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s L i b e r a l e T a g e b u c h
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Sammlung
Originaldokumente aus „Das Liberale
Tagebuch“, http://www.dr-trier.de |
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"Man kann den Rechtsstaat nicht
dadurch verteidigen, dass man ihn abschafft" DLF-Interview, am 28. Juli 2005, 7:15 Uhr, Moderation:
Doris Simon Der FDP-Politiker Burkhard Hirsch hat die
Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes zur vorbeugenden
Telefonüberwachung begrüßt. Man könne den Rechtsstaat nicht dadurch verteidigen,
dass man ihn abschaffe. Der Staat dürfe nicht an der Unschuldsvermutung des
Bürgers rütteln, sonst verliere der Bürger das Vertrauen in den Staat, so
Hirsch. Doris Simon: Herr
Hirsch, bedroht zuviel Schutz unsere Freiheit? Burkhard Hirsch: Es
gibt den schönen Satz, dass derjenige, der alle bewachen kann auch alle
unterdrücken kann. Der Bürger muss begreifen, dass jedes Recht, das er zu
seinem Schutz fordert gleichzeitig die Freiheit Anderer einschränkt. Und
davon wird er selber betroffen, weil das Volumen der Freiheit in unserer
Gesellschaft immer weiter verringert wird. Man kann den Rechtsstaat nicht
dadurch verteidigen, dass man ihn abschafft. Simon: Es werden ja derzeit sehr viele Maßnahmen diskutiert,
als mögliche Maßnahmen im Kampf gegen den Terror. Welche Maßnahmen gehen da
Ihrer Meinung nach zu weit? Hirsch: Wir haben ja im Laufe der letzten vierzig Jahre eine
wirklich dramatische innenpolitische Aufrüstung gehabt in dem Kampf gegen
alle möglichen apokalyptischen Reiter. Ob das die Drogenkriminalität ist,
oder der Terrorismus - begonnen mit der RAF -, oder die organisierte
Kriminalität, es war immer jemand da, gegen den man kämpfen musste. Und darum
ist es eigentlich einfacher zu sagen, was man nicht angreifen darf. Ich
denke, dass das Grundgesetz nun endlich tabu sein muss! Wir sollten das
Grundgesetz nicht mehr ändern. Zweite Bemerkung: Der Staat darf nicht an der
Unschuldsvermutung des Bürgers rütteln! Wenn er den Bürger, jeden Bürger, wie
einen potentiellen Straftäter behandelt, also dem Bürger nicht traut, dann
wird der Bürger auch dem Staat nicht trauen. Der Staat sollte keine Methoden
zur Kriminalitätsbekämpfung einsetzen, die seinen Rechtstraditionen
entsprechen. Also, zum Beispiel: die Tötung von Geiseln durch den Staat
selber, oder das heimliche Belauschen im engsten privaten Bereich ist eines
Staates einfach unwürdig. Und der dritte Punkt: Man sollte keine Maßnahmen
erwägen und beschließen, die man nicht zumindest hinterher den Betroffenen
offen mitteilt. Das sind wirklich Eckwerte unseres Rechtsdenkens und wenn man
gegen die verstößt, und das ist wiederholt geschehen, dann in der Tat
verändern wir unseren Staat in Richtung auf einen Überwachungsstaat hin. Und
man muss ja daran erinnern, dass die beiden Richterinnen, die beim Urteil
über den großen Lauschangriff ein Minderheitenvotum abgegeben haben, dass sie
gesagt haben: es gilt nicht mehr den Anfängen, sondern den bitteren Ende zu
wehren. Und das ist wirklich wahr. Simon: Das heißt zusammengefasst: Alles was vorbeugend ist und
ohne konkreten Verdacht ist für Sie illegal? Hirsch: Nein, natürlich muss man vorbeugen. Die Frage ist nur,
wo fängt das Vorfeld an? Also, mein Vorfeld beginnt bei meiner Geburt. Da
muss man überlegen: Will man schon so weit gehen, dass man böse Gedanken,
reine Gedanken, polizeipflichtig oder strafbar macht? Oder muss man nicht
wenigstens sagen, sobald ein böser Gedanke anfängt sich in Wirklichkeit
umzusetzen, dann, in der Tat, ist es für den Staat die Zeit, sich um jemanden
zu kümmern? Simon: Herr Hirsch, Sie sprachen die RAF an. Sie haben Ihre
Erfahrung gemacht als nordrhein-westfälischer Innenminister in den Siebzigern
mit dem Terror der RAF. Heute ist der Terror, vor allem den, den wir in
diesen Wochen erleben, diffus, weltweit und die Anschläge sind auf breites
Töten angelegt. Da geht es nicht um herausragende Figuren des Staates, die
umgebracht werden müssen - und nicht umgebracht werden müssen, sondern von
denjenigen umgebracht werden. Die Sicherheitsbehörden klagen im Kampf gegen diese
Art von Terror fehlten Ihnen die nötigen Instrumente. Halten Sie diese Klage
für berechtigt? Hirsch: Sie ist in dieser Form nicht richtig. Ich habe den
Eindruck, dass das eigentliche Problem doch nicht nur in polizeilichen oder
repressiven Maßnahmen liegt. Da muss man dem Bürger offen sagen, dass ein
absoluter Schutz nicht möglich ist. Man kann nicht Flugzeugabwehrraketen um
den Reichstag, um den Kölner Dom, und um die bayerische Landesregierung und
um wen immer stationieren. Wo will man da aufhören? Sondern das eigentliche
Problem der Bekämpfung des Terrorismus liegt darin, sich um die Ursachen zu
kümmern und politische Lösungen für die Ursachen solcher Entwicklungen zu
finden. Das haben wir bei der RAF versucht mit einigem Erfolg und ich glaube,
dass auch die Diskussion um den so genannten Islamismus oder die
islamistischen Täter, dass man sich überlegen muss, was treibt diese Leute?
Was ist ihr Motiv? Geht es Ihnen wirklich darum, bei uns die Demokratie
abzuschaffen? Oder geht es Ihnen vielleicht darum, die politische
Zusammenarbeit westlicher Staaten mit nahöstlichen Diktatoren einzuschränken
oder zu verhindern? Da sind Entwicklungen im Gange, die politisch nicht
wirklich ausdiskutiert werden und darin liegt die eigentliche Gefahr für
unsere Freiheit. Simon: Aber noch mal zurück zur Diskussion "Sicherheit -
Bürgerrechte". Die Menschen haben ja deutlich mehr Angst vor
terroristischen Anschlägen, als Angst davor abgehört zu werden. Da hat sich
doch auch einiges im Bild vom Staat geändert. Heute wird er doch gar nicht
mehr als so feindlich empfunden wie vor zwanzig, dreißig Jahren, sondern die
Bürger in ihrer Gesamtheit fordern Aktiv-Schutz ein und interessieren sich
nicht so richtig dafür wie das geschieht. Hirsch: Ja, das muss man verstehen. Das liegt zu einem Teil
nicht nur daran, dass das Verhältnis zur Privatheit sich etwas verändert hat
- wenn Sie daran denken, wie sie heute mit ihren Handys im Zug oder was, ihre
privaten Dinge in die Gegend blöken, sondern das liegt daran, dass jeder
glaubt solche Maßnahmen treffen ihn nicht, sondern nur den Anderen. Man
selber ist ja der Überzeugung, dass man gut ist und gar keine Straftat plant
und denkt nicht daran, dass man ja auch ohne eigene Tätigkeit in den Verdacht
einer Straftat geraten kann. Jeder will seine eigene Freiheit schützen, zu
Lasten der Freiheit eines Anderen und glaubt meinetwegen vom großen
Lauschangriff nicht berührt zu werden. Das ist in meinen Augen politische
Zechprellerei. Man sucht einen Vorteil für sich und glaubt, dass ein anderer
dafür bezahlen muss. Und man übersieht, dass der eigentliche Zusammenhalt
unserer Gesellschaft doch nicht in polizeilicher Macht beruht, sondern darin,
dass die Vielzahl der Bürger davon überzeugt ist, dass unsere Rechtsordnung
richtig, gerecht und vernünftig ist. Und da finde ich es bemerkenswert und
fast bedauerlich, dass das Bundesverfassungsgericht nun durch eine Reihe von
Entscheidungen dafür sorgen muss, dass wir uns von einer politischen Hysterie
allmählich lösen und wirklich zu rationaler, distanzierter Überlegung darüber
zurückkehren was man wirklich machen und vertreten kann. Simon: Also, ganz rational in der Abwägung "Sicherheit -
Bürgerrechte": wie viele Gefahren müssen wir für den Schutz der
Bürgerrechte und die Aufrechterhaltung in Kauf nehmen? Hirsch: Ja, das ist die Gratwanderung vor der die Politik ihre
Verantwortung übernehmen muss und übernimmt. Ich glaube, dass es eben ein
paar Grundsätze gibt, an denen man nicht rütteln darf. Ich denke, dass
Schluss sein muss andauernd an unserer Verfassung herumzufummeln. Ich denke,
dass man wirklich den privaten Bereich freihalten muss von staatlicher
Schnüffelei. Ich denke, dass es absolut unerträglich ist, wenn ein Staat
hergeht und will auch die Opfer einer Straftat vorsätzlich erschießen. Denken
Sie also an diese Überlegung, die ja Gesetz geworden ist, den Abschuss eines
vollbesetzten Passagierflugzeugs zu ermöglichen. Das sind Dinge wo der Staat
an die Grenzen stößt, und, wenn er sie überschreitet, seine eigene
Rechtsordnung zu Grund richtet. Simon: Das heißt aber auch im Umkehrschluss, die Politik müsste
aber auch ganz deutlich und laut sagen, die Verantwortlichen: ihr Bürger
müsst in einer solchen Situation bereit sein gewisse Risiken auf euch zu
nehmen, das gehört einfach dazu. Hirsch: Das ist jedes Mal so, das ist bei jeder
Kriminalitätsform so. Und vor allen Dingen müsste die Politik endlich
aufhören immer nur an die Polizei zu denken oder gar an die Bundeswehr im
Inland, sondern sie müsste überlegen was man tun muss, um das Verhältnis zu
den vielen Staaten auf dieser Erde, die islamisch sind, das Verhältnis zu
ihnen in vernünftige Bahnen zu bringen. Und wie man zu einer Zusammenarbeit
mit den Vertretern der ja mehreren Millionen Mohammedaner in unserem Land
zusammenkommen kann. Simon: Herr Hirsch, sind wir eigentlich sicher in Deutschland?
Fühlen Sie sich sicher? Hirsch: Ja! Ich fühle mich genau so sicher wie vor Jahren. Wir
leben in einer Gesellschaft zu der ein gewisses Maß an Kriminalität gehört.
Das hängt mit der Beweglichkeit zusammen, mit der Anonymität in der wir leben
wollen. Wir haben übrigens immer mehr Vermögensdelikte, die Gewaltdelikte
nehmen erheblich ab, die Einbrüche, die Kraftfahrzeugdiebstähle nehmen
erheblich ab, während wir immer mehr Vermögensbetrug, Kreditkartendelikte
haben. Darüber müssen wir mal nachdenken, wodurch wir eigentlich plötzlich
bedroht werden. Simon: Der FDP-Politiker Burghard Hirsch. Herr Hirsch, vielen
Dank für das Gespräch! Hirsch: Bitte schön! |