D a s L i b e r a l e T a g e b u c h |
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Sammlung
Originaldokumente aus „Das Liberale
Tagebuch“, http://www.dr-trier.de |
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Zeitenwende als Bauerntheater KStA,
14. Juli 2004, Seite 4, von Franz Sommerfeld Wir
geben die Stadt den Bürgern zurück, lautete vor fünf Jahren der
Wahlkampf-Slogan der CDU. Sie hat ihn nicht eingelöst. Am Ende der
Legislaturperiode gibt Kölns politische Verfassung Anlass zu größter Sorge.
Während der eineinhalbjährigen Amtszeit der schwarzgrünen Koalition
verkürzten sich die Abstände zwischen den Niederlagen der Stadt immer mehr:
Die Liste der Pleiten ist lang und hinlänglich bekannt. Wer
trägt die Verantwortung dafür? Da ist Oberbürgermeister Fritz Schramma. Ein
netter Mann. Er macht eine gute Figur im Karneval und auf Sportfesten. Ein
populäres Stadtoberhaupt zum Anfassen. Die Leute, die ihn duzen, sind Legion.
Aber das ist nicht alles: Der Kampf gegen Korruption und gegen die
alltägliche Vermengung von öffentlichem Amt und privatem Vorteil sind ihm
ernsthaft ein Anliegen. Das ist nicht wenig für die Glaubwürdigkeit der
Politik nach den Skandalen in SPD und CDU. Zum
zweiten Mal innerhalb eines Jahres hat Schramma gestern seine Partei
aufgefordert, sich zwischen ihm und Richard Blömer zu entscheiden. Sein
dramatischer Vorstoß rührt an den Kern des Problems. Der Oberbürgermeister
wendet sich gegen ein Politikverständnis, das die Interessen des eigenen Parteisprengels
und privaten Wohlergehens über die der Stadt stellt. Aber was wird der
Oberbürgermeister tun, wenn seine Partei einfach weitermacht wie bisher? Die
bisherigen Erfahrungen lassen fürchten: Dann wurstelt auch Schramma weiter. Dabei
hat er aufgrund seiner langen Amtsdauer eine stärkere Stellung als jeder
andere Oberbürgermeister seit dem Krieg. Er hat sie bislang nicht genutzt, um
die Stadt politisch zu führen. Erfolge wie der Aufschwung des Flughafens
stellten sich ohne sein Zutun ein. Statt den notwendigen Sachverstand an die
Stadtspitze zu holen, wurden alle wichtigen Positionen nach Parteibuch
besetzt. Warum
orientiert sich Schramma nicht an Konrad Adenauer, der mit jedem paktierte
und jedes Forum nutzte, um seine Vorstellungen umzusetzen. Während Adenauer
mit dem Grüngürtel, dem Niehler Hafen, der Universität, der Messe und der
Mülheimer Hängebrücke klare Ziele verfolgte, bleiben Schrammas Vorstellungen
im Ungefähren. Das
verbindet den Oberbürgermeister mit den Politikern aller Parteien im Rat. Sie
haben keine Antwort auf den rasanten Modernisierungsschub. Deutschland erlebt
einen ähnlich dramatischen Zeitenbruch wie in der Ära Adenauers in den
zwanziger Jahren. Doch die Kölner Politik macht ein Bauerntheater daraus. Dabei
entscheidet sich in diesen Jahren, welche Rolle die Stadt in den nächsten
Jahrzehnten spielen wird. Mit jedem Tag beschleunigt sich die Ablösung der
alten Industrien. Neue Technologien verbinden rationales Kalkül und
Wirtschaftlichkeit mit dem intuitiven Erfassen der Wirklichkeit. Da kann eine
einzelne Idee mehr bewegen als jeder noch so schnelle Rechner. Die
Zukunft gehört dem Menschen, nicht dem Computer. Köln hat dafür das Potenzial
an kreativen Bürgern. Und das geistige Umfeld. Noch zieht die Stadt die
Jugend an. Erhält sie die Chance, Köln zu gestalten und so Zukunft zu
sichern? Die
alte Politik ist offenkundig am toten Punkt angelangt. Der alte Slogan, die
Stadt den Bürgern zurückzugeben, ist allerdings aktuell wie selten zuvor. franz.sommerfeld@ksta.de |