D a s L i b e r a l e T a g e b u c h |
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Sammlung Originaldokumente
aus Das Liberale Tagebuch, (http://www.dr-trier.de) |
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Aus der FTD vom 24.7.2003 Fischer fordert neues Sozialsystem Von Romanus Otte und Wolfgang Proissl, Berlin Bundesaußenminister Joschka Fischer
hat einen Systemwechsel bei der Finanzierung der Sozialsysteme gefordert. Im
Interview mit der FTD sagte Fischer, er rechne fest damit, dass die
Bürgerversicherung kommen wird. "Die Koppelung der sozialen Sicherung an die
Bruttolöhne ist auf Dauer nicht mehr haltbar", sagte Fischer. Seit der
Kabinettsklausur Ende Juni in Neuhardenberg werde dies auch in der Koalition
so gesehen. "Ich bin froh, dass seit Neuhardenberg die
Debatte nicht nur um Veränderungen und mehr Effizienz in den sozialen
Sicherungssystemen geht, sondern auch über einen Systemwechsel", sagte
der Außenminister. Dies gelte für beide Koalitionspartner, Grüne und die SPD. Fischers Hinweise geben der noch jungen Debatte
über die Bürgerversicherung ein neues Gewicht. "Ich bin sicher, dass die
Bürgerversicherung auch die Entscheidungsphase erreichen wird", sagte
der einflussreichste Politiker der Grünen. Sinkende Lohnnebenkosten erwartet Bei einer Bürgerversicherung müssten nicht mehr
nur Arbeitnehmer, sondern alle Bürger Beiträge zur Sozialversicherung zahlen
- also auch Beamte und Selbstständige. Im Gegenzug könnte der Beitragssatz
deutlich niedriger sein und die Lohnnebenkosten würden entsprechend sinken. "Neuhardenberg war nun wirklich für die
Innenpolitik ein ganz entscheidendes Wochenende", sagte Fischer.
"Klar ist, dass in den 90er Jahren eine grundsätzliche Erneuerung
unseres Landes nicht angepackt wurde." Die Megatrends Globalisierung und
Alterung machten diese Erneuerung jetzt unverzichtbar, "vor allem
wirtschaftlich und sozial". Seit Fischer Außenminister ist, äußert er sich
nur selten zu innenpolitischen Themen, besonders zur Wirtschaftspolitik. Im
FTD-Interview in einem Berliner Café sagte er nun: "Wir müssen
wettbewerbsfähiger werden. Wir können die hohe Arbeitslosigkeit nicht
hinnehmen. Um sie zu verringern, brauchen wir mehr Investitionen - auch aus
dem Ausland. Ein Hauptproblem ist, dass die sozialen Sicherungssysteme
falsche Signale an den Arbeitsmarkt schicken." Um die Löhne
wettbewerbsfähiger zu machen, müsse die soziale Sicherung auf eine breitere
Grundlage gestellt werden. Hier sei der Ansatz einer Bürgerversicherung
zukunftsweisend. Kritik an der Gesundheitsreform Dies gelte besonders für die Gesundheit, sagte
Fischer. Die jüngste Reform greife zu kurz - unter anderem deshalb, weil FDP
und Union mehr Wettbewerb verhindert hätten. Vor allem die FDP habe gegen
alle wirtschaftsliberalen Grundsätze reine Lobbypolitik betrieben. "Ich
bin in der gesetzlichen Versicherung freiwillig versichert", sagte der
Minister. "Als Versicherter zahle ich die Extragewinne - völlig gegen
alle ökonomische und soziale Vernunft." Rot-Grün werde dies in einem
nächsten Schritt korrigieren. "Wir werden eine stärkere Beteiligung der
Pharmaindustrie bekommen. Das Verbot des Mehrfachbesitzes von Apotheken wird
gänzlich fallen. Auch mehr Wettbewerb bei den Kassenärztlichen Vereinigungen
werden wir durchsetzen", kündigte Fischer an. Er verteidigte das Vorziehen der Steuersenkung
und die überwiegende Finanzierung über Schulden. Mit Blick auf viele
Grünen-Politiker, die mehr Subventionsabbau und weniger Kredite fordern,
sagte Fischer: "Wir sollten jetzt die Linie des Kanzlers halten und
nicht Wasser auf die Mühlen der Opposition leiten." Keine Probleme mit der EU-Kommission erwartet Die Regierung baue bereits im Haushalt 2004 in
großem Umfang Subventionen ab. Weitere Einschnitte seien wichtig, lösten aber
nicht das Problem der Steuerreform. "Es macht doch keinen Sinn, dass wir
im selben Jahr, in dem wir die Investitionskraft von Privaten und
Mittelständlern stärken wollen, gleichzeitig Kaufkraft abschöpfen." Probleme mit der EU-Kommission erwartet Fischer
selbst dann nicht, sollte Deutschland 2004 erneut gegen das Defizit-Kriterium
des Stabilitätspaktes verstoßen. Für die Kommission sei entscheidend, dass
die Bundesregierung die Reformen anpackt und an den mittelfristigen
Konsolidierungszielen festhält. Sollte Deutschland dann kurzfristig höhere
Schulden machen müssen, um die Konjunktur anzukurbeln, "dann bin ich
sicher, dann wird die Kommission zu einer klugen Bewertung kommen",
sagte Fischer mit Verweis auf Gespräche in Brüssel und Frankfurt. © 2003 Financial Times Deutschland |