D a s L i b e r a l e T a g e b u c h |
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Sammlung
Originaldokumente aus „Das Liberale
Tagebuch“, http://www.dr-trier.de |
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Berlin, Mo 12.07.2004 Tischrede von Bundespräsident Horst Köhler beim
Abendessen anlässlich des 85. Geburtstages von Altbundespräsident Walter
Scheel Wir wollen Walter Scheel anlässlich seines 85.
Geburtstages ehren. Für mich ist das ein schöner Anlass für eine meiner
ersten Amtshandlungen. In der Geschichte der Bundesrepublik markiert die Amtszeit
Walter Scheels (1974 - 1979) heute genau die Mitte: die Zeit vor seiner
Präsidentschaft währte so lange wie die Zeit nach seiner Amtszeit. Auch insofern kann man sagen: Walter Scheel verkörpert die
Geschichte der Bundesrepublik. Er hat sie von den Anfängen bis zum heutigen
Tag begleitet - und einen wesentlichen Teil mitgestaltet. Keine Angst, Herr Scheel: Ich erzähle Ihnen jetzt nicht
Ihr Leben. Das kennen Sie ja selber am besten. Und auch Ihre vielen
Weggefährten und Freunde, die heute Abend hier sind und mit uns feiern, wüssten
dazu sicher mehr zu sagen. Ich will aber einiges nennen, was mir einfällt, wenn ich
Sie vor mir sehe - und wenn ich mich an das erinnere, was Sie für unser Land
getan haben. Gehen wir zuerst ins Jahr 1969: Im ersten Wahlkampf, den Sie als Spitzenkandidat der FDP
führten, 1969 also, da gab es Wahlplakate der FDP, die waren ganz schlicht
schwarz-weiß gehalten, darauf stand der Slogan: "Wir schaffen die alten
Zöpfe ab." Ob das damals mutig war, weiß ich nicht. Vielleicht passte
es in die Zeit. Heute wäre ein solcher Slogan bestimmt mutig. Ob sich eine
Partei heute mit einer so klaren Botschaft einer Wahl stellen würde? Auf einem anderen Wahlplakat stand damals: "Sie
können Deutschland verändern". Daran sieht man, mit welchem Anspruch Sie
damals in die Wahl gegangen sind. Sie waren mutig! Sie haben ganz klar Führung wahrgenommen.
Sie wollten eine andere Politik - und Sie wussten, dass Sie damit auch Stimmen
einbüßen würden. Hier haben Sie Tatkraft bewiesen, so wie Sie oft Ihre
Überzeugung formuliert haben: "Nicht immer den großen Konsens suchen,
nicht ständig nach großen Mehrheiten schielen, denn auch eine Stimme mehr ist
eine Mehrheit. Als Außenminister der ersten sozialliberalen Koalition
haben Sie schwierige und bewegte Zeiten erlebt. Ganz wesentlich war für Sie die vertrauensvolle
Zusammenarbeit mit dem Bundeskanzler Willy Brandt. Gemeinsam haben Sie die entscheidenden Schritte der neuen
Ostpolitik gewagt und großen Aufgaben geschultert. Die Verträge mit Moskau
und Warschau und Prag, es war die Zeit des Viermächte-Abkommens, des
Grundlagenvertrages, der Rüstungsbegrenzung zwischen Nato und Warschauer
Pakt, der Beginn der KSZE. Eine letzten Endes erfolgreiche Politik, die aber die
Bevölkerung zeitweise ungeheuer polarisiert hat. Sie selber waren zum Teil
schweren Anfeindungen ausgesetzt. Sie haben aber unbeirrt an dem
festgehalten, was Sie für richtig hielten. Sie haben immer wieder mit
Argumenten zu überzeugen versucht. Diese Zeit war übrigens auch eine Hohe Zeit des
Parlaments. Ich glaube, wir alle können uns an erregende und aufwühlende
parlamentarische Debatten erinnern, die wir gebannt verfolgt haben. Ein unvergesslicher Beitrag zu dieser Debatten-Kultur war
Ihre Rede vor dem Misstrauensvotum gegen Bundeskanzler Brandt. Sie war
entschieden, leidenschaftlich, auch polemisch - aber sie hat keine bleibenden
Gräben aufgerissen oder gar politische Feindschaft gestiftet. Der beste Beweis dafür: Ihr damaliger Hauptgegner,
Rainer Barzel, ist Ihnen heute in Freundschaft verbunden und sitzt unter uns.
Da es noch keinen Monat her ist, darf ich sicher auch Ihnen, Herr Barzel,
noch nachträglich zum achtzigsten Geburtstag gratulieren. Als Sie, Herr Scheel, es 1974 nicht schafften, Willy
Brandt dazu zu bewegen, Bundespräsident zu werden, haben Sie sich für die in
Ihren Augen zweite Wahl entschieden: Für sich selber. Damit haben Sie damals
viele Menschen überrascht. Aber es kommt eben schon einmal vor, dass ein
Bundespräsidentenkandidat eine Überraschung darstellt... Auch die Zeit Ihrer Präsidentschaft war eine bewegte, eine
schwierige Zeit. Es war die Zeit terroristischer Anschläge auf den Staat und
seine Repräsentanten, die Zeit der Morde an Siegfried Buback, Hans-Jürgen
Ponto, Hanns-Martin Schleyer. Ich kann mir denken, dass Ihre Rede bei der Trauerfeier
für Schleyer die schwierigste war. Sie ist noch immer bewegend. In ihr kommt Ihre unverkennbare Haltung zum Ausdruck:
Entschiedene Verteidigung der Demokratie und des Rechtsstaats. Ebenso aber: Keine Hysterie, keine Panik, mutige
Entschlossenheit. Das sind ganz sicher Tugenden, die wir auch heute brauchen
können, angesichts der neuen terroristischen Bedrohungen. Ihre Präsidentschaft war von Ihrem Wesen geprägt:
Optimismus, Klarheit in der Sache, verständliche Sprache. Bei Ihnen wussten
die Bürger das höchste Amt in guten Händen. Dass Sie vor (!) Ihrer Amtszeit
einen Platz in der Hitparade erobert hatten, hat im übrigen der
vielbeschworenen Würde des Amtes in keiner Weise geschadet. Dass wir Ihre Zeit als gute Zeit qualifizieren können,
wird nicht zuletzt dadurch greifbar, dass Sie immerhin noch einer deutschen
Fußballnationalmannschaft zum Weltmeistertitel gratulieren konnten. Es war auf jeden Fall eine Zeit, in der die Menschen,
trotz aller Schwierigkeiten, optimistisch nach vorne schauten. Auch von
Ihnen, verehrter Bundespräsident Scheel, lässt sich lernen, dass sich
Optimismus und Ernst, Zukunftsoffenheit und Nachdenklichkeit nicht
ausschließen. Ihre menschliche und Ihre politische Haltung könnte auch heute
Vorbild sein. Jeder Bundespräsident prägt das Amt auf seine Weise und
hinterlässt seine ureigenen Spuren. Sie haben ihm ein sehr menschliches
Gesicht gegeben. Es hat Sie nicht gestört, wenn Ihnen mitunter das Klischee
des lustigen Rheinländers nachgetragen wurde. Das Gegenteil hätte Sie eher
gestört. Ich fand's gut, als Sie in Ihrem Interviewbuch sagten.
"Miesmacher haben in der Politik noch nie etwas bewegt." Keine Frage: Sie haben etwas bewegt, Sie haben eine Menge
bewegt. Sie sind nicht nur das Gesicht des deutschen Liberalismus gewesen,
Sie haben auch das Gesicht dieses Landes geprägt - nach Innen und nach Außen. Ihr politisches Wirken - weit über die Zeit Ihrer
amtlichen Tätigkeiten hinaus - ist unserem Land zugute gekommen. Sie haben
sich um Deutschland verdient gemacht. Ich wünsche uns allen, dass wir einen guten Abend gemeinsam verbringen, dass wir gute Begegnungen und Gespräche haben. Erheben wir unser Glas auf unseren Altbundespräsidenten Walter Scheel. |