D a s L i b e r a l e T a g e b u c h |
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Sammlung
Originaldokumente aus Das Liberale Tagebuch, (http://www.dr-trier.de) |
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Wie Wolfgang
Gerhardt, Vorsitzender der FDP-Bundestagsfraktion, anlässlich der Debatte zur
Einbringung des Bundeshaushaltes 2004 am 9.-12. September 2003 das Paradies
der Illusionen grünroter Politik hinter ihrem rhetorischen Schleier in nur 7
Minuten entzaubert. Hierbei spannt Gerhardt nicht nur einen Bogen zum
Jahrzehnt Sozialdemokratischer „Sozialhetze“ und „Blockade“, sondern argumentiert
angesichts unsachlicher Angriffe gekonnt wie die FDP Wettbewerb im Gesundheitssystem
schaffen will.. Eingewebt in die Ausführungen von Gerhardt die
Gemeinsamkeiten aller Demokraten; insbesondere auch auf welchem Fundament eine,
derzeit sicher ferne, Zusammenarbeit mit der SPD stehen müsste. Der Text wurde am 11. September 2003 aus den „Plenarprotokoll
Vorabveröffentlichungen der nach §117 GOBT autorisierten Fassung vor der
endgültigen Drucklegung“ des Deutschen Bundestages übernommen. Es wurden aus
dem Text gekürzt: (a) Die protokollierten Reaktionen des Plenums und (b)
wenige Passagen, die auf sich auf jeweils momentanes Verhalten im Plenum
beziehen Wolfgang Gerhardt (FDP): ... Herr Kollege Müntefering, Sie haben über einige
Prinzipien gesprochen. Ich würde darauf gerne eingehen, aber dazu ist die
Zeit viel zu kurz. Eines möchte ich allerdings sagen, weil Sie die Wahl
2006 angesprochen haben. Hier geht es nicht darum, ob die Kollegin Merkel,
die Kolleginnen und Kollegen von der CDU/CSU oder wir von der FDP Fehler
gemacht hätten. Unser Vorwurf bezieht sich nicht auf menschliche Schwächen
oder Fehler. Unser Vorwurf richtet sich zentral an den Bundeskanzler, der
das, was er in zwei Wahlkämpfen gemacht hat, nicht durch die Bezeichnung
„Fehler“ beschönigen kann; denn die Daten bezüglich struktureller
Veränderungen, der Globalisierungsprozesse, des demographischen Aufbaus und
der längeren Lebenserwartung waren ihm genauso bekannt wie uns. Er hat nicht
die Wahrheit gesagt; das ist der Kern. Nun diskutieren wir in diesen Debatten über die
Folie eines Haushalts, den Herr Peffekoven als schlechtesten Haushaltsentwurf
in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland bezeichnet hat. Dieser
schlechteste Entwurf ist zustande gekommen durch den stetigen Kampf der
Sozialdemokraten mit der Wirklichkeit in ihrer zweiten Legislaturperiode. Sie
haben nicht Fehler gemacht, sondern sie haben die Wirklichkeit nicht zur
Kenntnis nehmen wollen und diejenigen, die die tatsächliche Lage öffentlich
beschrieben haben, beschimpft. Als wir damals in Bonn Subventionsabbau
vorgeschlagen haben, haben sich Herr Fischer und Herr Lafontaine - nach dem
Modell: verhinderter Arbeiterführer - gar nicht schnell genug zu der
Kundgebung der Kumpels aus dem Ruhrgebiet begeben können und diesen wider
besseres Wissen in Kenntnis des Alters der Belegschaften und der Stellung der
Kohle in der Zukunft Zusagen gemacht, die zulasten des Steuerzahlers gingen
und unredlich waren, wie sich herausgestellt hat. Herr Eichel hat davon gesprochen, man müsse jetzt
wegen der Kurspflege vorsichtig Privatisierung betreiben. Einverstanden. Ich
will aber daran erinnern: Als wir erwähnt haben, dass man Privatisierung
haben müsse, dass man Post, Bahn und die Energiemärkte privatisieren müsse,
mussten wir uns den härtesten Vorwürfen aus den Reihen der Sozialdemokraten
stellen, obwohl sie auch schon wussten, dass kein Weg daran vorbeiführt. Es
war kein Argument zu klein, um es nicht zu erwähnen. Das ging bis hin zu dem
Vorwurf von ausgewachsenen heutigen Regierungsmitgliedern, das seien dann ja
nur die Telekom-Rosinenpicker, die die Grundversorgung für die Großmutter im
Bayerischen Wald nicht sicherstellen würden. Diese hatte vom Enkelkind schon
längst ein Handy geschenkt bekommen, als das von Sozialdemokraten noch
vorgetragen wurde. Sie reden über Wettbewerb. Das Folgende sage ich
insbesondere in Richtung der Grünen. Sie sagen, wir seien nicht in
ausreichendem Maße bereit, Wettbewerb im Gesundheitswesen herzustellen, weil
wir nicht die Courage hätten, den Abschluss von Einzelverträgen mit Ärzten zu
ermöglichen. Die Courage haben wir. Sie müssen nur auf Ihrer Seite die Courage
haben, die gesetzliche Krankenversicherung nicht weiterhin als Monopol
bestehen zu lassen; denn es geht nicht an, einen Monopolanbieter
hinzustellen, der mit dem Abschluss oder Nichtabschluss eines Einzelvertrages
über die Zukunft des freien Berufes Arzt in Deutschland entscheidet. Wenn Sie
die Beitragsbemessungsgrenzen zurückführen und die gesetzlichen Krankenkassen
in einen Wettbewerb setzen, dann können wir über Einzelverträge reden. Eine Bürgerversicherung - im Übrigen ist der Posten
des Vorstandsvorsitzenden einer Bürgerversicherung der sicherste Job, den die
junge Generation haben kann: alle müssen hinein, die Beiträge sind nicht
transparent, sie können erhöht werden und niemand kann heraus - entspricht
nicht unserer Vorstellung von einem freiheitlichen und wettbewerblichen
Gesundheitswesen. Da unterscheiden wir uns. Es kann gern die Möglichkeit zum
Abschluss von Einzelverträgen geschaffen werden. Eröffnen Sie den Wettbewerb
auf der anderen Seite. Herr Kollege Müntefering, ich möchte Ihnen Folgendes
sagen: Verwechseln Sie bitte nicht den Flächentarif mit Tarifautonomie. Das
wäre ein Fehler. Tarifautonomie ist auch mit anderen Modellen als dem
gegenwärtigen Flächentarif denkbar. Wenn Sie schon über Menschenwürde
sprechen wie ich auch - da unterscheiden wir uns nicht -, dann sage ich
Ihnen, dass es für die Existenz von Arbeitsplätzen in kleinen
mittelständischen Betrieben in regional schwierigen Zonen ein Gesichtspunkt
der Menschenwürde ist, dass, wenn zwei Drittel der Belegschaft anders wollen
als die Spitze der IG Metall, ihnen das der Deutsche Bundestag auch
ermöglicht. Das ist dann auch eine Notwendigkeit. Der Zufall, der bei der Kombination unserer Erbanlagen
waltet, macht uns alle einzigartig. Wir sind unterschiedlich, auch
unterschiedlich leistungsfähig. Sie müssen jetzt den demokratischen
Sozialismus etwas beiseite schieben. Definieren Sie auch Solidarität neu. Die
größte Solidarität ist nicht die Größe der kollektiven Sicherungssysteme in
Deutschland. Die größte Solidarität, die jemand einem anderen unter dem
Gesichtspunkt der Menschenwürde geben kann, ist seine eigene
Leistungsbereitschaft, bevor er andere in Anspruch nimmt. Deshalb ist die Solidarität
nichts, was wir zwischen unseren Parteien im großen Schlagabtausch
diskutieren müssen. Wir wissen doch alle, dass die alten solidarischen
Systeme nicht mehr tragen. Sie haben es erlebt. Sie machen doch den
schmerzhaften Prozess in Ihrer Partei durch. Begeben Sie sich deshalb in eine
offene Debatte über Solidarität im Strukturwandel der Gesellschaft. Wir sind verpflichtet - auch wir als Opposition -,
alles daran zu setzen, damit Deutschland wieder stärker wird, im Übrigen
nicht nur aus Gründen der Wettbewerbsfähigkeit. Sie spüren doch, dass wir
außen- und europapolitisch rasant an Gewicht verlieren. Früher hatten wir
außenpolitisches Gewicht nicht wegen der Teilnahme an Konferenzen und großer
Rhetorik. Von uns hat man etwas gehalten wegen der Nachkriegsleistung und des
Aufbauwillens der Bevölkerung. Das hat uns international Reputation
verschafft. Wenn wir das nicht ändern, dann nutzt die Teilnahme an
Konferenzen nichts. Wir sind heute das Problemkind in der Eurozone. Früher
wären wir Problemlöser Europas gewesen. Das hat sich komplett verschoben. Zum Abschluss: Es führt kein Weg, auch keine
Erklärung von guten Absichten und keine Beschreibung von Zielen daran vorbei,
dass die rot-grüne Bundesregierung diesem Parlament einen Haushalt vorgelegt
hat, der schon bei der Vorlage hinten und vorne nicht stimmt, und zwar nicht
in der Dimension früherer Haushaltsrisiken, die es schon immer gegeben hat,
sondern in zweistelliger Milliardenhöhe. Ich muss mich also fragen: Welches
Selbstverständnis muss diese Regierung haben, dass sie dem Parlament so
gegenübertritt und einen solchen Haushalt vorlegt? Das entspricht nicht im
Entferntesten ihrem eigenen Anspruch. Den Haushalt müssen Sie sowieso noch
korrigieren und Ihre Ziele uns in Gesetzesform vorlegen. Um auf die Situation der Kommunen einzugehen, Herr Minister Eichel: Sie wollen die Gewerbesteuer revitalisieren. Wir halten das für problematisch. Wir sind eher dafür, den Kommunen ein eigenes Hebesatzrecht zu geben und sie deutlicher an der Umsatzsteuer zu beteiligen. Sie könnten doch einmal Ihr Herz über die Hürde werfen und unserem Vorschlag zustimmen. Verantwortung zu zeigen heißt nicht, dass wir Ihren Vorschlägen zustimmen müssen. Wenn wir die besseren Vorschläge machen, sollten Sie denen zustimmen. Also machen Sie es! |