D a s   L i b e r a l e   T a g e b u c h

Sammlung Originaldokumente aus „Das Liberale Tagebuch“: http://www.dr-trier.de

 

 

Auszug (S. 7-11) aus Carl Christian von Weizsäcker, „Logik der Globalisierung“, Göttingen, 2000

 

 

Freiheit und Zwang in der wettbewerblichen Marktwirtschaft

 

Der Zwang für den Einzelnen, seine Rolle als Produzent gut zu spielen

 

Wir sprechen von der freien Marktwirtschaft. Und nun soll diese freie Marktwirtschaft in ihrer globalisierten Form ein Zwangssystem sein, das die nationale Demokratie unterhöhlt und unter das Diktat des weltweiten Marktes zwingt? Um dieses Paradox zu beseitigen, ist etwas logisches Denken erforderlich. Mit dessen Hilfe stellen wir fest: die Marktwirtschaft ist beides. Sie ist ein System der Freiheit, und sie ist zugleich ein Zwangssystem.

 

In der Marktwirtschaft steht der Produzent in der Regel im Wettbewerb mit anderen, den Wettbewerbern Das zwingt ihn, seine Kunden möglichst gut und preiswert zu bedienen. Denn die Kunden können zur Konkurrenz abwandern. So wird der Unternehmer, indem er seinem eigenen Gewinn nachstrebt, ein nützliches Mitglied der Gesellschaft. Dieser Gedanke ist die Grundlage für eine funktionierende Marktwirtschaft. Der Wettbewerb im Rahmen einer verlässlichen Eigentumsordnung erzwingt das Wohlverhalten derjenigen, die nichts anderes im Kopf haben als ihren eigenen Vorteil. Diese Ordnung setzt die richtigen Anreize. In den OECD-Ländern ist heute der durchschnittliche materielle Lebensstandard mindestens zehn mal höher als vor hundert Jahren Dieses Wohlstandswachstum ist sehr weitgehend die Frucht der wettbewerblichen Marktwirtschaft.

 

Das Individuum ist Teil des großen Systems der Arbeitsteilung, die eine notwendige Voraussetzung für die heutige hohe Produktivität ist. Die Arbeitsteilung bedeutet, dass das Wissen, welches volkswirtschaftlich nützlich wird, millionenfach größer werden kann als das Wissen, das in einem einzelnen Kopf Platz hat. Der Spezialist auf einem bestimmten Gebiet verkauft seine Produkte auf dem Markt und macht damit sein Wissen nutzbar für all diejenigen, die seine Produkte kaufen. Im Rahmen dieses Systems der Arbeitsteilung spielt jeder Einzelne eine Rolle. Die Rolle des Einzelnen ist meist die eines Spezialisten, der über ein sehr spezifisches Know-how verfügt, das er mit nur vergleichsweise wenigen anderen Mitspielern teilt. Diese Rolle muss einigermaßen zuverlässig gespielt werden. Das System kann zwar den Ausfall einiger, nicht aber den Ausfall aller Spieler verkraften. Der Einzelne ist zwar ein Stück weit frei in der Wahl der Rolle, d.h. in der Wahl seiner Spezialität. Aber er ist bei Strafe einer erheblichen Einbuße seines Lebensstandards nicht frei von dem Zwang, irgendeine Spezialistenrolle zu übernehmen. Zudem ist er gezwungen, nach der Wahl seiner Rolle diese auch einigermaßen zufriedenstellend zu spielen.

 

Was ich hier sage, gilt für unselbstständige Lohnarbeiter und selbstständig tätige Unternehmer gleichermaßen. Es gehört in der Regel zur Rolle des Einzelnen, Entscheidungen zu fällen. Insofern ist seine Rolle mit einem freien Entscheidungsspielraum versehen. Dieses Freiheitselement existiert also in der arbeitsteiligen ProduktionsgeseIlschaft. Aber das Interesse, das er im Rahmen seiner Rolle bei seiner Entscheidung zu berücksichtigen hat, ist nicht so sehr das eigene als vielmehr das seiner Umgebung, seiner "Kunden". Der Arzt soll im Interesse des Patienten entscheiden. Tut er das offenkundig nicht, so wird er als selbstständig tätiger Arzt seine Kundschaft verlieren. Als angestellter Arzt wird er seine Stelle verlieren. Es geht hier um eine höchst eingeschränkte Freiheit. Auch der Unternehmer verfügt im Grunde nur über diese eingeschränkte Entscheidungsfreiheit. Steht er unter hinreichend starkem Wettbewerbsdruck, so kann sein Ziel nur sein, durch gute Bedienung seiner Kunden seinen Gewinn zu maximieren. Dieser maximal erreichbare Gewinn wird in vielen Fällen ohnehin niedrig sein. Verluste kann er sich auf Dauer nicht leisten. Er würde als Unternehmer aufhören zu existieren.

 

Ich werde diese Analyse in Kapitel 3 noch verfeinern, wenn ich auf das Phänomen der Veränderung, der Innovation eingehe. Gegenwärtig können wir vorerst einmal konstatieren, dass das marktwirtschaftliche System deshalb vergleichsweise gut funktioniert, weil es seinen Funktionären, d.h. allen Erwerbern von Einkommen, den Zwang auferlegt, ihre Rolle gut zu spielen. In dem Stück, das hier mit vielen Rollen gespielt wird, ist der zahlende Gast der Kunde. Der Kunde, wenn er Geld hat, ist König.

 

Im Rahmen seines Budgets ist der Verbraucher frei

 

Als Verbraucher sind wir nicht spezialisiert. Wir spielen hier keine Spezialistenrolle. Die Vielfalt der Güter und Dienstleistungen, die wir konsumieren, steht in einem augenfälligen Kontrast zu der spezialistischen Konzentration, der wir uns als Produzenten unterwerfen. Aber nicht nur das. Wir sind als Verbraucher auch überwiegend keinem Wettbewerbsdruck ausgeliefert. Die Tatsache, dass mein Nachbar den Autotyp fährt, den ich auch kaufen möchte, erschwert mir den Kauf in der Regel überhaupt nicht. Der Autohändler ist sehr bereitwillig in der Lage, uns beide zu bedienen.

 

Was bedeutet die Aussage, der Kunde sei König? Sie besagt nicht, dass der Verbraucher tun und lassen kann, was er will. Auch für einen König gelten Budgetbeschränkungen. Aber im Rahmen dieser Budgetbeschränkungen ist der Verbraucher doch recht frei. Er kann sich entscheiden, wie er wohnt, wo er wohnt, ob er sich ein Automobil kauft und welches, ob er seinen Urlaub zu Hause verbringt oder in der großen weiten Welt, zu welchem Arzt er geht, zu welchem Vermögensberater, zu welchem Anwalt usw., usw.

 

Natürlich gibt es auch für den Verbraucher Zwänge, die über die Budgetbeschränkung hinausgehen. Es gibt Komplementaritäten in seinen Entscheidungen. Wer A sagt, muss auch B sagen. Wer, aus welchen Gründen auch immer, auf eine bestimmte Arbeitsstelle festgelegt ist, der ist nur beschränkt frei in seiner Wohnungswahl. Es kann sein, dass die von ihm bevorzugte Wohnlage ihn zwingt, mit dem Auto zur Arbeitsstätte zu fahren. Wer sich entschieden hat, eine Familie zu gründen, mag nunmehr die Pflicht haben, diese auch zu ernähren. Freiheit bedeutet nicht die Möglichkeit des Unmöglichen. Sie bedeutet nur eine hohe Autonomie in der Auswahl von Alternativen im Rahmen dessen, was objektiv möglich ist.

 

Diese relativ hohe Wahlfreiheit des Verbrauchers ist ein Spezifikum der Marktwirtschaft. In der entwickelten Marktwirtschaft ist aus der Sicht des Verbrauchers nichts knapp, nur das Geld. In der Subsistenzwirtschaft oder im Regime des zentralverwaltungswirtschaftlich organisierten realen Sozialismus sind sehr viele Güter knapp, die man auch mit Geld nicht kaufen kann. Es genügt dort nicht, ein bestimmtes Budget zur Verfügung zu haben, in dessen Rahmen man frei entscheiden kann. Die Wahlfreiheit ist wesentlich weitergehend eingeschränkt. Das tägliche Leben des Verbrauchers ist deshalb dort mühsamer. Er muss mehr selbst voraus denken und planen, um mit seinen Projekten nicht an einer der vielen Knappheiten zu scheitern. Er muss ständig Schlange stehen, um mit diesen Knappheiten fertig zu werden.

 

Die Reduktion der vielen naturwüchsig vorhandenen Knappheiten auf die eine Knappheit des Geldes in der Marktwirtschaft bringt eine fundamentale Entlastung für den einzelnen Verbraucher. Er braucht nicht mehr als eine rudimentäre Vorratshaltung zu betreiben, da er praktisch jederzeit mit seinem Geld alles kaufen kann, was er gerade braucht. Der Strom kommt jederzeit aus der Steckdose, solange man ihn bezahlen kann. Das Gas heizt die Wohnung automatisch, solange man die Gasrechnung bezahlt. Nur mit dieser Entlastung von der Detailplanung der eigenen Zukunft (nicht natürlich von der Zukunftsvorsorge insgesamt) ist auch die enorme Vielfalt der Güter kompatibel, die der Verbraucher in der entwickelten Marktwirtschaft erwirbt. Die Gegenwart kann so vielfältig und bunt sein, weil die Zukunft heute wesentlich weniger Entscheidungen erfordert als in einer Welt der vielfältigen Knappheiten.

 

Die hohe Entscheidungsautonomie des Verbrauchers ist eng verbunden mit seinem Königsstatus als Kunde. Die typische Transaktion ist die, dass der Verbraucher wählt zwischen Gütern, die ihm von den Anbietern jeweils zu einem Festpreis angeboten werden. Der Verkäufer ist zu diesem Festpreis an einer Transaktion interessiert, weil er an ihr Geld verdient. Der Preis liegt über den Grenzkosten des Verkäufers. (Die Grenzkosten sind die zusätzlichen Kosten der Beschaffung einer Einheit des zu verkaufenden Gutes. Sind sie niedriger als der Preis, entsteht durch den Verkauf ein Gewinn, eine Marge.) So umwirbt er den Kunden. Je höher die Marge zwischen Preis und Grenzkosten, desto freundlicher der Verkäufer und sein Personal. Die Höhe der Marge ist andererseits beschränkt durch den Wettbewerb der Anbieter. Und, da in der Regel die Durchschnittskosten über den Grenzkosten liegen, ist auch bei positiver Preis-Grenzkosten-Marge der Gewinn des Unternehmers noch keineswegs garantiert.

 

Als Fazit dieser beiden Abschnitte formuliere ich die Große Dichotomie: als Produzenten sind wir in der arbeitsteiligen Marktwirtschaft den System- und Sachzwängen unterworfen; als Verbraucher sind wir - im Vergleich zu allen anderen denkbaren Wirtschaftssystemen -relativ frei in der Wahl, wie wir unser Einkommen verwenden. Es gibt für uns im Wesentlichen nur die eine große Knappheit, die Knappheit unserer Kaufkraft, die Knappheit des Geldes.