D a s L i b e r a l e T a g e b u c h |
|
Sammlung
Originaldokumente aus „Das Liberale
Tagebuch“, http://www.dr-trier.de |
|
Stabilitätspakt zu eindimensional 3.9.2004, Interview mit Peter Bofinger, Wirtschaftsweiser Moderation: Burkhard Birke Burkhard Birke: Und mitgehört hat Peter Bofinger, er
ist Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der
gesamtwirtschaftlichen Entwicklung und Professor an der Universität Würzburg.
Einen schönen guten Morgen. Peter Bofinger: Guten Morgen, Herr Birke. Birke: Herr Bofinger, sollten wir den
Stabilitätspakt nicht gleich ganz beerdigen? Bofinger: Ich denke, die Vorschläge, die jetzt
gemacht werden und die diskutiert werden, gehen in die richtige Richtung. Der
Stabilitätspakt ist ein sehr enges Korsett, das der Finanzpolitik die Luft
zum Atmen nimmt, und wenn man dieses Korsett nun lockert, ist das ein
wichtiger Schritt. Aber ich finde, man sollte sehen, der Stabilitätspakt ist
ja nicht dumm, aber er ist eindimensional, das heißt, er konzentriert sich nur
auf die Finanzpolitik in den einzelnen Ländern, und er lässt völlig offen,
wie denn die Finanzpolitik der zwölf Länder zusammenwirkt, welche Effekte sie
auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung hat. Hier besteht aus meiner Sicht
ein ganz großes Defizit. Wir müssen versuchen, einen Koordinationsmechanismus
zu schaffen, der dafür sorgt, dass wir eine Finanzpolitik aus einem Guss
haben und dass wir in Europa dann eine Finanzpolitik haben, die auch für
Wachstum in Europa sorgt. Das war ja in den letzten Jahren ein Problem: Die
gemeinsame Finanzpolitik war viel zu passiv mit dem Ergebnis, dass Euroland
die Region ist in der Welt, die derzeit das schwächste Wirtschaftswachstum
hat. Birke: Brauchen wir einen EU-Finanzminister, einen,
der für alle zuständig ist? Bofinger: Wie man das institutionell macht, würde
ich offen lassen, aber wichtig ist, dass man die Notwendigkeit erkennt, sich
Gedanken darüber zu machen, wie die gemeinsame Finanzpolitik auf die
Nachfrageseite wirkt. Da besteht derzeit ein großes Defizit. Birke: Wie weit würden Sie denn den Spielraum
gewähren wollen? Wir haben ja die Drei-Prozent-Marke, dieses Jahr vermutlich
3,7 Prozent Neuverschuldung. Wie weit darf sich ein Land verschulden, um dann
eben über Nachfrageeffekte seine Wirtschaft anzukurbeln? Bofinger: Ich glaube schon, die ganze Fixierung auf
das Defizitziel ist falsch. Das haben wir ja die ganzen letzten Jahre
gemacht. Wir haben immer eine Finanzpolitik gemacht, die versucht hat,
Defizitziele einzuhalten, aber das Defizit ergibt sich ja zum einen aus dem,
was an Planung gemacht wird, wie die Steuersätze gesetzt werden. Aber es
ergibt sich auch daraus, wie die wirtschaftliche Entwicklung läuft, und alle
Defizitziele scheitern, wenn die wirtschaftliche Entwicklung schwach ist. Und
deswegen bin ich eigentlich der Meinung, dass es sehr viel besser wäre, die
Finanzpolitik an Ausgabenzielen zu orientieren, an Zielen für die Ausgaben,
die vom Staat direkt kontrolliert werden können, also Investitionsausgaben,
Personalausgaben. Hier meine ich, es wäre das Wichtige, dass man stetige
Ausgabenpfade vorgibt, also etwa zwei Prozent für diese Ausgaben, die eben
direkt in der Hand der Finanzpolitik liegen. Birke: Herr Bofinger, Sie sitzen ja gerade mit Ihren
Kollegen vom Sachverständigenrat in Mainz zusammen und beratschlagen ja
sicher auch über die Prognosen, was zeichnet sich denn Ihrer Meinung nach an
Wachstumspotenzial für das nächste Jahr in Deutschland ab? Bofinger: Das ist sehr, sehr schwierig, für das
nächste Jahr schon Prognosen zu machen. Ich denke, was ein Problem sein wird,
ist, dass die Binnennachfrage nach wie vor der Schwachpunkt der
Wirtschaftsentwicklung in Deutschland ist. Wir haben ja jetzt seit fünf
Jahren eine stagnierende Binnennachfrage. Bei manchem, was jetzt an
Beschlüssen diskutiert wird für das nächste Jahr, besteht die Gefahr, dass
die Binnennachfrage weiter schlecht bleibt. Ich denke vor allem an die Idee,
dass die Arbeitnehmer für das Krankengeld, für den Zahnersatz den
Arbeitgeberbeitrag übernehmen sollen, das würde wirken wie eine Lohnsenkung
um einen halben Prozentpunkt und damit wäre eine Schwäche der Binnennachfrage
auch im nächsten Jahr vorprogrammiert. Birke: Sie betrachten also die Vorschläge zur
Gesundheitsreform, die jetzt auf dem Tisch liegen, speziell Zahnersatz und
eben auch Krankengeld, als einseitig zu Lasten der Patienten und damit für
verfehlte Politik? Bofinger: Es wirkt eben einfach wie eine
Lohnsenkung, nicht. Man muss sich einfache bewusst sein, was man damit macht.
Der Effekt ist, man reduziert die Löhne, sozusagen die Kaufkraft um einen
halben Prozentpunkt. Das fehlt im privaten Verbrauch, aber der private
Verbrauch ist die wichtigste Triebkraft des Bruttoinlandsprodukts. Deswegen
ist wenig Dynamik da. Birke: Herr Bofinger, Sie haben sich ja in der Vergangenheit
auch für eine Verschiebung oder Veränderungen an Hartz IV, also an der
Zusammenlegung von Sozial- und Arbeitslosenhilfe ausgesprochen, sicher auch
aus Nachfrageaspekten heraus, nun sieht es aber ganz danach aus, als würde
die Regierung daran festhalten. Welche Nachbesserungen halten Sie denn noch
für durchsetzbar, etwa die Angleichung Ost West Niveau oder ist das überhaupt
die richtige Frage, haben wir nicht auch ein Nord Süd Gefälle in Deutschland
bei der Bemessung der Leistung von diesem künftigen Arbeitslosengeld II? Bofinger: Wichtig ist ja, dass man sich überhaupt
mal die Situation am Arbeitsmarkt ansieht. Damit ist es ja nicht getan, dass
man jetzt nur die Arbeitslosenzahlen anguckt, sondern man sollte vergleichen,
wie viele Arbeitslose haben wir und wie viele offene Stellen haben wir? Als
Herr Hartz seine Vorschläge gemacht hat, hatten wir acht Arbeitslose auf eine
offene Stelle und heute haben wir 16 Arbeitslose auf eine offene Stelle. Das
ist eine Relation, die wir so noch nie hatten. Das heißt in dieser Situation
nun Druck auf die Arbeitslosen auszuüben ist schon sehr, sehr problematisch,
weil wie gesagt für 16 Arbeitslose nur eine offene Stelle da ist, im Osten
sind es 33 Arbeitslose für eine offene Stelle. Und das ist verständlich, dass
das Unmut auslöst. Birke: Herr Bofinger, das führt uns doch zu der
alles entscheidenden Frage, woher kommen die Jobs? Bofinger: Ja gut, das ist natürlich kein Stein der
Weisen, den haben wir auch nicht in Wiesbaden im Sachverständigenrat. Wichtig
fände ich, dass wir die aktuelle Situation, die ja durch eine enorm gute
Exportnachfrage gekennzeichnet ist, dass wir diese Situation einfach mal sich
durchwirken lassen und dass wir nicht ständig versuchen, diese Außenimpulse
zu unterlaufen, indem wir im Inland die Nachfrage beeinträchtigen. Und zu
solchen Versuchen, die Nachfrage zu beeinträchtigen, zählen für mich auch
alle Forderungen nach längerer Arbeitszeit, nach Lohnkürzungen. Das führt
alles dazu, dass die Binnenkaufkraft geschwächt wird und dass wir es nicht
schaffen, dass die Außenimpulse kräftig auf die Binnennachfrage
durchschlagen. Birke: Nun brauchen wir aber diese Arbeitsmarktreformen,
man verspricht sich ja doch einiges an Beschäftigungswirkung, jetzt hat die
Union zum Beispiel vorgeschlagen, man möge die ganzen ABM, also die
Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen etwa im Westen streichen, um damit auch die
Arbeitslosenversicherungsbeiträge senken zu können. Das würde die
Lohnnebenkosten senken, Rahmenbedingungen verbessern und womöglich Jobs zu
schaffen. Ist das eine gute Idee? Bofinger: Also, die Grundidee ist nicht schlecht.
Denn zunächst mal muss man ja sehen, wir haben in Deutschland die niedrigste
Steuerquote in ganz Europa, wir haben aber gleichzeitig die höchste
Sozialabgabenquote in ganz Europa. Das heißt, da ist eine extreme
Fehlfinanzierung unseres Sozialstaates. Alle Versuche, diese Fehlfinanzierung
zu korrigieren ist vernünftig. Diese Fehlfinanzierung ist in der Tat sehr
hoch bei der Arbeitslosenversicherung. Wenn man die Arbeitslosenversicherung
darauf begrenzen würde, die reinen Versicherungsleistungen zu finanzieren,
dann wäre für einen Arbeitslosen im Westen der Beitrag nicht sechs Prozent,
sondern 3,5 Prozent. Da ist in der Tat ein Korrekturbedarf. Allerdings würde
ich jetzt nicht sagen, dass man diese ganzen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und
die ganze Förderung der Arbeitslosen abschaffen sollte. Aber anstatt das über
die Beiträge zur Arbeitslosenversicherung zu finanzieren, wäre eben daran zu
denken, eine Steuerfinanzierung vorzunehmen. Birke: Nun zeichnet sich ja eine kurze
Reformverschnaufpause ab, auch bei der Kabinettsklausur heute, halten Sie die
für richtig? Bofinger: Ich meine schon, dass wir einen ziemlichen
Reformaktionismus haben, der nicht immer positiv war. Zum einen, weil es eben
die Menschen verunsichert, wenn jeden Tag neue Reformvorschläge kommen, die
oft unausgegoren sind. Zum anderen meine ich, wäre eine Reformpause auch
nicht schlecht, um sich überhaupt mal über die Prinzipien einer umfassenden
Reform der Sozialversicherungssysteme Gedanken zu machen. Der Mangel an
Prinzipien wird ja sehr deutlich bei der Diskussion um die Bürgerversicherung,
wo man sich nun also streitet, ob man jetzt Zinseinnahmen aus Vermietung
hinein nehmen soll. Das Prinzip, über das man zuerst mal reden sollte, bevor
man solche Einzelmaßnahmen macht, ist die Frage, wie wollen wir die
Umverteilung in Deutschland finanzieren. Ist es vernünftig die Umverteilung
über die sozialen Versicherungssysteme zu finanzieren oder ist es nicht
besser, die Umverteilung über das Steuersystem zu finanzieren. Birke: Das war die Meinung von Peter Bofinger, er ist Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung und Professor an der Universität in Würzburg. Recht herzlichen Dank für das Gespräch. |