D a s L i b e r a l e T a g e b u c h |
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Sammlung
Originaldokumente aus „Das Liberale
Tagebuch“, http://www.dr-trier.de |
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Vollendete Kunst der
Anpassung
KStA, 30. Juli 2004, Seite 4, von Markus
Günther Wer das Wesen der Politik und die Evolutionslehre Darwins
missverstanden hat, glaubt vielleicht, dass nur die Besten und Stärksten ans
Ziel kommen. Was die Politik und Darwin lehren, ist tatsächlich etwas ganz
anderes: Der Anpassungsfähigste setzt sich durch. Deshalb hat John Kerry die
Präsidentschaftskandidatur der Demokratischen Partei errungen, und deshalb
wird er vielleicht der nächste Präsident der Vereinigten Staaten sein. Negativ gewendet heißt Anpassungsfähigkeit Opportunismus,
und genau das werfen die Republikaner Kerry vor. John Kerry ist gegen die
Todesstrafe, doch bei Terroristen hält er sie für gerechtfertigt. Er will
Homosexuellen die Eheschließung nicht erlauben, aber er will sie auch nicht
verbieten lassen. Er hat für den umstrittenen „Patriot Act“ gestimmt, hält
ihn aber jetzt für einen Fehler. Er stimmte 1991 gegen den Golfkrieg zur Befreiung Kuwaits,
hält ihn im Rückblick aber für richtig; er stimmte für Bushs Irak-Feldzug im
Jahr 2003, hält ihn jetzt aber für einen Fehler. Kein Wunder, dass die
Republikaner Kerry seine politischen Wandlungen im Wahlkampf munter um die
Ohren hauen. Ein Wunder ist eher, dass Kerry mit dieser Bilanz die Kandidatur
seiner Partei errungen hat und in Umfragen knapp vor Bush liegt. Doch man kann diese Bilanz eben auch anders
interpretieren: Er ist bei Themen wie Homo-Ehe, Todesstrafe und Waffenbesitz
zögernd und unentschlossen, aber das sind viele Amerikaner auch. Er ist Bush
auf dem Weg in den Irak-Krieg gefolgt, aber womöglich nur, weil er dem
Präsidenten glaubte, dass eine unmittelbare Bedrohung für die USA bestehen
würde. Kerry repräsentiert die politische Mitte Amerikas,
einschließlich der Bewegung nach rechts, die nach dem 11. September 2001
einsetzte, und der allmählichen Rückwärtsbewegung hin zur Mitte, die seit
etwa einem Jahr zu beobachten ist. Erstaunlich ist nicht, dass Kerry damit
einen gewissen Erfolg in Umfragen hat. Überraschend ist, wie es Kerry gelang,
seine Partei auf diesen Kurs zu bringen. Der Nominierungsparteitag der
Demokraten in Boston hat gezeigt, dass das Herz der Partei eigentlich viel
weiter links schlägt. Die Delegierten haben Kerry umjubelt, doch die linken
Stars der Partei wie Howard Dean und Al Sharpton erhielten den spontanen,
ehrlichen Beifall. Dennoch steht die Partei, wie sich in dieser Woche gezeigt
hat, geschlossen zu Kerry, viel geschlossener als etwa vor vier Jahren zu Al
Gore. Es eint sie der Wunsch, Bush zu stürzen. Kerry hat das Kunststück
vollbracht, das aggressive Sentiment gegen Bush in eine kluge und moderate
Wahlkampfstrategie zu verwandeln. Er hat es geschafft, sich der Partei als
Kriegsgegner zu präsentieren und dem Publikum am Fernsehbildschirm doch das
Vertrauen in ein starkes und sicheres Amerika zu geben. Er hat es verstanden,
aus der weit verbreiteten Anti-Bush-Stimmung eine Pro-Kerry-Bewegung zu
machen. Kerry hat die Kunst der Anpassungsfähigkeit zur Vollendung geführt. Wenn er die Wahl gewinnt, wird man sagen, dass Bush nur so geschlagen werden konnte: mit moderaten Positionen in der Mitte, mit ideologischer Flexibilität und mit Pragmatismus. Wenn Kerry scheitert, wird die Partei es bedauern, nicht den polarisierenden Gegenentwurf zu Bushs Amerika mit einem linken Kandidaten gewagt zu haben. |