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s L i b e r a l e T a g e b u c h
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Sammlung
Originaldokumente aus „Das Liberale
Tagebuch“, http://www.dr-trier.de |
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Fehler in US-Strategie: Interview mit dem DLF am 11. September 2006 Klaus Remme: Wird es ein Tag,
der die Welt veränderte? So lautet das gängige Urteil über den 11. September.
Vor allem durch die Bilder der sinkenden Türme in New York werden die meisten
von uns diesen Tag nicht vergessen. Wolfgang Ischinger: Ja, es ist
in der Tat so. Das war mein erster richtiger Arbeitstag in Washington, und
immer, wenn man einen ersten Arbeitstag irgendwo erlebt, dann ist man
natürlich auch besonders gespannt, vielleicht auch ein bisschen aufgeregt.
Man freut sich auf eine neue Umwelt. Ich war deswegen schon sehr früh im
Büro, vielleicht früher als sonst, nämlich schon halb Acht oder viert vor
Acht. Nach etwa einer Stunde stürzt dieser persönliche Referent, den ich
gerade kennen gelernt hatte, ins Zimmer und sagt: "Machen sie mal ihren
Fernseher an. Da läuft auf CNN was aus New York." Da das alles für mich
neu war, dauerte es ein paar Sekunden, bis ich die Fernbedienung für dieses
Fernsehgerät fand und bis ich dann den richtigen Sender hatte. Also bis ich
dann so weit war, war gerade schon das zweite Flugzeug in das World Trade
Center gerast. Sie werden sich vielleicht daran erinnern, dass sich
dann in den danach folgenden Minuten die Gerüchte multiplizierten. Es
kursierte in Washington das Gerücht, das sich als falsch herausstellte, es
sei ein Flugzeug in das State Departement, also in das Außenministerium
gestürzt. Richtig war hingegen, dass eine halbe Stunde später ein Flugzeug
ins Pentagon gestürzt war. Remme: Und das war ja in
unmittelbarer Nachbarschaft. Hatte das für Sie noch mal eine andere Qualität? Ischinger: Ja. Jetzt saß ich
da in meinem sehr schönen und sehr großen Büro mit einem riesigen Fenster in
Washington und sah aber tatsächlich einen Rauchpilz aufsteigen. Man kann von
meinem Büro in Washington das Pentagon selbst nicht sehen. Das ist hinter
anderen Häusern versteckt. Aber man sah diesen Rauchpilz.:
schwarzer, dicker Rauch, Qualm, der zunehmend einen immer größeren Teil des
Horizonts einnahm. Das war wirklich ein grauenhafter Anblick. Ich habe mich
dann vielleicht etwas zu naiv an meinem ersten Arbeitstag ins Auto gesetzt,
so als wäre ich ein Journalist, der jetzt vor Ort Interviews oder Reportagen
machen will, und sagte meinem Fahrer: "Fahren wir mal hin, so nah wir
können, ich möchte sehen, was da überhaupt passiert ist", weil es ja
noch keine verlässlichen Informationen gab. Ich bin dann tatsächlich mit meinem Wagen bis auf
etwa 800 Meter an das Pentagon herangekommen. Dann war natürlich alles schon
durch Polizei und Militär abgesperrt. Aber ich habe tatsächlich aus dieser
Entfernung die Flammen gesehen, die aus dem Gebäude ja noch viele Stunden
herausschlugen, Eindrücke, die dann dadurch natürlich noch viel stärker sind
als die, die man im Fernsehen gesehen hat. Remme: Sie haben schon
gesprochen darüber, dass natürlich diese Anschläge Ihr Leben als Botschafter
verändert haben. Wir werden gleich mit Sicherheit auf die politischen
Ereignisse zu sprechen kommen. Aber hat dieser Tag Sie als Mensch verändert? Ischinger: Vielleicht nicht in
dem Augenblick an diesem Tag selbst, weil ich genauso wie vermutlich alle
anderen auch Zeit brauchte als Mensch, nicht nur als Beamter mit einem Beruf,
um dieses Geschehnis einzuordnen. Aber ich denke, es hat doch bleibende
Veränderungen hervorgerufen. Ich werde zum Beispiel ein Bild nie vergessen
können: Wenige Tage, nachdem es passiert war, fuhr ich mit meiner Frau im
Auto zu Bekannten in einen Vorort von Washington. Und an einer
Straßenkreuzung standen zwei kleine Jungs so im Alter von acht oder neun
Jahren. Die wedelten beide mit einer amerikanischen Flagge und hatten ein
Schild aufgebaut, das da lautete: "Bitte hupen sie, wenn sie ihr Land
Amerika lieben." Natürlich hupten alle, die da vorbei fuhren, ein- oder
zwei- oder dreimal, und es war so, wissen Sie, ein Bild der Rührung, des
naiven, eigentlich ganz lieben Patriotismus, dass einem wirklich die Tränen
kommen konnten. Das waren emotional mitreißende,
ergreifende Szenen, wie ich sie sehr, sehr häufig erlebt habe, und das
sollten wir an diesem Tag heute, jetzt fünf Jahre später, uns auch in
Erinnerung rufen, dass zwar dann später sehr komplexe und schwierige
Zusammenhänge entstanden, Irak und so weiter, aber in diesen ersten Stunden,
Tagen und Wochen entstand ja zunächst mal nicht nur für die Amerikaner
selbst, sondern weltweit erst mal ein großes Solidaritäts- und
Mitleidsgefühl, das uns alle ergriffen hat. Remme: Genau. Das hieß damals
auch aus Deutschland natürlich als unmittelbare Reaktion uneingeschränkte
Solidarität. Das war diese Welle der Sympathie und der Unterstützung, die Sie
eben beschrieben haben. Wenig später im Vorfeld des Irak-Kriegs war das
bilaterale Verhältnis entgleist, ja vereist. Wie konnte das geschehen? Ischinger: Noch einmal zurück
zu 2001. Im Herbst 2001 war der deutsche Botschafter in Washington ein sehr
populärer und im Weißen Haus gerne gesehener Botschafter. Vergessen wir
nicht, dass wenige Wochen nach dem Ereignis des 11. September die damalige
Bundesregierung unter Zustimmung des damaligen Bundestages ihre Bereitschaft
erklärte, in einer ja geradezu dramatischen politischen Entscheidung,
deutsche Truppen nach Afghanistan zu entsenden. Wir waren in dem Herbst und
Winter 2001/2002 im Grunde uns einig in der Sache, so weit es um Afghanistan
ging. Dann hat eben in der amerikanischen Debatte sich
sehr schnell eine Verlagerung ergeben, die dann im weiteren Verlauf ab Sommer
2002 das amerikanische Augenmerk zunehmend auf den Irak richtete. Und wir,
die Deutschen - aus meiner Sicht auch heute noch sehr zu Recht -, wir haben
gesagt, das ist ein Schritt, den wir so nicht nachvollziehen können. Wenn es
um die Bekämpfung des Terrorismus geht, dann sollten wir uns der Bekämpfung
des Terrorismus, so wie wir ihn gemeinsam definiert haben, widmen und jetzt
nicht um anderes. Daraus ergab sich dann die Belastung, die sich mit der
Intervention im Irak definieren lässt und die wir zwar inzwischen natürlich
zu den Akten gelegt haben - das deutsch-amerikanische Verhältnis ist ja
wieder normal und intakt -, aber das sind Belastungen, die natürlich bis
heute fortwirken, vor allen Dingen auch in den Köpfen vieler Menschen. Remme: Die USA reagierten nach
diesen Anschlägen zunächst in Afghanistan, später im Irak mit Gewalt. War
diese Reaktion im Rückblick ohne Alternative, Herr Ischinger? Ischinger: Bleiben wir mal
zunächst bei Afghanistan. Ich erinnere mich sehr genau
daran, dass ich in meiner früheren Aufgabe als Staatssekretär des Auswärtigen
Amts schwierige Stunden hatte, als ich vor den Mitgliedern des Auswärtigen
Ausschusses des Deutschen Bundestages die Frage beantworten sollte, wieso tut
eigentlich die Bundesregierung nichts, wieso tut Europa nichts, wieso
geschieht nichts, um diese Taliban in Afghanistan daran zu hindern, so mit
Frauen umzugehen, mit Andersgläubigen, mit alten Kulturheiligtümern und
Reichtümern. Wieso geschieht nichts? Ich musste damals ehrlicherweise
sagen, wir können nichts tun. Es fehlen uns die Mittel. Wir würden ja gerne,
aber wir sehen keine Möglichkeit einzugreifen. Der 11. September hat eine Dynamik geschaffen, die
es Europa und Amerika gemeinsam ermöglicht hat, den politischen Willen
aufzubringen, hier einzugreifen. Insoweit glaube ich, dass es richtig war,
auch den Einsatz militärischer Mittel vorzusehen, um dieses Übel, was sich
dort in Afghanistan festgesetzt hatte, zu bekämpfen. Das war sicher richtig. Remme: Wo Sie von diesem Kampf
sprechen - es hieß sehr schnell nach den Anschlägen, nicht die USA alleine sind das Ziel der Terroristen; es ist diese westliche
Zivilisation, die Lebensart. Ist das Bild vom Kampf der Kulturen richtig? Ischinger: Wir sollten diesen
Begriff uns nie zu eigen machen. Ich bin auch der Meinung, dass es nicht
glücklich war, als auf amerikanischer Seite der Krieg gegen den Terrorismus
erklärt wurde. Sie können nicht etwas bekriegen, was eigentlich eine Methode
ist. Hier in der deutschen Diskussion hat es doch nie eines Nachhilfeunterrichts
bedurft, um zu verstehen, dass militärische Mittel allenfalls ein
ergänzendes, ein zusätzliches, manchmal notwendiges Mittel sein können, aber
immer eingebettet sein müssend in eine politische Gesamtstrategie. Das ist,
glaube ich, klar. Remme: Aber dieser Kampf wird
ja auf verschiedenen Ebenen geführt. Das öffentliche Urteil nach fünf Jahren
ist eindeutig. Sicherer ist die Welt in den letzten fünf Jahren nicht
geworden. Führen wir diesen Kampf falsch, oder aber warum schlagen die
Versuche, von denen Sie gesprochen haben, fehl? Ischinger: Ich denke, dass die
Lage möglicherweise nicht ganz so trübe aussehen würde, oder die Gesamtbilanz
nach diesen fünf Jahren, wenn nicht zu den eigentlichen Kernfragen des
Terrorismus das Irak-Thema zusätzlich hinzugekommen wäre. Es ist doch so,
egal ob man nun den Angriff auf den Irak als solchen für richtig oder falsch
gehalten hat, dass das jedenfalls nicht in einem direkten Zusammenhang mit
dem Thema des Terrorismus stand. Ich denke also, dass die Entscheidung, das Irak-Thema
anzugehen, so wie sie damals in Washington und auch in London getroffen
wurde, die Terrorismusbekämpfung als solche kompliziert hat. Remme: Abschließend, Herr
Ischinger, verbietet es Ihr Status als Botschafter, Stichworte wie Abu Graib
und Guantanamo als Sünden auf diesem Weg in den vergangenen fünf Jahren,
Sünden der Amerikaner zu begreifen und zu verurteilen? Ischinger: Ach wissen Sie,
natürlich ist es nicht angemessen, wenn ein Diplomat, wenn ein Botschafter
hier mit sozusagen moralischen Werturteilen um sich wirft. Ich möchte aber
eine Bemerkung machen: Man muss als Deutscher verstehen, dass die
Taktfrequenz des amerikanischen politischen Lebens eine andere ist als bei
uns. Bei uns in Deutschland aufgrund des parlamentarischen Systems vollzieht
sich alles in Windeseile. Wenn hier ein Skandal auftritt, dann gibt es ganz
schnell einen Parlamentarischen Untersuchungsausschuss, dann gibt es große
Debatten im Deutschen Bundestag. Das Pendel schlägt - das ist meine Meinung -
in Amerika aufgrund eines völlig anderen politischen Systems gelegentlich
sehr viel weiter aus, entweder nach rechts oder auch nach links, und braucht
deswegen auch längere Zeit, um wieder zurückzupendeln. Ich bin relativ
sicher, dass das, was wir jetzt beginnen zu erleben, amerikanische
Gerichtsentscheidungen, amerikanische politische Prozesse, die sich zu
entwickeln beginnen, ich bin relativ sicher, dass Amerika Fehlentscheidungen,
so weit sie sich eingeschlichen haben, wieder korrigieren wird. Das dauert
aber eben länger als bei uns. Da müssen wir Verständnis haben für ein
politisches System, dessen Korrekturmechanismen zwar im Prinzip immer sehr
gut gegriffen haben, aber manchmal eben mit einer erheblich größeren
Verzögerung, als das bei einem vergleichbaren Vorgang in Deutschland der Fall
wäre. Remme: Wolfgang Ischinger war das, der ehemalige deutsche Botschafter in Washington. Heute ist er Botschafter in London. |