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s L i b e r
a l e T a g e b u c h
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Sammlung
Originaldokumente aus „Das Liberale
Tagebuch“, http://www.dr-trier.de |
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Deutschlandfunk Interview, Montag bis Sonntag, 23. Februar
2005, 7:15 USA um bessere Beziehungen zu Europa bemüht Interview mit Otto Graf Lambsdorff, FDP-Ehrenvorsitzender Moderation: Doris Simon Doris Simon: Es ist die große Charmeoffensive des George
Bush. Es fehlt wirklich nicht an warmen Worten: zum Beispiel keine temporäre
Debatte, keine vorübergehenden Meinungsverschiedenheiten zwischen
Regierungen. "Keine Macht auf Erden wird uns jemals trennen", das
hat George Bush in Brüssel gesagt. In zweieinhalb
Stunden beginnt der US-Präsident seinen Besuch in Mainz. Die
rheinland-pfälzische Hauptstadt und damit Deutschland ist eine von nur drei
Stationen, auf denen der amerikanische Präsident auf seiner Europareise Halt
macht. - Am Telefon ist nun Otto Graf Lambsdorff, der seit Jahrzehnten engen
Kontakt zur amerikanischen Politik hält. Herr Lambsdorff, der US-Präsident
bemüht sich in diesen Tagen fühlbar um bessere direkte Beziehungen nach
Europa. Bedeutet das aus Ihrer Sicht, dass sich auch in der amerikanischen
Politik, der Alltagspolitik gegenüber Europa etwas verändern wird? Otto Graf Lambsdorff: Nach meiner Meinung ja. Ich glaube,
die Regierung Bush in ihrer zweiten Amtszeit ist offensichtlich darum bemüht,
die Zusammenarbeit mit den Verbündeten neu aufzunehmen und zu stärken: einmal
aus durchaus egoistischen Gründen. Sie brauchen die Unterstützung nicht nur
im Irak; sie brauchen auch die internationale Unterstützung im Kampf gegen
den Terrorismus. Zum zweiten aber auch, weil sie wissen und einsehen, dass
alleine die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Europa und den Vereinigten
Staaten ein Ausmaß haben, das nicht übersehen werden darf und das gepflegt
werden muss. Simon: Das heißt das sind auch ein bisschen die bitteren
Erfahrungen aus der ersten Amtszeit von Bush? Lambsdorff: Ja. Ein wenig spielt das eine Rolle. Die Art
und Weise wie man den Irak-Krieg begonnen hat und wie man mit der Koalition
der Willigen außerhalb der NATO, außerhalb der UNO in diesem Fall vorgegangen
ist, das wird sich hoffentlich nicht wiederholen. Ich glaube auch nicht, dass
das noch einmal geschieht. Man hat daraus gelernt. Man sieht auch die
Schwierigkeiten nach dem ja sehr erfolgreichen kurzen Krieg und man weiß,
wenn man im Irak zu einer wirklich demokratischen Ordnung kommen will, dass
man auf Unterstützung von außen angewiesen ist, die ja die Europäer auch
jetzt schon zeigen und auch leisten. Sie bilden Soldaten aus, sie bilden
Polizisten aus. Sie tun dies nicht im Irak selber; sie tun es in benachbarten
Ländern. Da haben sowohl Condoleezza Rice wie ihr Präsident gesagt, das sei völlig in Ordnung. Simon: Zum Stichwort Irak. Sehen Sie da auf deutscher und
US-Seite den Willen, einen Schlussstrich unter diese ganze Sache zu ziehen,
unter den Streit? Lambsdorff: Das kann ich noch nicht beurteilen. Das muss
man sehen, wie Herr Schröder dieses Thema aufnehmen wird. In einem Punkt hat
ja Schröder immer Recht gehabt: die Mehrheit der Deutschen wollte diesen
Irak-Krieg nicht, war gegen den Irak-Krieg. Insofern war es völlig legitim,
dass auch vor einer Bundestagswahl zu erklären. Was nicht in Ordnung war, war
die Art und Weise und die Form, in der das geschehen ist. Die ist ja im
Weißen Haus neben ihrem Inhalt besonders auf Widerstand und auf Ärger
gestoßen. Ich glaube, dass man das unter erwachsenen Staatsmännern, unter
erwachsenen Politikern hinter sich lassen muss, und hoffe, dass das von
beiden Seiten her geschehen wird und geschehen kann. Wir brauchen die
Zusammenarbeit. Wir brauchen die transatlantische Zusammenarbeit. Das Heil
deutscher Außenpolitik und deutscher Bündnispolitik liegt doch nicht in der
Achse, von der manchmal gesprochen wird, Paris-Berlin-Moskau, sondern es
liegt nach wie vor in Europa und in den transatlantischen Beziehungen. Simon: Wenn man genau darauf schaut, dann sieht man, dass
die Ziele zum Beispiel auch zwischen Deutschland, nicht nur Europa, sondern
auch Deutschland und den USA gar nicht so unterschiedlich sind. Stichwort
Menschenrechte, Demokratisierung, auch Terrorbekämpfung. Die Wege sind es,
die unterschiedlich sind. Wenn man sich jetzt anschaut, wie im Augenblick
gerade USA und Europa unter deutscher Führerschaft auch in Sachen Iran
vorgehen. Unterschiedliche Wege: aus den USA vor allem Druck, auch verbal
Druck, aus Europa Verhandlungen. Sehen Sie darin ein Beispiel dafür, wie man
in Zukunft abgesprochen gemeinsam, wenn auch mit unterschiedlichen
Strategien, Konflikte angehen kann? Lambsdorff: Das kann durchaus sein, wobei ich noch nicht
einmal sicher bin, ob es in Sachen Iran unterschiedliche Strategien,
unterschiedliche Ansätze geben sollte und geben muss. Es hat kürzlich einen
Aufsatz von Henry Kissinger gegeben, der den Amerikanern dringend empfohlen
hat, sich den Europäern anzuschließen in den Bemühungen, mit dem Iran auf
diplomatischem Wege zu verhandeln und zu erreichen, dass der Iran auf
Atomwaffen verzichtet und kein kernwaffenfähiges Material herstellt. Das ist
das Ziel der Klasse. Das muss auch erreicht werden. Die Bemühungen der Europäer,
die in der Vergangenheit versucht worden sind, sind lobenswert. Sie sind dort
nicht erfolgreich gewesen. Man weiß auch nicht, ob sie erfolgreich sein
werden. Der nächste Weg, wenn das wirklich scheitern sollte und man zu keinen
Ergebnissen kommt, wäre die Anrufung des Sicherheitsrates. Auch da würden die
Amerikaner, wie ich annehme, sicherlich mitmachen. Wenn das auch schief gehen
sollte, dann stehen wir allerdings vor einer sehr, sehr schwierigen Frage,
denn ob wirklich die Amerikaner bereit sein werden, eine nukleare Aufrüstung
eines Landes zuzulassen, dessen politische Zielsetzung die Vernichtung
Israels ist, darüber wird man wohl zweimal nachdenken müssen. Im Übrigen aber, es ist richtig: in vielen Fällen stimmen
die Ziele miteinander überein, wie Sie gesagt haben, manchmal nicht die Wege
dorthin, aber man kann ja auch auf verschiedenen Wegen zum gleichen Ziel
kommen. Und eines möchte ich doch ganz gerne mal sagen, wenn ich die Reden
des Präsidenten in Brüssel höre, auch die beiden Reden, die er in Washington
gehalten hat nach seinem Amtsantritt, dass der amerikanische Präsident das
Prinzip Freiheit in den Mittelpunkt seiner politischen Überlegungen stellt,
kann jedenfalls einen Liberalen wie mich nicht stören. Im Gegenteil! Das
Pathos, das dort mitklingt, ist amerikanisches Pathos. Das müssen wir
verstehen lernen, dass Amerikaner manches anders formulieren und anders
sagen, als wir es hier gewohnt sind. Simon: Dass manche in dem Vorschlag von Bundeskanzler
Schröder für eine Reform der NATO gleich eine Brüskierung sehen, ist das noch
ein Ausdruck dieses nicht ganz normalen Verhältnisses zwischen USA und
Europa? Lambsdorff: Ja und nein, aber auch hier geht es wieder um
Inhalt und Form. Ich glaube, dass der Bundeskanzler Recht hat, wenn er sagt,
wir müssen uns mit der NATO zusammensetzen. Es muss einiges neu diskutiert
werden. Es kann vielleicht auch das eine oder andere geändert werden. Wir
brauchen eine grundlegende Diskussion über die NATO, in der NATO und mit der
NATO. Die Art und Weise wie er das in die Sicherheitskonferenz völlig
unvorbereitet hineingegeben hat, die war allerdings ein
Kommunikationsdesaster erster Sorte und da muss man sich über Reaktionen
nicht wundern. Wenn die Form nicht stimmt, dann nutzt manchmal auch der
Inhalt nichts. Letztlich ist am Inhalt auch nach meiner Meinung eines falsch:
Wir brauchen keine Gruppe von großen Experten, die sich mit der NATO
beschäftigt, sondern wir haben den NATO-Rat, und da sitzen die Regierungen,
die gescheit genug sind, die NATO-Mitgliedsstaaten, um diese Diskussion
untereinander in den bestehenden Gremien zu führen. Dass diskutiert werden
muss und dass Änderungen wohl auch notwendig und Modernisierung erforderlich
sind, da hat Schröder Recht. Simon: Ein strittiges Thema, wo es wohl ziemlich sicher um
den Inhalt und nicht um die Form geht, ist die Aufhebung des Waffenembargos
gegen China. Für wie klug halten Sie da die deutsche Haltung? Berlin möchte
ja unbedingt die Aufhebung dieses Embargos. Lambsdorff: Ich bin entschieden gegen die Aufhebung des Waffenembargos.
Das kann man nicht befürworten. Das Waffenembargo ist seinerzeit verhängt
worden nach den Vorgängen auf dem Platz des himmlischen Friedens. Nichts hat
sich seither an der Menschenrechtssituation in China geändert. Hier bin ich
der Auffassung, haben die Amerikaner Recht, dass dieses Waffenembargo
beibehalten werden sollte. Simon: Sehen Sie Anzeichen dafür, dass die deutsche
Regierung einschwenken könnte? Lambsdorff: Nein, aber die deutsche Regierung alleine kann
es ja nicht aufheben, sondern das muss dann schon in Europa insgesamt
aufgehoben werden. Den Bundeskanzler muss man fragen: Was will er eigentlich
damit? Die deutschen nationalen Richtlinien für den Export von Rüstungsgütern
würden jeden Export von Waffen an China im Hinblick auf die Situation in der Taiwan-Street, also die Beziehungen zwischen Taiwan und
der Volksrepublik China, strikt untersagen. Gar nicht möglich! Simon: In der Gesprächskultur zwischen deutscher und
amerikanischer Politik hat sich ja viel getan im Laufe der Jahre und nach
einiger Stille sieht es in diesem Jahr so aus, als ob wieder öfter geredet
wird. Woran machen Sie das fest, dass es überhaupt zu so tiefgreifenden
Missverständnissen hat kommen können? Liegt das daran, dass die deutsche
Politik in den letzten Jahren weniger über den Atlantik geguckt, sich mehr an
Europa orientiert hat, oder was kann es dort für Gründe geben? Lambsdorff: Wir haben uns immer über den Atlantik und immer
nach Europa orientiert. Die deutsche Außenpolitik hat über Jahrzehnte hinweg
die Situation vermieden, dass wir wählen sollten zwischen transatlantischen
und europäischen Beziehungen. Es ist ein Fehler, dass das sich geändert hat,
und das muss nach meiner Meinung wieder repariert werden. Wir brauchen
beides. Wir brauchen beides mit Intensität. Wir brauchen mehr persönliche
Gespräche. Ich begrüße jedes Gespräch, das wir mit Amerikanern führen. Wir
müssen miteinander reden und nicht übereinander reden. Simon: Das war ein Gespräch mit dem FDP-Ehrenvorsitzenden
Otto Graf Lambsdorff. |