D a s L i b e r a l e T a g e b u c h |
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Sammlung
Originaldokumente aus Das Liberale Tagebuch, (http://www.dr-trier.de) |
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KStA, 20. November 2003, Seite 4
Geschacher um Symbolthemen
Die Seele der SPD bleibt nach
Bochum strapaziert, der Kurs der Partei ungewiss
Eigentlich ist der Verlauf des SPD-Parteitages ein
Beleg für das Funktionieren der repräsentativen Demokratie. Sinn, Zweck und
Ziel der Reformen, die die Bundesregierung in Angriff genommen hat, sind
großen Teilen der Bevölkerung nicht klar. Das zeigen die Umfragen mit einer
Zustimmung von gerade noch 35 Prozent für Rot-Grün. Die Irritation über den
Berliner Kurs hat auch die SPD-Basis erfasst, wie Massenaustritte und
Wahlverweigerung beweisen. Entsprechend ist die Stimmung bei jenen, die als
Delegierte zum Bundeskonvent nach Bochum entsandt wurden. Folgerichtig haben
sie ihren Generalsekretär Olaf Scholz als prominenten Verfechter der
Agenda-Reformen mit einem erbärmlichen Wiederwahlergebnis abgestraft. Bis zu
diesem Niveau hat sich Volkes Wille sauber demokratisch durchgesetzt. Sollte dieser Prozess aber die nächsthöhere Ebene
erreichen, die SPD-Bundestagsfraktion, wird die Situation für Gerhard
Schröder prekär. Alle zentralen Reformvorhaben hängen derzeit im
Vermittlungsausschuss, wo sich Rot-Grün und Union verständigen müssen, wenn
die Stagnation im Lande überwunden werden soll. Die erwarteten Zugeständnisse
aber rühren an die Seele der Sozialdemokratie. Die Abweichler und
Reformkritiker in der Fraktion könnten sich durch die auf dem Parteitag
demonstrierte Gespaltenheit bestätigt sehen und entsprechend die Kompromisse
des Vermittlungsausschusses ablehnen. Wenn sich die Regierung aber in
zentralen Fragen nicht mehr auf eigene Mehrheiten stützen kann, wird sie
erpressbar - und ist absehbar am Ende. Eine solche Entwicklung liegt durchaus im Bereich des
Möglichen. Nur mit Mühe haben Schröder und Wirtschaftsminister Wolfgang
Clement die Delegierten in Bochum davon abhalten können, den Verhandlungsspielraum
im Vermittlungsausschuss durch Beschlüsse in Sachen Tarifautonomie und
Kündigungsschutz einzuengen. Ihre Nachgiebigkeit an der einen Stelle glaubten die
Delegierten durch demonstrative Hartleibigkeit an der anderen wettmachen zu
müssen. Die unsinnigen Vorfestlegungen im Detail etwa beim Thema
"Bürgerversicherung" sind umso ärgerlicher, als die Überlegenheit
dieses Modells gegenüber anderen Vorschlägen noch nicht einmal im Grundsatz
erwiesen ist Dieses Parteitagsgeschacher um Gesichtswahrung und Denkzettel
hinterlässt ein höchst ungutes Gefühl - als ob die großen Zukunftsprobleme
des Landes auf dem Basar verhandelt würden. Symbolthemen wie die Ausbildungsabgabe, die Reform der
Erbschaftssteuer und die zum wievielten Mal eigentlich aus der Mottenkiste
hervorgekramte, letztlich aber doch wieder darin versenkte Vermögenssteuer
sollten den Gerechtigkeitsdurst in Partei und Fraktion stillen. Von Clement
abgesehen, hat die SPD-Führung nicht die Kraft gefunden, solche Vorhaben
klipp und klar als das zu bezeichnen, was sie sind: Balsam für die
geschundene Parteiseele - aber ohne heilsame Wirkung für die offenen Wunden
der deutschen Volkswirtschaft. Führungskraft hätte Schröder bewiesen, wenn er die
gerechteste aller Reformen in Bochum auf die Tagesordnung gesetzt hätte: eine
Vereinfachung des Steuerrechts samt Abschaffung aller Sondertatbestände. Wie
lautete das Motto des Parteitages noch? Das Wichtige tun. stefan.sauer@mds.de |