D a s   L i b e r a l e   T a g e b u c h

Sammlung Originaldokumente aus „Das Liberale Tagebuch“, http://www.dr-trier.de

 

 

 

Der Klub der Schönredner

 

KStA, 28. September 2004, von Thomas Geisen

 

Die NRW-Kommunalwahlen und die folgenden Kommentare der Parteioberen haben wieder einmal ein Schlaglicht auf eine Gruppe geworfen, um deren Befindlichkeit man sich zunehmend Sorgen machen muss: die (Berufs-)Politiker. Da ist seit langem schon ein sonderbares Phänomen zu beobachten: Bei Wahlen gibt es keine Verlierer mehr. Alle gewinnen, auch wenn sie dramatische Verluste verzeichnen.

 

Was ist von diesen professionellen Schönrednern zu halten? Ist die Bewältigung unserer sozialen Probleme von ihnen zu erwarten? Haben die Parteipolitiker gar den Kontakt zur Realität verloren - und die Bürger zu ihnen, wie die schwache Beteiligung nahe legt?

 

Dabei erweckt die ständige Präsenz in den Medien den Eindruck von Nähe. Letztlich aber sind die Politiker nur (Fernseh-)Bekanntschaften, der Kontakt zum Bürger (auch auf kommunaler Ebene) ist spärlich. Mikrofone, Blitzlichter, Kameras - die Volksvertreter sind zu Medienstars mutiert. Entsprechend ist ihr Gehabe, entsprechend ist auch die Wirklichkeit, die sie sich selbst erschaffen. Rhetorisch geschliffen in Talkshows und durch Umfragen auf die Stimmung des Volkes eingestellt, landen sie in einem Raumschiff.

 

Nicht erst, seit Sabine Christiansen zum Talk einlädt, verfestigt sich der Eindruck, dass das politische Geschäft zur unerträglichen Selbstdarstellung verkommt: Jeder Satz, jede Bewegung, jede Mimik - bekannt, austauschbar, gegenseitige Unterbrechungen als rhetorische Kampfmittel, Polit-Balzerei, ohne dass wirklich aufgeklärt wird.

 

Der SPD-Veteran Egon Bahr hat einmal, als er die Politiker der alten Garde beschrieb, von ihrem „inneren Geländer“ gesprochen: Das bezog sich auf deren Erfahrungen mit Krieg, Flucht, Armut.

 

Nun sollen beileibe nicht die durch Stahlgewitter geprägten Autoritäten der frühen Bundesrepublik herbeigeredet werden. Aber die leeren Worthülsen und Phrasen der Parteilautsprecher verdeutlichen ein Manko vieler heutiger Politiker: Nicht das Leben außerhalb der Politik hat sie geprägt. Sie definieren sich fast ausschließlich über ihren Einsatz in der Partei. Verlieren sie ihr Mandat oder ihr Amt, stehen sie häufig vor dem Nichts. Und auch das Volk steht ohne Halt da.

 

Das fehlende „Geländer“ - anders: der Charakter - und die Sozialisation in dem Medienbetrieb hat die Akteure anfällig werden lassen für die Überschätzung der eigenen Bedeutung und für eine panische Angst, die öffentlichen Erwartungen nicht zu erfüllen. So gesehen, sind der allumfassende Jubel und die (Selbst-)Zufriedenheit nach den NRW-Kommunalwahlen Betrug und Selbstbetrug in einem. Wer zweifelt, ist kein Profi, wer Enttäuschung zugibt, verdirbt den Auftritt.

 

Die Klage über die Realitäts- oder Volksferne der Berufspolitiker wird auch deshalb so laut, weil Kommunalwahlen immer noch die Hoffnung nähren, Wähler und Politiker seien sich vertrauter, weil räumlich näher. Ein Trugschluss: Fast die Hälfte der Wahlberechtigten blieb zu Hause.

 

Aber auch diese Wahrheit wird routiniert umgedeutet: Die Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth wagte die These, Nichtwahl könne ja auch als Ausdruck einer Zufriedenheit interpretiert werden. Wer dies ernsthaft verbreitet, ist kein Volksvertreter, sondern ein Volksverdummer.

 

thomas.geisen@mds.de