D a s   L i b e r a l e   T a g e b u c h

Sammlung Originaldokumente aus „Das Liberale Tagebuch“, http://www.dr-trier.de

 

 

 

Vom Internet der FDP, am 23. Oktober 2004

 

Liberale lehnen Barrosos Kompromiss ab

Silvana Koch-Mehrin

Silvana
Koch-Mehrin

Trotz einer drohenden Abstimmungsniederlage im EU-Parlament hält der künftige Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso an dem designierten Justizkommissar Rocco Buttiglione fest. Er will lediglich eine Beschneidung dessen Kompetenzen. Den Liberalen geht das jedoch nicht weit genug: "Wenn es bei diesen minimalen Änderungen bleibt, lehnen wir ab", droht die Vorsitzende der FDP im Europaparlament, Silvana KOCH-MEHRIN. Auch FDP-Parteichef Guido Westerwelle machte deutlich, dass er keine Chance sehe, dass Buttiglione Innen- und Justizkommissar werden könne.

Obwohl eine Mehrzahl der Europaparlamentarier eine Versetzung Buttigliones in ein anderes Ressort gefordert hat, hält Kommissionspräsident Barroso weiter an seiner Entscheidung fest, den Italiener mit dem Innen- und Justizressort zu betrauen. Nach einem Gespräch mit Vertretern verschiedener Fraktionen war er allerdings bereit, zuzugestehen, dass Buttiglione nicht für den Schutz von Minderheiten zuständig sein solle.

Buttiglione selbst entschuldigte sich in einem Brief für seine heftig kritisierten Äußerungen. Er bedauere die Schwierigkeiten und Probleme, die aufgrund seiner Äußerungen entstanden seien. Er habe Homosexuelle und Frauen nicht verletzen wollen. Er bot an, im Fall eines „Konflikts zwischen meinem Gewissen und meiner Pflicht als Kommissar“ politische Entscheidungen an einen Vertreter abzugeben.

Doch dieser Kompromiss geht den Liberalen nicht weit genug. „Barroso beginnt seine Amtszeit mit einem gebrochenen Versprechen. Abgeordnete eines Ausschusses haben gegen Buttiglione gestimmt, aber der designierte Kommissionspräsident ignoriert dieses Votum“, kritisierte der FDP-Europaabgeordnete Holger Krahmer.

Der Kompromissvorschlag Barrosos sei darüber hinaus Unsinn. „Die Bündelung der Zuständigkeit für Antidiskriminierung und bürgerliche Rechte in einem Portfolio sind das Ergebnis von fünf Jahren parlamentarischer Arbeit und ein liberales Anliegen.“ Dies solle jetzt nicht einfach aufgegeben werden, so Krahmer. Mit einem Wechsel des Portfolios hätten die Liberalen leben können, mit einem solch schwachen Kompromiss jedoch nicht.

Auch die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Allianz der Liberalen und Demokraten für Europa (ALDE), Silvana Koch-Mehrin, lehnte den Vorschlag Barrosos ab. „Eine Aufteilung der Kompetenzen ist rechtlich möglich, aber inhaltlich nicht sinnvoll.“ Sie plädiere dafür, Buttiglione das gesamte Ressort Justiz, Freiheit und Sicherheit zu entziehen.

FDP-Chef Guido Westerwelle befürchtet angesichts des Festhaltens an Buttiglione einen deutlichen Vertrauensverlust für die neue EU-Kommission. Es gehe nicht um den katholischen Glauben Buttigliones, sondern darum, dass der neue EU-Justizkommissar "für den freien und toleranten Geist Europas" stehen müsse, machte Westerwelle bei einem Treffen mit Barroso deutlich. Für das vorgesehen Ressort komme Buttiglione nicht in Frage.

Der Fraktionsvorsitzende der Liberalen, Graham Watson, forderte, Buttiglione solle sich entweder für ein anderes Ressort bewerben oder verzichten. Barroso habe immerhin signalisiert, dass er einen Rücktritt als Möglichkeit akzeptieren würde. „Nun sollte Buttiglione eine weise Entscheidung für sich und die Glaubwürdigkeit der EU treffen“, meint auch der FDP-Abgeordnete Krahmer.

Bei der Abstimmung am 27. Oktober werden die Stimmen der Liberalen entscheidend sein. Die Sozialdemokraten und Grünen im europäischen Parlament kündigten bereits an, die Kommission abzulehnen, während die Konservativen diese ausdrücklich unterstützen.