D a s L i b e r a l e T a g e b u c h |
|
Sammlung
Originaldokumente aus „Das Liberale
Tagebuch“, http://www.dr-trier.de |
|
Deutschlandfunk Interview, Montag
bis Sonntag, 27.10.2004 "Zwei Drittel der liberalen Fraktion werden EU-Kommission ablehnen" Interview mit der stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden
der Liberalen im EU-Parlament, Silvana Koch-Mehrin. Moderation: Dirk Müller Müller: In Straßburg sind wir nun verbunden mit der
FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin, stellvertretende Fraktionschefin der
Liberalen im Europäischen Parlament. Guten Morgen. Koch-Mehrin: Guten Morgen, Herr Müller. Müller: Frau Koch-Mehrin, ist Macht verführerisch? Koch-Mehrin: Mit Sicherheit, aber das hat in diesem Falle
nicht so sehr mit Macht zu tun, sondern vor allen Dingen mit Grundsätzen und
Prinzipien. Da geht es ja vor allem um die Tätigkeit von Herrn Buttiglione
und seine Einstellung zu diesen wesentlichen Fragen in der Europapolitik. Müller: Das ist für Sie persönlich inakzeptabel? Koch-Mehrin: Das ist für mich inakzeptabel. Es sind ja
auch nicht nur seine Äußerungen während der Anhörung, die uns da auf die
Barrikaden treiben, sondern es hat sich ja auch in seinen Handlungen bisher
gezeigt, dass er seine Überzeugung natürlich versucht, in Politik umzusetzen.
Er hat sich ganz aktiv in dem Verfassungskonvent dafür eingesetzt, dass das
Diskriminierungsverbot gegenüber Homosexuellen aus der Grundrechtecharta der
EU herausgenommen wird. Das ist mehr als nur eine Äußerung. Müller: Blicken wir doch vielleicht noch einmal zurück auf
gestern Abend. Der designierte Präsident Barroso hat ja noch einmal für seine
Mannschaft geworben, auch in der FDP-Fraktion. Das war ja so etwas wie ein
Gang nach Canossa. Hat er Sie überzeugen können? Koch-Mehrin: Er hat uns leider nichts Neues präsentieren
können. Wir waren immer klar in unserer Forderung. Wir haben gesagt, wir
würden für diese Kommission stimmen, wenn Herr Buttiglione ein anderes
Portfolio erhält. Wir finden die Kommission ansonsten nämlich hervorragend.
Es gibt zahlreiche liberale Kommissare, die wesentlichen Portfolios, die mit
Wirtschaftspolitik zu tun haben, sind sehr gut, sehr liberal besetzt. Wir
würden gerne für diese Kommission stimmen, gäbe es eben nicht Herrn
Buttiglione auf dem Ressort Innen- und Rechtspolitik. Diese Forderung kannte
Herr Barroso, er hat uns gestern Abend nur noch einmal wiederholt, was er
schon im Plenum berichtet hat und er hat dann erläutert, warum er nichts
Weiteres machen könne. Aber so richtig überzeugt hat er eben damit niemand. Müller: Niemand, sagen Sie. Wie ist die Probeabstimmung
ausgegangen? Koch-Mehrin: Die Probeabstimmung ist so, dass mehr als
zwei Drittel der Fraktion gegen diese Kommission stimmen wollen, es sei denn,
Herr Barroso präsentiert heute im Plenum noch mal eine andere Lösung. Müller: Sie sagen, man ist dagegen. Aber das heißt ja
jetzt übersetzt, ein Drittel wird ihn dann doch mittragen? Koch-Mehrin: Wird sich entweder enthalten oder ihn
mittragen. Mittragen werden ihn zum Beispiel die dänischen Liberalen und auch
der Venstre-Partei, die eine eigene Kommissarin stellen. Es werden ihn dann
aus den anderen Delegationen einzelne Personen tragen, aber keine anderen,
nationalen Delegationen geschlossen. Müller: Sie sind ja stellvertretende Fraktionschefin der
Liberalenfraktion im Europäischen Parlament. Sie führen ja sehr viele
Gespräche auch mit einzelnen Abgeordneten. Warum ist das so schwierig, eine
Einigkeit herzustellen? Koch-Mehrin: Man kommt natürlich aus völlig
unterschiedlichen Hintergründen. Die Fraktionen im Europäischen Parlament
setzen sich zwar einerseits nach politischen Richtungen zusammen, aber es ist
anders als in nationalen Parlamenten eben nicht eine so starke
Fraktionsbindung. Es gibt zum Beispiel nicht diesen Fraktionszwang, den es in
nationalen Parlamenten gibt, gibt es im Europaparlament nicht. Die
Abgeordneten haben ein sehr großes Unabhängigkeitsbedürfnis und deshalb ist
es sehr oft so, dass es dann freie Abstimmungen gibt und jeder nach seinem
Gewissen abstimmt. Müller: Schwächt das das Gewicht des Parlaments? Koch-Mehrin: Ich glaube, was bisher nicht so sehr
stattgefunden hat, worüber ich mich freue, dass es jetzt beginnt, ist, dass
es tatsächlich eine klare Politisierung auch im Parlament gibt. Es wurde bisher
von vielen der Parlamentarier immer angestrebt, dass das Parlament insgesamt
eine Meinung hat. Wenn man sich das für den Bundestag überlegt, dass der
Bundestag geschlossen eine Meinung haben sollte, weiß man, dass das im Grunde
absurd ist. Es kann ja nicht sein, dass sich die unterschiedlichen
politischen Richtungen immer einig sind. Das ist jetzt nicht mehr der Fall.
Es wird sicherlich dazu führen, dass auch die Fraktionen stärker nach
tatsächlich politischen Richtungen zusammengesetzt sind und nicht so sehr
nach anderen Gesichtspunkten. Müller: Wie stark sind Sie denn in der Zwickmühle? Sie
sagen klipp und klar, Sie haben es ja eben hier ausgedrückt, Nein zu
Buttiglione. Wenn ich das richtig verstanden habe bei der Vorrecherche, sind
Sie aber grundsätzlich bereit, den Kommissionspräsidenten und viele Teile des
anderen Teams natürlich dann auch zu tragen. Dennoch, Ihr Nein würde
bedeuten, wenn das mehrheitsfähig wird im Parlament, die gesamte Kommission
scheitert. Koch-Mehrin: Das ist das Missliche. Wir sind hier in einer
ziemlich undemokratischen Situation, dass wir nur die Möglichkeit haben, die
Kommission komplett abzulehnen oder eben anzunehmen. Auch die Auswahl der
Kommissare, darauf haben wir als Abgeordnete überhaupt gar keinen Einfluss.
Selbst Herr Barroso hat da nur minimalen Einfluss und das ist etwas, was
eigentlich zeigt, dass die Anordnung für diese wichtige Entscheidung nicht
richtig ist. Dass die Regierungschefs da im Grunde noch eine viel zu große
Rolle spielen. Wenn es dazu kommt, dass die Kommission so abgelehnt wird, gut
dann ist es wieder so, dass die Regierungschefs eine neue Kommission
vorschlagen werden. Vielleicht schlagen sie auch noch mal die gleiche vor,
das steht ihnen anheim und dann müssen wir wiederum entscheiden, wollen wir
das oder wollen wir das nicht. Für uns ist aber klar, wir können dieser
Kommission nicht zustimmen, für uns FDP-Abgeordnete, wir könne der Kommission
nicht zustimmen, wenn Herr Buttiglione in dem Ressort Innen- und
Rechtspolitik bleibt. Müller: Wenn ich da noch mal nachfragen darf. Was würde
das denn an der Tatsache ändern? Sie beklagen sich über die Einstellung
Buttigliones, Sie beklagen sich auch über die politischen Handlungen, die er
bisher versucht hat umzusetzen. Ein anderes Ressort, da ist das in Ordnung,
wenn ein Mann dann illiberal ist? Koch-Mehrin: Man muss der Fairness halber sagen, dass die
anderen Kommissare zu diesen Themen gar nicht befragt worden sind, weil es
gar nicht ihre Politikbereiche sind. Ein Kommissar Buttiglione für den
Bereich Fischerei, den hätte man gar nicht gefragt zu seinen Einstellungen
da. Insofern glaube ich, muss man da dieses Gebot der Fairness walten lassen
und sagen, wo ist er eigentlich für zuständig, welche politischen Impulse
will er setzen? Wenn zum Beispiel die Wettbewerbskommissarin sagen würde, im
Grunde ist sie gegen Marktwirtschaft und Wettbewerb hält sie für Teufelszeug,
damit würde sie sich disqualifizieren, auch wenn sie zum Beispiel für aktive
Frauen in der Gesellschaft und auch für eine Gleichbehandlung von
gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften wäre. Müller: Wie gravierend wäre, Frau Koch-Mehrin, ein
Scheitern der Kommission heute? Koch-Mehrin: Ich glaube, dass das ein Zeichen von
Demokratie in Europa wäre. Denn das Parlament hat ja das Recht, die Kommission
abzulehnen oder sie anzunehmen. Beide Fälle sind vertraglich vorgesehen. Wenn
das Parlament der Meinung ist, dass diese Kommission nicht gut für Europa
ist, nicht gut für den Fortschritt in Europa, dann ist es die Aufgabe des
Parlaments, die Kommission abzulehnen. Insofern, glaube ich, zeigt es ein
Selbstbewusstsein der demokratisch gewählten Volksvertreter und zeigt auch,
dass die Defizite in dem Verfahren, wie eine Kommission aufgestellt wird,
immer noch zu groß sind. Müller: Die Kommissare, die Kommission, die nationalen
Regierungen halten dagegen, sie sprechen im Fall eines Scheiterns von einer
europäischen Katastrophe. Wäre das ein Rückschlag auch für die Zusammenarbeit
mit dem Parlament? Koch-Mehrin: Nein, ich glaube, was wichtig ist, ist zu
sehen, dass die drei Institutionen mindestens gleichberechtigt sein müssen.
Dass also die Regierungschefs im Rat das Parlament sehr ernst nehmen und die
Kommission eben auch und dass es nicht sein kann, dass das Parlament
eigentlich etwa als ein Gremium gesehen wird, was nicht so relevant sei, wie
die anderen Gremien. Müller: Das ist bislang noch so? Koch-Mehrin: Das ist bislang oft noch so. Das merkt man ja
auch jetzt daran, im Grunde hat Herr Barroso rein vertraglich jetzt die
Möglichkeit ganz selbstständig die Portfolios an seine Kommissare zu
vergeben. Aber trotzdem muss er sich ständig rückkoppeln mit den
Regierungschefs, ob sie damit einverstanden sind, wer welches Ressort erhält.
Das ist etwas, was wir als Parlamentarier nicht akzeptieren können. Wenn das
Verfahren so ist, die Regierungschefs schlagen ihre Kandidaten vor, der
Kommissionspräsident setzt sie ein und das Parlament bestätigt das, dann muss
man sich daran halten und nicht ständig eine Zusammenarbeit mit dem Rat
suchen, das Parlament aber im Grunde dann so unter Druck setzt, zu sagen, ihr
müsst jetzt eigentlich nur noch zustimmen. Müller: Silvana Koch-Mehrin war das, stellvertretende
Fraktionschefin der Liberalen im Europäischen Parlament. |