|
Deutscher Bundestag, Sitzung vom 18. Juni 2003 ... Vizepräsidentin
Dr.h.c. Susanne Kastner: Nächster Redner ist der Kollege
Dr. Wolfgang Gerhardt, FDP-Fraktion. (Beifall bei Abgeordneten der FDP) Dr.
Wolfgang Gerhardt (FDP): Frau Präsidentin! Meine Damen
und Herren! Die deutsche Öffentlichkeit weiß seit Jahren, dass das
gegenwärtige System des Gesundheitswesens in Deutschland nicht mehr trägt. Es
bedurfte daher nicht einer Aussprache im Bundestag. Jede deutsche Familie hat
in den letzten Jahren zur Kenntnis genommen, wie die Beiträge gestiegen sind
und dass sich aus gut gemeinten Absichten etwas entwickelt hat, was man
eigentlich vermeiden wollte, nämlich eine Zweiklassenmedizin. (Beifall bei der FDP ... ) Solange die Budgets reichten,
wurde jeder sofort bedient. Wenn sie aufgebraucht waren, konnten sich
diejenigen im Markt der Anbieter durchsetzen, die etwas mehr als andere
hatten. Die deutsche Öffentlichkeit hat
mit Interesse beobachtet, dass wir Politiker unterschiedlich auf die
Wirklichkeit reagiert haben. Der Kollege Müntefering hat Recht - ich will es
ihm gar nicht vorhalten -, wenn er den langen Prozess seiner eigenen Partei
hin zu einer Annäherung an die Wirklichkeit beschreibt. Das nehme ich zur
Kenntnis und begrüße es auch. Aber er hätte auf diesem Weg die Diffamierung
gegen die Freien Demokraten unterlassen sollen, die schon früher gesagt
haben, was notwendig ist und was getan werden muss. (Beifall bei der FDP) Ich erinnere Sie, Herr
Bundeskanzler, an die Rentendiskussion im Wahljahr 1998. Ich erinnere
Sie an die Diskussion über den Zahnersatz im selben Jahr. Vorhin ist von der
Kollegin Merkel darauf hingewiesen worden, dass die Schweizer beim Zahnersatz
eine andere Regelung haben. Diese beißen die Toblerone mit Zähnen durch,
während mancher Deutscher, der in der GKV versichert ist, dafür das Messer
benutzen muss. (Beifall bei der FDP ... ) Es ist doch nicht unsozial, wenn
man Finanzierungen anders organisiert. Wir kennen doch alle die
Geschichte des Kollegen Horst Seehofer mit Lahnstein und wissen, dass das
nicht gereicht hat. Wir kennen die Geschichte der ehemaligen Gesundheitsministerin
Fischer und wissen, dass es nicht gereicht hat. Auch die gegenwärtige
Amtsinhaberin weiß, dass das Gesetz nicht reicht. Dieses Gesetz ist nichts anderes
als ein erneutes ingenieurhaftes medizinisches Stellschraubengesetz, bei dem
- wie mit dem Versuch, Gebühren bei Facharztbesuchen ohne Überweisung vom
Hausarzt zu erheben - an kleinen Schräubchen gedreht wird. Die Kassen auf
dem Markt zu lassen bzw. - wie es die Sozialdemokraten verstehen - Kassen als
Betreiber eigener Zentren zuzulassen ist nichts anderes als der Einsatz von
Kapital, um andere vom Markt zu drängen. (Beifall bei der FDP ... ) Wir stehen für die Freiberuflichkeit
und betonen das an dieser Stelle auch. Ein Gesundheitswesen hat nicht
nur medizinische Leistungen anzubieten. Vielmehr muss ein Gesundheitswesen in
seiner Organisation auch einer freiheitlichen Gesellschaft entsprechen. Ich möchte, dass deutsche
Patienten, die auch Nachfrager sind, die Freiheit haben, ihren Hausarzt, ein
Krankenhaus oder einen Facharzt aufzusuchen. (Beifall bei der FDP ... ) Ich möchte nicht, dass Wettbewerb durch ein Institutionengefüge entsteht,
sondern ich möchte Wettbewerb auf der Nachfrageseite. (Peter Dreßen (SPD): Reine Lobbyarbeit, was Ihr macht! Sonst nichts!) Wir haben einige Prinzipien zu
beachten, zum Beispiel die Therapiefreiheit. Wir bekennen uns dazu, dass der
Patient zum Arzt seines Vertrauens gehen kann. Niemand anders als dieser Arzt
- auch kein Zentrum für Medizin - entscheidet, welche Therapie er für angemessen
hält. (Beifall bei der FDP ... ) Wir weisen ausdrücklich darauf
hin, dass Sie - das wissen Sie auch - die Beitragsstabilität
mit diesem Gesetz nicht garantieren können. Sie werden sie nur garantieren
können, wenn Sie den Menschen die Wahrheit sagen. Die Wahrheit lautet, dass
die Stabilität nur dann möglich ist, wenn den Menschen durch Steuersenkungen
netto mehr Geld im Portemonnaie bleibt und sie in die Lage versetzt werden,
selbst zu entscheiden, bei wem sie sich in welcher Höhe und wogegen
versichern. Deshalb führt kein Weg daran vorbei, dass Sie die Wahrheit sagen. (Beifall bei der FDP) Ich versichere Ihnen heute für
die Freien Demokraten: Wir sprechen uns wieder. Es führt kein Weg daran
vorbei, der Öffentlichkeit deutlich zu machen, dass derjenige, der die
Beitragsentwicklung längerfristig und nachhaltig in den Griff bekommen will,
einige Leistungen aus der GKV herausnehmen muss. Diese Leistungen können
herausgenommen werden, wenn ihre Erbringung im Anbieterwettbewerb gut
organisiert wird. Das können die Zahnbehandlung oder das Krankengeld sein,
die als private Zusatzversicherung angeboten werden können. Denn die größte
soziale Sicherheit und das schönste Leben hat man doch nicht in der GKV,
sondern an einem Arbeitsplatz! (Beifall bei der FDP) Die Senkung der Lohnnebenkosten
ist eine Notwendigkeit, die auch von den Anbietern zu berücksichtigen ist. Vizepräsidentin
Dr. h. c. Susanne Kastner: Herr Kollege Gerhardt, gestatten
Sie eine Zwischenfrage der Kollegin Sager? Dr.
Wolfgang Gerhardt (FDP): Bitte, Frau Kollegin. (Detlef Parr (FDP): Aber bitte ernsthaft!) Krista
Sager (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Herr Kollege Gerhardt, Sie haben
gerade vom Anbieterwettbewerb gesprochen. Gehört es auch zum
Anbieterwettbewerb, dass einem deutschen Apotheker von staatlicher Seite
verboten wird, mehr als eine Apotheke zu besitzen? Dr.
Wolfgang Gerhardt (FDP): Zu der Freiberuflichkeit und zu
selbstständigen Existenzen in Deutschland gehört, dass sie der Wirklichkeit
entsprechen, dass keine Filialisierung stattfindet und dass sie am Markt in
Vielfalt erscheinen. Im Übrigen halte ich einen Versandhandel in der Form,
wie er in Nachbarländern organisiert ist, in Deutschland nicht für günstig. - (Katrin Dagmar Göring-Eckardt (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Das ist keine Antwort! - Zurufe von der SPD: Antworten!) Die Frage stellt die Frau
Kollegin Sager und die Antwort gebe ich. Darauf sollten wir uns verständigen. (Beifall bei der FDP ... ) Ich antworte noch einmal sehr
präzise: Wir halten im Interesse des Gesundheitswesens eine Filialisierung
nicht für die beste Grundlage für den Anbieterwettbewerb, sondern viele
selbstständige Existenzen. Wir halten es im Übrigen auch mit Blick auf den
Versandhandel für besser - diese Aufforderung richtet sich an die deutschen Apotheker -, wenn sie als Anbieter Gesellschaftsformen
finden, die gleichzeitig das Rückgrat für eine gute und fachmännische
Beratung in Deutschland bilden. Das ist meine Antwort auf Ihre Frage. (Beifall bei der FDP ... ) Die deutsche Öffentlichkeit ist
weiter als manche Diskussionsbeiträge hier. Die Menschen wissen, dass sie
sich allein in der gesetzlichen Krankenversicherung
mit all ihren Mechanismen, die sie seit zwei Jahrzehnten erlebt haben, nicht
mehr sicher fühlen können. Sie wissen, dass sie ihnen bei angemessenen
Beiträgen nicht mehr den größten Schutz bietet. Es wäre besser, wenn die
Politik diese Erkenntnis der Bürgerinnen und Bürger, die sich mehr und mehr
durchsetzt, aufgreift, sie bei der Neugestaltung des Gesundheitswesens
umsetzt und den Menschen Wahlmöglichkeiten anbietet, wie wir Freien
Demokraten das ernsthaft wollen. (Beifall bei der FDP) Wir sind der Überzeugung, dass
Tausende von Menschen im Gesundheitswesen aufgrund der freien Wahl ihres
Arztes oder ihrer Ärztin sowie ihres Versicherungsträgers und aufgrund ihres
Vertrauensverhältnisses zum Arzt den Wettbewerbsmarkt im Gesundheitswesen
besser nach vorne bringen als alle Stellschrauben, die eine Ministerin und
eine rot-grüne Koalition erfinden. (Beifall bei der FDP ... ) Deshalb habe ich größte Zweifel,
ob in den temporeichen Schritten, die uns bis zum 8. Juli ohnehin bevorstehen
- man muss sich das vorstellen -, (Zuruf von der FDP: Unverschämt!) so etwas zustande kommen kann. Rot-Grün denkt anders als wir in
der Bundestagsfraktion der Freien Demokraten. Sie wollen ein System retten,
das so nicht mehr zu retten ist. Sie verhindern erneut eine Veränderung, die
wir dringend brauchen. Wer die demographische Entwicklung kennt, weiß, dass
die medizinische Versorgung nur über mehr Elemente der privaten
Kapitaldeckung gesichert werden kann. (Beifall bei Abgeordneten der FDP) Wer die Europäisierung des
Marktes kennt, weiß, dass sich ein deutscher Arzt nur behaupten und im
Wettbewerb nur bestehen kann, wenn wir ihm bei der Gegenüberstellung der
Nachfragemacht gleichzeitig auch die Anbietermacht im Wettbewerb geben. (Beifall bei der FDP) Dieses Gesetz löst beide Punkte
nicht. (Peter Dreßen (SPD): So ein Stuss!) Ich will Ihnen einmal einen
Absatz vorlesen und Sie fragen, ob Sie ihn verstehen und ob Sie wissen, was
Sie der Öffentlichkeit mit einem solchen Gesetz eigentlich zumuten. In dem
Gesetz steht - das ist der Ausdruck des Geistes dieses Gesetzes -: Bei der Ermittlung der oberen Preislinie des unteren Preisdrittels wird ein Arzneimittel nicht berücksichtigt, dessen Arzneimittelabgabepreis 90 vom Hundert des Preises desjenigen Arzneimittels übersteigt, das als erstes Arzneimittel mit diesem Wirkstoff zugelassen worden ist, es sei denn, der Anteil des nicht als erstes zugelassenen Arzneimittels an der Gesamtzahl der Packungen der zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung abgegebenen Arzneimittel mit gleichem Wirkstoff, identischer Wirkstärke und Packungsgröße und vergleichbarer Darreichungsform erreicht einen Anteil von mindestens 10 vom Hundert im Zeitraum der vorangegangenen vier Quartale. (Detlef Parr (FDP): Alles klar?) Glaubt hier eigentlich
irgendjemand, dass das deutsche Gesundheitswesen in diesem Geiste zu
reformieren ist? Ich glaube das nicht. (Beifall bei der FDP ... ) Deshalb sage ich Ihnen - Herr
Müntefering hat es unter unserer stillen Anteilnahme vorgetragen -: Ich
weiß, was sich bei Ihnen getan hat. Sie haben drei Monate gebraucht, um den
Sonderparteitag abzuhalten und sich über ein Minimum an Schritten klar zu
werden. Verlangen Sie von uns nicht, dass wir Ihnen bis zum 8. Juli die
Hand zu einem solchen Gesetz reichen! Wenn Sie das machen, was Sie hier
erklärt haben, dass Sie zwar verhandeln, es aber am Ende notfalls
durchsetzen wollen, dann werden Sie auf Ihre eigene Mehrheit zurückgreifen
müssen. Die FDP-Fraktion kann einem
solchen Weg und einem solchem Modell nicht zustimmen. (Beifall bei der FDP ... ) ... |