D a
s L i b e r
a l e T a g e b u c h
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Sammlung
Originaldokumente aus „Das Liberale
Tagebuch“, http://www.dr-trier.de |
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Deutscher Bundestag, am 28. Oktober 2004 Vizepräsidentin Dr. Antje Vollmer: Das Wort hat jetzt der Abgeordnete Werner Hoyer für die FDP-Fraktion. Dr. Werner Hoyer
(FDP): Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich
möchte, da wir schon die Gelegenheit haben, einige Minuten länger darüber zu
diskutieren, auf einige Punkte eingehen, die in dieser Debatte eine Rolle
gespielt haben. Es ist über die Beitritt- und Aufnahmefähigkeit gesprochen
worden. Wer würde behaupten wollen, dass die Türkei heute beitrittsfähig
wäre? Das ist weder unter politischen noch unter wirtschaftlichen Kriterien
der Fall. Betrachten wir die letzte Erweiterungsrunde, als zehn
Länder der Europäischen Union beitraten, und seien wir ehrlich: Waren wir
uns, aus heutiger Perspektive, zu Beginn der Verhandlungen immer sicher, dass
die Beitrittskandidaten alle politischen und wirtschaftlichen Kriterien
erfüllen? Die wirtschaftlichen Kriterien waren sowieso nicht immer erfüllt,
die politischen allerdings auch nicht immer. Zur Aufnahmefähigkeit der Europäischen Union - auf dieses
Kriterium hat auch mein Kollege Westerwelle aufmerksam gemacht - ist zu
sagen, dass die Europäische Union heute insbesondere aus zwei Gründen
zweifellos nicht aufnahmefähig ist: Erstens. Wir arbeiten noch immer auf der
Basis des Vertrages von Nizza. Auf dieser Basis ist eine Mitgliedschaft der
Türkei eindeutig nicht möglich. Deswegen - nicht nur, aber auch deswegen -
brauchen wir die Verfassung. Zweitens. Ohne eine Reform der Europäischen
Union an Haupt und Gliedern, insbesondere hinsichtlich der
Gemeinschaftspolitiken, ist die Europäische Union nicht aufnahmefähig. (Beifall bei der FDP … ) Daher müssen wir diese Reform der Europäischen Union mit
Engagement, Kraft und Ambition angehen. Meine Damen und Herren, wenn man Beitrittsverhandlungen
aufnimmt, muss man ehrlich sein. Wenn die Bedingungen, die man selbst stellt,
erfüllt sind, und wenn die Verhandlungskapitel erfolgreich abgeschlossen
werden können - es mag viel Skepsis geben, ob das gelingen wird -, dann darf
man nicht die mentale Reservation haben, dass man den Beitritt trotzdem nicht
will. Aus diesem Grunde heißen die Verhandlungen Beitrittsverhandlungen und
nicht etwa Sondierungsverhandlungen über die zukünftige Zusammenarbeit. Jetzt ist es entscheidend, wie das Verhandlungsmandat
ausgestaltet wird. Ich hätte mir gewünscht, die Bundesregierung könnte uns
dazu schon etwas mehr sagen, denn das Verhandlungsmandat wird diesen Prozess
in den nächsten 15 Jahren bestimmen. Wir werden uns daran orientieren müssen,
wenn wir diesen Prozess begleiten. In diesem Zusammenhang sind mir folgende Aspekte wichtig:
Es müssen einige Bedingungen erfüllt sein, die selbst dann relevant sind,
wenn alle Verhandlungskapitel abgeschlossen sind. Die Themen Verfassung und
Gemeinschaftspolitiken habe ich bereits genannt. Ausdrücklich nenne ich auch
das Thema Zypern; denn es ist völlig undenkbar, dass ein Land Mitglied der
Europäischen Union wird, das in einem anderen Mitgliedsland gegen dessen
Willen militärisch präsent ist. (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und
der CDU/CSU) Ich glaube, in diesem Punkt sind wir uns völlig einig. Das
müssen die Türken wissen. Die Türkei kann sich noch so demokratisch und
marktwirtschaftlich entwickeln, aber solange sie die völkerrechtswidrige
Besetzung Nordzyperns nicht aufgibt, wird es keinen Beitritt zur Europäischen
Union geben. Zusätzlich zur Erfüllung dieser Bedingungen brauchen wir
einen Prozess des Monitoring. Mir reichen die
Fortschrittsberichte der Kommission, die eher ein Routineprozess sind, nicht
aus. Das hat nichts mit ungleicher Behandlung zu tun; denn der
Gleichheitsgrundsatz besagt, dass Ungleiches auch ungleich behandelt werden
muss. Ich wünsche mir, dass das Europäische Parlament und die Parlamente der
Mitgliedstaaten in einen solchen Monitoringprozess
einbezogen werden, damit wir am Ende der Verhandlungen nicht plötzlich vor
unangenehmen Überraschungen stehen. Lassen Sie mich noch etwas zur Ergebnisoffenheit sagen.
Auf die Türkei kommen, wie auf jeden Beitrittskandidaten, erhebliche
Herausforderungen zu. Diese Herausforderungen sind auch dann noch vorhanden,
wenn man eines Tages Mitglied der Europäischen Union ist. Ich glaube, darauf
müssen wir die Beitrittsländer besser vorbereiten. Das ist auch beim Beitritt
der letzten zehn neuen Mitgliedstaaten nicht immer gut gelungen; das haben
wir im letzten Jahr, als es um die Verfassung ging, gemerkt. Meine Damen und Herren, die Europäische Union definiert
sich nicht als ein Endzustand, in den man eintritt, sondern als ein Prozess,
der weitergeht. Ein neues Mitgliedsland darf sich selbst daher nicht als
Garantie zur Blockade der Vertiefung der Integration in der Europäischen
Union verstehen. (Beifall bei der FDP … ) Ich glaube, wir müssen unseren türkischen Freunden klar
machen, dass sie, wenn sie Mitglied der Europäischen Union werden, wenn also
alle Bedingungen erfüllt sind und wenn wir glauben, einen Beitritt der Türkei
verantworten zu können, Mitglied in einem Prozess sind, der seit den
Römischen Verträgen als "ever closer union" beschrieben
wird. Wir wollen nicht, dass dieser Prozess aufgrund der Aufnahme eines
einzelnen Mitglieds abbricht. Diese Erwartung sollten wir gegenüber unseren
türkischen Freunden, mit denen wir ergebnisoffen verhandeln sollten, klar zum
Ausdruck bringen, damit es nicht eines Tages auf der türkischen Seite
unangenehme Überraschungen gibt. (Beifall bei der FDP … ) |