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s L i b e r
a l e T a g e b u c h
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Sammlung
Originaldokumente aus „Das Liberale
Tagebuch“, http://www.dr-trier.de |
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Deutschlandfunk Interview, Montag bis Sonntag, 21.12.2004 Grundsätzliche
Diskussion über Lobbyismus ist angesagt Interview mit Thomas Leif, Vorsitzender des
Netzwerks Recherche und Buchautor Moderation: Bettina Klein Hervorhebungen: Das Liberale Tagebuch Bettina Klein: "Die
stille Macht - Lobbyismus in Deutschland", das ist ein Buch, das im
vergangenen Jahr Thomas Leif herausgegeben hat, Kollege beim Südwestrundfunk
und Vorsitzender des Netzwerks Recherche, er ist jetzt am Telefon, schönen
guten Morgen. Thomas Leif: Guten Morgen,
Hallo. Klein: Abfindungen und
großzügige Übergangsregelungen, wie wir sie jetzt unter anderem bei Laurenz
Meyer gesehen und erlebt haben - sind das erfolgversprechende Mechanismen der
Interessenwahrung von Unternehmen aus Sicht der Unternehmen? Leif: Ich glaube ja, weil es
handelt sich jetzt hierbei um Spitzenpolitiker, die auch eine gewisse
Perspektive haben und im Grunde alle wichtigen Kriterien erfüllen, die
Lobbyisten sozusagen präsentieren müssen. Es geht
darum, dass man Politikern nicht einfach nur Geld gibt, sondern immer auch
damit einen Zweck erfüllt und immer ein Ziel hat. Solche Politiker können als
Frühwarnsystem wirken, das heißt, sie sind vertreten in den Spitzengremien
und haben viele Informationen. Das zweite, was sie leisten können ist: Sie
wissen ganz genau, wer in den Ministerien oder der Ministerialbürokratie oder
in den Parteien und Fraktionen für welches Thema zuständig ist im operativen
Bereich, etwa im Energiesektor, können diese Direktkontakte vermitteln und
der dritte wichtige Punkt, den man von Lobbyisten erwartet, ist, dass sie
Kontakte zum Spitzenpersonal, etwa zum Beispiel zu
Frau Merkel oder anderen herstellen können und diese Trilogie der
einzelnen Eigenschaften in der Praxis des Lobbyismus haben sowohl Herr Arentz
erfüllen können als CDA-Mann, aber auch der Generalsekretär Meyer. Klein: Aber das sind
Vermutungen, belegen lässt sich das ja wahrscheinlich nicht. Leif: Nein, das lässt sich
nicht belegen, aber es gibt einen schönen Hinweis: RWE unterstützt ja auch
sehr massiv Landräte und Bürgermeister und hat eigene Beiräte sozusagen, wo
die kommunale Politik versorgt, vermittelt und bearbeitet wird und es sagte
gestern ein Landrat, er hat noch nie in seinem Leben erlebt, bezogen auf RWE,
dass es irgendeine Summe gibt für irgendetwas, ohne dass damit Ziele
verbunden sein müssten. Aber genau da sprechen Sie ja den heiklen Punkt an:
Niemand hat bisher in der Öffentlichkeit wirksam eine Antwort bekommen von
RWE, warum RWE dieses Geld bezahlt. Diese Frage ist sehr schlüssig und Sie
erinnern sich, die Diskussion um Herrn Arentz verlief so absurd, dass sozusagen
bis in die Tagesschau gesagt worden ist, er hat dieses Geld bekommen
(immerhin 60.000 Euro) ohne Gegenleistung. Das Absurde dabei ist: diese
stille Gegenleistung ist natürlich politische Arbeit,
"Landschaftspflege", wie man das bei RWE nennt, und diese
Landschaftspflege wird in diesem Konzern so groß geschrieben, wie in keinem
anderen. RWE waren noch bis 1998 in kommunaler Hand, die Mehrheit der
Stimmrechte, und das hat geprägt über die Jahre und das ist
ein ganz klarer Fluss von Geld und eine Form von stillem Lobbyismus. Klein: Die Financial Times
Deutschland schreibt heute, angeblich ist eine Liste aufgetaucht bei der
Innenrevision bei RWE, auf der weitere Politiker stehen, die Geld bekommen
vom Unternehmen. Fragt sich natürlich schon, wie entsteht so eine Liste, wie
kommt die an die Öffentlichkeit, hat das Unternehmen ein Interesse daran, das
aufzuklären oder eigentlich eher nicht? Leif: Das Unternehmen hat
meiner Ansicht nach zunächst kein Interesse an der Aufklärung, aber die
beiden Fälle jetzt sind so geballt und konzentriert an die Öffentlichkeit
gekommen, dass auch sagen wir mal der Aufsichtsrat und vor allem der Vorstand
nicht einfach zur Tagesordnung übergehen kann. Solche Prozesse dauern ja
immer einige Wochen und lagern sich ab. Das heißt, man hat jetzt garantiert
geschaut, der neue Vorstandsvorsitzende, der ja nicht mit dem alten Prozesse
verhaftet ist, hat geschaut, warum etwas gezahlt wurde und hat sich
sicherlich eine Liste geben lassen um gewappnet zu sein, denn wenn er nicht
gewappnet ist in der öffentlichen Argumentation, könnte es ja auch auf ihn
zurückfallen. Es steht ja in der Financial Times auch der klare Bezug, dass
es sich dabei unter anderem um Politiker und andere handelt, die bei
Stadtwerken beschäftigt sind. Sie müssen es sich jetzt so vorstellen: RWE hat
einen besonderen Status als Unternehmen, es ist ein mitbestimmtes
Unternehmen, übrigens auch mit einem hohen Anteil von Gewerkschaftern -
sowohl der ver.di-Vorsitzende als auch der
stellvertretende IG-Metall-Vorsitzende Huber sind im Aufsichtsrat und könnten
ihre Kontrollaufgaben wahrnehmen - ich glaube, dass es da auch Druck gibt und
man sagt, man will als vorbildliches Unternehmen dastehen und solche
Mauscheleien und das sind ja indirekt zumindestens
korruptionsanfällige Prozesse, die untersucht werden müssen, die sind nicht
gut für das Image eines Unternehmens. Klein: Und RWE sagt auch, man
arbeitet jetzt eben mit Hochdruck an der Entwicklung einer konzernweit
gültigen Verhaltensregel. Weshalb gibt es die
bisher eigentlich noch nicht? Leif: Die gibt es deshalb nicht, weil alle
Regeln schränken den Freiraum der Handelnden ein und Macht ist die Schaffung
von Ungewissheitszonen in solchen Situationen. Es hat aber
eine besonders absurde Note, weil sich RWE schon heute als vorbildliches
Unternehmen darstellt, was den so genannten corporate
governance conduct
unterschrieben hat, also einen Kodex, der im Zuge der Diskussion von der
Bundesregierung angestoßen worden ist, wo Unternehmen sich bereit erklären,
besonders transparent und öffentlich zu agieren. Und in der Tat ist es so,
dass RWE auch im Internet die Gehaltszahlungen vom Vorstand und vom
Aufsichtsrat vorbildlich präsentiert, dagegen ist nichts einzuwenden und eine
Menge Informationen liefert, aber eigentlich hätte man diesen Kodex, der
jetzt angestrebt ist, schon längst haben müssen, weil RWE auch opulent
Politiker fördert, etwa im kommunalen Bereich, wie ich sagte, oder aber auch
200 Mandatsträger in der eigenen Mitarbeiterschaft hat und sogar selbst
geregelt hat, dass, wenn ein Mitarbeiter von RWE in die Politik geht und dort
weniger verdienen sollte, dass dann RWE selbst dieses Gehalt aufbessert. Also
Sie sehen: da hat man schon sehr feine Regeln gefunden für den Fall der
Landschaftspflege von Politikern, aber andere Regeln hat man noch nicht
entdeckt. Es ist nur auf Druck der Öffentlichkeit. Das Spannende an dem Fall
RWE ist, dass wir glaube ich eine grundgesetzliche Diskussion bekommen
werden. Wir haben jetzt wochenlang gehört von den Politikern, die dubiose
Geldsummen bekommen haben, wir haben keine Antworten darauf, warum
Unternehmen diese zahlen. Und es wird auch jetzt schon der Name von anderen
Energiekonzernen genannt und ich bin sicher, dass es da ähnliche Fälle gibt
und wir werden die Diskussion bekommen, ob die Auskunftspflicht, die heute
noch sehr porös ist im Bundestag zum Beispiel oder in den Landtagen, was
Nebenjobs angeht, ob diese nicht präzisiert werden soll und da haben ja die
Ministerpräsidenten aus Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen schon eine
Idee in den Raum geworfen und man wird jetzt sehen müssen, ob das sich
ändert, weil wir werden sozusagen für die demokratische Verfasstheit nur nach
vorne kommen, wenn auch ganz klare Regeln existieren, dass alle Politiker
ihre Nebenjobs angeben müssen und sie kontrollierbar sind und zwar nach Art
und Umfang, also nach der Summe, die sie bekommen und nach den Hintergründen. Klein: Ist das eigentlich ein
besonderes Problem der Energiebranche oder gilt dieses Verfahren, was da im
Moment angewendet wurde, ganz genauso auch für andere Industriezweige? Leif: Sie können
folgende Faustregel im Lobbyismus aufstellen: Da, wo die höchsten Umsätze
sind, haben Sie die intensivste Dichte des Lobbyismus und wenn Sie
gleichzeitig noch dazu berücksichtigen, da, wo auch die öffentliche Hand,
also Staat im weitesten Sinne, ein Abnehmer ist, etwa hier, Energieabnehmer
für Kommunen oder auch für andere Körperschaften, da ist die Lobbydichte
besonders stark oder dicht, weil man natürlich konkret Politik machen kann.
Im Fall RWE - die ganze Diskussion um Emissionsrechte und über Fusionen, um
regionale Lieferkapazitäten und Tarifsysteme, Regulierung des Energiemarktes
- all das, hochpolitische Entscheidungen die in den Parlamenten gefällt
werden und wenn sie da ein dichtes Netz von Leuten haben, die auf ihrer payroll stehen oder standen, ist das hocheffizient, weil,
das ist das Merkmal der Lobbyisten, sie brauchen die Information sehr früh,
um intervenieren zu können, und wenn sie da ein dichtes Netz haben, sind sie,
um es neudeutsch zu sagen, gut aufgestellt. |