % der Beschäftigten gegeben. Wir
streben an, bis 2010 zusammen mit den Tarif-parteien diesen Anteil deutlich
zu erhöhen. Alle vorhandene Arbeit muss mobilisiert und getan werden
Beschäftigung für alle bleibt
unser zentrales Ziel. Die Innovationsfähigkeit unserer Gesell-schaft wird
sich auch daran entscheiden, ob es gelingt, dass die vorhandene und neu zu
erschließende Arbeit von legal hier lebenden Menschen in regulären
Beschäftigungsverhält-nissen getan werden kann. Dies gilt zum einen für den
Bereich hoch qualifizierter Tätigkei-ten. Durch rechtzeitige Bildung,
Ausbildung, fortlaufende Weiterbildung und angemessene Arbeitsbedingungen
können wir Voraussetzungen für mehr qualifizierte Arbeitsplätze in
Wis-senschaft, Forschung und Entwicklung schaffen. Unabdingbar ist dafür, die
mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer, aber auch die Fähigkeit
Unternehmer oder Unternehmerin zu werden, gezielter als bisher zu lehren und
zu fördern. Zum anderen liegen auch in wegen
ihrer Bezahlung oder ihres manchmal geringen sozialen Status nicht
attraktiven Tätigkeiten (z. B. personenbezogenen und haushaltsnahen
Dienst-leistungen) noch Potentiale für reguläre Beschäftigung. Die
Schwarzarbeit in diesen Berei-chen muss eingedämmt werden. Angesichts hoher
Arbeitslosigkeit gerade bei Geringqualifi-zierten ist es keine akzeptable
Lösung, solche Arbeiten ins Ausland zu verlagern oder durch Zuwanderung von
Arbeitskräften zu erledigen. Die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und
Sozialhilfe und die Arbeitsmarktreformen bieten die Chance, diesen Sektor des
Arbeitsmark-tes durch reguläre Beschäftigung bisher Arbeitsloser auszufüllen.
Dazu trägt auch die Ab-senkung der Lohnnebenkosten bei. Die
langfristige Sicherung der Sozialsysteme und die Konsolidierung der
Staatsfinan-zen bleiben auf der Tagesordnung Im Bereich der sozialen
Sicherungssysteme werden allein bedingt durch die demografischen
Veränderungen weitere Innovationen erforderlich sein, um die Systeme
leistungsfähig zu erhalten. Für die Alterssicherung bleibt ein vernünftiger
Mix von paritätisch beitragsfinanzier-ter Rente, steuerfinanzierten
Leistungen und privatem Vorsparen durch die Riester-Rente der richtige
Ansatz. Die private Vorsorge wird dabei an Bedeutung gewinnen. Der wachsende Anteil alter und
sehr alter Menschen wird auch an das Gesundheitswesen und die Organisation
der Pflege neue Herausforderungen stellen. Wir müssen erreichen, dass die
älteren Menschen möglichst lange in ihrer gewohnten Umgebung am
gesellschaftli-chen Leben teilnehmen können. Menschenwürdige Pflege müssen wir
im häuslich-privaten, ambulanten und stationären Bereich ermöglichen. Darauf
muss unsere Gesellschaft einen wachsenden Anteil von Zeit, Kraft und
finanziellen Ressourcen verwenden. Der Staat kann hierfür Rahmenbedingungen
schaffen, aber wir brauchen einen gesellschaftlichen Konsens, in diese
Aufgabe ehrenamtliches und privates Engagement zu investieren. Im Bereich des
Gesundheitssystems und der gesetzlichen Rentenversicherung sind nach
Verabschiedung der eingebrachten Reformgesetze voraussichtlich in der nächsten
Legisla-turperiode weitere Anpassungen erforderlich. Diese werden wir auf der
Basis der Bochumer Parteitagsbeschlüsse und unserer grundsätzlichen
Entscheidung für die Fortführung der so-lidarischen Krankenversicherung als
Bürgerversicherung durch eine breite gesellschaftliche Debatte sorgfältig
vorbereiten. Zur Generationengerechtigkeit
gehört auch, dass alle staatlichen Ebenen ihre Finanzen nachhaltig
konsolidieren und nicht wachsende Schuldenberge weiter in die Zukunft wälzen.
Unsere Hochschulen müssen
flexibler und attraktiver werden
Der Zugang zu unseren
Hochschulen muss offen bleiben. Wir brauchen nicht weniger, son-dern mehr und
besser ausgebildete Hochschulabsolventen. Und wir brauchen eine Öffnung der
Universitäten und Fachhochschulen für die berufliche Weiterbildung. Als wir
1998 die Regierungsverantwortung übernahmen, lag der Anteil der
Studienanfänger bei 28,5 %. In-zwischen beträgt er 35,6 % eines Jahrgangs.
Dazu hat vor allem die Verbesserung der Aus-bildungsförderung beigetragen. Unser
Ziel bleibt, die Studierendenquote in den kommenden Jahren auf 40 % zu
erhöhen. Wir wollen einen Dialog mit allen gesellschaftlichen Gruppen über
die Hochschule der Zukunft führen. Wir müssen Spitzenforscherinnen
und –forschern mehr Anreize bieten, an unseren Universi-täten zu bleiben oder
zu uns zu kommen. Dazu sind sowohl gute Forschungsbedingungen wie verbesserte
Möglichkeiten für variable und leistungsorientierte Vergütungen
(Wissen-schaftstarifvertrag) wichtige Voraussetzungen. Zur Attraktivität für
international renommierte Spitzenforscher gehört aber ebenso, dass unsere
Gesellschaft offen und tolerant bleibt, qua-lifizierte Zuwanderung ermöglicht
und keine unnötigen bürokratischen Hürden aufbaut. Aus-ländischen
Studierenden, die bei uns ein Studium erfolgreich abschließen, wollen wir es
er-leichtern, hier auch in ihrem Beruf zu arbeiten und eine Existenz zu
gründen. Wir brauchen neben einer höheren
Anzahl von Hochschulabsolventen auch eine stärkere Förderung von
Spitzenleistungen. Wir wollen die Struktur der Hochschullandschaft so
verän-dern, dass sich Spitzenhochschulen und Forschungszentren etablieren,
die auch weltweit in der ersten Liga mitspielen und mit internationalen
Spitzenhochschulen wie Harvard und Stanford konkurrieren können. Wir wollen eine Allianz für
Innovationen schmieden
Im Vergleich zu anderen Ländern
sind unsere Aufwendungen für Forschung und Entwicklung zu gering. Wir wollen
in Zukunft einen höheren Anteil unseres Sozialprodukts in diesen Be-reich
investieren. Dies wird nur durch eine gemeinsame Anstrengung von Wirtschaft,
Bund und Ländern zu erreichen sein. Unser Ziel ist, dafür eine Allianz für
Innovationen zu bilden: Wir wollen bis spätestens 2010 den Anteil der
Forschungs- und Entwicklungsaufwendungen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) von
heute 2,5 % (2001) auf 3 % steigern. Wir erwarten von der Wirtschaft, dass
sie ihren Anteil auf 2 % des BIP erhöht. Die öffentlichen Haushalte
ih-rerseits werden ihren Beitrag auf 1 % des BIP anheben. Wir werden in
diesem Rahmen auch prüfen, ob eine Stiftung „Bildung, Forschung und
Entwicklung“ einen Beitrag zur Finanzie-rung zentraler Innovationsprojekte
leisten kann. Eine verfassungskonform neu
geregelte Erbschaftssteuer kann einen Beitrag leisten, den Ländern
zusätzliche Mittel für Bildungsinvestitionen zu erschließen. Marode
Schulgebäude, zu große Klassen und Unterrichtsausfall sind bei wachsendem
privaten Reichtum auch ein Ausdruck mangelnder gesellschaftspolitischer
Innovationsfähigkeit. Wir werden
unsere Anstrengungen auf die Märkte der Zukunft konzentrieren Nur wer frühzeitig die
Potenziale neuer Technologien und ihre möglichen Anwendungsfelder erkennt,
kann seine Innovationspolitik auf die Bereiche konzentrieren, in denen
politische Unterstützung den wirksamsten Beitrag leisten kann. Such- und
Entscheidungsprozesse des Marktes können dabei weder ersetzt noch sicher
vorhergesagt werden. Dennoch können Regierung, Wirtschaft, Wissenschaft und
Bürgerinnen und Bürger im Dialog zu gemeinsa-men Einschätzungen über die
Trends und die Märkte von morgen kommen. Auf der Basis einer umfassenden
Zukunftsanalyse der bestehenden und potenziellen Vorreitermärkte wer-den wir
die Technologie- und Forschungspolitik des Bundes in einem
„Innovationsprogramm Deutschland“ im Dialog in Wissenschaft und Wirtschaft
auf Schwerpunkte konzentrieren und damit vorhandene Ressourcen bündeln und
die Effizienz der Forschungsförderung des Bun-des steigern. Zu diesen
Schwerpunkten gehören weiterhin Mikro- und Nanotechnologie, Bio- und
Gentechnologie, Informations- und Kommunikationstechnologien,
Materialwissenschaf-ten, Gesundheits- und Nachhaltigkeitsforschung. Wir wollen führend sein
bei der Entwicklung eines Internets der zweiten Generation; wir wollen unsere führende
Stellung im Automobilbau und bei Verkehrstechnologien weiter entwickeln mit
dem Ziel einer führenden Stellung bei energiesparenden und
umweltverträglichen Fahrzeugen, Antrieben und Verkehrsleitsystemen; mit der Einführung der
elektronischen Patientenkarte werden wir die Qualität der me-dizinischen
Versorgung im Dienste der Patienten und Patientinnen verbessern; Deutschland ist führend
auf dem Gebiet der Brennstoffzellentechnologie. Gemeinsam mit der Wirtschaft
wollen wir die Markteinführung dieser hocheffizienten Technologie durch
konkrete Zielvereinbarungen unterstützen. Deutschland soll seine führende
Rolle im Bereich hocheffizienter Energietechnologien behal-ten. Dazu gehört
die Weiterentwicklung und Vermarktung von emissionsarmen und effizien-ten
Kohlekraftwerken sowie die weltweite Vermarktung von Technologien zur
Reduktion von Emissionen und zur Verbesserung der Rohstoffeffizienz ebenso
wie die weitere Förderung der Entwicklung und Markteinführung von
Energieeinspartechnologien und regenerativen Energien. Die internationalen
Regierungskonferenz für Erneuerbare Energien und Energieef-fizienz im Juni
2004 in Bonn wird dazu eine wichtige Plattform sein und wichtige
Vereinba-rungen treffen. Wir brauchen
den öffentlichen Diskurs über Chancen und Risiken neuer Technologien Eine innovative Gesellschaft
braucht die Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen und Risi-ken einzugehen.
Sie braucht aber auch die Möglichkeit, durch eine öffentliche Diskussion von
Chancen und Risiken neuer Technologien die Akzeptanz für die Anwendung dieser
Technologien zu sichern. Diesen Dialog müssen wir zu wichtigen
Innovationsfeldern im Be-reich der Bio- und Gentechnologie ebenso wie im
Bereich der Nanotechnologie intensiveren. Das „Einstein-Jahr“ 2005 ist ein
guter Anlass, die notwendige Begeisterung für die Weiter-entwicklung naturwissenschaftlicher
Erkenntnisse zu verknüpfen mit der kritischen Reflektion über
wirtschaftspolitische, sozialpolitische und kulturelle Rahmenbedingungen für
die Nut-zung neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse und Technologien. Der Staat muss
Innovationen fördern und selbst Vorreiter für Innovationen sein Gesetze und Verordnungen dürfen
Innovationen nicht behindern. Wo staatliche Regulierun-gen etwa zum Schutz
von Umwelt und Gesundheit notwendig sind, müssen die Verfahren und
Entscheidungen mit den verkürzten Innovationszyklen Schritt halten.
Rahmensetzungen, die Ziele vorgeben, sind besser als starre Detailregelungen.
Sie ermöglichen intelligente und kreative Lösungen, statt konkret die
Anwendung bestimmter Techniken festzulegen. Wir wollen insbesondere für
kleine und mittelständische Unternehmen die Bedingungen für innovatives
Handeln durch Bürokratieabbau verbessern und Unternehmen, die
Hochtechno-logie produzieren, den Zugang zu Wagniskapital erleichtern. Die Verwaltung des Bundes und
der Länder muss selbst zum Vorreiter für innovative Prob-lemlösungen werden.
Dies gilt im besonderen Maße für die Bereiche, in denen Behörden den
Bürgerinnen und Bürger als Dienstleister direkt gegenüberstehen. Unser Ziel
ist, dass die Bürgerinnen und Bürger bis spätestens 2010 für alle Kontakte zu
Behörden zentrale Anlaufstellen haben und alle Antragsverfahren auch online
über einheitliche Dienstleis-tungsportale erledigt werden können. Ein wichtiges Anwendungsfeld ist
die weitere Vereinfachung des Steuersystems und der Finanzverwaltung. Wir
werden deshalb in diesem Jahr Vorschläge vorlegen, das Steuersys-tem
einfacher und gerechter zu gestalten. Bis 2006 werden wir das Steuerrecht so
vereinfa-chen, dass in der Regel kein Arbeitnehmer und keine Arbeitnehmerin
mehr eine Steuerbera-tung brauchen. Weitere Steuerentlastungen sind derzeit
angesichts der Situation der öffentli-chen Haushalte in Bund, Ländern und
Gemeinden nicht möglich. Jeder und jede sollte bis dahin die Möglichkeit
haben, seine Steuererklärung auch über das Internet abzugeben. Auch die staatliche Organisation
selbst muss für Innovationen offen sein, um politische und gesetzgeberische
Entscheidungen effizienter zu gestalten. Wir wollen die bundesstaatliche
Ordnung durchlüften und Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten zwischen
Bund und Län-dern, aber auch im Verhältnis zur EU, klarer gliedern.
Notwendige gesellschaftliche und technologische Innovationen dürfen nicht
länger im Zuständigkeitsgestrüpp politischer Institutionen hängen bleib In und mit
Europa die Kräfte bündeln Viele Projekte im Bereich der
Grundlagenforschung und der Basisinnovationen übersteigen die Möglichkeiten
nationaler Regierungen. Sie lassen sich nur gemeinsam mit unseren
euro-päischen Partnern entwickeln und umsetzen. Die Europäische Union hat
sich zum Ziel ge-setzt, bis zum Jahr 2010 die wettbewerbsfähigste und
dynamischste Region der Welt zu werden. Sie bietet als Wirtschaftsraum mit
450 Mio. Menschen eine gute Voraussetzung, um neuen Lösungen zum Durchbruch
zu verhelfen und Standards für die Weltmärkte zu setzen. Wir wollen dieses
Potential nutzen und durch die Verbesserung der Rahmenbedingungen für
Forschung und Innovation ausbauen. Wir sehen mit Sorge Tendenzen in
der Industrie, FuE-Tätigkeiten aufgrund besserer Rah-menbedingungen in Staaten
außerhalb der EU zu verlagern. Wir fordern daher die Europäi-sche Kommission
dazu auf, einen Aktionsplan zur Beseitigung innovationshemmender
Regulierungen zu entwickeln. Ein wichtiges Element muss hierbei die
Folgenabschätzung von EU-Vorhaben auf die Innovationsfähigkeit von
Wirtschaft, Gesellschaft und Staat sein. Wir brauchen ein europäisches System
des geistigen Eigentums, welches durch Effizienz und Rechtssicherheit eine
angemessene Amortisierung von Aufwendungen im Forschungsbereich ermöglicht.
Hierzu gehört ein wirtschaftlich attraktives und kostengünstiges europäisches
Gemeinschaftspatent Deutschland wird dafür eintreten, dass in der nächsten
Finanzperiode der EU durch Ausgabenumschichtungen der Innovationsaspekt
stärker berücksichtigt wird. Eine wichtige Rolle sollte hier das 7.
Europäische Forschungsrahmenprogramm spielen, das sich durch eine klare
Prioritätensetzung auf die Informations-, Kommunikations-, Bio-, Nano-,
Produktions- und Verkehrstechnologien und durch eine Stärkung der Grundlagenforschung
auszeuichnen sollte. Wir wollen den
Wettbewerb um die besten Ideen gewinnen Internationale
Wettbewerbsfähigkeit kann Deutschland nicht durch eine Strategie der
Kos-tensenkung erreichen. Der Schlüssel für Wettbewerbsfähigkeit und damit
für Arbeitsplätze und Wohlstand in der Zukunft liegt in innovativen Lösungen
für die Märkte von morgen. Dazu wollen wir Rahmenbedingungen schaffen, die
sicherstellen, dass in Deutschland nicht nur die Ideen für neue Produkte,
Dienstleistungen und Verfahren entwickelt werden, sondern dass sie auch in
Deutschland produziert werden und wirtschaftliche Erträge bringen. Wir
for-dern deshalb Bundesregierung und Parlament auf, zusammen mit der
Wissenschaft, der Wirtschaft, Gewerkschaften, Kirchen und anderen gesellschaftlichen
Gruppen über unsere Leitlinien für eine neue Innovationspolitik zu
diskutieren und unabhängig von Zuständigkeits- und Parteigrenzen das Wichtige
für eine sozial gerechte Erneuerung von Wirtschaft, Staat und Gesellschaft zu
tun. |