D a s L i b e r a l e T a g e b u c h |
|
Sammlung
Originaldokumente aus Das Liberale Tagebuch, (http://www.dr-trier.de) |
|
Deutschlandfunk Interview, 5.2.2004 "Arbeitslosigkeit
hat nichts mit der Weltkonjunktur zu tun" Interview mit Hans-Werner Sinn, Präsident des
Münchner ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung Engels: Auch wenn
Florian Gerster nicht mehr im Amt ist und ein Nachfolger an der Spitze der
Bundesagentur für Arbeit noch nicht feststeht, bleibt ein Ritual in jedem
Monat gleich. Die Nürnberger Behörde legt auch heute die Arbeitslosenzahlen
für den vergangenen Monat vor, also dieses Mal für den Januar. Nach
Medienberichten sind demnach rund 230.000 Menschen mehr arbeitslos gemeldet
gewesen als im Dezember. Im Vergleich zum Januar vor einem Jahr wären das
aber rund 70.000 weniger Beschäftigungssuchende. Diese Zahlen sind noch nicht
offiziell. Deshalb sind sie auch noch nicht im einzelnen zu bewerten. Fest
steht aber wohl, dass wir auch in diesem Monat keinen deutlichen Rückgang der
Arbeitslosigkeit sehen werden. Warum ist das so? Dazu wollen wir sprechen mit
Professor Hans-Werner Sinn. Er ist Präsident des ifo-Instituts in München und
nun am Telefon. Guten Morgen Herr Sinn! Sinn: Guten
Morgen! Engels: Warum
sehen wir keine Entspannung am Arbeitsmarkt? Sinn: Diese 70.000 weniger ist ein rein
statistisches Artefakt, das darauf zurückzuführen ist, dass nach unserer
Kenntnis etwa 100.000 Arbeitslose, die in Trainingsmaßnahmen involviert
waren, seit 1. Januar nicht mehr als arbeitslos gezählt werden. Das bedeutet
dann nach Adam Riese, dass wir einen Zuwachs der Arbeitslosigkeit hatten. Im
Übrigen hat das Arbeitsamt seit April letzten Jahres seine Politik geändert
und ist sehr viel strenger mit den Kriterien für die Auszahlung von
Arbeitslosengeld mit der Folge, dass sehr viele Leute sich dann nicht mehr
als arbeitslos gemeldet haben. Die Zahl der Stellen in Deutschland ist leider
doch im letzten Jahr - und das wird jetzt so weiter gehen - dramatisch
zurückgegangen. Engels: Bleiben
wir bei der Statistik. Darauf wollte ich auch zu sprechen kommen. Wird durch
solche Maßnahmen, wie Sie sie gerade beschrieben haben, die
Arbeitslosenstatistik künstlich gedrückt? Sinn: Ja, das ist
so und das hilft uns nicht weiter. Nach der Methode haben wir in den letzten
10, 15 Jahren immer gespielt. Auch Herr Blüm hat das früher prima verstanden,
die Arbeitslosenzahlen zu reduzieren, indem er die Leute in verschiedene
Formen von Frühverrentungsmodellen gesteckt hat. Deutschland versteckt seine
Arbeitslosigkeit und trotzdem wächst diese Arbeitslosigkeit immer weiter. Das
ist eigentlich das Problem unseres Landes. Und woran liegt das? Das liegt an
zwei Dingen. Es liegt einmal daran, dass die Weltkonjunktur halt in den
letzten drei Jahren überhaupt nicht mehr lief. Davon waren wir berührt. Aber
das ist nur ein kleiner Teil der Erklärung. Der größere Teil der Erklärung
ist, dass hier aus strukturellen Gründen die Wettbewerbsfähigkeit der
deutschen Arbeitnehmer immer weiter zurückgeht. Die Arbeitslosigkeit, die wir haben, ist ja 30 Jahre
lang aufgebaut worden. 1970 hatten wir praktisch gar keine Arbeitslosigkeit,
150.000 nur. Der Zuwachs folgte über die Zeit einem linearen Trend. Dieser Trend
hat wirklich gar nichts zu tun mit der Weltkonjunktur, sondern das ist unser
eigenes Problem. Er hat vielleicht mit der Globalisierung zu tun, dass wir
immer stärker bedrängt werden von Niedriglohnanbietern aus aller Welt, Asien
insbesondere. Neuerdings kommt ja China hinzu. Es ist aber zum Teil auch
hausgemacht und das hausgemachte Thema hat wiederum mit der Art zu tun, wie
wir den Arbeitsmarkt regulieren. Ich denke hier insbesondere an die
Gewerkschaften, die Tarifverhandlungen. Das System gibt den Gewerkschaften
auch sehr, sehr viel Macht, die Löhne derer, die noch einen Job haben,
teuerer zu machen zu Lasten derer, die noch in den Arbeitsmarkt hinein
wollen. Die sind dann nicht richtig berücksichtigt. Das müsste man ändern. Es
hat zu tun mit der ganzen Starrheit unseres Systems, zum Beispiel dem
Kündigungsschutz. Da sagen ja viele Leute, Kündigungsschutz erhält
Arbeitsplätze. Das tut er bei einem Unternehmen im Moment einmal, führt aber
dazu, dass neue Unternehmen es kaum wagen, auf dem Markt aufzutreten, weil
sie ja die Arbeitnehmer, die sie einstellen, nie wieder los werden. Auf die
Dauer ist das denn also doch auch mehr Arbeitslosigkeit und nicht weniger. Und es hat zu tun mit der Rückwirkung des
Sozialstaates auf den Arbeitsmarkt. Der Sozialstaat, der ja immerhin ein
Drittel unseres ganzen Sozialproduktes für seine Zwecke absorbiert, der zahlt
Geld aus, wenn ich es mal hart sagen darf, fürs Nichtstun. Das ist nämlich
der so genannte Lohnersatz. Ob ich nun Arbeitslosengeld, Arbeitslosenhilfe,
Sozialhilfe, auch Frühverrentung bekomme, das Geld fließt immer genau dann,
wenn ich nicht arbeite, und hört auf zu fließen, wenn ich wieder arbeite. Das
heißt also der Staat gebärdet sich hier wie ein großer Konkurrent auf den
Arbeitsmärkten, der die privaten Unternehmen bedrängt und sie zwingt, hohe
Löhne anzubieten, die eben höher sind als das, was der Staat hier zahlt.
Dieser Konkurrent tritt neben den anderen Niedriglohnkonkurrenten auf den
Weltmärkten auf und in dieser doppelten Konkurrenzsituation wird es halt
immer schwerer, hier in Deutschland Arbeitsplätze zu schaffen. Engels: Drei
Dinge haben Sie angesprochen: Kündigungsschutz, Tarifstarre und eben die
Folgen des Sozialstaates. Das würde mehr Arbeitsplätze verhindern. Nun hat es
auf der anderen Seite doch Reformen gegeben. Greifen diese Hartz-Reformen,
die ja so viel beschworen wurden, nicht? Sinn: Na ja, das
war doch im Wesentlichen eine interne Reform der Bundesanstalt für Arbeit.
Wenn man die effizienter macht, dann führt das ja noch nicht dazu, dass mehr
Arbeitsplätze zur Verfügung stehen. Es gibt eine für die Deutschen will ich
mal sagen etwas bittere Wahrheit, an der wir überhaupt nicht drum herum
kommen. Wenn es mehr Jobs geben soll, dann muss der Lohn billiger werden. Die
Lohnkosten müssen fallen. Um dieses Thema hat sich Hartz ja total gedrückt.
Da finden Sie überhaupt nichts in dem langen Gutachten. Da wollte man also
Wege finden, irgendwie die Situation zu verbessern, ohne an den Kern des
Problems überhaupt nur anzustoßen. Das lag daran, dass die Gewerkschaften
eben auch in seiner Kommission vertreten waren und Ökonomen gar nicht. Also
mit Hartz kommen wir da überhaupt nicht weiter. Engels: Das heißt
Ihre Patentrezepte lauten: die Tarifautonomie einschränken und den
Kündigungsschutz lockern? Sinn: Ja und ich
finde es noch wichtiger, am allerwichtigsten, dass wir einen aktivierenden
Sozialstaat schaffen, also einen Sozialstaat, der den weniger
leistungsfähigen Mitgliedern der Gesellschaft hilft, aber nicht mehr wie
heute unter der Bedingung, dass sie sich aus dem Arbeitsmarkt zurückziehen,
sondern unter der Bedingung, dass sie mitmachen. Stichwort Zuzahlung statt
Lohnersatz, Lohnzuzahlung. Wenn das so ist, dann ist der Sozialstaat ein
Partner auf dem Arbeitsmarkt und kein Konkurrent mehr. Die Leute sind dann
nämlich bereit, auch für niedrigste Löhne zu arbeiten, weil sie ja wissen,
sie kriegen vom Staat noch was dazu, und der Zielerreichungsgrad der
Sozialpolitik wird durch so etwas vergrößert, weil zwar die Löhne im unteren
Bereich niedrig sind, aber in der Summe aus diesen Löhnen und der Zuzahlung
des Staates dann doch ein Einkommen entsteht, das höher ist oder mindestens
genauso hoch ist wie das, was man heute bekommt mit einer Menge
Arbeitslosigkeit. Engels: Und bevor
diese Maßnahmen, die Sie angesprochen haben, greifen, werden wir auch keine
Entspannung am Arbeitsmarkt bekommen? Sinn: Wir werden
natürlich eine kleine Entspannung kriegen. Die Konjunktur zieht jetzt wieder
an. Aber die Konjunktur ist ja nur so das Auf und Ab, die Schwankungen des
Auslastungsgrades des Produktionspotenzials. Unser Problem ist, dass das
Produktionspotenzial insgesamt zu wenig wächst, dass zu wenig neue
Arbeitsplätze entstehen. Durch die Verbesserung des Auslastungsgrades, die
wir in diesem Jahr nach unserer Einschätzung kriegen, wird es in der zweiten
Jahreshälfte auch eine gewisse Belebung am Arbeitsmarkt geben. Nur was auch
immer jetzt passiert, selbst wenn wir einen Super Boom bekommen und der
Auslastungsgrad geht gegen 100 Prozent, dann wird es immer noch bestimmt 3,8
Millionen Arbeitslose geben. Engels: Professor Hans-Werner Sinn, Präsident des ifo-Instituts in München. - Ich bedanke mich herzlich für das Gespräch! |