D a s L i b e r a l e T a g e b u c h |
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Sammlung
Originaldokumente aus Das Liberale Tagebuch, (http://www.dr-trier.de) |
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Im Internet von der
Bundesregierung veröffentlicht; am 31. August 2003 für das LT kopiert Pressekonferenz
mit BK Schröder, BM Eichel und BM Fischer nach der Kabinettsklausur in
Neuhardenberg (Mitschrift) Mo, 30.06.2003 PRESSEKONFERENZ am Sonntag, dem 29.06.2003, 11.28 Uhr, Neuhardenberg Thema:
Klausurtagung des Kabinetts vom 27. bis 29. Juni 2003 Sprecher: BK
Schröder, BM Eichel, BM Fischer BK SCHRÖDER: Meine sehr verehrten Damen und Herren,
das Bundeskabinett hat ein hart erarbeitetes, aber erfolgreiches
Klausur-Wochenende hinter sich. Es fand in einer ebenso schönen wie
historisch interessanten Umgebung statt, wie Sie sicher selber erfahren
haben. Die Kabinettmitglieder haben zentrale Themen, die
zunächst bis 2006 für die weitere wirtschaftliche, soziale und internationale
Entwicklung Deutschlands von herausragender Bedeutung sind, auf unsere
politischen Prioritäten hin zugespitzt. Wir wissen: Von uns wird erwartet, dass wir ein
klares Signal aussenden, dass wir den Menschen sagen, wo wir im Rahmen der
"Agenda 2010" unter den gegenwärtigen Bedingungen die Schwerpunkte
unserer Arbeit für Deutschland setzen wollen. Das Signal, das von diesem
Wochenende ausgehen wird, ist eines für Stabilität und Wachstum in
Deutschland. Erstens. Der Bundesfinanzminister hat mit dem
Haushalt 2004 einen echten Konsolidierungshaushalt vorgelegt, der einen
bisher in Deutschland ungekannten Einstieg in den Abbau von Subventionen
aller Art vorsieht. Bis zum Jahr 2010 wird allein der Bund dadurch
Aufwendungen in Höhe von rund 45 Milliarden Euro einsparen. Hinzu kommen
Einsparungen bei den Beamten und den öffentlichen Angestellten in
Milliardenhöhe. Das alles sind langfristig wirksame Entlastungen des
Staatshaushalts, die ansonsten über höhere Steuern oder mehr Kredite hätten
finanziert werden müssen. Das ist unser erstes Signal: Auch in der schwierigen
wirtschaftlichen Lage, in der sich unser Land befindet - übrigens nicht nur
unser Land, sondern Europa insgesamt -, in der längsten Phase
wirtschaftlicher Stagnation also, begrenzen wir den Staatshaushalt, führen
unseren Kurs nachhaltig wirksamer Strukturreformen im Rahmen der "Agenda
2010" weiter und bestätigen damit unseren Konsolidierungskurs. Denn das nominale Defizit im Bundeshaushalt wird im
nächsten Jahr noch einmal verringert. Dadurch erarbeiten wir uns - übrigens
auch gegenüber Brüssel - finanzpolitische Spielräume, die wir nutzen wollen
und werden, um Wachstumsimpulse geben zu können. Genau das, meine Damen und Herren, ist das zweite
Signal: Diese Bundesregierung verbessert die Rahmenbedingungen für mehr
Wachstum in Deutschland - nicht nur durch langfristig wirksame
Strukturreformen im Rahmen der "Agenda 2010", sondern ebenso durch
ein kurzfristig notwendiges konjunkturpolitisches Signal: durch das Vorziehen
der Steuerreformstufe 2005 auf das nächste Jahr 2004. Meine Damen und Herren, Stabilität und Wachstum,
Konsolidierung und weniger Steuern und Lohnnebenkosten - genau das ist das
Signal, das wir den Konsumenten und Investoren in Deutschland geben wollen. Das Vorziehen der Steuerreform bedeutet für
Steuerzahler, dass sie ab dem nächsten Jahr rund 10 % weniger Einkommensteuer
als in diesem Jahr zahlen müssen. 10 % weniger Einkommensteuer heißt 10 %
mehr für Konsum. Das stärkt die Binnennachfrage und verbessert den Anreiz,
statt "schwarz" legal zu arbeiten. Unsere Steuerreform wird nicht nur einen wichtigen
Konjunkturimpuls geben, sie ist auch sozial gerecht. Denn sie entlastet die
kleineren Einkommen deutlich stärker als höhere. Nur ein Beispiel: Ein verheirateter Alleinverdiener
ohne Kinder mit einem Einkommen von bis zu 30.000 Euro wird im nächsten Jahr
über 27 % weniger Einkommensteuer zahlen müssen. Bei einem Einkommen von
150.000 Euro sind es knapp 11 %. Auch dies zeigt, dass die Reform in sich ausgewogen
ist. Es zeigt auch: Es ist richtig, dass wir den Eingangssteuersatz auf den
niedrigsten Stand in der Geschichte unseres Landes senken werden: auf nur
noch 15 %. Vielleicht, meine Damen und Herren, erinnert sich der eine oder
andere noch daran: Vor fünf Jahren betrug dieser Eingangssteuersatz noch 26
%. Das ist ein Ergebnis unserer Steuerpolitik. Darüber hinaus - und das ist mir in einem anderen
Zusammenhang, nämlich was Investitionen angeht, besonders wichtig - entlastet
die Bundesregierung mit der Steuerreform den Mittelstand massiv. Vom
Vorziehen der Einkommensteuerreform profitieren nicht die
Kapitalgesellschaften. Vielmehr werden Personenunternehmen, also das Rückgrad
des Mittelstandes, deutlich besser gestellt. Mittelständische Unternehmen müssen ab dem nächsten
Jahr fast 10 Milliarden Euro weniger Steuern zahlen. Damit geben wir in einer
wirtschaftlich schwierigen Situation ein klares Signal an den Mittelstand:
Weniger Steuern für mehr Investitionen und mehr Beschäftigung, also
Bekämpfung der Arbeitslosigkeit in unserem Land! Dieses Signal wird noch
einmal verstärkt durch sinkende Lohnnebenkosten. Ministerin Schmidt hat sich bereit erklärt, den
Beitragssatz zur Rente auch im nächsten Jahr auf 19,5 % zu stabilisieren.
Zusammen mit der Absenkung des Beitragssatzes zur Krankenversicherung durch
die Gesundheitsreform, die wir mit der Opposition gemeinsam verabschieden
wollen, sichern wir, dass der Faktor Arbeit - das ist wichtig für die
Bekämpfung der Arbeitslosigkeit in unserem Land - im nächsten Jahr deutlich
entlastet wird. Damit bringen wir nicht nur den Standort Deutschland voran.
Wir verbessern auch die Wettbewerbssituation des Mittelstands gegenüber
beispielsweise großen Kapitalgesellschaften. Meine Damen und Herren, mit diesem Vorziehen
verbinden wir den Willen, mit den Ländern den schrittweisen Abbau von
Subventionen auch in den kommenden Jahren, und zwar über das bisher erreichte
sehr ehrgeizige Maß hinaus, verbindlich zu vereinbaren. Darüber hinaus werden
wir im Rahmen unserer Privatisierungsstrategie anfallende Erlöse zur
Finanzierung verwenden. Die verbleibende Differenz wird kreditfinanziert. Meine Damen und Herren, auf die schwierige
wirtschaftliche Lage reagiert die Bundesregierung mit der klaren
Doppelbotschaft von Konsolidierung einerseits und dem entschiedenen Setzen
von Wachstumsimpulsen andererseits. Ich denke und ich wünsche mir das auch,
dass von diesem Wochenende ein Aufbruchsignal an die Menschen in unserem Land
ausgeht. Es ist das Signal, dass Reformen zwar gelegentlich wehtun, aber dass
sie sich auch auszahlen. Nicht immer gleich, aber eben manchmal schon - siehe
das Vorziehen der Steuerreform. Ich möchte Ihnen noch einmal die wichtigsten Zahlen
im Überblick sagen: Entlastung für den Bund durch den Subventionsabbau
bis zum Jahre 2010: 45 Milliarden Euro. Die Steuerzahler müssen ab 2004 10 %
weniger Einkommensteuer zahlen als 2003. Die Einzelheiten dieser Zahlen habe
ich Ihnen genannt. Aber auch die Länder werden durch die Umsetzung der
Schritte, die im Bundeshaushalt vorgesehen sind, entlastet. Rund 7 Milliarden
Euro können es sein, wenn der Bundesrat seiner Verpflichtung, gesamtstaatlich
und nicht parteipolitisch zu denken, nachkommt. Noch einmal: Entlastung für den Mittelstand: 10
Milliarden Euro. Damit ist es das größte Programm für den Mittelstand, das es
bisher gegeben hat. Ich denke, meine Damen und Herren, diese Maßnahmen, die
wir heute beschlossen haben, rechtfertigen durchaus die Doppelbotschaft, die
von dieser Kabinettsklausur angeht, nämlich Konsolidierung entschieden weiter
zu machen, aber auch dafür zu sorgen, dass die notwendigen und richtigen
Wachstumsimpulse gesetzt werden. Alle gesellschaftlichen Kräfte dazu zu
bringen, sich dementsprechend zu verhalten, das war unser Ziel in dieser
Klausur. Wir sind durchaus zufrieden damit, dass wir es in dieser Form haben
erreichen können. Vielen Dank. Wir stehen Ihnen jetzt gern für Fragen
zur Verfügung. FRAGE: Ich habe zwei Fragen, Herr Bundeskanzler -
vielleicht auch an Sie, Herr Eichel -: Was bedeutet der Beschluss
"Vorziehen der Steuerreform" für das Ziel, das
3-Prozent-Defizitkriterium im nächsten Jahr zu erreichen? Können Sie die Höhe
der zusätzlichen Neuverschuldung, die geplant ist, beziffern? Zum Zweiten. Hat sich das Kabinett auch mit der
Ankündigung befasst, die Rentenanpassung im nächsten Jahr um ein halbes Jahr
auszusetzen? BK SCHRÖDER: Zunächst einmal: Mit den Maßnahmen, die
wir vorgeschlagen haben, können wir das Maastricht-Kriterium erreichen. Wir
müssen es nicht verfehlen. Aber ich muss und will darauf hinweisen, dass für
diese Möglichkeit ganz bestimmte Wachstumsannahmen vorgesehen sind. Es ist ja
gerade Ziel des Vorziehens der Steuerreformstufe auf 2004, diesen
Wachstumsannahmen gerecht zu werden, also durch diesen Impuls dafür zu
sorgen, dass die Wachstumserwartungen auch eintreten. Ich will sehr deutlich sagen: Ohne das Vorziehen der
2005-Stufe der Steuerreform hätte man das unter Umständen nicht erreichen
können. Wir wollen aber die Wachstumsziele, die wir uns gesetzt haben,
erreichen. Das Zweite: Wir haben natürlich auch über die Frage
der Renten miteinander gesprochen. Die Gesundheits- und Sozialministerin ist
beauftragt worden, für diese Ziele, die ich genannt habe, nämlich den
Beitragssatz bei 19,5 % zu halten und die 2 Milliarden für den Haushalt 2004
zu mobilisieren, ein entsprechendes Programm vorzulegen, um diese Ziele
erreichen zu können. Das wird natürlich auch Einschnitte bedeuten. Gegenwärtig lassen sich Einzelheiten nicht
diskutieren, weil wir dazu umfangreiche Rechnungen, auch Belastungsrechnungen
für die Betroffenen brauchen. Deswegen wird über diese Frage erst entschieden
werden können, wenn die Maßnahmen von der Gesundheits- und Sozialministerin
auf den Tisch gelegt werden. Erst dann lässt sich eine verbindliche Auskunft
über die Frage der Erhöhung der Renten in 2004 geben. Ich nutze aber die Gelegenheit, um sehr deutlich zu
sagen, dass in zwei Tagen die Rentnerinnen und Rentner in Deutschland in den
Genuss einer Rentenerhöhung kommen werden. Auch das sollte nicht einfach
unter den Tisch fallen. Man sollte nicht immer nur diskutieren, was
Perspektive ist, sondern sich auch einmal daran erinnern, was bereits
beschlossen worden ist, nämlich eine Rentenerhöhung wirksam ab 1. Juli 2003. FRAGE: Herr Bundeskanzler, zwei Fragen: Können Sie
sagen, was Sie in dieser Klausur zu Stande gebracht haben, was nicht schon
vorher klar war bzw. was man nicht auch im Kanzleramt hätte besprechen
können? Da Sie mehrfach mit Ihren Zielprognosen auch das Jahr
2010 angesprochen haben, heißt das, dass Sie und Ihr Außenminister bis 2010
gewillt sind, an der Spitze der Regierung zu bleiben? BK SCHRÖDER: Wenn ich die zweite Frage als Erstes
beantworten darf: Das kann man in der Tat nicht ausschließen. Die erste Frage will ich so beantworten: Ich glaube,
es hat sich in dieser Klausur erwiesen, dass dieses Kabinett in einer
schwieriger Zeit - mit sehr schwierigen Fragestellungen konfrontiert - als
ein geschlossenes Team agiert. Das ist für mich eine der angenehmen
Erfahrungen, die ich ansonsten auch immer mache, aber die ich hier in
besonderer Weise gemacht habe. Ich habe gesehen, wie geschlossen diese
Koalition - nicht nur das Kabinett, sondern die Koalition - in einer
schwierigen Zeit arbeitet. Das ist auch das, was die Bürgerinnen und Bürger
von uns erwarten. Das Maß an Geschlossenheit hat dazu geführt, dass
wir diese Beschlüsse fassen konnten. Wir können mit Recht erwarten, dass sie
ebenso diszipliniert wie geschlossen von der Koalition im Deutschen Bundestag
umgesetzt werden. Diese Entscheidung war schwer genug. Das wird sich auch bei
der Diskussion, die jetzt bei den Interessenverbänden einsetzen wird, noch
erweisen. FRAGE: Herr Eichel, zu dem Thema Rente: Das war ja
im Vorfeld der Haushaltsaufstellung ein schwieriges Thema. Nun ist die
Klausur hier eine zentrale Veranstaltung in der Neuorientierung der
Regierungspolitik für die Zeit bis 2006. Finden Sie das normal oder ist es
nicht enttäuschend, dass die Fachministerin heute diese Rechnung, was nun im
Einzelnen auf die Rentner zukommen soll, nicht vorlegen konnte, sondern
nacharbeiten muss? BM EICHEL: Nein, natürlich nicht. Denn das, was wir
vor uns haben - Gesundheitsreform -, läuft ja gerade. Rente kommt als
nächstes Thema. Das alles langfristig stabil zu machen, ist eine
Riesenaufgabe. Da können Sie nicht sagen: Das ist in wenigen Wochen und alles
parallel zu lösen. Deswegen finde ich das nicht. Wir haben uns klare
Eckpunkte gesetzt, die der Bundeskanzler genannt hat. In Folge dessen sehe
ich darin kein Problem. Es wird aber alles in diesem Herbst geklärt. FRAGE: Herr Bundeskanzler, Sie sprachen eben davon,
dass der Rest der Gegenfinanzierung beim Vorziehen der Steuerreformstufe
kreditfinanziert werden soll. Können Sie diesen Rest etwas genauer beziffern,
und Herr Eichel, könnten Sie noch etwas über die konkrete Neuverschuldung
sagen? BK SCHRÖDER: Es geht bei der Operation bezogen auf
den Bund um einen Betrag von etwas mehr als 7 Milliarden Euro. Wir haben
deutlich gemacht, wie wir uns vorstellen, diesen Betrag aufzubringen. Man muss dazu wissen: Die Stufe 2005 war
beschlossen, und ihre strukturellen Wirkungen wären eingetreten - aber erst
2005. Jetzt ziehen wir das aus den erwähnten Gründen auf 2004 vor, um einen
konjunkturellen Impuls zu geben. Es handelt sich hier also um die
Notwendigkeit, das einmal zu finanzieren. Wir werden z. B. die
Privatisierungsstrategie, die wir verfolgen, weiter führen. Aber natürlich
muss man dabei Marktgesichtspunkte berücksichtigen. Deswegen lässt sich das,
was da realisierbar ist, jetzt nicht in Cent und Euro bestimmen. Das kann man
gar nicht wegen der Notwendigkeit, auf den Markt Rücksicht zu nehmen. Im Übrigen hängt diese Frage auch davon ab, ob die
Mehrheit im Bundesrat Ernst machen will, mit uns zusammen das zu vereinbaren,
was sie gelegentlich selber ankündigt, nämlich einen Subventionsabbau, der in
sich gerecht, aber auch effektiv ist. Wir haben dieses Angebot gemacht. Wir
meinen es sehr, sehr ernst. Man muss dazu auch wissen, dass es Vorarbeiten
gibt, etwa diejenigen, die sich der hessische Ministerpräsident zusammen mit
dem nordrhein-westfälischen Ministerpräsident vorgenommen haben. Wie das
Verhältnis (dann aussieht, wie diese) Summe dann im Einzelnen aufzubringen
ist, werden die nächsten Diskussionen zeigen. BM EICHEL: Lassen Sie mich vielleicht für meine
Motivation - damit dann auch richtig klar ist, dass wir da völlig zusammen
stehen - etwas sagen: Wir sind im dritten Jahr in Folge in Stagnation. Wir
sind nicht sicher über die weitere wirtschaftliche Entwicklung. Trotzdem
machen wir im dritten Jahr in Folge in Stagnation so hoch ambitionierte
strukturelle Reformen, sowohl in der Agenda als auch im Bundeshaushalt. Ich will noch einmal deutlich machen: Im
Bundeshaushalt, der keinen Privatisierungsansatz enthält, weil ich mich davon
nicht mehr abhängig mache - es ist der erste Bundeshaushalt, der keine
Privatisierung mehr enthält, weil wir Privatisierung künftig nur noch zum
Schuldenabbau einsetzen und uns nicht abhängig machen -, (werden) wir jeweils
nach der Kursentwicklung privatisieren und nicht anders. Das Zweite. Man muss darauf hinweisen: Er hat keine
globale Minderausgabe. Die 400 Millionen Euro, die darin stehen, betreffen
den öffentlichen Dienst. Dann muss man sich in der Tat fragen: Ist es im
dritten Jahr in Folge in Stagnation nicht notwendig, damit wir die zwei
Prozent erreichen, wie der Bundeskanzler das gesagt hat, die
Steuerreformstufe, die ohnehin für 2005 vorgesehen ist, vorzuziehen? Das wird bedeuten: Nachdem wir einen Haushalt
(aufgestellt haben), der klar mit der Neuverschuldung unter den Investitionen
liegt - das war die Vorbedingung für das Vorziehen, damit wir nicht in der
Finanzpolitik schlapp machen -, werden wir zur Abwendung einer möglichen
Störung des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts die Steuerreform vorziehen.
So wird sie dann auch veranschlagt, und sie wird so finanziert, wie der
Bundeskanzler das gesagt hat. FRAGE: Herr Bundeskanzler, können Sie etwas zu den
Vorgängen bei der IG Metall sagen? BK SCHRÖDER: Ich bin sehr froh darüber, dass der
Streik beendet ist. Denn die wirtschaftlichen Auswirkungen hätten die
Schwierigkeiten, auf die ich hingewiesen habe, eher vergrößert. Deswegen bin
ich sehr froh über die Tatsache, dass der Streik beendet ist. Zu den
Einzelheiten habe ich mich nicht zu äußern. FRAGE: Herr Bundeskanzler, wenn ich das richtig
sehe, hat der jetzige Haushaltsentwurf, den wir kennen, einen Spielraum für
Neuverschuldung von höchstens einer Milliarde Euro. Wenn Sie jetzt sagen
"Wir wollen die Steuerreform vorziehen" und das teilweise durch
Kredite finanzieren, dann kann das ja höchstens eine Milliarde sein, wenn der
Haushalt verfassungsgemäß bleiben soll? BK SCHRÖDER: Der Finanzminister hat gerade darauf hingewiesen,
dass das Vorziehen der Steuerreformstufe auf 2004 zur Abwendung einer
möglichen Störung des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts gilt, und das ist
exakt der Begriff des Artikels 115 unseres Grundgesetzes. FRAGE: Herr Bundeskanzler, Sie haben davon
gesprochen, mit den Ländern verbindliche Absprachen zum Abbau der
Subventionen zu treffen. Sie sprachen von ehrgeizigen Absprachen. Können Sie
das konkretisieren? Gibt es einen Plan? BK SCHRÖDER: Zunächst einmal bitte ich Sie, sich
genau anzuschauen, was bereits im Haushalt 2004 enthalten ist und was wir im
Rahmen der "Agenda 2010" machen. Es muss ja gelegentlich erlaubt sein darauf
hinzuweisen, dass das, was wir im Rahmen der "Agenda 2010" machen,
in den letzten Monaten in der Gesellschaft und in den beiden
Koalitionsparteien hoch umstritten war. Es ist aber inzwischen eingesehen
worden, und wir gehen jetzt klar davon aus, dass das auch im Deutschen
Bundestag von der Mehrheit der Koalition beschlossen werden wird. Das ist
eine gewaltige Kraftanstrengung. Sie haben ja selbst gelegentlich darüber
berichtet. Ich kenne noch Berichte, die davon ausgingen, dass
man das nicht würde schaffen können. Dann hat Hans Eichel - so, wie wir es
angekündigt haben - einen Haushalt für 2004 vorgelegt, der exakt zu dem
anspruchsvollen Reformprogramm der "Agenda 2010" passt. Er hat noch
einmal deutlich gemacht - ich unterstreiche das ausdrücklich -, dass ohne die
dort vorgesehenen Kürzungen - denken Sie an die Eigenheimzulage und an die
Entfernungspauschale - das Einhalten jener Grenze, die durch die
Investitionen definiert ist, nicht möglich gewesen wäre. Es ist aber möglich
gemacht worden, und exakt das gibt jetzt die Chance zur Abwendung der Störung
des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts. Wir werden die Steuerreformstufe
so vorziehen und finanzieren, wie wir es angekündigt haben. Dieser Zusammenhang zwischen der sehr
anspruchsvollen "Agenda 2010" - einem dazu wirklich passendem
Haushalt, der seinerseits weitere Einschränkungen aus
Konsolidierungsnotwendigkeiten heraus enthält - und dem Vorziehen der
Steuerreformstufe zur Abwendung einer möglichen Störung des
gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts ist ein Dreiklang, der beabsichtigt
war, und der sich aus den unterschiedlichen Aspekten selbst ergibt. Ich
glaube, dass das eine Reformmaßnahme ist, die jedenfalls in der Geschichte
unserer Bundesrepublik seinesgleichen sucht. FRAGE: Herr Bundeskanzler, Sie haben in dieser Woche
ja mit der Parteivorsitzenden Angela Merkel gesprochen. Es gab anschließend
Mutmaßungen, dass Sie sich nicht eine Stunde lang ausschließlich über die
Gesundheitsreform geeinigt haben. Haben Sie aus der Union Signale vernommen,
dass die Union bereit ist, den Subventionsabbau über das Maß hinaus
mitzutragen, das wir am 14. März im Bundesrat registriert haben? BK SCHRÖDER: Wir haben vereinbart, dass wir
Stillschweigen über derart vertrauliche Gespräche bewahren. Daran werde ich
mich strikt halten. Denn ich habe ein Interesse daran, auch in Zukunft mit
der Oppositionsführerin über die eine oder andere Maßnahme zu reden, die man
gemeinsam im Deutschen Bundestag machen kann, ebenso wie mit den
Ministerpräsidenten der Länder - auch mit denen der so genannten B-Länder,
also der CDU-regierten Länder. Das Angebot zu verbindlichen Absprachen, die
dann alle einhalten, steht. Ich habe darauf hingewiesen, dass aus dem letzten
Vermittlungsverfahren heraus die Arbeit von Herrn Steinbrück einerseits und
Herrn Koch andererseits resultiert. Wir sind bereit, diese Arbeit
fortzusetzen. Aber über vertrauliche Gespräche mit der Oppositionsführerin
will und werde ich nicht berichten. FRAGE: Herr Finanzminister, ich kann verstehen, dass
man nicht genau in Cent und Euro festlegen kann, wie viel man über
Privatisierungserlöse herein bekommt. Dennoch die Frage: An welchen Stellen
wird ganz exakt privatisiert? Zweite Frage: Ist diese Strategie, dieser Dreiklang,
mit Brüssel abgesprochen? Da gab es ja kritische Töne. BM EICHEL: Zuerst: Die Privatisierungsstrategie ist
seit langem festgelegt. Wir veröffentlichen jedes Jahr einen Bericht zum
Stand der Privatisierung. Das geht nur so weit, wie es am Markt untergebracht
werden kann und nicht wegen der Haushaltsnotwendigkeit. Das muss man noch
einmal deutlich sagen. Denn alles andere wäre auch gar nicht zu verantworten. Zweiter Punkt. Es hat natürlich eine Reihe von
Gesprächen gegeben. Ich will auf Folgendes noch einmal hinweisen: Deutschland
und Europa sind darauf angewiesen, dass wir wieder auf den Wachstumspfad
kommen. Wenn die größte Volkswirtschaft mittendrin lahmt, dann ist das auch
eine schwierige Situation für alle anderen. Ich sage ausdrücklich: Ich hätte, wie Sie wissen, im
zweiten Jahr der Stagnation diesen Vorschlag nicht gemacht. Aber im dritten
Jahr der Stagnation bei immer noch keine Gewissheit, (sieht die Situation
anders aus). Natürlich haben wir Annahmen. Wir liegen mit unseren Prognosen
für das Jahr 2004 dort, was genau die Mitte des gegenwärtig gültigen
Prognosespektrums betrifft. Aber Sie kennen auch alle Fragezeichen, die es
gibt. Es ist ja die fundamentale politische Frage, vor der
Sie stehen: Machen Sie eine reine Strukturreform, in der Sie übrigens in der
Stagnation Geld aus dem Kreislauf nehmen - in der Höhe von einem Prozent vom
Bruttoinlandsprodukt -, oder müssen Sie das nicht und gleichen Sie das
dadurch aus, dass Sie die ohnehin geplante Steuerreform vorziehen? Das hat sehr viel Verständnis gefunden. Ich sage:
Bei diesem Stand des Zahlenwerks - der Bundeskanzler hat das vorhin
allgemein, aber klar gesagt - sind wir in folgender Lage: Für dieses Jahr
wird ein Wachstum von einem drei viertel Prozent angenommen. Im ersten
Halbjahr ist das noch nicht zu sehen; das muss man auch sagen. Aber es kann
im zweiten Halbjahr deutlich besser werden. Für nächstes Jahr ist die
Rechnung zwei Prozent. Ohne Vorziehen der Steuerreform sind wir beim
gesamtstaatlichen Defizit von 2,3 %, wenn alles, was wir jetzt in den
Haushalt hineingeschrieben haben, umgesetzt wird, und zwar auch bei den
Ländern und Kommunen. Das heißt, das ist eine gesamtstaatliche
Kraftanstrengung. Wir haben ja auch zusammen die Verantwortung. Wenn wir dann
die Steuerreformstufe vorziehen und sie komplett kreditfinanzieren, dann sind
wir punktgenau bei 3,0 %. Das ist das, was der Bundeskanzler gesagt hat.
Durch einen äußerst ambitionierten Subventionsabbau, den Sie im
Haushaltsplanentwurf finden, ist das erst möglich geworden. Das war immer meine Bedingung: Wir brauchen einen
Haushalt, der bei der Neuverschuldung unterhalb der Investitionen bleibt. Das
ist die zwingende Voraussetzung. Genau das ist eingehalten worden, wie
gesagt: sehr ambitioniert. Was ich jetzt von der Opposition höre, ist
abenteuerlich. Wenn ich mir überlege: In der Vergangenheit konnten
die Steuern nicht deutlich genug herunter. Von Subventionsabbau war die ganze
Zeit die Rede. Jetzt machen wir es, und nun ist es wieder nicht Recht. Also wissen Sie: Wir haben noch einen Wahltermin in
Bayern vor uns. Aber irgendwann muss das auch einmal konstruktiv werden. Das
kann so nicht weitergehen. FRAGE: Ich möchte eine Frage an Herrn Fischer
stellen, der Vollständigkeit halber. BM FISCHER: Sehr lieb. FRAGE: Bisher hat man von dem, was wir bisher gehört
haben, den Eindruck, dass es hier in erster Linie um Haushaltsverhandlungen
ging. Täuscht dieser Eindruck? BM FISCHER: Ja. FRAGE: Wurde auch besprochen, wofür Rot-Grün steht
und wie ein Land unter einer rot-grünen Regierung in den kommenden Jahren
aussehen soll? Oder ging es wie bei den Koalitionsverhandlungen wieder nur um
Haushaltslöcher? BM FISCHER: Dieser Eindruck täuscht völlig, weil wir
keine Haushaltsverhandlungen geführt haben. Wir haben den Haushalt in 2004
finalisiert, aber nicht im Sinne, dass wir jetzt nochmals Chefgespräche oder
Ähnliches geführt haben. Wir haben zwei Dinge zusammen diskutiert, nämlich
das doppelte Problem, vor dem wir stehen: Das ist erstens die strukturelle
Erneuerung unseres Landes. Sie ist offensichtlich. Die Arbeitslosigkeit muss
deutlich sinken. (Weiterhin sind wichtig) die Stabilisierung der sozialen
Sicherungssysteme und ihre Erneuerung, unter den Bedingungen offener Märkte
von Europäisierung und Globalisierung, und eine dramatische Veränderung des
Altersaufbaus. Darauf gründend wurde der Haushalt in seinen
wesentlichen Eckpunkten diskutiert und in die Strategie der "Agenda
2010" eingepasst. Der strukturelle Ansatz hieß ja immer - wenn ich viele
Ihrer Blätter und Kommentare richtig in Erinnerung habe -: Das Land muss sich
erneuern. Das Land muss sich bewegen. Exakt das haben wir hier gemacht. Wir haben das an
den großen Linien, aber auch operativ in den Entscheidungen umgesetzt. Der
Bundeskanzler hat das vorgetragen. Das Zweite ist die konjunkturelle Situation. Der
Finanzminister und der Bundeskanzler sagten zu Recht: "Wir sind jetzt im
dritten Jahr in einer Negativentwicklung." Dem musste ebenfalls
entgegengesteuert werden. Da ist die Zusammenlegung der Steuerreformstufen
2004/2005 der entscheidende Punkt. Selbstverständlich wurde gestern den ganzen Tag über
eine perspektivische Debatte geführt. Es ging um die Frage der Zukunft der
sozialen Sicherungssysteme, die demographische Herausforderung, die
Erneuerung von Rentensystemen, Gesundheitssysteme. Bildungs- und
Innovationsfragen waren die entscheidenden Punkte, die mitdiskutiert wurden
und in die Entscheidungen eingeflossen sind, die sich jetzt im Haushalt, aber
auch in der "Agenda 2010" fokussieren. (Eine Debatte gab es) nicht
zuletzt auch über die Frage der Erneuerung der Arbeitsmärkte,
Arbeitsverwaltung und Ähnliches. Es war eine sehr perspektivische Diskussion,
die aber immer entscheidungsorientiert war. FRAGE: Auch ich habe eine Frage an Herrn Fischer:
Herr Fischer, wenn ich das richtig verstanden habe, dann wird die
Bundesregierung, falls die Rechnung "2 % Wachstum im nächsten Jahr und
Einigung mit der Union über Subventionsaufbau" nicht aufgeht, die
Steuerreformstufe 3 über sehr viel höhere Kredite finanzieren. Kann ein
nachhaltig denkender Grüner so etwas gut finden? BM FISCHER: Ja, selbstverständlich. Ich will Ihnen
auch den Grund nennen. Wir diskutieren hier über Instrumente in einer
spezifischen konjunkturellen Situation. Wäre die konjunkturelle Situation
eine andere, würde ich anders plädieren. Ich hoffe nicht, dass die Union für den
Untersuchungsausschuss, den sie unsinnigerweise eingesetzt hat, jetzt
sozusagen den zweiten Abschnitt liefern will. Ich erinnere mich noch sehr gut
an die Position "drei mal 40", eine wesentlich ambitioniertere
Steuerreform, schuldenfinanziert und Ähnliches mehr. Ich glaube, wir sollten
uns nicht in die Verlegenheit bringen, dass wir im Untersuchungsausschuss
darüber sprechen müssen. Aber jenseits dieser leicht ironisierenden
Anmerkung: Der ernsthafte Punkt ist, dass jetzt alle Beteiligten in der
Verantwortung sind, unser Land voranzubringen. Wir befinden uns in einer
strukturellen Aufbruchsituation, und das ist für uns - gerade unter dem
Nachhaltigkeitsgesichtspunkt - entscheidend. Selbstverständlich ist das
konjunkturell eingebettet. Wir müssen jetzt gleichzeitig - sonst werden wir
die Reform, bei ansteigender Arbeitslosigkeit, nur sehr schwer stemmen können
- konjunkturell umsteuern. Wir haben hier also einen Haushalt, der eindeutig
auf den strukturellen Aufbruch zielt. Unser Land muss grundsätzlich
vorankommen. Es muss neu gestaltet werden, aber auch als eine sozial gerechte
Gesellschaft. Auf der anderen Seite haben wir jetzt das
konjunkturelle Umsteuerungssignal. Ich halte beides für essenziell und sehe
das nicht im Widerspruch. Im Gegenteil: Ich habe lang dafür gestritten, dass
es so kommt. FRAGE: Sie tagen hier vor einer historisch sehr
symbolträchtigen Kulisse. Glauben Sie, dass die Reformen, die Sie hier
beraten haben, dem Vorbild von Hardenberg gerecht werden? BK SCHRÖDER: Historische Vergleiche sind ja immer
etwas schwierig, insbesondere wenn man sie über sich selber anstellen soll.
Deswegen möchte ich das nicht tun und mir die Antwort darauf - aber auch als
einzige Verweigerung - schenken. Das möchte ich Ihrem Urteil selbst
überlassen. BK SCHRÖDER: Meine Damen und Herren, wir danken
Ihnen sehr. Ich hoffe, dass Sie noch einen einigermaßen erfreulichen Sonntag
Mittag und Nachmittag haben. Vielen Dank, dass Sie gekommen sind. Ich glaube
übrigens, dass diese Veranstaltung den Menschen in dieser Region und diesem
wunderbaren Hotel durchaus geholfen hat. Ich will nur noch erwähnen, weil danach gefragt
wurde: Die Finalisierung des Haushalts, wie sie der Außenminister und
Vizekanzler genannt hat, hat eine halbe Stunde in Anspruch genommen. Der Rest
waren Debatten über Strukturreformen und über das, was wir im Laufe der Zeit
in den Mittelpunkt der Politik stellen wollen. Durch diese Strukturreformen
werden Ausgaben ermöglicht für Forschung und Entwicklung, für Bildung und für
die Betreuung von Kindern, damit Chancengerechtigkeit nicht nur ein leerer
Begriff bleibt. Das alles können wir nur in den Mittelpunkt unserer
Bemühungen stellen, wenn wir diese Strukturreformen durch das Parlament
bringen - wo wir keine Schwierigkeiten sehen -, aber auch durch den Deutschen
Bundesrat. Deswegen abschließend noch einmal der Hinweis
darauf, dass wir ein sehr ambitioniertes Programm vorgelegt haben und es
jetzt gesamtstaatlich im Interesse Deutschlands geboten ist, dass die
Mehrheit im Bundesrat ihre Verantwortung ebenso wahrnimmt, wie wir das getan
haben. Wir setzen darauf, und wir trauen der Opposition durchaus zu, dass sie
sich entsprechend verhalten wird. Vielen Dank. (Ende: 12.06 Uhr) |