D a s   L i b e r a l e   T a g e b u c h

Sammlung Originaldokumente aus Das Liberale Tagebuch, (http://www.dr-trier.de)

 

 

Deutschlandfunk Interview 16.1.2004

 

"Partnerschaft für Innovation" keine Showeinlage

 

Kommentar von Das Liberale Tagebuch: Großartig geführtes Interview. Ob der Interviewte gemerkt hat, was er verzapfe? (letzte Antwort: „ ... nicht vor den PR-Karren gespannt ... “) Deutschland „hat“ so viele Klasse Typen ... In dem Interview allerdings kommen Jämmerlichkeit und Elend relevanter Kreise deutscher Nonsenseelite zum Vollausdruck. Dies geschickt herausgefragt zu haben, ist die Leistung des Journalisten Klaus Remme. Lesen sie das Interview kritisch. Und beantworten Sie am Schluss die Fragen: (1) Welche Innovation hat Bullinger zum Thema wirklich gebrachtt? (2) Was wurde am Abend des 15. Januar 2004 im Kanzleramt bei Anwesenheit etwa des Dr. Joschka Fischer, hierzulande ausgewiesene Technologie-Kapazität, bloß besprochen??

 

Interview mit Hans-Jörg Bullinger, Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft

 

Von Klaus Remme

 

Klaus Remme: Gerhard Schröder ist schon mal zufrieden mit dem Innovationsgipfel gestern Abend im Bundeskanzleramt. Ranghohe Vertreter aus Forschung, Wirtschaft und Politik waren geladen, um eine, wie es heißt, Partnerschaft für Innovation zu begründen. Da saßen neben dem Kanzler und seinen Ministern Fischer, Clement und Bulmahn zum Beispiel die Chefs von Siemens und von der Telekom, von Bertelsmann und Lufthansa und da waren Wissenschaftler, wie der Präsident der Humboldt-Universität und der Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft Hans-Jörg Bullinger. Er ist jetzt am Telefon. Herr Bullinger, im Vorfeld wurde eine Showveranstaltung oder eine Eintagsfliege befürchtet. Der Bundeskanzler ist zufrieden. Sie auch?

 

Hans-Jörg Bullinger: Ja, ich bin aber kein Spezialist im Beurteilen von Showeinlagen, aber ich glaube, das Thema verträgt keine Show und ich denke von dem Ergebnis, das jetzt gestern erzielt wurde, ist das eingetreten, was zu erwarten war: dass es tatsächlich eine Bereitschaft gibt, zwischen Wirtschaft, Politik und Wissenschaft, dass zu tun, was notwendig ist. Und was notwendig ist, ist, dass wir deutlich in diesem Umfeld "Innovation" besser werden müssen. Wir haben ja noch eine gute Ausgangsposition, aber unsere Position ist deshalb so zugespitzt, weil die anderen so viel besser geworden sind und wir da jetzt endlich energisch gegenhalten müssen, mit besseren Produkten und besseren Dienstleistungen.

 

Remme: Sie mögen kein Politiker sein, aber das zeichnet Sie ja in diesem Falle vielleicht gerade aus, denn als Praktiker sind Sie ja ein Spezialist, wenn es um die Beurteilung geht. War das da von Substanz, was da gestern Abend vor sich ging?

 

Bullinger: Gestern Abend war es insofern von Substanz, da diese Vertrauensbasis weiter gestärkt werden konnte, die dringend notwendig ist zwischen Partnern, die so intensiv involviert sind in diesen Prozess. Es ist ja nicht so, dass wir nur durch kleine Veränderungen auf der staatlichen Seite das Innovationsproblem lösen. Zweidrittel aller Ausgaben in Deutschland für Forschung und Entwicklung werden in der Wirtschaft getätigt. Es geht schon darum, dass es zu einem gewissen Konsens kommen muss, dass man die Kräfte konzentriert. Und dann geht es natürlich - da müssen wir uns auch in der Wissenschaft immer an die eigene Nase fassen - darum, dass wir mit bestmöglicher Effektivität seitens der Forscher in den Universitäten und bei den außeruniversitären Forschungseinrichtungen einen Beitrag dazu leisten.

 

Remme: Herr Bullinger, können Sie uns dieses Innovationsproblem noch einmal ausmalen, denn ich frage mich, ob ein Weltmeister im Export so schlecht sein kann, wie man manchmal bei all den Plädoyers für notwendige Verbesserungen den Eindruck bekommt?

 

Bullinger: Ich denke, dass wir, und das erwähnte ich ja eingangs, noch eine relativ gute Situation haben. Wir haben zwar nicht dramatisch, aber immerhin letztes Jahr noch zugelegt. Aber wir leben natürlich in einem hohen Maße von den Innovationen der Vergangenheit und diese Innovationen fußten auf Forschungs- und Entwicklungsanstrengungen davor. Jetzt sind aber die Indikatoren natürlich so, dass wir in den Aufwendungen und in der Intensität des Bemühens zurückgefallen sind, in ganz Europa, gegenüber den USA, aber wir in Deutschland leider auch noch gegenüber den meisten unserer europäischen Nachbarn.

 

Remme: Ist das allein eine Frage des Geldes?

 

Bullinger: Das ist selbstverständlich nicht allein eine Frage des Geldes, aber es ist auch eine Frage des Geldes. Es hängt einmal mit dem Invest zusammen, das wir tätigen und genau da setzt ja auch hoffentlich die zukünftige Wirksamkeit dieses Kreises an, ob dieses Geld so effektiv wie möglich eingesetzt wird.

 

Remme: Was muss jetzt geschehen, damit es eben nicht eine Eintagsfliege bleibt?

 

Bullinger: Zunächst einmal ist ganz wichtig, was Sie schon ansprechen in Ihrer Frage, dass wir das Bewusstsein haben, dass hier nicht eine Kommission hilft, wo man nach drei Wochen ein Ergebnis hat und dann durch Handauflegung des Kanzlers oder von wem auch immer, das Problem heilen kann, sondern das ist eine langfristig angelegte Aktivität. Was man jetzt beschlossen hat, ist nachdem man feststellen konnte - und ich nehme an, dass es das ist, worüber sich der Kanzler gefreut hat - dass es für diesen Ansatz Unterstützung gibt. Das erscheint mir auch nicht vordergründig eine parteipolitische Frage, sondern eine Notwendigkeit für das Land, dass sich die Partner jetzt dran machen, die zentralen Zukunftsmärkte zu identifizieren und sich auf ein gemeinsames Vorgehen zur Erschließung dieser Märkte zu verständigen. Es ist ja auch in Zukunft so: Innovation wird von Menschen gemacht. Die sitzen zu einem großen Teil in der Wirtschaft. Die kann man nicht, gewissermaßen von der staatlichen Seite befehligen, man kann aber natürlich Randbedingungen gut oder schlechter gestalten. Das passiert von der staatlichen Seite, aber auch von der betrieblichen Seite, auch in unseren Unternehmen müssen wir uns fragen: haben wir die Innovationskultur, die wir brauchen? Ermutigen wir Menschen, das zu tun, was für Innovationen notwendig ist, fördern wir ihre Kreativität oder fordern wir es bloß.

 

Remme: Wo Sie schon die Unternehmen ansprechen, ich habe ja einige der Teilnehmer genannt aus der Wirtschaft. Waren da lediglich Vertreter der größten Konzerne, die das Land zu bieten hat? Können wir uns denn, was Innovation angeht, wirklich auf diese Elefanten verlassen?

 

Bullinger: Ich will Sie ungern korrigieren, aber es war zum Beispiel auch Dietmar Harting dabei, den ich jetzt eher als Mittelständler bezeichnen würde, sowohl vom Verband her, als auch von seinem eigenen Unternehmen, aber Sie haben völlig recht, die mittelständischen Unternehmen waren da etwas unter repräsentiert. Wir wissen aus unseren Untersuchungen, das grosso modo - wenn ich das mal so im Durchschnitt sagen darf - die Mittelständischen und die Kleinen fast doppelt so innovativ sind, wie die Großen. Also diese Bewegung muss unbedingt die Mittelständler erreichen. Das ist keine Frage. Ich weiß nicht, wie die Auswahl der Teilnehmer zustande kam. Ich nehme an, dass der Kanzler Multiplikatoren gesucht hat und seine Idee so auf die Größeren kam. In der Lösung des Problems müssen wir unbedingt diese mittelständischen und kleinen Unternehmen mitnehmen, die dort eine tragende Rolle haben.

 

Remme: Und wie kann das gelingen?

 

Bullinger: Ich glaube, wenn diese Felder identifiziert sind, kann man aus einer solchen Runde heraus Informationen vermitteln, Diskurs anstoßen, kann dann seitens der Wirtschaft versuchen, mit der Politik über Änderungen der Rahmenbedingungen nachzudenken. Da wurde gestern Abend schon deutlich, dass das in die Stoßrichtung geht: Hemmnisse beseitigen, mehr Wettbewerb zulassen. Letzteres wäre auch unser Wunsch aus der Wissenschaft, mit Blick auf die Universitäten und die anderen Forschungseinrichtungen, dort mehr Selbständigkeit zuzulassen, dazu zu ermutigen, so dass in größerer Freiheit und allerdings auf der anderen Seite natürlich auch in einem Wettbewerb, der auch seine Härte hat, sich dieser Problematik zu widmen.

 

Remme: Können wir festhalten, Sie fühlten sich nicht vor einen PR-Karren gespannt?

 

Bullinger: Nein, ich dachte, dass das, was gestern erreicht werden konnte, eigentlich das ist, was bei einer realistischen Erwartungshaltung zu erreichen ist. Wenn man sich darüber im Klaren ist, dass Innovation sich nun schon von der Themenstellung her in Forschung und Entwicklung - da Sie damit begonnen haben, darf ich es noch mal aufgreifen - sich nicht für ein kurzfristiges Showgeschäft eignet, sondern, dass das ein längerfristiger Trend ist, den man mit großer Seriosität angehen muss, wenn man Erfolg haben will.