D a s   L i b e r a l e   T a g e b u c h

Sammlung Originaldokumente aus Das Liberale Tagebuch, (http://www.dr-trier.de)

 

 

Deutscher Bundestag,
Debatte „Rentenversicherung“ am 24.10.2003

Bemerkenswert, die Zwischenruf-Reaktionen aus den Reihen der Koalitionsfraktionen zur Rede von Heinrich Kolb. Getroffene bellen ...

Vizepräsidentin Dr. h. c. Susanne Kastner
Nächster Redner in dieser Debatte ist der Kollege

Dr. Heinrich L. Kolb (FDP):

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe Frau Dückert, Sie haben gerade eine große Chance vertan.

(Beifall bei der FDP ... )

Anstatt hier Ihre Ahnungslosigkeit in wirtschaftlichen und sozialversicherungsrechtlichen Zusammenhängen zu demonstrieren, hätten Sie wie Ihr Bundeskanzler sagen sollen: Ja, es ist richtig, wir haben einen Fehler gemacht, wir stehen vor einem Scherbenhaufen; lasst uns gemeinsam an die Aufarbeitung herangehen. Das wäre Ihre Chance gewesen.

(Beifall bei der FDP ... )

Man muss es ganz nüchtern sehen, Frau Kollegin Dückert: Mit den heute zu debattierenden Vorschaltgesetzen dokumentieren Sie einen Tiefpunkt in der deutschen Rentenpolitik seit der Einführung der umlagefinanzierten Rente im Jahr 1957.

(Beifall bei der FDP ... - Franz Müntefering (SPD): Herr Schlau! Ich merke es schon!)

Rot-grüne Rentenpolitik, Herr Kollege Müntefering, macht alle Beteiligten zu Verlierern:

(Beifall bei der FDP ... )

die jungen Menschen, die zusammengerechnet mit der Ökosteuer, dem Rentenbeitrag an der Zapfsäule, die höchsten Abgaben für die gesetzliche Rentenversicherung zu erbringen haben, im Gegenzug aber nur noch die geringsten Leistungen erwarten dürfen,

(Peter Dreßen (SPD): Warten Sie es doch ab!)

die Menschen, die mehr oder weniger kurz vor dem Eintritt in die Rente stehen und die Sie im Wochenrhythmus mit immer neuen Hiobsbotschaften konfrontieren - zuletzt betreffend die Anrechnung von Ausbildungszeiten -,

(Peter Dreßen (SPD): Nicht Ausbildung! Das ist falsch!)

und die Rentner, die im kommenden Jahr zum ersten Mal in der Geschichte der umlagefinanzierten Rentenversicherung faktisch eine Rentenkürzung hinnehmen müssen.

(Beifall bei Abgeordneten der FDP ... )

Herr Dreßen, nicht lautes Aufbegehren, sondern in sich zu gehen und Reue zu zeigen wäre für Sie das Gebot der Stunde.

(Beifall bei der FDP ... Dr. Wolfgang Gerhardt (FDP): Etwas Reue hilft! Dann gibt es auch Vergebung!)

Eines muss Sie doch nachdenklich stimmen: Das Vertrauen der Menschen in Deutschland in die Rentenversicherung ist als Folge rot-grüner Politik mittlerweile auf nahezu null gesunken.

(Peter Dreßen (SPD): Durch Ihre Horrorszenarien! - Anja Hajduk (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Auch aufgrund Ihrer Politik!)

Gerade noch 7 Prozent der Bürger unseres Landes halten die Rente für sicher. Besonders groß sind die Zweifel bei den unter 40-Jährigen. Bescheidene 4 Prozent von ihnen glauben, dass die Renten sicher sind.

Liebe Kolleginnen und Kollegen von Rot-Grün - Herr Dreßen, Frau Schaich-Walch und wie Sie alle heißen - es ist Ihre traurige Verantwortung, wenn in einer solch essenziellen Frage fast 95 Prozent der Bürger kein Vertrauen mehr zu ihrer Regierung haben.

(Beifall bei der FDP ... )

Dieses Vertauen haben Sie durch Ihre leichtfertige und sprunghafte Rentenpolitik der letzten Jahre verspielt. Eine Tüte Milch aus dem Supermarkt hat mittlerweile eine längere Haltbarkeit als ein rentenpolitischer Beschluss von Rot-Grün.

(Beifall bei der FDP ... )

Am letzten Freitag haben Sie die Kürzung des Bundeszuschusses zur Rentenversicherung um 2 Milliarden Euro beschlossen. Schon heute debattieren wir im Rahmen der Diskussion über den Entwurf eines zweiten SGB-VI-Änderungsgesetzes über die Rücknahme der Kürzung dieses Bundeszuschusses. Herr Müntefering, das ist wirklich neuer deutscher Rekord, zugleich aber ein einmaliger Vorgang. Es unterstreicht auch die Kurzatmigkeit Ihrer Politik und erklärt, warum diese Bundesregierung das Vertrauen der Menschen in unserem Land in absehbarer Zeit nicht mehr wird zurückgewinnen können. Dafür sind Sie verantwortlich.

(Peter Dreßen (SPD): Wir müssen Ihre Fehler reparieren!
- Lachen bei der FDP ... )

- Das ist jetzt der Gipfel. Der Kollege Dreßen sagt, Sie müssten unsere Fehler reparieren. Jetzt hören Sie einmal gut zu, Herr Kollege Dreßen: Wir haben 1997 die Einführung des demographischen Faktors beschlossen. Sie haben ihn nach dem Regierungswechsel 1998 wieder abgeschafft,

(Wolfgang Zöller (CDU/CSU): So ist es!)

ohne eine Antwort auf die Frage zu geben, was denn an seine Stelle treten soll. Hätten Sie den demographischen Faktor beibehalten, hätten wir heute 3 Milliarden Euro mehr in der Rentenkasse.

(Beifall bei der FDP ... Peter Dreßen (SPD): Wir haben den Bundeszuschuss erhöht, nicht ihr!)

Das gibt Ihr Bundeskanzler mittlerweile auch zu und Sie sollten das auch tun.

Wir, Herr Dreßen, haben 1997 eine Reform der Lohn- und Einkommensteuer mit deutlichen Nettoentlastungen beschlossen, um das Wirtschaftswachstum anzukurbeln und die Beschäftigungsquote zu erhöhen. Sie haben diese Reform damals im Bundesrat blockiert.

(Beifall bei der FDP ... )

Deswegen, Herr Dreßen, liebe Kolleginnen und Kollegen von Rot-Grün: Die Schuld dafür, dass Sie heute am Abgrund eines Rentenloches stehen, liegt ausschließlich bei Ihnen.

(Beifall bei der FDP ... )

Im Übrigen gilt: Wer nicht beizeiten handelt und sich Optionen eröffnet, hat kurzfristig keine Alternative.

(Gudrun Schaich-Walch (SPD): Die Alternative liegt auf dem Tisch!)

Das ist jetzt Ihr Problem. Das gilt gerade für die Rentenpolitik, wo wir mit langen Übergangszeiträumen arbeiten müssen. Eines müssen Sie uns zugestehen: An Aufforderungen an Sie - mehr kann die Opposition jetzt nicht tun -, zu handeln, hat es wahrlich nicht gefehlt.

(Gudrun Schaich-Walch (SPD): Sie müssen eigene Konzepte vorlegen!)

Im Ausschuss, im Plenum und in Pressemitteilungen in dichter Folge haben wir Sie dazu aufgefordert.

Ich habe Ihnen, Herr Müntefering, schon im März dieses Jahres gesagt, dass der Rentenbeitragssatz im Jahre 2004 nicht bei 19,5 Prozent gehalten werden kann. Im Mai habe ich Ihnen vorausgesagt, dass der Rentenbeitragssatz im nächsten Jahr ohne weitere Maßnahmen über die 20-Prozent-Grenze steigen wird. Sie haben meine Warnungen ebenso wie die des Kollegen Storm und aller Sachverständigen ignoriert und überhaupt keine Vorkehrungen getroffen, sondern stur an Ihren mittlerweile überholten Prognosen festgehalten. Und das werfen wir Ihnen vor.

(Beifall bei der FDP ...  Franz Müntefering (SPD): Herr Schlau!)

Die Menschen in Deutschland wären bereit, Verzicht zu leisten. 52 Prozent sagen: Ja, wir akzeptieren, dass die Renten langsamer steigen als die Löhne. Auch die Rentner selbst wären dazu bereit. Sie erwarten im Gegenzug aber ein langfristig tragfähiges Konzept und keine Politik mit dem Notfallkoffer, wie sie von Ihnen gemacht wird.

(Beifall bei der FDP)

Zu dem, was Sie heute vorlegen, fällt mir nur noch ein Satz von Walter Benjamin ein: Dass es so weitergeht, ist die Katastrophe.

(Franz Müntefering (SPD): Bei Ihnen fällt mir auch etwas ein!)

Die Maßnahmen der Vorschaltgesetze reichen nach meiner Auffassung nicht aus, um das Defizit von 8 Milliarden Euro in der gesetzlichen Rentenversicherung zu kompensieren und damit den Beitragssatz im kommenden Jahr bei 19,5 Prozent zu halten. Erneut gehen Sie mit einem Wirtschaftswachstum von 1,7 Prozent vom best case, also von der besten denkbaren Entwicklung aus. Das ist, auch nach den Erfahrungen der letzten Jahre, nicht nur sehr ehrgeizig, sondern muss als wenig realistisch bezeichnet werden.

Ich will hier nicht die Rolle der Rentenkassandra übernehmen, werde aber wohl noch auf die Risiken hinweisen dürfen. Sie wollen durch die Absenkung der Schwankungsreserve von 0,5 auf 0,2 Monatsausgabe 4,8 Milliarden Euro realisieren. Die Schwankungsreserve beträgt aktuell aber nur 0,39. Sie hoffen, gestützt durch die Annahmen des Schätzerkreises, dass Sie bis zum Jahresende wieder auf 0,42 steigen wird. Erreicht sie diesen Wert aber nicht, entstehen neue Finanzierungsprobleme.

(Beifall bei Abgeordneten der FDP ... )

Es gibt viele Faktoren, die dazu beitragen, dass es soweit kommen könnte, Herr Dreßen. Als Stichworte nenne ich nur die Entgeltumwandlung, den Verdi-Tarifabschluss und die Kürzung bzw. Streichung des Weihnachtsgeldes in vielen Branchen. Eine Finanzierungslücke von 1 bis 1,5 Milliarden Euro, die allein darauf zurückzuführen ist, ist aus meiner Sicht nicht unwahrscheinlich.

Die von Ihnen aufgrund der Beitragssatzsenkung erwartete Einsparung von 500 Millionen Euro in der Krankenversicherung der Rentner ist ein sehr optimistischer Ansatz. Der Parlamentarische Staatssekretär Thönnes hat in dieser Woche auf meine Anfrage erklärt, man habe eine durchschnittliche Senkung der Krankenkassenbeiträge um 0,7 Prozent unterstellt. Das ist doch utopisch! Die Krankenversicherungsträger haben schon mehrfach darauf hingewiesen, dass es keine Garantie für eine Beitragssatzsenkung im nächsten Jahr geben könne, weil die Krankenkassen deutlich höher verschuldet sind, als sie bisher zugegeben haben.

Sie müssen umkehren. Wir sind zur Mitarbeit bereit,

(Gudrun Schaich-Walch (SPD): Wie lange?)

wenn Sie an der katastrophalen Finanzsituation wirklich etwas ändern wollen. Aber Sie müssen jetzt den Mut aufbringen, zu handeln.

Aus unserer Sicht hat Priorität, die im Arbeitsförderungsrecht immer noch bestehenden Frühverrentungsanreize zu beseitigen. Die Frühverrentung stellt eine Subvention zulasten der Beitragszahler und Rentenkassen dar und ist nicht mehr vertretbar. Wir haben Ihnen heute einen Gesetzentwurf vorgelegt, mit dem wir die Anreize zur Frühverrentung nehmen.

(Beifall bei der FDP - Peter Dreßen (SPD): Und das mit sofortiger Wirkung!)

- Mit Wirkung vom 1. Januar 2004. Wir haben einen Vertrauensschutz zugunsten derjenigen vorgesehen, die die Anspruchsvoraussetzungen bis dahin erfüllt haben. Dann muss damit aber auch Schluss sein; das sage ich klipp und klar. Die Lebenserwartung und die Rentenbezugsdauer sind deutlich gestiegen. Die Erwerbstätigenquote der 55- bis 64-Jährigen liegt in Deutschland mit 41,5 Prozent weit unter der anderer wirtschaftlich erfolgreicher Länder. Die Schweiz hat beispielsweise eine Erwerbstätigenquote von 68 Prozent, Schweden von 70 Prozent.

Wir müssen also die Anreize zur Frühverrentung verringern, müssen gleichzeitig aber auch dafür sorgen, dass ältere Menschen wieder bessere Chancen am Arbeitsmarkt haben und dass ihnen Angebote auf Beschäftigung gemacht werden. Das kann nach meiner Auffassung nur über veränderte gesetzliche und tarifliche Rahmenbedingungen gelingen. Dazu haben wir Ihnen bereits in der letzten Legislaturperiode einen entsprechenden Antrag vorgelegt. Jetzt müssen die Vorschriften neu justiert werden; denn man muss sehen: Je älter Arbeitnehmer sind, desto teurer und besser geschützt sind sie. Das vermindert aus Sicht der Unternehmen ihre Chancen auf Einstellung und Reintegration.

Vizepräsidentin Dr. h. c. Susanne Kastner:

Herr Kollege Kolb, denken Sie bitte an Ihre Redezeit.

Dr. Heinrich L. Kolb (FDP):

Mit Ihrer Genehmigung, Frau Präsidentin, noch ein Schlusssatz.

Die Vorschaltgesetze werden ihr Ziel nicht erreichen. Sie basieren allein auf dem Prinzip Hoffnung. Die rentenpolitischen Weichen müssen neu gestellt werden, um verlorenes Vertrauen wiederzugewinnen. Wir dürfen keine Zeit verlieren. Für Gespräche, die das Ziel haben, die Rente wieder sicherer zu machen, stehen wir zur Verfügung, für kurzfristige Flickschusterei nicht.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

(Beifall bei der FDP ... )