D a s L i b e r a l e T a g e b u c h |
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Sammlung
Originaldokumente aus „Das Liberale
Tagebuch“, http://www.dr-trier.de |
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Mit alten
Begriffen in die neue Zeit KStA, 22. März 2004, Seite 4. Im Internet um 06:45h Von Franz Sommerfeld, Chefredakteur Wer in diesen Tagen mit sozialdemokratischen
Spitzenpolitikern spricht, stößt auf eine bemerkenswerte Nüchternheit:
Natürlich wird die Berliner Führung der SPD bis zum Abend der nächsten
Bundestagswahl hoffen, die Geschicke doch noch einmal zu ihren Gunsten zu
wenden. Aber sie weiß auch ganz genau, dass alle sozialdemokratischen
Parteien in Europa die Einleitung eines Reformkurses mit dem Verlust ihrer
Regierungsmacht bezahlen mussten und der SPD nun Gleiches droht. Das Beispiel der anderen zeigt eben, dass es vier
Jahre und länger dauert, bis die Bürger positive Folgen der Reformen am
eigenen Leibe spüren. Diese Zeit ist in einer Demokratie nicht leicht zu
überbrücken, in der es nun einmal das Ziel der Parteien ist, möglichst viele
Wähler zu gewinnen und zu halten. Mit der Entscheidung für Franz Müntefering versucht
die SPD, die Kluft zwischen der Angst der Bürger vor Veränderung und der
Einsicht der Politiker in ihre Notwendigkeit zu mildern. Müntefering bediente
sich dafür der Begriffe aus den Zeiten, als die Utopie der SPD noch eindeutig
schien: kämpfen, unterhaken, lernen. Er nutzte sie, um seine Parteifreunde
davon zu überzeugen, dass sich die Globalisierung nicht durch
Parteitagsbeschlüsse der SPD abschaffen lässt und die globale Fabrik längst
Realität ist. Er will die SPD daran gewöhnen, dass es keine nationale,
sondern allenfalls eine europäische Sozialpolitik geben wird. Er weiß, dass
jede Angleichung an europäische Maßstäbe zu einer Absenkung hierzulande
führen wird, erst recht nach der Ost-Erweiterung der EU. Die SPD sei doch
seit jeher internationalistisch gewesen, lockte Müntefering seine
Parteifreunde. Der neue Parteichef versucht, aus vergangenen
Traditionen Wärme für die Gestaltung der kalt erscheinenden Moderne zu
erzeugen. Bergarbeiterchöre für die Internet-Generation. Ob ihm das gelingt,
wird sich zeigen. Denn die große Zustimmung täuscht über die Verhältnisse in
der SPD hinweg. Die Delegierten wussten, dass sie keine Wahl hatten. Aber wo
es ging, griffen sie auf die alten Feindbilder zurück. Mürrisch beobachtete
Wirtschaftsminister Wolfgang Clement vom Podium aus, dass schmissige Kritik
an Unternehmern immer noch den meisten Beifall erzeugte. Unversehens und letztlich auch unvorbereitet ist die
SPD vor eine historische Aufgabe gestellt worden. Nach der Neuordnung der
Ostpolitik in den Zeiten des Kalten Krieges leitet sie nun die Modernisierung
der deutschen Gesellschaft ein. Das ist eine gewaltige Herausforderung für
eine Partei, die die längste Zeit Opposition war und deren politischer Stil,
deren Denken und Handeln bis heute durch die Opposition geprägt ist. Gerhard Schröder überreichte Müntefering ein
historisches Reichsbanner-Plakat mit der Parole: Zupacken. Er meinte es als
Symbol für die Bereitschaft, zu regieren und Verantwortung zu übernehmen.
Schröders Rede hatte einen deutlich nationalen Tonfall. Er sprach über den
patriotischen Charakter der SPD und forderte eine nationale Anstrengung: Erst
das Land und dann die Partei. Mit dieser Formel umschreibt Schröder seine
Einsicht, dass die SPD gerade für ihre Bereitschaft, zu regieren, in die
Opposition geschickt werden könnte. Das nimmt er in Kauf. Und es gibt eine
Chance, dass die SPD ihm folgt. franz.sommerfeld@ksta.de |