D a s   L i b e r a l e   T a g e b u c h

Sammlung Originaldokumente aus Das Liberale Tagebuch, (http://www.dr-trier.de)

 

 

Allein gegen alle, fast alle


Mit der Zustimmung des Bundestages zu den Gesetzentwürfen der Bundesregierung stolpert Deutschland eine Stufe weiter im Prozess seines Wandels. Aber erst, wenn mit dem CDU-dominierten Bundesrat eine Einigung erfolgt, werden die Bürger wissen, welche Veränderungen tatsächlich auf sie zukommen. Die Sorgen der Menschen wachsen. Viele fürchten, dass die Reform-Agenda sie nur belastet. Der Bundeskanzler hat es versäumt, die Chancen seines Programms für Land und Leute überzeugend und nachvollziehbar zu entwickeln.

Schröder versucht einen beispiellosen Alleingang. Er muss seine Reform-Agenda nicht nur gegen die Opposition, sondern auch gegen weite Teile der eigenen Anhängerschaft durchsetzen. Am ehesten findet Schröder noch Unterstützung in der Wirtschaft. Die wichtigsten Gewerkschaften fallen dagegen als Partner im Reformprozess aus. Während sich die niederländischen Gewerkschaften mit Regierung und Arbeitgebern gerade auf einen zweijährigen Lohnstopp verständigt haben, verabschiedete sich die IG Metall, Repräsentantin der alten Industriegesellschaft, soeben auf ihrem Kongress von der gesellschaftlichen Mitgestaltung Deutschlands. Verdi, Vertreterin einer staatsfixierten Politik, wird dem Weg der Metaller in der nächsten Woche folgen.

Das sind historische Einschnitte im Nachkriegsdeutschland: Beide großen Gewerkschaften verengen ihre Politik auf die Sicherung der Besitzstände. Sie versagen sich einem ernsthaften Dialog. Eigene Vorschläge fehlen. Dabei wird ihr Ton immer lauter. Als ließe sich die Internationalisierung von Wirtschaft und Kommunikation durch Beschwörungen bannen.

IG Metall und Verdi radikalisieren einen Teil ihrer Mitglieder. Wenn diese Radikalisierung mit verbreiteten Ängsten verschmilzt, wird in Deutschland ein gefährliches Klima entstehen, das die Sehnsucht nach einfachen Lösungen und starken Männern schnell wachsen lässt. Dann vermischen sich rechte und linke Ausschläge, eh man sich's versieht. Als Begleitmusik trötet DGB-Chef Sommer dazu die Melodie vom „heißen Herbst“. Der kalte Winter wird schneller kommen, als er denkt.

In der SPD wiederum schickt sich der politische Wiedergänger Oskar Lafontaine an, die Seinen für die vorletzte Schlacht um die SPD zu sammeln. In der letzten würde er die Sozialdemokraten spalten. Mit seinen entrückten Vorstellungen einer europäischen Planwirtschaft greift Lafontaine auf alte Heilsversprechen zurück. Dafür wird er reichlich Zustimmung in SPD und Gewerkschaften finden. Lafontaines Sozialisierungs-Mythos und die Politik der Schröder-Regierung sind unvereinbar. Noch nie waren die Sozialdemokraten in der Nachkriegszeit von einer Spaltung so bedroht wie heute.

Schröder sieht die Gefahr. Er setzt auch hier auf Geschwindigkeit. Und auf die Furcht der Union, sich bei vorgezogenen Neuwahlen zu den weitaus härteren Herzog-Vorschlägen zur Umgestaltung des Sozialstaates verhalten zu müssen. Noch nie wurde ein derartiges Gesetzeswerk in so kurzer Zeit beschlossen. Scheitert Schröder, fliegt ihm die SPD um die Ohren. Letztlich ist er jetzt bereit, die eigene Partei für seine Vorstellung von einer Runderneuerung Deutschlands aufs Spiel zu setzen. Ein hoher Preis. Ein hehres Ziel.