D a s   L i b e r a l e   T a g e b u c h

Sammlung Originaldokumente aus Das Liberale Tagebuch, (http://www.dr-trier.de)

 

 

Kommentar vorab:

Die Kritik von Dr. Lindner per Beitrag in DIE ZEIT 2003/41 „Die FDP kann mehr“ ist im Einzelnen überwiegend überzogen; die CDU/CSU-Optik einiger Passagen stört erheblich; besonders problematisch ist jedoch das Abstellen der Kritik auf Inkonsequenz, Oberflächlichkeit, Ängstlichkeit und Klientelismus, denn solche Verhaltensweisen können grundsätzlich nicht auf NULL gefahren werden; etwas Klientelismus, etwas Oberflächlichkeit, etwas Inkonsequenz oder gar etwas Ängstlichkeit sind unvermeidbar; hätte Lindner mit dem Adjektiv „zuviel“ formuliert, verlöre der Text seinen Biss, d.h., das Spektakuläre. Unterstellt, Lindner will mehr als nur polemisieren (wozu selbstverständlich jedermann berechtigt ist), dann hat seine Kritik also einen methodischen Mangel, der schwer wiegt – was soll’s: Nobody is perfect ... auch die FDP nicht.

Westerwelle hat im Interview des DLF am 2. Oktober 2003 mit „ ... empfinde es als ziemlich dünn ...“ reagiert; ob „etwas“, „zu“, „viel zu“ oder „sehr“ dünn, darüber lässt sich trefflich streiten; über die Empfindungen eines Mitmenschen allerdings überhaupt nicht.

Lindner hätte allerdings bedenken sollen, dass süffisante Kommentare, etwa die FAZ vom 1.10.2003, kommen mussten ... Seinem Text zufolge wollte er das nicht ... Tja: „Irrtum, sagte die Klobürste und stieg ... “

Richtig ist, dass ALLE (also auch die „guten“) Wahlergebnisse der FDP seit 1998, insbesondere bezogen auf die Problemlage Deutschlands, das liberale Ideenpotenzial nicht widerspiegeln. Das zeigen schon Dr. Lindners positiv formulierte Vorgehensvorschläge, sowie die positiven Bezüge zur Meinungs- und Programmlage der FDP. Wir ... die FDP ...  selbst haben ein Problem zu lösen, das stimmt. Je mehr FDP-Mitglieder also den Beitrag von Dr. Lindner lesen, sich ihre eigenen Gedanken dazu machen und diese vom Ortsverein bis zum Präsidium durch entsprechende Handlungen umsetzen, desto besser. Insofern ist der Beitrag hilfreich.

Kein Zweifel, dass jedes der 67.000 FDP-Mitlieder der FDP so wie Millionen Wähler dem Titel des Aufsatzes zustimmen werden.

Bernardo Trier, 02+03.10.2003.

 

 

Die FDP kann mehr

Dr. Martin Lindner MdA, Berlin. Veröffentlicht © Die Zeit, 2003/41

 

I. Die Situation der FDP

Die FDP ist in Bayern zum wiederholten Mal an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert. Damit erging es ihr ebenso wie der Bremer FDP bei der Bürgerschaftswahl am 25. Mai 2003. Seit der ebenfalls enttäuschend verlaufenen Bundestagswahl vor genau einem Jahr ergibt sich damit folgende Wahl- Bilanz: Zwei achtbaren Wahlergebnissen in Hessen und Niedersachsen am 2. Februar 2003 (7,9 % bzw. 8,1 %) stehen zwei Niederlagen gegenüber. Nimmt man das - wenn auch knappe - Scheitern bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern, die zeitgleich mit der Bundestagswahl stattfand, hinzu, so verdunkelt sich das Bild noch mehr.

Wieder werden die alten Erklärungsmuster hervorgekramt: besondere Situation im Land; Dominanz und Beliebtheit des amtierenden Regierungschefs, Denkzettel für Schröder usw. Abseits landespolitischer Sonderheiten ist indes klar: Wo der FDP eine Regierungsbeteiligung zugetraut wird, schneidet sie halbwegs passabel ab. Ohne die Funktion als Mehrheitsbeschaffer hat sie dagegen zur Zeit wenig Chancen auf gute Wahlergebnisse.

Ernüchterung macht sich breit. Die Parolen von 18 Prozent und gleicher Augenhöhe zu den Volksparteien sind verhallt. Die Kanzlerkandidatur des FDP-Vorsitzenden erscheint wie aus einer anderen Welt. Geblieben ist ein neues Etikett, das der FDP seit dem Bundestagswahlkampf allerorten angehängt wird: Spaßpartei.

Dabei sind sich die politischen Beobachter weitgehend einig: Es ist eigentlich die Zeit der FDP. Die Zeit für Reformen, die Zeit für weniger Staat und Bürokratie, die Zeit für mehr Eigeninitiative und - verantwortung. Wir haben ein überzeugendes Programm, wir haben schon früh unbequeme Wahrheiten ausgesprochen und mutige Lösungen präsentiert. Zwar gebärden sich zunehmend auch andere Parteien reformerisch und bekräftigen bei jeder Gelegenheit, so wie bisher könne es nicht weitergehen. Allein Taten folgen danach selten. Vor allem von der Bundesregierung sind bislang vorwiegend Sonntagsreden zu hören. Wirkliche Reformen - Fehlanzeige. Dennoch, die Wahlergebnisse sprechen eine deutliche Sprache: Die FDP findet für ihre Positionen zu wenig Resonanz. Die FDP wird in einer kürzlich durchgeführten Umfrage nur von lächerlichen 13 Prozent als wichtigster Impulsgeber für Reformen genannt. Und 17 Prozent der FDP-Wähler bei der Bundestagswahl bereuen mittlerweile ihre Entscheidung. Das muss uns alle alarmieren! Woran liegt also die mangelhafte Wahrnehmung der FDP?

 

II. Ängstlichkeit, Inkonsequenz und Oberflächlichkeit

Die FDP hat bei den Hauptthemen der letzten Monate keine durchwegs schlüssigen Positionen vertreten. Ihr öffentliches Erscheinungsbild war geprägt von Ängstlichkeit, Inkonsequenz und Oberflächlichkeit.

1. Ängstlichkeit: Beispiel Irak

Statt klar und deutlich zu sagen, ob wir für oder gegen eine militärische Intervention im Irak sind, haben wir uns ängstlich in einen legalistischen Standpunkt geflüchtet. SPD und GRÜNE haben sich eindeutig als Kriegsgegner präsentiert, die Union stand ebenso entschlossen an der Seite der Amerikaner. Die FDP dagegen hat sich hinter völker- und verfassungsrechtlichen Fragestellungen verschanzt. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Es steht einer Rechtsstaatspartei gut an, sorgfältig darauf zu achten, dass den Rechten des Parlaments und dem internationalen Recht Genüge getan wird. Ein Antrag auf Einstweilige Anordnung in Karlsruhe ersetzt aber keine politischen Positionen. Von einer Partei, die jahrelang in Deutschland den Außenminister gestellt hat und mit Recht hierauf stolz ist, dürfen die Bürger mehr erwarten.

2. Inkonsequenz: Beispiel Reformdebatte:

Für die Reformen bei Steuern, Gemeindefinanzen, Gesundheitssystem, Rente und Arbeitsmarkt verfügen wir über exzellente Konzepte. Das FDP-Modell zur Steuerreform hat in einem Wettbewerb über die besten Steuersysteme kürzlich sogar einen Preis gewonnen! Die Reformdebatte ist der FDP auf den Leib geschnitten. Statt aber klare und unverfälschte Positionen einzunehmen, bringen wir uns in den Geruch des Klientelismus.

Öffnung der Flächentarife: Nicht für die Beamtenschaft

Zu Recht setzt sich die FDP für Öffnungsklauseln in Tarifverträgen ein, um Unternehmen bei schlechter Auftragslage die Möglichkeit zu geben, wettbewerbsfähig zu bleiben und Arbeitsplätze zu erhalten. Aber für den öffentlichen Dienst soll das nicht gelten! Eine Öffnungsklausel im Beamtenrecht, mit der Länder in einer extremen Haushaltsnotlage wie Berlin die Personalausgaben - vorübergehend - senken können, wird von der FDP- Bundestagsfraktion und einer Reihe von Landtagsfraktionen abgelehnt - aus Rücksicht auf eventuelle Wählerstimmen aus der Beamtenschaft.

Freier Handel: Nicht bei Arzneimitteln

Warum spricht sich die Partei, die für Kostensenkungen im Gesundheitswesen und für den freien, grenzüberschreitenden Handel eintritt, gegen den Versandhandel mit Arzneimitteln aus? Angeblich weil es etwa in den Niederlanden einen niedrigeren Mehrwertsteuersatz auf Arzneimittel gibt und daher kein "fairer Wettbewerb" bestehe. In der Öffentlichkeit kommt das anders an: aus Rücksicht auf die Apothekerkammern und - verbände. Und in der Tat: Wenn ausländische Steuersätze (oder vielleicht auch Lohnzusatzkosten) Maßstab für die Zulässigkeit der Importe von Waren und Dienstleistungen sein sollen, muss die FDP konsequenterweise das Schließen der Grenzen fordern.

Mehr Selbständigkeit: Nicht für die Handwerker

Um sich nicht mit der Lobby der Handwerkerverbände anzulegen, hält die FDP am Meisterbrief als Zugangsvoraussetzung zur Selbständigkeit im Handwerk fest, obwohl der im Hinblick auf europäische Vorgaben in seiner derzeitigen Form ohnehin keine Zukunft hat. Mit dieser eher mittelalterlichen und zünfteorientierten Position wird das Entstehen neuer Selbständigkeit und damit neuer Arbeitsplätze behindert. Dabei beweist nicht erst der Berliner Starfriseur Udo Walz, dass Top-Qualität und Selbständigkeit auch ohne Meisterbrief möglich ist. Es schmerzt dabei, dass uns das kürzlich ausgerechnet die ansonsten so Regel verliebten GRÜNEN im Bundestag genüsslich vorgehalten haben.

Subventionsabbau: Konsequent nur bei Kohle und Stahl

Zu Recht spricht sich die FDP für ein einfaches Steuersystem mit den niedrigen Sätzen 15, 25 und 35 v. H. aus. Wir müssen den Bürgern dann aber auch klar zu verstehen geben, dass mit dem Verschwinden des komplizierten Hoch-Steuer-Systems auch die causa für Steuervergünstigungen und Subventionen entfällt. Im übrigen wäre auch anderweitig ein Niedrig-Steuer-System gar nicht finanzierbar. Bei einem Spitzensteuersatz von 35 % wird es daher keine Eigenheimzulage mehr geben. Gleiches gilt für die Kilometerpauschale. Auch für sie ist im Steuermodell der FDP kein Raum mehr. Das hat Otto Graf Lambsdorff kürzlich in einem lesenswerten Zeitungsaufsatz überzeugend dargelegt.

Und auch beim zwingend nötigen Subventionsabbau dürfen wir nicht nur an die Kohlekumpel und die Stahlarbeiter denken. Es sind schließlich die Agrarsubventionen, die einen riesigen Teil des EU-Haushalts schlucken, zu dem Deutschland am meisten beiträgt. Hier muss die FDP mit derselben Konsequenz und Härte vorgehen wie bei Kohle und Stahl, um glaubwürdig zu bleiben.

Direkte Demokratie: Nur selektiv

Es ist richtig, für einen Volksentscheid über die Verfassung der Europäischen Union einzutreten. Die Deutschen sind nicht unmündiger als Schweden, Franzosen, Dänen und Iren. Aber warum bleibt die FDP auf halbem Wege stehen? Warum nicht auch mehr unmittelbare Demokratie, wenn es um innerdeutsche Entscheidungen geht? Überzeugend wäre es gewesen, einen Gesamtentwurf über mehr Bürgerbeteiligung auf allen Ebenen, also auch auf Bundesebene vorzulegen. So bleibt wieder nur der Eindruck von Halbherzigkeit oder schlimmer von vordergründiger Effekthascherei.

Inkonsequenz beraubt gute Vorschläge ihrer Wirkung, weil sie nicht mehr ernst genommen werden. Inkonsequenz macht angreifbar. Sie liefert dem politischen Gegner unnötig Argumente, mit denen er von den eigenen Fehlern und Schwächen ablenken kann. Inkonsequenz führt vor allem zu Glaubwürdigkeitsverlust - eine gefährliche Krankheit, weil sie chronisch werden kann! Zumindest braucht die Therapie viel Zeit. Das Argument der heutigen Regierung, in der Koalition zwischen CDU/CSU und FDP seien notwendige Reformen nicht entschlossen genug angepackt worden, verfängt immer noch bei einigen - nach fünf Jahren! Auch wenn die FDP bei weitem standhafter war als die GRÜNEN in der jetzigen Koalition: Viele kreiden der FDP noch heute die auf Druck der CDU eingeführte Pflegeversicherung an. Viele sind noch heute der Meinung, die FDP hätte die Rentenreform seinerzeit energischer gegen den Widerstand von Norbert Blüm vorantreiben müssen. Viele haben nicht vergessen, dass die FDP bei der Reform des Staatsangehörigkeitsrechts oder der Einführung eines Zuwanderungsgesetzes zu lange Rücksicht auf den damaligen Koalitionspartner genommen hat. Klar ist, dass man in einer Koalition Kompromisse eingehen muss. Aber seit fünf Jahren ist die FDP in der Opposition! Diese Zeit muss genutzt werden, um bei den Bürgern neue Glaubwürdigkeit zu erringen und sie in einer künftigen Regierung auch zu bewahren.

3. Oberflächlichkeit: Beispiele Bundespräsidentenwahl und Bildung

Die Forderung nach einer Direktwahl des Bundespräsidenten ist plakativ und populär. Es darf aber erwartet werden, dass wer sie erhebt, mindestens auch Auskunft darüber gibt, mit welchen Konsequenzen für unser Verfassungsgefüge die Direktwahl verbunden ist. Eine Direktwahl hätte Auswirkungen auf die verfassungsmäßige Stellung des Bundespräsidenten. Wie soll sich das Verhältnis zwischen einem direkt gewählten Bundespräsidenten und dem indirekt gewählten Bundeskanzler darstellen? Die Kompetenzen des Bundespräsidenten sind in unserem Grundgesetz eng begrenzt. Seine Hauptwirkung geht von seinen Reden aus. Eine Direktwahl in Verbindung mit einem entsprechenden Wahlkampf würde zu einer hohen Erwartungshaltung in der Bevölkerung führen. Dieser Erwartung kann der Präsident ohne eine Erweiterung seiner Kompetenzen nicht gerecht werden. Diese Fragen müssen beantwortet werden, wenn man sich nicht dem Vorwurf der Oberflächlichkeit aussetzen will.

Die Kultusministerkonferenz (KMK) ist wegen ihrer Schwerfälligkeit und anhängender Bürokratie vielen ein Dorn im Auge. Die Forderung der Bundesspitze, sie solle deswegen künftig abgeschafft werden oder mit Mehrheit entscheiden, lässt aber die Verfassungslage außer Acht. Kein Land kann im Bereich der ausschließlichen Länderzuständigkeit durch eine Mehrheitsentscheidung gebunden werden. Um das zu wissen, muss man kein Rechtsprofessor sein. Was soll also eine solche Forderung? Die Kernfrage lautet vielmehr: Wer soll für Bildung zuständig sein: die Länder oder der Bund? Wer bestimmte Fragen bundeseinheitlich geregelt wissen will, muss den Mut haben, eine Zentralisierung dieser Fragen auf der Bundesebene zu verlangen. Wer umgekehrt die ausschließliche Länderzuständigkeit betont, muss die daraus resultierenden Unterschiede jedenfalls dem Grunde nach in Kauf nehmen. Alles andere sind Scheindebatten, mit denen man Gefahr läuft, nicht ernst genommen zu werden.

 

III. Was ist zu tun?

1. Schluss mit dem Klientelismus

Die programmatischen Konzepte der FDP müssen fortan bei allen Einzelfragen konsequent durchgehalten werden. Das Formulieren klarer Positionen und das Eintreten für ordnungspolitische Grundsätze dürfen nicht ausschließlich Ehrenvorsitzenden der Partei überlassen bleiben. Ich fordere von den Verantwortlichen der FDP auf allen Ebenen ein klares Bekenntnis und Eintreten für Wettbewerbsföderalismus auch bei der Besoldung des Öffentlichen Dienstes, freien Handel auch bei pharmazeutischen Produkten, Marktwirtschaft auch im Handwerk und radikalen Subventionsabbau bei niedrigen Steuern.

2. Durchdachte Konzepte vorlegen

Es muss Schluss sein mit Oberflächlichkeit und Halbherzigkeit! Es mag sein, dass man mit Forderungen wie der Direktwahl des Bundespräsidenten oder mit Abschaffung des Einstimmigkeitsprinzips bei der Kultusministerkonferenz eine Zeitungsschlagzeile oder eine Meldung in den Nachrichten produziert. Die Wirkung ist indes schnell verpufft. Und wer nur ein wenig weiter denkt und nachhakt, stellt schnell fest, dass es sich dabei um heiße Luft handelt. Eine nachhaltige öffentliche Wirkung ist nur mit durchdachten Konzepten zu erreichen. Wer Richtfest feiern will, darf sich nicht mit dem Dach begnügen und auch nicht mit ihm beginnen. Das Fundament und der Rohbau sollten schon vorhanden sein.

Seit Jahren wird über die Erforderlichkeit durchgreifender Reformen diskutiert. Stillstand, Blockade, Reformstau - all dies hängt zwar einerseits mit einer unentschlossenen, unfähigen und gewerkschaftsfixierten Bundesregierung zusammen. Der Grund für den Reformstau in Deutschland liegt aber vor allem in den Mischzuständigkeiten zwischen Bund und Ländern. Notwendig und von der FDP zu erwarten wäre ein Konzept darüber, wie ein funktionierender föderaler Staat aussehen soll. Dabei muss das Kompetenzgemenge aufgelöst werden. Konkurrierende Gesetzgebung, Gemeinschaftsaufgaben, die Finanzverfassung - das alles gehört auf den Prüfstand. Die Naumann-Stiftung hat unter Graf Lambsdorff viele exzellente Vorschläge gemacht, die in den Schubladen liegen. Sie sollten schnellstens hervorgeholt und in die aktuelle politische Diskussion überführt werden!

Und an dieser Stelle ist auch zu erörtern, wie die Bildungspolitik in Deutschland gestaltet werden soll. Es ist wenig sinnvoll, die ausschließliche Zuständigkeit der Länder zu betonen, um sofort im Anschluss darüber nachzudenken, wie man in bestimmten Bereichen die notwendige Bundeseinheitlichkeit organisiert. Es ist vielmehr zu entscheiden, bei welchen Fragen eine bundeseinheitliche Regelung herzustellen ist (z. B. Rechtschreibreform, Anzahl der Schuljahre in den einzelnen Schularten, Pflichtfächer) und die Zuständigkeit dafür dem Bund zu übertragen. Das sollte man auch als Landespolitiker erkennen! Alles andere kann dann getrost dem Wettbewerbsföderalismus überlassen bleiben, ohne dass es komplizierter Abstimmungsmechanismen bedarf, die ohnehin meist nicht funktionieren.

Und bei der Debatte über das Staatswesen kann man dann auch über eine neue Machtbalance zwischen Bundeskanzler und Bundespräsident nachdenken und daran anschließend eine Direktwahl des Bundespräsidenten für geboten halten.

Schließlich ist bei der Neuordnung der Staatsorganisation auch zu diskutieren, den Bürgerinnen und Bürgern mehr Mitentscheidungsmöglichkeiten einzuräumen. Wenn die Zuständigkeiten zwischen Bund und Ländern systematisch verteilt sind, ist auch klar, wo welche Entscheidungen getroffen und von wem sie verantwortet werden. Und es ist sichergestellt, dass Volksbegehren oder Volksentscheide von der Bundesebene auch umgesetzt werden können, ohne die Länderebene noch einbinden zu müssen.

Ein klares Konzept brauchen wir auch im Bereich des öffentlichen Dienstes. Wir befinden uns in einer Situation, die von einem völlig unsystematischen Nebeneinander der verschiedenen Statusgruppen gekennzeichnet ist und in der Veränderungen angesichts der allgemeinen Haushaltslage nahezu ausschließlich unter fiskalischen Gesichtspunkten diskutiert werden. Wo lassen sich noch Personalkosten einsparen? Darf der Gesetzgeber vorpreschen und bei den Beamten einsparen, wenn die Gefahr besteht, dass die Tarifparteien bei den Angestellten und Lohnempfängern nicht nachziehen? In dieser Debatte gibt es nur Verlierer. Der Staat begibt sich selbst jeglicher Gestaltungsmöglichkeit, bei den Betroffenen kommt es zu Frust, Ärger und Demotivation. Und es ist nur eine Frage der Zeit, bis das Berufsbeamtentum schleichend ausgehöhlt ist und dann zum Abschuss freigegeben wird. Eine verantwortungsbewusste Politik muss zuerst die Frage stellen, ob ein Berufsbeamtentum überhaupt noch notwendig ist. Wird diese Frage bejaht - und dafür spreche ich mich aus -, sind die Bereiche festzulegen, in denen Beamte eingesetzt werden müssen, weil es um strikt hoheitliche Aufgaben geht (Polizei, Justiz, Finanzverwaltung). Dann muss eine umfassende Aufgabenkritik erfolgen: Welche Aufgaben neben den eindeutig hoheitlichen müssen überhaupt noch vom Staat wahrgenommen werden? Wo kann durch Deregulierung und Entbürokratisierung staatliche Tätigkeit abgebaut werden? In diesem Punkt hat übrigens die baden- württembergische FDP Hervorragendes geleistet. Am Ende dieses Prozesses steht eine schlanke, effiziente Verwaltung mit einer weitestgehenden Entflechtung der unterschiedlichen Statusgruppen. Dann steht einer unterschiedlichen Behandlung von Beamten und Arbeitnehmern des öffentlichen Dienstes, übrigens dann mit einer vernünftigen Bezahlung, nichts entgegen. Die Rechtsverhältnisse der Beamten regelt der Gesetzgeber, alles andere bleibt den Tarifverhandlungen überlassen. Die unselige Gleichbehandlungsdiskussion wäre beendet. Ein wahrlich lohnendes Betätigungsfeld für eine Reformpartei.

3. Politisches Gewicht zur Geltung bringen

Die FDP ist neben der Bundesebene in neun Landtagen mit Fraktionsstärke vertreten und an fünf Landesregierungen beteiligt. Dieses politische Gewicht muss sie viel stärker und geschlossener in die Waagschale werfen. Eine gute Gelegenheit dazu bietet angesichts der Mehrheitsverhältnisse in der Bundesversammlung die kommende Wahl des Bundespräsidenten.

Insbesondere aber muss der Einfluss über den Bundesrat stärker als bisher genutzt werden. Nur so werden die liberalen Positionen stärker öffentlich wahrgenommen, nur so wird Glaubwürdigkeit gestärkt. Natürlich sind landesspezifische Interessen zu beachten und Rücksichten auf den jeweiligen Koalitionspartner unvermeidlich, und selbstverständlich ist nicht jedes Thema gleich wichtig. Aber bei zentralen liberalen Kernthemen ist ein abgestimmtes Verhalten unverzichtbar. Es darf nicht sein, dass sich die FDP im Bundesrat zum Mittäter macht, wenn die Bundesregierung, unterstützt durch die Union, falsche oder unzureichende so genannte Reformen durchsetzen will. Konstruktive Mitarbeit ja, aber mit den Stimmen der FDP darf es keine faulen Kompromisse geben! Die zwischen SPD und Union ausgehandelte Gesundheitsreform etwa geht offensichtlich in die falsche Richtung und bietet keine zukunftsfähigen Lösungen. Deshalb ist die FDP-Bundestagsfraktion zu Recht aus den Verhandlungen ausgestiegen und hat im Plenum gegen diese Vorlage gestimmt. Dieses richtige Signal muss durch die FDP im Bundesrat unterstützt werden, indem sie in den Koalitionen auf Landesebene klar macht, dass eine Zustimmung der betreffenden Bundesländer im Bundesrat nicht in Betracht kommt. Lässt sich der Koalitionspartner nicht überzeugen, ist eine Stimmenthaltung im Bundesrat die notwendige Konsequenz. Alles andere hätte fatale Folgen für die Glaubwürdigkeit der FDP. Das gleiche gilt für die weiteren so genannten Reformvorhaben der Bundesregierung wie Steuer- und Rentenreform. Die erforderliche Koordinierung muss Chefsache werden, um die Bedeutung des abgestimmten Vorgehens zu unterstreichen!

4. Klares Konzept für die Europawahl

Die nächste große Wahl ist die Europawahl. Hier gilt wie in Bremen und Bayern: Es gibt kein Funktionsargument, die FDP kann nur um ihres Programms und ihrer politischen Inhalte willen gewählt werden. Für die Europapartei FDP wäre ein abermaliges Scheitern an der Fünf-Prozent-Hürde ein schwerer Schlag. Aber es reicht nicht aus, an liberale Außenminister zu erinnern, die sich um die europäische Einigung verdient gemacht haben. Eine "junge Liste" aufzustellen und eine Initiative für eine Volksabstimmung über die Europäische Verfassung sind richtig, werden aber ebenfalls nicht genügen.

Die Menschen wollen vielmehr Antworten auf Fragen, die sie beschäftigen: Wie stellt sich die FDP die zukünftige EU vor? Wie viele Mitgliedstaaten sollen noch aufgenommen werden? Ist die Türkei ein potentieller Beitrittskandidat? Wie sehen die künftigen Strukturen aus? Wie werden die Zuständigkeiten zwischen den Mitgliedstaaten und der europäischen Ebene verteilt? Wie soll das immer noch bestehende Demokratiedefizit beseitigt werden? Wann werden endlich die Agrarsubventionen drastisch gekürzt? Wer finanziert die teuren Beitritte der mittel-ost-europäischen Länder? Von einer Oppositionspartei kann man dazu klare Aussagen erwarten.

5. Vernachlässigte Themenfelder wieder besetzen

Die Themenfelder für liberale Profilierung sind zahlreich. Sie müssen konsequent beackert werden, wenn die FDP ihrem Anspruch einer Reformpartei gerecht werden will. Dazu gehört vor allem das Thema Sozialpolitik. Zu Recht haben wir den Missbrauch sozialer Leistungen angeprangert und gefordert, die Schwachen vor den Faulen zu schützen. Hier gilt es weiter stringent zu bleiben. Wer Sozialhilfe beantragt, sollte künftig - von notwendigen Ausnahmen abgesehen - gemeinnützige Arbeit leisten müssen. Die Erfahrungen zeigen, dass die Anträge dann relativ stark zurückgehen. Auch muss Schluss sein mit Sozialleistungen, die sich ein legal arbeitender Geringverdiener für sich und seine Familie nicht leisten kann. Das ist aber nur die eine Seite. Wir müssen uns andererseits auch um die wirklich Bedürftigen kümmern, alte Menschen, Alleinerziehende, denen durch bürokratische Hemmnisse die Inanspruchnahme von sozialer Unterstützung erschwert wird. Hier müssen Liberale zeigen, dass Hilfe für Arme und Kranke gelebte und nicht nur gesprochene Kernaufgabe des Staates ist.

Ein anderes vernachlässigtes Themenfeld ist die Innenpolitik und hier vor allem der Datenschutz. Im Zeitalter breiter Nutzung von Internet, Mobilfunk und elektronischer Zahlungssysteme hat die Verbreitung personenbezogener Daten eine neue Dimension erreicht. Hier ist nahezu jeder Bürger betroffen und der Gefahr kommerzieller aber auch staatlicher Verwertung seiner persönlichen Daten ausgesetzt. Wie dieser Gefahr wirksam begegnet werden kann - darauf muss die Bürgerrechtspartei FDP eine Antwort geben.

Auch wird eine gesunde Umwelt von vielen Menschen zunehmend als wesentliches Stück von Lebensqualität erachtet. Hier wird es sich lohnen, liberale Konzepte verstärkt zu entwickeln und hervorzuheben. Gleichzeitig kann man hier die Unterschiede zwischen freidemokratischen Anreizsystemen und grünen Schulmeistermodellen darstellen.

 

IV. Fazit

Die FDP ist unverzichtbar für Deutschland - mehr denn je. Sie hat ein unverwechselbares Programm, das sich den Herausforderungen unserer Zeit stellt und mit dem die notwendige Erneuerung Deutschlands gestaltet werden kann. Unsere Modelle für ein neues Steuersystem, eine Gemeindefinanzreform und eine Neugestaltung des Gesundheitswesens sind Beispiele hierfür. Aber es ist wie bei einem bordeaux grand cru: Bereits ein Fingerhut voll Essig macht aus dem großen Wein eine ungenießbare Brühe! Unser Essig heißt Ängstlichkeit, Klientelpolitik und Oberflächlichkeit.

Angesichts des "Super - Wahljahrs 2004" bleibt uns nur wenig Zeit, in eine intensive Debatte einzutreten über den künftigen Weg der FDP. Diese Debatte müssen wir jetzt führen. Deutschland braucht keine dritte schwammige Volkspartei, die die Summe aller Partikularinteressen mit dem Gesamtwohl verwechselt! Vielmehr brauchen wir eine FDP mit

- dem Mut, unkonventionelle und auch unpopuläre Antworten auf die Fragen unserer Zeit zu geben,

- der Kraft und Energie, ihre Konzepte zu vertiefen und neue, fundierte Gesamtlösungen für die Zukunftsfragen zu erarbeiten und insbesondere systematische Modelle für eine neue Gestaltung der bundesstaatlichen Organisation und der europäischen Ordnung zu entwickeln,

- der Konsequenz und Härte, als richtig Erkanntes auch gegenüber Lobbygruppen, die uns üblicherweise nahe stehen, zu vertreten,

- der Entschlossenheit, die Beteiligungen an fünf Landesregierungen und die Schlüsselstellung in der Bundesversammlung zu nutzen, liberale Politik nicht nur zu verkünden, sondern gelegentlich auch gegen den Widerstand von Rot/Grün und Union durchzusetzen.

Dann haben wir alle Chancen, als die politische Reformkraft wahrgenommen und auch gewählt zu werden. Wir haben es selbst in der Hand.