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s L i b e r a l e T a g e b u c h
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Sammlung
Originaldokumente aus „Das Liberale
Tagebuch“, http://www.dr-trier.de |
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Wolfgang Gerhardt, "Die EU hat in der Afrika-Politik
versagt" Frankreich zu Kompromiß bei EU-Finanzen
aufgefordert 30. August 2005 Interview mit DIE WELT, die Fragen stellte Joachim Peter Peter: Herr Gerhardt, erwarten Sie, wenn Sie den französischen
Außenminister Philippe Douste-Blazy besuchen, daß Sie mit offenen Armen
empfangen werden? Wolfgang Gerhardt: Ja, warum denn auch nicht? Ich erwarte
ein freundschaftliches Gespräch, weil wir ja auch als Oppositionspartei mit
Frankreich in europäischen Fragen eng zusammenarbeiten. Diesen Austausch
halte ich für notwendig, denn sollten Union und FDP die Wahl gewinnen, müssen
wir frühzeitig über das weitere Vorgehen Frankreichs in den aktuellen
politischen Fragen informiert sein. Peter: Sie plädieren für eine Erweiterung der Achse Berlin-Paris
und betonten die transatlantischen Beziehungen. Das könnte in Paris für
Verstimmung sorgen. Gerhardt: Das Tandem Deutschland/Frankreich muß
natürlich fortbestehen. Zur Verbreiterung von Mehrheiten sind aber auch
intensive Kontakte zu den kleineren und mittleren EU-Staaten wichtig. Im
Weimarer Dreieck pflegen wir ja auch die deutsch-französische Freundschaft
unter Einbeziehung Polens. Aus meiner Sicht ist das viel zu spärlich
eingesetzt worden. Man sollte das Weimarer Dreieck deshalb revitalisieren. Peter: Herr Douste-Blazy dürfte es auch nicht goutieren, daß Sie
die Kompromißbereitschaft Frankreichs in der Frage des britischen Rabatts bei
den EU-Zahlungen einfordern. Gerhardt: Es ist klar, daß die Zusagen gegenüber
den Landwirten, die EU-Subventionen bekommen, einzuhalten sind. Das gehört
zum Vertrauenskapital der Politik. Wenn man den britischen Rabatt aber zur
Disposition stellt, muß man auch nach Kompromißlinien suchen. Ich sehe hier
nur eine einzige Chance, nämlich eine generelle nationale Co-Finanzierung.
Das lehnt Paris bisher aber ab. Peter: Wann könnte denn der deutsche EU-Beitrag neu verhandelt
werden? Gerhardt: Da man in der alten luxemburgischen
EU-Präsidentschaft in dieser Frage nicht weitergekommen ist, wird man schon
in der britischen Präsidentschaft einen neuen Versuch unternehmen müssen. Peter: Als das französische Referendum zur EU-Verfassung
scheiterte, haben Sie Paris vorgeworfen, die Hausaufgaben nicht richtig
gemacht zu haben. Gerhardt: Das habe ich für Deutschland und
Frankreich festgestellt. Beide Länder gehören im Hinblick auf eine Arbeitsmarktreform
nicht zu den reformfreudigsten. Und sie vertreten ein europäisches
Sozialmodell, das abschottet. Wir dürfen uns aber nicht abschotten, sondern
müssen uns öffnen! Peter: Bei den ökonomischen Fragen setzen Sie auf
nationalstaatliche Lösungen, nicht auf den deutsch-französischen Motor. Gerhardt: Man darf die EU nicht zum Sündenbock für
nationale Versäumnisse nehmen. Denn die Nationalstaaten sind es, die die
Grundlage für Beschäftigungsdynamik legen müssen. Peter: Wollen Sie in Paris für einen deutschen Sitz im
UN-Sicherheitsrat werben? Gerhardt: Ich nehme das Gespräch mit dem
Außenminister zum Anlaß, zu erfragen, wie Frankreich den Entscheidungsprozeß
innerhalb der Vereinten Nationen bewertet. Es geht mir dabei aber mehr um die
Frage der Reform der UNO insgesamt. Wir müssen ja leider feststellen, daß
dieser Reformprozeß derzeit stockt. Peter: Würden Sie als deutscher Außenminister für eine
europäische Verteidigungsarmee eintreten? Gerhardt: Wir wollen erst die Wahl gewinnen und
noch keine Kabinettslisten aufstellen. Zum jetzigen Zeitpunkt ist auf
europäischer Ebene nur die Gründung einer schnellen Eingreiftruppe
realistisch, die bei wirklichen Konflikt- und Krisensituationen einsatzfähig
ist. Peter: Unterstützen Sie Schilys Forderung nach Auffanglagern in
Afrika, um sich vor dem Immigrationsdruck an den EU-Außengrenzen zu wappnen? Gerhardt: Von einer solchen Lagerkonzeption halte
ich nichts. Ich plädiere für eine gemeinsame europäische
Einwanderungspolitik, die aber derzeit leider noch in den Kinderschuhen
steckt. Peter: Was heißt das konkret? Gerhardt: Wir sollten in der EU eine wirkliche
Afrika-Politik betreiben. Die EU hat hierbei doch bisher versagt. Es gibt ein
bißchen französische Afrika-Politik, ein wenig britische und ein wenig
deutsche Afrika-Politik. Statt mit großer Intensität und einem großen Budget
heranzugehen, beschränken wir uns auf einzelne Schuldenerlasse. Hier sehe ich
für die Zukunft eine große europäische Aufgabe. Peter: Sprechen wir über den Iran ... Gerhardt: Die Situation ist dort sehr kritisch und
fordert Krisendiplomatie mit allem Handwerkszeug, das zur Verfügung steht. Peter: Schließen Sie dabei ein militärisches Vorgehen mit ein? Gerhardt: Wir können doch die Verhandlungen nicht
mit militärischem Drohpotential führen. Peter: Und wenn die Verhandlungen scheitern? Gerhardt: Dann wird der Vorgang irgendwann dem
UN-Sicherheitsrat vorgelegt und beraten. Dazu ist nur dieser legitimiert. Die
FDP unterstützt kein unilaterales Vorgehen. Peter: Unionsaußenexperte Wolfgang Schäuble hat bei seinem
Rußland-Besuch die Tschetschenien-Problematik nicht ausführlich angesprochen.
War das ein Fehler? Gerhardt: Wir dürfen nicht immer wie ein Lehrer
vor der Klasse auftreten. Aber wahr ist auch, daß uns die
Tschetschenien-Frage nun schon seit Jahren bedrückt. Wir sollten daher im
offenen Dialog ansprechen, daß Rußland nach Lösungswegen suchen muß. |