D a s L i b e r a l e T a g e b u c h |
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Sammlung
Originaldokumente aus „Das Liberale
Tagebuch“, http://www.dr-trier.de |
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Einfluss des Abschlussberichts zum 11. September auf Wahlkampf DLF-Interview mit Karsten Voigt (SPD),
Koordinator der Bundesregierung für die deutsch-amerikanischen Beziehungen am
22. Juli 2004 Dirk Müller: Falls George Bush heute eine eher
unruhige Nacht verbringt, dürfte das nicht so sehr wundern, denn das, was
heute im Laufe des Tages weltweit an die Öffentlichkeit kommt, könnte sich
für die amerikanische Regierung zu einem ganz ungemütlichen Kapitel
auswachsen. Denn der Abschlussbericht der Untersuchungskommission zum 11.
September wird heute vorgestellt, und damit wohl auch die Frage beantwortet,
haben George Bush und sein Kabinett die Terrorgefahr vor den verheerenden
Anschlägen in New York und Washington unterschätzt. Ein Abschlussbericht, der
wohl ganz wesentlich den laufenden Wahlkampf in den Vereinigten Staaten
beeinflussen dürfte. Am Telefon sind wir nun verbunden mit Karsten Voigt,
SPD-Koordinator der Bundesregierung für die deutsch-amerikanischen
Beziehungen. Herr Voigt, ist das heute so etwas wie die rote Karte für George
Bush? Karsten Voigt: Nein, das ist es sicherlich nicht,
denn über das Schicksal von George Bush entscheiden nicht einzelne
Kommissionsberichte sondern entscheidet der amerikanische Wähler bei den
Wahlen im Herbst diesen Jahres. Müller:
Kann George Bush seine Antiterrorpolitik, auch im Vorfeld des 11. Septembers
aufgrund dieser Ergebnisse, wir haben gerade einige Details gehört, noch
glaubwürdig rechtfertigen? Voigt: Für
mich persönlich steht ganz eindeutig fest, dass Präsident Bush, sein Kabinett
und die amerikanische Administration die Gefahr, die vom Irak ausging,
überschätzt und die Gefahr, die von El-Kaida ausging, unterschätzt haben. Das
ist, glaube ich, eine eindeutige Zwischenbilanz, die man ziehen kann. Es ist
natürlich immer schwierig, Gefahren aufgrund von nachrichtendienstlichen
Berichten realistisch einzuschätzen, trotzdem ist diese Bewertung insgesamt,
dass eine falsche Priorität bei der Einschätzung von Gefahren vorgelegen hat,
doch heute eindeutig zu ziehen. Müller:
Kann sich George Bush denn diese Vorwürfe politisch leisten, beziehungsweise
kann er diese politisch in den kommenden Monaten verkraften? Voigt: Ich
glaube, dass wir in Europa häufig die Neigung haben, die Chancen, die
Präsident Bush bei den Wahlen hat, zu unterschätzen und die Chancen, die
Kerry hat, zu überschätzen. Aber bei so einer Wahlentscheidung spielen ja
nicht nur Dinge eine Rolle wie zum Beispiel so ein einzelner Bericht, sondern
es spielen dann auch Dinge eine Rolle, wie man die Führungsfähigkeit von
Personen einschätzt, wie man die Wirtschaftslage einschätzt. Also, aus diesen
jetzt vorgegebenen Berichten herauslesen zu können, wie das Wahlergebnis
aussieht, - und letzten Endes entscheidet das Wahlergebnis über das Schicksal
von George Bush und nicht das Ergebnis von einzelnen Kommissionen -, dazu ist
es, glaube ich, zu früh. Müller: Auf
der anderen Seite: Es gibt ja nun auch entsprechende Vorwürfe natürlich auch
wegen der Irakpolitik aufgrund der Defizite bei der Umsetzung des
Wiederaufbaues des Iraks, wir haben weiterhin hohe Arbeitslosigkeit in den
Vereinigten Staaten, auch wenn die Wirtschaft etwas mehr in Gang kommt als
dies in Europa der Fall ist. Womit kann George Bush im Moment denn noch
punkten? Voigt: Die
Wahrnehmung ist in Washington, und da sind die meisten Journalisten aus dem
Westen ja auch stationiert, und in New York anders als im Homeland, also
mitten im Zentrum des Landes. Das Land ist tief geteilt, die Küstenregion,
die Ostküste und die Westküste sind im Wesentlichen für Kerry, mit gewissen
Ausnahmen. Der Süden ist nach wie vor in überwiegendem Maße doch für Bush und
der eigentliche Streit geht um ganz wenige Staaten, die schwanken zwischen
Bush und Kerry und um diese wenigen Staaten, um wenige Wähler wird in
Wirklichkeit jetzt im Wahlkampf gerungen. Man muss sehr aufpassen, dass man
nicht deshalb, weil Kerry, der von der Ostküste kommt und in der Art und
Weise seiner Argumentation doch etwas näher bei dem liegt, was in Europa die
Art und Weise ist, wie man Politik macht und Politik artikuliert, dass man
deshalb glaubt, dass er auch die größeren Chancen hat. Ich glaube, man ist
als Bundesregierung nach wie vor klug beraten, wenn man unabhängig von seinen
persönlichen Sympathien und Einstellungen sagt, so lange diese Regierung Bush
im Amt ist, müssen wir mit der bestehenden Regierung zusammenarbeiten,
gleichzeitig bemühen wir uns um gute Kontakte jetzt schon zu der jeweiligen
Opposition, die auch Chancen und eine Rolle hat, selbst wenn sie nicht
gewinnen sollte, aber wir werden uns nicht in den inneramerikanischen
Wahlkampf einmischen. Das würden selbst Befürworter von Kerry letztenendes
nicht schätzen, wenn Ausländer versuchen, sich in den Wahlkampf in der einen
oder anderen Weise einzumischen. Müller:
Gut, dann wollen wir uns nicht einmischen. Frage dennoch noch einmal nach
ihrer persönlichen Einschätzung als langjähriger Kenner der amerikanischen
Szene: Welche Führungsqualitäten von George Bush gerade auch in der
Außenpolitik und in der Antiterrorpolitik sind denn noch präsent? Voigt: Es
geht ja nicht darum, welche Führungsmöglichkeiten ich sehen würde, denn dass in
Europa Kerry eindeutig gewählt werden würde, das ist ja überhaupt nicht
umstritten. Sondern es geht um die Frage, welche Führungsfähigkeiten der
amerikanische Wähler sieht und diese Entscheidung ist keineswegs so
eindeutig, wie viele Leute sagen. Es ist nach wie vor so, dass Kerry und Bush
sehr nahe liegen und zwar auch aus dem Grunde, weil ein grüner Kandidat,
Ralph Nader, auch Kerry Stimmen weg nimmt. Wir haben schon voriges Mal die
Situation gehabt, dass, wenn Ralph Nader nicht kandidiert hätte, Gore gewählt
worden wäre und nicht Bush. Und deshalb ist es auch diesmal so, dass Bush
weniger Stimmen kriegt als Ralf Nader und Kerry zusammen und dass er trotzdem
gewinnt. Müller:
Wenn ich Sie richtig verstanden habe, geht es also in erster Linie dort um die
Wahrnehmung und nicht um die inhaltliche Ausgestaltung der Themen? Voigt: Das
geht übrigens bei jeder Wahl darum. Es geht ja auch bei den Meinungsumfragen
in Deutschland nicht darum, ob eine Politik objektiv richtig ist, wenn sie
Reformen durchführt, sondern es geht darum, wie der Wähler sie wahrnimmt. Es
wird ja über Wahrnehmungen, über Empfindungen, über Einstellungen entschieden
und nicht über objektive Tatsachen, es ging immer um die Bewertung von
Tatsachen durch den Wähler. Müller: Und
da hat George Bush nach wie vor ganz gute Karten, wie sie sagen? Voigt: Hat
er nach wie vor ganz gute Karten. Es liegen beide sehr nahe beieinander und
es ist heute noch nicht möglich aus Europa gesehen zu sagen, wer von den
beiden letzten Endes das Rennen machen wird. Müller: Der SPD-Außenpolitiker Karsten Voigt war das, Koordinator für die Bundesregierung für die deutsch-amerikanischen Beziehungen, vielen Dank für das Gespräch. |