D a
s L i b e r
a l e T a g e b u c h
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Sammlung
Originaldokumente aus „Das Liberale
Tagebuch“, http://www.dr-trier.de |
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Deutscher Bundestag, Debatte „Türkeipolitik“ am 16. Dezember 2004 Präsident Wolfgang Thierse: Ich erteile der Kollegin Sabine
Leutheusser-Schnarrenberger, FDP-Fraktion, das Wort. Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP): Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Kolleginnen und
Kollegen! Ich möchte doch noch einmal auf die Beschlussfassung des
Europäischen Parlaments von gestern zu sprechen kommen, die für den heute
Abend beginnenden Europäischen Rat nicht bindend ist, aber doch ein ganz
wichtiges politisches Bild widerspiegelt. Über 400 europäische Abgeordnete,
Volksvertreter, haben sich für die Aufnahme von Verhandlungen mit der Türkei
ausgesprochen. Auch deutsche Liberale im Europaparlament haben Ja zu
Verhandlungen gesagt, denn ein Ja zu Verhandlungen bedeutet kein Ja zu einem
Beitritt. Sie haben da deutlich unterschieden. (Beifall bei der FDP) Aber natürlich fühlen sie sich dazu verpflichtet, das
einzuhalten, was in einem jahrzehntelangen Prozess der Heranführung der
Türkei an die Europäische Union gesagt und auf den Weg gebracht worden ist.
Auch vor 1998 sind die Weichen nicht in Richtung einer privilegierten
Partnerschaft gestellt worden. Nirgendwo, in keinem Vertrag ist diese
Alternative als eine Perspektive aufgezeigt worden. Es ist zwar auch nicht
der Beitritt versprochen worden, aber er ist als eine Perspektive aufgezeigt
worden. Auch in dieser heutigen Debatte muss die Kontinuität wichtiger
außenpolitischer Entscheidungen der EU gewahrt bleiben. Man darf aber auch nicht die Augen vor dem verschließen,
was in den nächsten Jahren, wenn die Verhandlungen aufgenommen werden - davon
gehen wir aus, auch dank der Unterstützung vieler konservativer
Regierungschefs im Europäischen Rat -, auf uns zukommt. Dann stehen wir vor
der Aufgabe, offene und transparente Verhandlungen zu führen und ehrlich zu
bewerten, welche Fortschritte erzielt worden sind, aber zugleich auch
deutlich zu machen, wo es noch Defizite gibt. Dass gerade diejenigen, die in
den letzten Jahren häufig in der Türkei gewesen sind, die dort Prozesse
beobachtet haben und miterleben mussten, wie Abgeordnete, weil sie die
kurdische Sprache sprechen, zu Gefängnisstrafen verurteilt wurden, hoffen,
dass sich hier in der Türkei etwas ändert, ist doch klar. Die
Menschenrechtler erhoffen sich von der Entscheidung über die Aufnahme von
Verhandlungen eine Verstärkung des Druckes und damit einen weiteren Schub bei
der Unterstützung ihrer Anliegen. Dass deren Vorstellungen durchgesetzt
werden, ist entscheidend. Zur Realität in der Türkei muss in Zukunft gehören,
dass Folter, Misshandlungen und körperliche Verletzungen im Gewahrsam der
Polizei, die ja schon auf dem Papier verboten sind, auch tatsächlich nicht
mehr stattfinden bzw. bei Vergehen dagegen diejenigen, die so etwas machen,
strafrechtlich verfolgt werden. (Beifall bei der FDP … ) Auch beim Bild der Frau in der Gesellschaft muss es zu
Veränderungen kommen. Auch Frauen in der Türkei müssen an allen
gesellschaftlichen Entwicklungen teilhaben können. Angesichts der Größe und
der starken regionalen Unterschiede in der Türkei reicht es nicht, dass so
etwas irgendwo auf einem Papier steht. Vielmehr muss alles getan werden, dass
die wirtschaftliche und gesellschaftliche Realität so aussieht, dass Frauen
an der wirtschaftlichen Entwicklung teilhaben und ihre Rechte in einem nicht
mehr autoritär geführten System auch tatsächlich wahrnehmen können. Das
durchzusetzen wird ein entscheidender Punkt bei den Verhandlungen in den
nächsten Jahren sein. Wir alle gehen davon aus, dass sie auf mehr als zehn
Jahre angelegt sein werden. Wenn erst im Jahre 2014 über die Finanzen
verhandelt werden soll, ist klar, dass in dem gleichen Jahr die Verhandlungen
nicht auch schon abgeschlossen sein können. Vielmehr wird man davon ausgehen
müssen, dass dieser Prozess sehr viel länger dauert. Das Monitoring darf jedoch nicht
zu einem bloßen Beobachtungsritual verkommen, indem alle Jahre ein Bericht
vorgelegt wird, der von jedem anders interpretiert wird, weil er vielleicht
Gespräche geführt hat oder von Menschenrechtlern, die in den Ausschüssen des
Deutschen Bundestages angehört wurden, ein Bild vermittelt bekommen hat,
sondern es müssen greifbare Ergebnisse erzielt werden. Es müssen andere
Instanzen geschaffen werden, die Fortschritte einfordern und einmal erzielte
überwachen. Damit soll das erreicht werden, was wir, die wir dieser
Entwicklung positiv gegenüberstehen, erwarten, nämlich dass sich die Türkei
so verändert, dass sie nach einem über längere Zeit laufenden Prozess
beitrittsfähig sein wird. (Beifall bei der FDP) Wenn das nicht der Fall sein wird, meine Damen und Herren,
dann ist für uns auch klar, dass es nicht aufgrund der Tatsache, dass einmal
die politische Entscheidung über die Aufnahme von Verhandlungen getroffen
wurde, einen Automatismus nach dem Motto geben darf: Der politische Druck ist
so groß, wir können nicht mehr anders entscheiden. Ich bin deshalb der
Meinung, wir sollten genau hinschauen, wie die Realität in den Staaten, mit
denen wir schon verhandeln und die demnächst Beitrittsverträge unterzeichnen
wollen, aussieht und welche Fortschritte dort bei der Umsetzung notwendiger
Reformen erzielt wurden. Wir sollten uns nicht in die Lage bringen, dass uns
vorgehalten werden kann, dass wir bei allen anderen Beitrittskandidaten die
Augen vor vorhandenen Defiziten verschlossen hätten, bei der Türkei aber die
Augen ganz weit aufmachen würden. Die Türkei soll so behandelt werden wie die
anderen Staaten auch und die anderen Staaten sollen an den Maßstäben gemessen
werden, die wir an die Türkei anlegen. Vielen Dank. (Beifall bei der FDP … ) |