D a s L i b e r a l e T a g e b u c h |
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Sammlung
Originaldokumente aus „Das Liberale
Tagebuch“, http://www.dr-trier.de |
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Die schleichende Krise der deutschen
Außenpolitik: Plädoyer für eine Remedur
Essay für die Sendereihe „Für eine bessere Außenpolitik“
des Deutschlandfunks Ausstrahlungstermin: Sonntag, 1. August 2004, 9:00-9:30 Von
Hanns W. Maull
Es fällt schwer, sich eine erfolgreichere Außenpolitik vorzustellen
als die der Bundesrepublik Deutschland. Seit die Bonner Republik 1955 mit dem
Ende der Besatzungsherrschaft außenpolitisch handlungsfähig wurde, hat diese
Außenpolitik wesentlich dazu beigetragen, Deutschland nicht nur materiell
wieder aufzubauen, sondern das Land nach der selbst verschuldeten Katastrophe
des Nationalsozialismus politisch und moralisch zu rehabilitieren und die
Bundesrepublik in eine für Deutschland historisch beispiellose Periode der
Prosperität, des Friedens in Sicherheit und der Aussöhnung mit seinen
Nachbarn zu führen. Die Krönung dieser Erfolge war die deutsche Vereinigung
1989/1990 und die mit ihr verbundene Überwindung der europäischen Teilung. Natürlich waren diese Erfolge auch das Ergebnis günstiger
Umstände und historischer Zufälle, und viel verdankte die bundesdeutsche
Außenpolitik ihren Freunden und Partnern, insbesondere in Washington und
Paris. Aber diese Erfolgsstory reflektierte auch eine kluge außenpolitische
Strategie und ihre ebenso konsequente wie geschickte Umsetzung in der Praxis
der Außenpolitik. Die Kernelemente dieser außenpolitischen Strategie waren
dabei der Verzicht auf eine eigenständige militärische Sicherheitspolitik und
die Selbstbeschränkung und Selbstbindung deutscher Militärmacht. Mit dem Verzicht auf sicherheitspolitische Eigenständigkeit war die Außenpolitik der Bundesrepublik auf andere Instrumente als die der traditionellen Großmachtspolitik angewiesen – wie etwa eine Politik des systematischen Souveränitätsverzichtes und der konsequenten Integration Deutschlands in die beiden großen Gemeinschaften der westlichen Demokratien, die (west-) Europäische Gemeinschaft (EG) und die transatlantische Sicherheitsgemeinschaft (NATO). In diesen institutionellen Zusammenhängen nutzte die bundesdeutsche Außenpolitik klug die Möglichkeiten der Übertragung von staatlichen Hoheitsrechten (also von Souveränität), um dafür im Gegenzug politische Anerkennung und Einfluss einzutauschen. Aber auch jenseits dieser beiden zentralen institutionellen Zusammenhänge deutscher Außenpolitik, jenseits der EG und der NATO, setzte diese Politik konsequent auf Verregelung, Verrechtlichung und auf die systematische Institutionalisierung zwischenstaatlicher Zusammenarbeit. Kurz: Die Bundesrepublik Deutschland verfolgte die außenpolitische Strategie einer „Zivilmacht“ – einer Macht also, die sich konsequent um die Zivilisierung der internationalen Politik nach dem Modell demokratischer Innenpolitik bemüht. Diese scheinbar altruistische und idealistische
Außenpolitik erwies sich zugleich aber auch als höchst erfolgreich für
deutsche Belange. Zu diesen Erfolgen zählte nicht nur die Grundlegung dieser
Politik unter Konrad Adenauer, sondern auch ihre Neuorientierung auf die
Ziele der Entspannung unter den Regierungen Brandt/Scheel und Schmidt/Genscher,
und schließlich die feste Verankerung der Bundesrepublik innerhalb des
Bündnisses im zweiten Kalten Krieg der 1980er Jahre und dann der
außenpolitische Triumph der deutschen Vereinigung unter Kanzler Helmut Kohl
und seinem Außenminister Hans-Dietrich Genscher. Es fällt also in der Tat schwer, sich eine erfolgreichere
Außenpolitik für Deutschland vorzustellen als die der Bonner Republik.
Gewiss, auch der „Eiserne Kanzler“ Otto Graf Bismarck hatte das Deutsche
Reich geeinigt und in den Rang einer europäischen Großmacht gehoben. Aber die
Grundlagen des deutschen Einflusses im Europa und in der Weltpolitik des
19.Jahrhunderts waren prekär: Deutschland wurde weniger geachtet als
gefürchtet, und Deutschlands Strategie – und damit auch seine Gestaltungsspielräume
und Zukunftschancen - waren auf Personen zugeschnitten, nicht aber wirksam
institutionalisiert. Die Bundesrepublik Deutschland dagegen ist von Freunden
und Verbündeten umgeben, sie ist institutionell abgesichert und eingebunden,
sie genießt (noch immer) beispiellose Prosperität, Frieden in Sicherheit und
erfreut sich – trotz aller Politikverdrossenheit – eines gottlob noch
florierenden demokratischen Gemeinwesens. *** Kann das, wird das so bleiben? So eindrucksvoll die
Erfolge der deutschen Außenpolitik sich im Rückblick präsentieren, so
beunruhigend fällt der Befund für die Gegenwart und die Zukunftsperspektiven
deutscher Außenpolitik aus. Denn seit etwa Mitte der ´90er Jahre mehren sich
außenpolitische Ermüdungserscheinungen und Krisensymptome. Auf einen knappen
Nenner gebracht: Die Außenpolitik der Berliner Republik ist nicht mehr auf
der Höhe ihrer Zeit, und zwar in doppelter Hinsicht. Zum ersten hat sie es
versäumt, die tektonischen Verschiebungen der Weltpolitik und ihre Umbrüche systematisch
zu sondieren und sich auf die neuen Herausforderungen angemessen
einzustellen. Und zum zweiten fehlt es dem politischen Personal an der
erforderlichen Ernsthaftigkeit im Umgang mit der Außenpolitik: Sie wird
zweckentfremdet, um wahlpolitische Kalküle, innenpolitische Sonderinteressen
und die kommerziellen Anliegen großer deutscher Unternehmen zu befördern –
zur Sicherung unserer Zukunft und zur Bewältigung der politischen
Herausforderungen der Globalisierung aber wird sie nur noch spärlich genutzt.
Kurz: Das Grundproblem der deutschen Außenpolitik heute besteht darin, daß
die Anforderungen an die Politik einerseits und ihre Leistungsbereitschaft
(und dadurch zunehmend auch ihre Leistungsfähigkeit) andererseits immer
deutlicher auseinanderklaffen. Und es fällt leider gar nicht schwer sich
auszumalen, welch schwerwiegenden Konsequenzen diese Vernachlässigung der
Außenpolitik nach sich ziehen könnte. Worauf begründet sich dieser skeptische Befund? Zunächst
ist festzuhalten, daß das Geschäft der Außenpolitik nach dem Ende des Kalten
Krieges in vieler Hinsicht schwieriger geworden ist: Es fehlt nun die klare,
alles beherrschende Bedrohung, die die Verbündeten zusammen schweißt; an ihre
Stelle treten diffuse neue Risiken und Herausforderungen, die sehr viel
schwerer zu fassen sind. Zudem belasten die Kosten der Vereinigung und der
Reformstau in der deutschen Wirtschaft die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit
und damit auch den außenpolitischen Einfluss Deutschlands und seine
Gestaltungschancen. Dennoch: Die erschwerten Rahmenbedingungen allein können
die Unzulänglichkeiten der deutschen Außenpolitik nicht erklären und schon
gar nicht entschuldigen. Hinzu kommen Defizite der Politik – in der
konzeptionellen Ausgestaltung, vor allem aber in der Umsetzung. Diese
Defizite waren bereits in den letzten Amtsjahren von Helmut Kohl klar
erkennbar. Dann erlebte die deutsche Außenpolitik unter der rot-grünen
Koalition im ersten Halbjahr 1999 eine kurze Blüte während der Kosovokrise,
um danach einmal mehr im Mangel an Gestaltungswillen und strategischem
Weitblick zu versinken. Schon ein Blick in die Entwicklung des Bundeshaushaltes im
Verlauf der letzten fünfzehn Jahre zeigt, wie sehr die Außenpolitik
inzwischen vernachlässigt wird: Bei den außenpolitischen Haushaltsansätzen
ist Schmalhans schon seit Jahren Küchenmeister. Und das gilt keineswegs nur
für die Verteidigungsausgaben, für deren Rückführung man ja zunächst immerhin
eine Friedensdividende gelten lassen konnte - auch die Haushaltsansätze des
Auswärtigen Amtes und des Bundesministeriums für Wirtschaftliche
Zusammenarbeit und Entwicklung wurden in den letzten Jahren eingefroren (wie
beim Auswärtigen Amt) oder gar zurück genommen (wie bei der
Entwicklungshilfe). Kurzum: Deutschland steckt immer weniger Geld in die Außenpolitik,
immer mehr in die Sozialausgaben und in den Schuldendienst. Daß sich das auf
die Dauer nachteilig bemerkbar machen muss, ist offensichtlich. Andere
Krisensymptome der Außenpolitik waren und sind die Vernachlässigung der
wichtigsten bilateralen Beziehungen der deutschen Außenpolitik – derjenigen
zu Paris und zu Washington. Gewiss: Derzeit hat das deutsch-französische Team
wieder Tritt gefasst – aber über weite Strecken des letzten Jahrzehntes lief
politisch kaum noch etwas zusammen zwischen Paris und Bonn bzw. Berlin. Wenn
immer diese beiden Regierungen es jedoch versäumen, gemeinsame Initiativen zu
entfalten, gerät sofort auch die Europäische Integration ins Stocken – und so
bewegte sich von 1995 bis 2003 mit Ausnahme der Beitrittsverhandlungen nur
wenig in der EU. Noch schwerwiegender war die Vernachlässigung des
transatlantischen Verhältnisses. Denn nach dem Ende des Kalten Krieges und
zumal nach den Anschlägen des 11.September 2001 veränderte sich Amerika in
vielfältiger Weise, vertieften sich die Risse in der transatlantischen
Gemeinschaft durch das Auseinanderdriften Europas und Amerikas. Und trotz
aller vollmundigen Beteuerungen „uneingeschränkter Solidarität“, trotz
vielfältiger Zusammenarbeit im einzelnen: Bei den Bemühungen, strategische Antworten
auf die neuen Herausforderungen der Globalisierung und des islamistischen
Terrorismus zu finden, hat Deutschland, hat Europa die USA alleine gelassen.
Europa konnte sich nicht aufraffen, die erforderliche Weitsicht zu
entwickeln: Es fehlte der politische Wille zu gemeinsamem Handeln – und das
lag sicherlich nicht nur, aber eben auch daran, daß aus Berlin keine Impulse,
geschweige denn ernsthafte und nachdrücklich verfolgte Initiativen kamen. Gewiss: Es gab auch nach 1995 noch gelegentliche Lichtblicke.
Dazu zählten etwa die diplomatischen Bemühungen Berlins um die Beendigung des
Kosovo-Krieges 1999 und um den Stabilitätspakt für Südosteuropa oder die
Initiative Joschka Fischers für einen europäischen Verfassungsgebungsprozess
mit seiner Rede an der Humboldt-Universität. Insgesamt aber wirkte
Deutschlands Außenpolitik in all ihren vier zentralen Kontexten – in den
bilateralen Beziehungen zu Paris und Washington, in der europäischen
Integration und in der transatlantischen Sicherheitspartnerschaft - sehr
zurückgenommen, uninspiriert, lustlos und routiniert, also nicht wirklich
engagiert. Kaschiert wurden die Defizite an außenpolitischer Substanz durch
mediale Klimmzüge und Rhetorik, insbesondere in Gestalt eines neuen,
vorgeblich selbstbewussteren außenpolitischen Stils, der immer wieder darauf
pochte, deutsche Interessen selbstverständlicher und offener zu vertreten. Die schleichende Auszehrung der deutschen Außenpolitik
kulminierte dann schließlich 2002 und 2003 in den Auseinandersetzungen um den
Irak, die die „neue deutsche Außenpolitik“ von ihrer unvorteilhaftesten Seite
vorführten. Die Frage, wie mit Saddam Hussein und seinen jahrelangen,
systematischen Verstößen gegen die Auflagen des UN-Sicherheitsrates umzugehen
sei, entzweite nicht nur Deutschland und Amerika, sie spaltete auch die
Europäische Union in das „alte“ und das „neue“ Europa. Gewiss hatte die Krise
auch ihr Gutes: Sie schmiedete Deutschland und Frankreich enger zusammen denn
je und gab der noch rudimentären Gemeinsamen Europäischen Außen- und
Sicherheitspolitik neue Impulse. Aber die Art und Weise, wie Paris und Berlin
im Lauf der vergangenen 12 Monate die Europäische Union zu dominieren und
ihre eigenen Vorstellungen durchzuboxen versuchten, war im Vergleich zu
früheren Phasen wenig eindrucksvoll und schürte Vorbehalte, ja Misstrauen
unter den anderen Mitgliedsstaaten der Union. Der deutsch-französische Erfolg
bei der Aushebelung des Stabilitäts- und Wachstumspaktes etwa, den
Deutschland doch einst der Union auferlegt hatte, war ein klassischer
Pyrrhus-Sieg: Weitere derartige „Triumphe“ kann sich das deutsch-französische
Tandem nicht leisten, will es die europäische Integration nicht in eine
Sackgasse führen. *** Es stimmt also einiges nicht mehr mit der Außenpolitik der
Berliner Republik. Das Unbehagen artikuliert sich in Politik und Publizistik
seit einigen Jahren in einer Renaissance des Be-griffs „nationales
Interesse“, oft auch im Plural als „nationale Interessen“ oder, versehen mit
einem anderen Adjektiv, als „deutsche Interessen“. Kritik an der deutschen
Außenpolitik bedient sich dieser Kategorie, um Defizite anzumahnen; umgekehrt
versuchte der jetzige Bundeskanzler, sich gegen diese Kritik mit dem Hinweis
zu schützen, er vertrete „deutsche Interessen“ selbstverständlicher und unbefangener
als seine Vorgänger. Beides – Kritik und Rechtfertigung mit Hilfe der Kategorie
des „nationalen Interesses“ – geht allerdings genau besehen an den Problemen
der deutschen Außenpolitik vorbei. Die Diskussion um nationale Interessen
reflektiert nämlich vor allem mangelnde analytische Präzision im Nachdenken
über deutsche Außenpolitik. Denn was Deutschlands „nationale Interessen“
ausmacht, ist bei näherem Zusehen eher banal als strittig. Außerdem ist
dieser Begriff historisch belastet und analytisch irreführend. Am besten wäre
es eigentlich, ihn ganz aus dem Verkehr zu ziehen und durch den – zugegeben:
viel sperrigeren, aber eben auch genaueren und unverfänglicheren - Begriff
des „außenpolitischen Gemeinwohls“ zu ersetzen. Natürlich gibt es in der Substanz tatsächlich
außenpolitische Interessen der Bundesrepublik. In einem demokratischen
Gemeinwesen sind diese aber zunächst ganz simpel das, was die Regierung dazu
erklärt bzw. was ihr außenpolitisches Handeln motiviert. Der demokratische
Grundsatz, wonach Regierung und Parlament(smehrheit) aufgerufen sind, das
Gemeinwohl zu definieren und es dann umzusetzen, gilt auch für die
Außenpolitik. Daß die Opposition die „nationalen Interessen“ gerne anders
definieren möchte , ist zwar durchaus legitim, aber eben auch Teil einer
parteipolitischen Auseinandersetzungen um außenpolitische Definitionsmacht. Aber es gibt natürlich auch nationale Interessen, auf die
sich die Politik insgesamt verständigen kann – und es sollte eigentlich auch
gar nicht besonders schwierig sein, parteipolitischen Konsens darüber
herzustellen, worin Kernelemente des außenpolitischen Gemeinwohls bestehen.
Zu diesem Kernbestand des „nationalen Interesses“ oder besser: des
außenpolitischen Gemeinwohls gehören: die Sicherheit Deutschlands und seiner
Bürger vor äußeren Gefährdungen und Bedrohungen, der Erhalt der
freiheitlich-demokratischen Ordnung und des way of life Deutschlands. Zu
diesem Kernbestand des außenpolitischen Gemeinwohls zählt ferner die
Einbettung Deutschlands in ein Europa, das zu unserer zweiten politischen
Heimat geworden ist. Und schließlich geht es um die Grundlagen der
außenpolitischen Handlungs- und Gestaltungsfähigkeit Deutschlands, die es ihm
erst erlauben, seinen Einfluß in Europa und in der Welt zu wahren und zu mehren.
Will man den Begriff weit fassen und zwischen „vitalen“ und „wichtigen“
Interessen unterscheiden, so ließe sich in die letztere Kategorie des
außenpolitischen Gemeinwohls auch die Förderung von Demokratie und
Menschenrechten, von Völkerrecht, internationalen Organisationen und
allgemein einer „Zivilisierung“ der internationalen Politik einreihen. Politisch umstritten ist das alles nicht, aber dafür ist
auch der Orientierungsgehalt dieser Aussagen nicht sonderlich ausgeprägt. Auf
dieser Grundlage ließe sich etwa eine Zustimmung Deutschlands zum Irakkrieg
und sogar eine Beteiligung daran ebenso als im „nationalen Interesse“ liegend
rechtfertigen wie ablehnen, Nationale Interessen geben bestenfalls grobe
Zielrichtungen vor, die erst noch in konkrete außenpolitische Ziele und
Strategien übersetzt werden müssen. Und erst da wird es dann wirklich
schwierig: Denn dazu müssen diffuse, schwer zu beurteilende und zu
berechnende Chancen und Risiken gegeneinander abgewogen und dementsprechend
Prioritäten gesetzt, müssen alternative Handlungsstrategien auf ihre
Tauglichkeit hin bewertet, geeignete Instrumente identifiziert und knappe
Ressourcen zugewiesen werden. Hier gibt es kaum noch Eindeutigkeiten und
verlässliche Vorgaben, über all dies kann und sollte deshalb auch politisch
gestritten und gerungen werden. Es geht dabei dann aber eindeutig nicht mehr
nur um die Frage: Was sind Deutschlands nationale Interessen? sondern
vielmehr darum, welche Wege und Strategien, welche Mittel und Instrumente am
besten geeignet sein könnten, dem außenpolitischen Gemeinwohl Deutschlands
gerecht zu werden. Die Denkfigur der „nationalen Interessen“ ist freilich
nicht nur oft tautologisch und in der Substanz eher banal, sondern sie ist
zudem auch noch historisch belastet. Der Begriff transportiert assoziativ
Elemente von obrigkeitsstaatlichem, vordemokratischem Denken: So suggeriert
er, es gäbe so etwas wie objektive, unveränderliche, „ewige“ Interessen „des“
Staates jenseits der politisch verfassten Bürgerschaft. Er bezieht sich zudem
explizit auf die „Nation“ oder gar auf das „deutsche Volk“ und tut damit so,
als ob deutsche Außenpolitik nur die Deutschen zu berücksichtigen habe. Und
schließt spiegelt der Begriff vor, es gäbe noch immer autonome
nationalstaatliche Gestaltungsspielräume und Handlungsoptionen, als
unterschieden sich die Außenpolitik und ihr spezifisches politisches Milieu
der internationalen Beziehungen noch immer wesensmäßig vom Milieu der
Innenpolitik. Kurz: Die Kategorie des „nationalen Interesses“ stammt aus
einer Welt, die es nicht mehr gibt; sie erhebt Forderungen und unterstellt
Zusammenhänge, die in die Irre führen. Natürlich soll Außenpolitik dem
Gemeinwohl dienen, und natürlich wird sich das „nationale Interesse“ – nein:
das außenpolitische Gemeinwohl! - Deutschlands im einzelnen durchaus von
demjenigen Frankreichs oder Österreichs unterscheiden. Aber ob eine
Außenpolitik erfolgreich ist oder nicht, lässt sich mit diesen Kategorien
nicht bewerten. *** Das zeigt übrigens auch und gerade die deutsche Erfahrung:
Bis in die `90er Jahre hinein war der Begriff des „nationalen Interesses“ aus
guten historischen Gründen eher tabuisiert – was die Außenpolitik der
Bundesrepublik aber, wie wir gesehen haben, keineswegs daran hinderte, höchst
erfolgreich zu agieren. Umgekehrt wird das außenpolitische Gemeinwohl heute,
da viel von „deutschen Interessen“ die Rede ist, faktisch eher
vernachlässigt: Die enormen Chancen und Risiken der Globalisierung werden
außenpolitisch nicht beherzt angegangen, sondern verdrängt. Und die deutsche
Außenpolitik hat es in den letzten Jahren versäumt, ihr Gestaltungspotenzial
– oder, altmodisch ausgedrückt: ihre Macht und ihren Einfluss - angemessen zu
kultivieren. Eine derart halbherzige Außenpolitik des „Mehr Schein als
Sein“ kann sich Deutschland in Zukunft aber nicht mehr leisten – es braucht
eine bessere Außenpolitik. „Besser“ heißt dabei nicht unbedingt:
„grundsätzlich anders“, es heißt aber ganz sicher: Deutschland braucht „mehr“
und „effektivere“ Außenpolitik. Dabei geht es zunächst um unsere eigene
Zukunft. Aber es geht auch um noch mehr: Die deutsche Außenpolitik spielt
eine viel zu wichtige Rolle im Kontext der internationalen Beziehungen, als
daß sie gewissermaßen „mit links“ betrieben werden könnte: Deutschland ist
das nach Bevölkerung und Wirtschaftskraft größte Mitgliedsland der
Europäischen Union und ein Staat, der sich in der Vergangenheit viel
Vertrauen und Einfluss erworben hat. Daraus erwuchs die Fähigkeit, aber auch
eine besondere Verantwortung dafür, in Europa und weltweit internationale
Koalitionen zu schmieden und diese dann – wo möglich – in dauerhafte
Institutionen zu gießen und somit friedliche Formen der Konfliktbewältigung
zu verankern. In Europa wurde dieses Projekt – unter tatkräftiger Mitwirkung
Deutschlands – bereits ein sehr gutes Stück vorangebracht. Unter den
Rahmenbedingungen der Globalisierung ist aber eben diese Fähigkeit,
Koalitionen zu schmieden und effektive Institutionen aufzubauen, eine
politische Schlüsselkompetenz allererster Güte, über die weltweit nur ganz
wenige Staaten verfügen. Legt sich die deutsche Außenpolitik ins Zeug, so
kann sie damit vielleicht auch die Europäische Union mobilisieren und so
Multiplikatoreffekte für den eigenen Einfluss erzielen; lässt die deutsche
Außenpolitik dagegen die Zügel schleifen, behindert und bremst sie damit
andere und schadet der internationalen Ordnung. Wie könnte die deutsche Außenpolitik „besser“ werden? Was
müsste geschehen, um ihr Gewicht in Europa und der Welt wieder zu vergrößern?
Es hat den Anschein, als ob die politische Klasse alleine nicht in der Lage
ist umzusteuern. Wir brauchen daher in Deutschland eine breite öffentliche
Auseinandersetzung um die Zukunft der Außenpolitik. Dabei sollte es nicht
darum gehen, unsere „nationalen Interessen“ zu beschwören, sondern darum, wie
Deutschlands außenpolitisches Gemeinwohl am besten zu wahren und zu mehren
ist. Es geht also um Prioritätensetzungen, um präzise und konkrete
außenpolitische Zielfestlegungen, um Strategien und Taktiken zu ihrer
Realisierung, um außenpolitische Instrumente und ihre Ressourcengrundlagen,
und um Möglichkeiten einer systematischen Evaluierung der Ergebnisse und der
Leistungen von Außenpolitik. Im Mittelpunkt dieser längst überfälligen
Grundsatzdebatte zur deutschen Außenpolitik könnten dabei vier große
Fragenkomplexe stehen: • Erstens braucht die deutsche
Außenpolitik eine realistische und fundierte Bestandsaufnahme der Lage und
damit der Anforderungen an die deutsche Außen- und Sicherheitspolitik. Worum
muss sie sich vordringlich kümmern, wo Schwerpunkte setzen? Was kann warten?
Dabei sollte die Außenpolitik, indem sie die Gefährdungen und Risiken der
sich globalisierenden Welt fest im Auge behält, ihre Chancen nutzen. • Zweitens geht es darum, die Gestaltungsfähigkeit
der deutschen Außenpolitik zu wahren und zu mehren. Wie kann Berlin Einfluss
besser, effektiver ausüben? An welche Voraussetzungen ist dieser Einfluß
gebunden? Wie läßt er sich ausweiten? • Der dritte Fragenkomplex betrifft spezifische
Zielsetzungen und Strategien sowie die dafür notwendigen Mittel für die
Außenpolitik. Wie kann sie unser außenpolitisches Gemeinwohl am besten wahren
und mehren? Könnte dabei die Rückbesinnung auf einschlägige Erfahrungen der
höchst erfolgreichen bundesdeutschen Außenpolitik nicht durchaus hilfreich
sein? Welche finanziellen und personellen Ressourcen sind erforderlich? Wie
können diese Mittel aufgebracht werden? Und wie lassen sich unsere eigenen
Möglichkeiten und Fähigkeiten mit denjenigen unserer Partner am besten,
wirksamsten und kostengünstigsten zusammenführen? • Viertens und letztens schließlich
stellt sich die Frage nach dem außenpolitischen Selbstverständnis
Deutschlands in Europa und in der Welt. Diese Frage ist vielleicht die wichtigste
und sicher die grundlegendste von allen: Wer und was wir in Zukunft sein
wollen, bestimmt nämlich auch unsere Definitionen des außenpolitischen
Gemeinwohls, unsere Ziele und unsere Strategien. Bislang lautete die Antwort
auf die Frage: Wie verstehen wir uns? etwa so: „Deutschland ist eine
westliche Demokratie im Kreise der Europäischen Union und der Gemeinschaft
westlicher Demokratien. Und wir definieren uns in klarer Abgrenzung zu den
Schrecken der deutschen Geschichte im 20.Jahrhundert als Zivilmacht, als
einen Staat also, der die Zivilisierung der internationalen Beziehungen
insgesamt voranbringen will und dies mit einer wertorientierten und
wertegebundenen Außenpolitik versucht. Praktisch bedeutet dies die Einbettung
Deutschlands in einen immer engeren europäischen Staatenverbund und in die
transatlantische Sicherheitspartnerschaft der NATO sowie die Orientierung der
Außenpolitik an gewaltfreiem Konfliktmanagement und Konfliktprävention, an
Demokratie und Menschenrechten, und an einer Fortentwicklung der
internationalen (Rechts-) Ordnung.“ Dabei könnten wir bleiben – aber: sollten
wir auch dabei bleiben? Oder gibt es andere, vielleicht gar plausiblere
Antworten auf diese Frage nach unserer eigenen außenpolitischen Identität? Um diese Themen darf und muß gerungen und gestritten
werden - nicht nur in der Politik, sondern auch in der Öffentlichkeit. Dabei
sind aber einige wichtige Prämissen zu beachten, an denen die deutsche
Außenpolitik auch in Zukunft nicht vorbei kommen wird: Erstens verfügt sie
alleine, auf sich selbst gestellt und aus eigener Kraft kaum noch über
nennenswerte Gestaltungsspielräume. Zu verflochten sind inzwischen, vor allem
innerhalb Europas, aber auch weltweit, die Interessen, zu komplex die
Wirkungszusammenhänge, als daß da nationale Außenpolitik alleine noch viel
ausrichten könnte. Daraus folgt die zweite Prämisse für die Zukunft der deutschen Außenpolitik: Ihre Wirkung und ihr Einfluss wird entscheidend davon abhängen, ob und wie gut es ihr gelingt, effektive internationale Koalitionen und leistungsfähige internationale Institutionen schmieden zu helfen. Denn nur über Koalitionen und Institutionen kann die deutsche Außenpolitik heute – mit anderen zusammen – Einfluss ausüben und damit Zukunft gestalten. Wirksame Formen der internationalen Zusammenarbeit und
Integration sind somit der Schlüssel zur politischen Steuerung und Zähmung
der Globalisierung – aber sie sind, so die dritte Prämisse, alles andere als
selbstverständlich. Wie wir gesehen haben, hat die deutsche Außenpolitik in den
letzten Jahren sowohl ihre wichtigsten bilateralen Beziehungen wie auch ihre
beiden wichtigsten institutionellen Kooperationszusammenhänge, die
Europäische Union und die NATO, oft eher vernachlässigt als systematisch
umhegt und gepflegt. Und weil das anderswo ähnlich lief, weil der
amerikanische Unilateralismus eines George W. Bush in subtileren Formen und
gemäßigteren Tönen Gegenstücke genug findet, hat die Effektivität der
internationalen Zusammenarbeit allgemein nachgelassen, haben die internationalen
Organisationen an Gewicht und Einfluss verloren. Damit ist die internationale
Ordnung schwächer, die Welt ein Stück unsichererer und ungerechter geworden. Genau hier muß die deutsche Außenpolitik in Zukunft viel energischer gegensteuern. Sie muss erneut zum Impulsgeber zwischenstaatlicher und supranationaler Zusammenarbeit werden, muß ihre Kernaufgabe darin sehen, europäische und internationale Ordnungsstrukturen fortzuentwickeln, sie zu vertiefen und auszuweiten. Leicht ist das gewiß nicht: Der Wind bläst derzeit aus einer anderen Richtung. Aber Deutschland könnte es packen. Nur: Dazu müßte Außenpolitik als politische Gestaltungsaufgabe endlich wieder ernst genommen werden. |
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