D a s   L i b e r a l e   T a g e b u c h

Sammlung Originaldokumente aus „Das Liberale Tagebuch“, http://www.dr-trier.de

 

 

Kommentar zum Kommentar: Wir Deutschen sollten uns abgewöhnen der Profilierung  als strebender Klassenprimus nachzujagen. Lassen wir doch auch anderen die Freude an ihren Siegen. Dahingestellt sei also, ob die Bürger „mit Olympia“ unzufrieden sind oder ob lediglich den Grünroten die Chance entgeht, sich mit fremder Leistung zu profilieren.

 

Typisch allerdings ist die vom Autor gezeigte Parallele zu „anderen“ Erscheinungen der Deutschen Republik 2004.

 

Unzufrieden könnten wir allerdings darüber sein, dass die regierenden Damen und Herren einmal mehr, sinnlos, kontraproduktiv und gleich tonnenweise Kohle zum Fenster herausschaufeln.

 

Dafür lohnt Leistung in der Tat nicht.

 

 

Deutscher Sport ohne Lust auf Leistung

 

KStA, 21.08.2004, S. 4, von Frank Nägele

 

Nach einer Woche Olympia sind die Deutschen das, was sie derzeit am liebsten sind: unzufrieden. Der Medaillenausstoß bei der Weltschau des Sports verläuft schleppend, die Nachrichten aus Athen sättigen nicht den nationalen Siegeshunger. Der Trend scheint in die gesamtdeutsche Gefühlslage zu passen. Auf nichts ist mehr Verlass, wir sind grauer Durchschnitt, das Siegel „Made in Germany“ hat keinen Wert mehr. In diesem dumpfen Grundempfinden ist viel Ungerechtigkeit. Es gibt bislang nur eine Gruppe von deutschen Sportlern bei Olympia, die krass versagt hat und deren Selbstdarstellung die Grenze zur Peinlichkeit überschreitet. Das ist ausgerechnet die Gruppe, die fast alle Aufmerksamkeit der ersten Olympiawoche für sich reklamiert, der die meiste Sendezeit im Fernsehen gehört, die verhätschelt und hofiert wird. Es sind die Schwimmer und Schwimmerinnen.

 

Die Frage, ob es denn fair sei, vom Fernsehsessel aus den Stab über Leistungssportler zu brechen, die Ziele verfehlen, wird immer wieder bei solchen Anlässen gestellt. Sie kann aber ganz eindeutig mit Ja beantwortet werden. Kritik muss sich nach Anspruch und Aufwand richten, der hinter einer Anstrengung steckt. Der Aufwand, mit dem der deutsche Sport ein Unternehmen wie Olympia angeht, ist riesengroß. Sein Anspruch ist es, in allen denkbaren Disziplinen mit Athleten vertreten und unter den Besten zu sein. Kein anderes westeuropäisches Land betreibt im Sommer wie im Winter vergleichbare Anstrengungen bis in die entlegenste Randsportart hinein. Finanziell ist dieser Kraftakt nur zu bewältigen durch multiple Unterstützung von Regierung, Sporthilfe, Bundeswehr und Bundesgrenzschutz. Wie viel Geld die Republik so für den Leistungssport aufwendet, ist durch die vielen verdeckten Leistungen nicht mal annähernd zu beziffern, aber es sind Hunderte Millionen Euro pro Jahr. Und davon leben nicht nur die Sportler, sondern auch die Armee ihrer Trainer, Betreuer, Funktionäre. Und ihr allererstes Ziel ist nicht der maximale Erfolg zu einem bestimmten Zeitpunkt, sondern der Verbleib in diesem System.

 

In einer leistungsorientierten Welt hätte das Versagen einer Eliteeinheit, wie sie die deutschen Schwimmer selbst sein wollen, brutale Folgen. Wir reden nicht von Medaillen, vom Unterschied zwischen Gold, Silber und Bronze, sondern davon, dass fast alle diese Athleten nach monatelanger Vorbereitung am Tag X massiv hinter ihren Vorleistungen zurückblieben. Nicht nur Franziska van Almsick, nicht nur Hannah Stockbauer, sondern bis auf ganz wenige Ausnahmen die ganze Gruppe. In der Leichtathletik herrscht ein ähnlicher Geist. Der Fall Charles Friedek ist ein Ärgernis ersten Ranges. Der ehemalige Dreisprung-Weltmeister lief zehn Schritte, fasste sich an den Oberschenkel und war fortan nur noch Zuschauer. Alle wussten, dass er nicht fit war, aber niemand traute sich, ihm zu sagen: Du bleibst jetzt zu Hause.

 

Im deutschen Sport müsste ein Umdenken stattfinden: Konzentration aufs Wesentliche, Abschaffung des Gießkannenprinzips, Förderung der Besten. Wenn das nicht einmal in diesem Hochleistungsbereich möglich ist, wo sollte es dann möglich sein in dieser Gesellschaft? Das klingt hart, aber das macht auch hart. Und vor aller Augen zu versagen ist ja schließlich noch härter.

 

frank.naegele@mds.de