D a s L i b e r a l e T a g e b u c h |
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Sammlung
Originaldokumente aus Das Liberale Tagebuch, (http://www.dr-trier.de) |
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SPD beendet Parteitag in Bochum Gesucht:
Der Mut zur Offensive © KStA,
20. November 2003, Seite 7, von Gert Gerhards Junge Parteitags-Teilnehmer hoffen
darauf, dass die Richtigkeit ihrer Beschlüsse nun auch den Wählern vermittelt
werden kann. Bochum - Nun, das erhoffte feurige „Signal aus
Bochum“ zu einem neuen Aufbruch der Partei, „das haben wir wohl nicht
hinbekommen“, räumt Niels Annen zum Abschluss des SPD-Parteitags im Gespräch
ein. Immerhin habe die Partei aber eine Basis für die programmatische Debatte
gelegt, um im kommenden Jahr die Partei wieder politisch in Führung zu
bringen, meint der Bundesvorsitzende der Jungsozialisten mit vorsichtig
dosierter Zuversicht. Die Zukunft der SPD. Ein Thema, das besonders
intensiv von den Jungen in Bochum debattiert wird - von einer Minderheit
also. Waren in den 70er Jahren noch ein Drittel der Parteimitglieder unter 35
Jahre alt, so sind es jetzt noch drei Prozent. Ein Alarmsignal für die
Sozialdemokraten von übermorgen, die sich zugleich ihrer Rolle als kommender
Partei-Elite bewusst sind und daraus Forderungen an die Partei ableiten. Ihre Ausgangslage ist prekär. Sie sei eine
„demoralisierte, bis ins Mark erschütterte Partei“, hatte Annen der SPD zu
Beginn des Bochumer Konvents den Spiegel vorgehalten und ihr „Mutlosigkeit“
vorgeworfen. Die Regierung schiebe berechtigte Kritik beiseite, in der Partei
breite sich Fatalismus aus. Zwei Tage später, der 30-jährige Annen ist
inzwischen mit einem guten Ergebnis in den Parteivorstand gewählt worden,
sieht er immerhin Fortschritte seiner Partei. Mit Ausbildungsplatz-Abgabe und
Erbschaftssteuer habe die Partei zwei Herzensangelegenheiten der Jusos
Rechnung getragen. „Für die Debatte über die Zukunft sozialer
Sicherungssysteme und Steuern sind wir gut gerüstet.“ Bliebe die
mittelfristige Aufgabe für die SPD, „unsere Ziele so konkret zu formulieren,
wie wir die Zumutungen bisher formuliert haben“. Kundenorientiert formuliert
Annen es so: „Die SPD muss ihre soziale Kernkompetenz zurückgewinnen, die wir
bisher zu verspielen drohten.“ „Das soziale Profil der Partei muss wieder klarer
werden“, umschreibt es Andrea Nahles (33), Sprecherin der Demokratischen
Linken in der SPD, die in der „resignativen Stimmung“ ihrer Partei derzeit
„wenig Lust zu inhaltlicher Auseinandersetzung“ findet. Alle Gruppen müssten
ihren Beitrag zum Sozialstaat leisten. „Die SPD steht zum Umbau der
Sozialstaats, nicht allein zu Einschnitten.“ Es sei richtig, Vermögende und
Erben zur Kassen zu bitten, um Kindergärten, Schulen und Hochschule besser
auszustatten. Das Erststudium aber müsse gebührenfrei bleiben. Nahles hofft, wie viele in ihrer Partei, dass das
Reformpaket bis Jahresende beschlossen ist. Dann sollen die Genossen hinaus
ins Volk gehen - um die Leute von der Richtigkeit dieser Reform zu
überzeugen. Und hinein in die Partei - zur notwendigen Debatte über
Grundwerte und ein neues Programm. Kölns SPD-Chef Jochen Ott (29) kehrt das
alte Zitat von Helmut Schmidt, „wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“,
bewusst ins Gegenteil um. „Ich sage: Wer keine Visionen hat, braucht einen
Arzt. Wir brauchen eine klare Orientierung heute mehr denn je.“ Kommunalpolitiker Ott will die Partei von der Basis
her neu aufstellen. „Freunde, Bekannte und Kollegen halten mich doch für
bekloppt, dass ich Politik mache. Wir müssen am Image der Politik hart und
überzeugend arbeiten.“ Die Situation, dass sich Wahlkämpfer nicht mehr auf
die Straße trauten und sich kein Vorsitzender für einen Ortsverein finde,
müsse überwunden werden. Dazu will Ott die Programmdebatte forcieren. Über
ganz konkrete Inhalte, mit Schwerpunkten in der Bildungs- und Sozialpolitik,
könne die SPD am besten verdeutlichen, wofür sie steht. Ganztagsangebote in
Kindergärten und Schulen, bessere berufliche Möglichkeiten für Frauen nennt
er als Beispiele. „Wir müssen unsere Politik besser erklären und
aufzeigen, wie viel Chancen wir in diesem Land haben“, sagt Sabine Bätzing
und gibt sich ganz unbekümmert optimistisch, dass die SPD bald wieder aus der
Talsohle herausfindet. Die 28-jährige Sprecherin der „SPD-Youngsters“ in der
Bundestagsfraktion, Mitglied bei den pragmatischen „Netzwerkern“, hält die
Investitionen in Bildung und Forschung für einen überzeugenden Ansatz zu
einem Zukunftsmodell der SPD, das sich nicht in Beliebigkeit verlieren dürfe.
Die Diskussion um die SPD-Politik der Zukunft hat in Bochum gerade erst
begonnen. (KStA) |