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s L i b e r a l e T a g e b u c h
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Sammlung
Originaldokumente aus „Das Liberale
Tagebuch“, http://www.dr-trier.de |
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Web-Site der SPD am 09.04.2006, Soziale Gerechtigkeit für das 21.
Jahrhundert Die LT-Redaktion: Auch bekanntgeworden unter dem Titel „Ein
besserer Sozialstaat“. Die SPD muss mächtig stolz auf die warmen Worte sein. Unklar bleibt, ob Platzeck,
bestimmte Soziale Leistungen gekürzt sehen will, um die neuen zu finanzieren
oder ob er wie Beck in der Osterwoche 2006 für höhere Steuern plädiert. Das
Zweite ist leider anzunehmen. Dann ist zu fragen: Wann ist Ende mit der
Erhöhung der Steuern? Die Antwort gibt es nicht. So funktioniert die
Entwicklung zur sozialisitischen Gesellschaft: Staatsanteil erhöhen bis die
Frucht reif vom Baume fällt. Wollen die Sozialisten ein „à la française“
riskieren. Der Text wird
weitergehend kommentiert, die Aktiv-Verben in Sätzen mit „Staat“ als
grammatikalisches Subjekt sind fett gesetzt. Die Vorgänge an der Berliner Rütli-Schule haben die
Menschen in Deutschland aufgeschreckt. Plötzlich herrschen Entsetzen und
Besorgnis über die neuen sozialen Spaltungen, die sich keineswegs nur in
Berlin-Neukölln, sondern überall in unserer Gesellschaft auftun. Bei einigen
konservativen Politikern haben die Ereignisse sogleich die üblichen
gedankenlosen Reflexe ausgelöst. Vom „Wegschließen“, „Rausschmeißen“ und
„Abschieben“ ist die Rede, ja sogar von der Einweisung Jugendlicher in den
„Schnupperknast“. Das alles hilft uns in Deutschland heute kein
Stück weiter. Die richtige Antwort auf die Herausforderungen unserer Zeit
werden wir nie und nimmer darin finden, die Spaltung unserer Gesellschaft in
Gewinner und Verlierer, in Insider und Outsider nur noch mehr zu vertiefen.
Die negativen Folgen von Ausschluss und Ausgrenzung, wie sie uns der Fall der
Rütli-Schule beispielhaft vor Augen führt, beseitigen wir gerade nicht durch
noch mehr Ausgrenzung der ohnehin Ausgegrenzten. Was unser Land heute
zuallerletzt braucht, sind Rezepte, die sich längst als Teil des Problems
erwiesen haben. Wahr ist allerdings, dass uns die Berliner Vorgänge
eindringlich zum Umsteuern auffordern. Deutschland ist ein Einwanderungsland,
doch die Integrationsfähigkeit unserer Gesellschaft und die
Integrationsbereitschaft mancher, die nach Deutschland gekommen sind, weisen
deutliche Defizite auf. Ausschluss und Selbstausschluss auf ethnischer
Grundlage fördern das Auseinanderdriften der Gesellschaft in parallele
Kulturen, die voneinander nur noch wenig wissen. Kein Zweifel also, wir brauchen neue Antworten auf die
Fragen der sozialen Gerechtigkeit im 21. Jahrhundert – und wir
Sozialdemokraten werden sie geben. Gerade deshalb wird sich unsere Diskussion
über den Zusammenhalt der Gesellschaft nicht verengt auf die
Integrationspolitik und ihre Mängeln beziehen. Die
große Debatte, die wir führen müssen, handelt von der solidarischen
Erneuerung unserer Gesellschaft insgesamt. Der dynamische Wandel der
Wirtschaft verändert unsere Arbeitswelt und unsere Alltag, der demografische
Umbruch verändert unsere Gesellschaft, Europa wächst zusammen. Das alles
schafft neue Chancen und neue Risiken. Das alles erfordert neue Verständigung
und neue Gestaltung, neue Orientierung und neue Sicherheiten. Verfestigt sich die Spaltung unserer Gesellschaft in
Gewinner und Verlierer dauerhaft, dann wird dies uns allen gemeinsam schaden
– und schließlich selbst die vermeintlichen Gewinner in Verlierer verwandeln.
Den fundamental veränderten Bedingungen unserer Zeit wird unser Land deshalb
nur durch eine große gemeinschaftliche Anstrengung der Erneuerung gerecht.
Deshalb brauchen wir in Deutschland eine neue Übereinkunft darüber, in welcher
Gesellschaft wir im 21. Jahrhunderts gemeinsam leben wollen. Und wir brauchen
die Übereinkunft darüber, unter welchen Bedingungen uns das gelingen kann.
Genau an diesem neuen „Gesellschaftsvertrag“ über Ziele und Mittel für unsere
Gesellschaft fehlt es bis heute in Deutschland. Uns Sozialdemokraten geht es um die Verständigung über die
veränderten Grundlagen unserer Gesellschaft; um die Verständigung über das
zeitgemäße Wechselverhältnis von Rechten und Pflichten, von Leistungen und
Gegenleistungen, von Geben und Nehmen in unserem Land. Diese neue soziale
Übereinkunft muss den Staat, die Bürgerinnen und Bürger, aber auch alle
Gemeinschaften, Wirtschaft und Gewerkschaften, Vereine und Verbände einbeziehen. Notwendig ist ein auf gemeinsamen Zugewinn
durch Zusammenarbeit ausgerichtetes Selbstverständnis unserer Gesellschaft
und aller ihrer Akteure. Über die Inhalte dieser neuen sozialen Übereinkunft
für unser Land suchen wir Sozialdemokraten die Debatte mit allen Bürgerinnen
und Bürgern. Diese Verständigung wird ein wesentlicher Teil der Diskussion
über das neue Grundsatzprogramm der SPD sein. Der Sozialstaat wie wir ihn bislang kennen, wurde für die
Wirklichkeit der national begrenzten Industriegesellschaft geschaffen, in der
die Männer das Familieneinkommen erwirtschaften. Dieser Sozialstaat ist in
erster Linie auf Transferleistungen ausgerichtet und verfolgt
zu sehr nachsorgende Ziele. Er kümmert sich
zu wenig darum, Krankheiten und Arbeitslosigkeit, Bildungsmangel, Ausschluss
und Armut von vornherein zu verhindern.
Er investiert zu wenig in die soziale
Infrastruktur und leistet
keinen hinreichenden Beitrag, um die aktive Teilhabe der Menschen am Leben
der Gesellschaft zu unterstützen.
Er fördert die Menschen zu wenig und setzt Fehlanreize. Er ist gemessen an seinen Ergebnissen
zu teuer, seine Finanzierungsbasis ist brüchig und ungerecht geworden. Die neuen sozialen Fragen, vor allem die Bekämpfung von
Armut und Ausschluss, lassen sich mit dem Sozialstaat alter Prägung nicht
bewältigen. Wir wollen keinen abgemagerten Sozialstaat, sondern einen
besseren. Das zentrale Element einer neuen Übereinkunft für Deutschland muss
deshalb ein erneuertes und positives Leitbild der sozialen Gerechtigkeit für
das 21. Jahrhundert sein. Unser Leitmotiv ist der vorsorgende Sozialstaat,
der weitaus stärker als das bisherige Sozialstaatsmodell in die Menschen und
ihre Potenziale investiert. Willy Brandt wusste: „Nichts kommt von selbst.“ Die
erfolgreiche Erneuerung unseres Landes hat Voraussetzungen. Soziale
Gerechtigkeit und größere Lebenschancen für mehr Menschen erreichen wir unter
fundamental veränderten Bedingungen nicht mehr mit den alten Instrumenten.
Aus meiner Sicht muss die neue Übereinkunft für Deutschland besonders auf der
Einsicht in zehn zentrale Zusammenhänge gründen: ●
Wenn den Menschen im 21. Jahrhundert mehr Flexibilität
abverlangt wird, weil eine dynamische und wettbewerbsfähige Wirtschaft anders
nicht möglich ist, dann müssen sie sich im Gegenzug auf erneuerte Formen von
sozialer Sicherheit, auf zeitgemäße Bildung und Aktivierung verlassen können. ●
Wenn wir in Zukunft in unserem Land einen hohen Wohlstand
erhalten wollen, dann brauchen wir deutlich mehr öffentliche Investitionen in
soziale Dienstleistungen, in Bildung und Wissen, in Innovation und
Infrastruktur. ●
Wenn wir in Deutschland im 21. Jahrhundert wirtschaftlich
erfolgreich sein wollen, dann müssen wir auf hervorragende Produkte und
Dienstleistungen setzen statt auf billige Löhne, auf langfristiges Wachstum
statt auf kurzfristigen Profit. ●
Wenn wir uns im Prozess der Globalisierung behaupten
wollen, dann müssen wir Europa als gemeinsame positive Antwort auf die neuen
Herausforderungen begreifen und entsprechend organisieren. ●
Wenn wir wollen, dass die Globalisierung den Wohlstand
nachhaltig vergrößert und mehr Beschäftigung ermöglicht, dann muss sie im
Interesse der Menschen mit fairen Regeln ausgestaltet werden. ●
Wenn wir die Gleichberechtigung der Geschlechter
anstreben, dann muss für Frauen und Männer die volle Vereinbarkeit von Beruf
und Familie sichergestellt werden. ●
Wenn wir uns den demografischen Umbrüchen der kommenden
Jahrzehnte gewachsen erweisen wollen, dann müssen wir die Bedingungen dafür
schaffen, dass in Deutschland wieder mehr Kinder geboren werden und kein
geborenes Kind vernachlässigt wird. ●
Wenn der Staat unter veränderten Bedingungen seine
Leistungsfähigkeit und Legitimität bewahren
soll, dann muss er für alle Bürger jederzeit als Partner an ihrer Seite
erfahrbar sein. ●
Wenn wir im 21. Jahrhundert auf die Steigerung des Wachstums
setzen, dann muss klar sein, dass dies nur auf der Basis der nachhaltigen
Verwendung von Ressourcen zu verantworten sein wird. ●
Wenn wir wollen, dass Deutschland im 21. Jahrhundert als
offene, lebendige und kulturell vielfältige Gesellschaft erfolgreich sein
soll, dann müssen alle Gruppen das Grundgesetz und die ihm zugrunde liegenden
Prinzipien akzeptieren. In unserem Land stecken weit größere produktive
Potentiale, als viele glauben. Deshalb müssen wir die Soziale Marktwirtschaft
erneuern, statt mit ihr zu brechen. Es ist der Irrtum der Konservativen und
Marktradikalen, dass die Menschen in Deutschland den Sozialstaat ablehnen.
Das Gegenteil ist richtig. Aber völlig zu Recht erwarten sie einen besseren,
einen handlungsfähigen und zupackenden
Sozialstaat, der sich an der neuen Wirklichkeit unserer Zeit orientiert, die sie in Beruf und Alltag erleben. Darum
müssen wir unseren Sozialstaat erneuern, bevor er von denen einseitig
aufgekündigt wird, die meinen, sie könnten ganz auf ihn verzichten. Der vorsorgende Sozialstaat für das 21. Jahrhundert investiert in die Menschen und ihre Fähigkeiten. Er fördert Beschäftigung, setzt auf
Gesundheitsprävention und verhindert
Armut. Er gestaltet den demografischen
Wandel mit den Betroffenen und er erkennt die
existentielle Bedeutung von Bildung für die einzelnen Menschen wie auch für
die Zukunft unserer Gesellschaft an. Er ist Partner,
nicht Verwalter der Menschen. Er macht
Angebote, um ihre Stärken zu entwickeln. Er aktiviert
die Menschen, damit sie ihr Leben in eigener Verantwortung gestalten können.
Der vorsorgende Sozialstaat ist nicht Wachstumshindernis, sondern
wirtschaftliche Produktivkraft; er muss dafür anders, weniger als bislang
durch Sozialversicherungsbeiträge finanziert werden. So weit sind wir in Deutschland noch nicht, die aktuellen
Vorfälle in der Rütli-Schule haben das drastisch belegt. Dass es besser geht,
machen uns vor allem die nordischen Länder vor. Dem Fatalismus und der
Politik der Angst in Deutschland setzen wir Sozialdemokraten deshalb eine
wertbegründete Politik der Zuversicht entgegen. Der Weg zu einer neuen
Übereinkunft für unsere Gesellschaft ist kartiert – wir müssen ihn nur gehen.
So werden wir zugleich die großen Grundwerte der SPD – Freiheit,
Gerechtigkeit und Solidarität – für das 21. Jahrhundert mit neuem Leben
erfüllen und die Sozialdemokratie zur aktiven Kraft der Erneuerung in
Deutschland machen. Schöner Titel. Und, was
nun? |