D a s   L i b e r a l e   T a g e b u c h

Sammlung Originaldokumente aus „Das Liberale Tagebuch“, http://www.dr-trier.de

 

 

Der Welteke in uns

 

KStA, 8. April 2004, Seite 4, von Monika Zimmermann

 

Wo fängt Korruption an? Wo hört sie auf? Das jüngste Beispiel lehrt: Sich vier Tage einen Aufenthalt mit Familie im teuren Berliner Hotel Adlon von einem Geldinstitut zahlen zu lassen geht nicht. Nicht für den Chef der Bundesbank. Da sind sich viele in diesem Land einig. Würde das anders gesehen, wenn es nicht einen Banker, sondern einen Politiker, einen Unternehmer oder einen Journalisten träfe? Und was wäre, wenn das Hotel billiger, der Aufenthalt kürzer oder die Familie nicht dabei gewesen wäre? Wäre das keine Korruption? Wäre der Fall dann kein Fall - jedenfalls nicht für all jene, die mit beiden Beinen im richtigen Leben stehen?

 

Diese Fragen zeigen: Korruption umgibt eine Grauzone - zumindest bis zu jenem Punkt, an dem Korruption die Gerichte beschäftigt. Dann ist die Sache ohnehin klar. Gesetze gelten für alle und jeden gleich. Doch es gibt eine Korruption unterhalb dieser Ebene - und nur davon ist hier die Rede. Dies ist sozusagen die alltägliche Korruption, eine, die der Nachlässigkeit geschuldet ist oder der Gewohnheit. „Ich weiß gar nicht, was die Leute wollen, das haben wir doch immer so gemacht“, ist eine typische Reaktion auf derlei Vorwürfe.

 

Und eine solche Reaktion mag auch dem Chef der Deutschen Bundesbank zunächst durch den Kopf geschossen sein, als er von den Vorwürfen gegen sich hörte. Zumal diese Vorwürfe sich auf einen Vorgang beziehen, der inzwischen mehr als zwei Jahre zurückliegt. Warum wird er ihm ausgerechnet jetzt zum Verhängnis? Warum muss ausgerechnet jetzt auch der Berliner Bausenator und SPD-Vorsitzende Peter Strieder seinen Hut nehmen, wo doch die Fete, die er seiner Partei von einem Bauunternehmer sponsern ließ, längst vergessen ist?

 

Die Antwort ist relativ einfach: weil das Empfinden, was Korruption ist, abhängig ist vom Zeitgeist oder, um es anders zu sagen, von den sozialen Umständen, die herrschen. Sich zu DDR-Zeiten in Wandlitz eine handelsübliche westdeutsche Mischbatterie auf das Waschbecken setzen zu lassen, mussten all die, die nur Plaste und Elaste aus Schkopau hatten, genauso als korrupt empfinden, wie heute diejenigen das Verhalten des Bundesbankchefs korrupt finden, denen gerade die schmale Rente gekürzt oder die Praxisgebühr abgeknapst wird.

 

Was man dem bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß seinerzeit noch als Beweis hoher Potenz und eines Netzes guter Beziehungen durchgehen ließ, nämlich dort zur Jagd eingeladen zu sein und hier das Flugzeug eines befreundeten Unternehmers fliegen zu dürfen, wurde seinem Nachfolger Max Streibl als Amigo-Affäre angekreidet. Er musste deswegen aus dem Amt scheiden.

 

Zu Recht. Denn richtig ist gewiss, dass wir in Sachen Korruption empfindlicher geworden sind - je empfindlicher desto mehr wir merken, dass der Wohlstand nichts ist, worauf man sich ausruhen kann. Falsch ist aber deshalb auch, nur empört auf Leute zu zeigen, die besonders tief stürzen, weil sie hoch gestanden haben. Wer den Zeigefinger ausstreckt, muss zur Kenntnis nehmen, dass die restlichen Finger der Hand auf ihn selbst zurückweisen. Die alltägliche Korruption - sie fängt bei Begünstigungen an und hört bei teuren Hotelaufenthalten nicht auf. Drum prüfe sich jeder selbst, wie viel Welteke in ihm steckt.